Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 \\ irn, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. September 1900 Nr. 38 bei! Boden entzogen, welche immer, über die Berjndung der gesammteu Arbeiterbewegung jammernd, gerade darauf ihre ganze Existenz basieren. Aber merkwürdigerweise begegnet dieser so natürliche und einleuchtende Gedanke dem heftigsten Widerspruche in der Soeialdemokratie, speciell bei dem größten Tbeile der jüdischen svcialdcmokratischen Wortführer, jener Elemente, welche im antisemitischen Jargon „Judensvci" benannt werden. Sv bildet denn innerhalb der Socialdemokratie sich allmählich ein Zustand heraus, wo einerseits die jüdische Arbeiterschaft, eingeschachtelt in den verschiedensprachigen Organisationen, sich nicht frei als nationale Jnidvidualitüt entfalten kann, aber andererseits in der Gefahr schwebt, als Sündenbock für die zahlreichen taktischen Fehler und den Parteidespotismus verschiedener jüdischer Führer im gegebenen Momente dienen zu müssen, wenn bei einer Wandlung der Geister der Soeialismns als solcher für die Fehler der Socialdemokraten verantwortlich gemacht wird und an Stelle des Rufes: „weg mit den heutigen Führern", der bekannte andere Ruf ertönt: „weg mit den Judensvci." Es lässt sich also nun nicht leugnen, dass infolge der eigenartigen Stellung, die das jüdische Proletariat innerhalb der Arbeiterschaft einnimmt, auch infolge des Mangels einer autonomen jüdischen Organisation, es immer auf schwankendem Fundamente fußt und gerade darum am starrsten an bestehende, oft ungesunde Zustände, unhaltbare Theorien sich mit eineb Halsstarrigkeit anklammert, die einer besseren Sache wert wären. Wir sind damit weit davon entfernt, der Judenschaft im Allgemeinen und dem arbeitenden jüdischen Volke insbesondere, soweit es wirklich socialistisch fühlt, den Rath zu ertheilen, antisocialistisch zu werden. Aber dagegen müssten wir uns denn doch entschieden verwahren, als ob die socialistische Ueberzeugung, die Meinung, dass die wirtschaftliche Entwicklung dem Socialismus zusteuern, gleichbedeutend wäre und in sich schließe das blinde Mamelukenthum an die derzeitigen socialdemokratischen Machthaber und die herdenviehmäßige Anbetung des marxistischen Dogmas. Wir finden es vollständig begreiflich, dass, von dieser Erkenntnis ausgehend, sich jüdische Arbeiterorganisationen gebildet haben und noch bilden werden auf national-socialem Boden. Wir sprechen aber bei dieser Gelegenheit die sichere Erwartung aus, dass diese jüdischen Arbeiterorganisationen nicht in die Fehler der deutsch- und slavisch-nationalen Arbeiterorganisationen verfallen und sich vom nationalen Chauvinisnius und nationalen Utopismus fernhalten. Die vollständige Wahrung der nationaleu Individualität und ihrer specifischen Bedürfnisse soll kein Hindernis sein in allen wirtschaftlichen Fragen gemeinsam mit ihren Arbeitsgenossen der übrigen Botksstämme zu cooperieren, soweit eben gemeinsame wirtschaftliche Interessen vorhanden sind. Es ist nun eine keineswegs über allen Zweifel stehende Streitfrage, ob diese gemeinsamen Interessen aller Arbeitenden ihre beste Vertretung in der marxistischen Socialdemokratie finden und es ist noch keineswegs sicher, dass für alle Zukunft die in der Socialdemokratie derzeit herrschende marxistische Richtung die Repräsentantin des Socialismus bleiben wird. Aber mindestens ist es höchst sonderbar, dass speciell in Oesterreich, wo die Socialdemokratie, soweit sie nicht aus Lohnarbeitern besteht, sondern der Bourgoisie, der sogenannten Intelligenz und speciell der Studentenschaft angehört, sich nahezu ausschließlich aus Juden recrutiert, diese stets das marxistische Steckenpferd des Classenkampfes reiten. Man kann ja die Berechtigung des Classenkampfes auch vom nicht marxistischen Standpunkte aus anerkennen, soweit es in dem Gegensätze von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von Capitalismus und Socialismus gipfelt. die kleine Gemeinde eingerichtet, dort befand sich auch das Schulzimmer, und der Lehrer hatte freien Tisch bei ihm. Jossels Frau, Basja, die in ihrer großen Herzensgüte mit Freuden Arme an ihrem Tische speiste, war besonders stolz und seelenvergnügt darüber, den Erzieher ihrer Kinder unter ihrem Dache zu beherbergen. All ihr Sehnen gieng dahin, dass ihre beiden Söhne, die ihr allein von einer ganzen Kinderschar am Leben geblieben waren, zu frommen und kundigen Männern gediehen. Wie oft vergoss sie beim »Lichtbenschen" heiße Thränen in stillem Gebete, um von Gott die Erfüllung dieses ihres Wunsches zu erflehen .. . Auf einmal aber brach der Jammer herein. Der Polizeimeister fieng an, Untersuchungen anzustellen, ob die im Dorfe wohnenden Juden das Ansiedlungsrecht besitzen. . . Die allermeisten konnten nicht Nachweisen, dass sie sich vor Erlass des Gesetzes niedergelassen hatten, welches den Juden den Aufenthalt in deu Dörfern untersagte, und sie mussten daher unverzüglich den Wohnort verlassen. Nur Jossel und noch einer, ein blutarmer Mann, durften bleiben. Der Fortgang der zehn Familien vernichtete die religiösen Einrichtungen. Das Minjan und die Schule wurden aufgehoben. Der Lehrer musste entlassen werden, da Jossel allein nicht imstande war, seine Bedürfnisse zu bestreiten. Nachdem die Gemeinde-Einrichtungen zerstört waren, übersiedelte auch der einzige Nachbar Jossels in die Stadt, da er richtig concludierte, dass es nicht schwieriger sei, in der Stadt als im Dorfe ein armer Mann zu sein. Nur Jossel konnte sich nicht entschließen, sein Heimatsdorf zu verlassen, in dem seine Eltern und Ureltern gewohnt, wo er geboren war, wo er die ganze Gegend ringsum, alle Felder und Gärten, alle Wälder und Berge kannte. Er vermochte nicht, sich auszudenkeu, wie er an einem anderen Orte, zumal in einer großen Stadt, leben können würde. Das Stadtleben war ihm vollständig fremd. Außerdem war es ihm schwer, sein Geschäft zu verlassen. Die Einkünfte waren freilich nicht allzu groß, aber ohne Hast und ohne viel Kopfzerbrechen zu verursachen, was in der Großstadt nicht zu erreichen war. Er wusste nur zu gut, was dort die Concurrenz bedeutete, wie dort über einen dürren Knochen zehn Hungerige sich stürzen, einander stoßen und drängen. Wozu sollte der elfte sich noch zu ihnen Aber begreifen denn gewisse Kreise nicht, dass es den Stempel der Lächerlichkeit auffich trägt, wenn gewisse jüdische Advocaten, Mediciuer und Kaufleute päpstlicher als der Papst sein wollen und bei jeder Gelegenheit namens der classenbewussten Arbeiter den Classeukampf proclamieren, oder ist es vielleicht weniger lächerlich, wenn die vier reinen jüdisch-socialdemokratischen Handelsaugestellten-Organisationen es als Bedingung des Internationalismus betrachten, dass die jüdischen Handelsangestellten sich nicht als Inden, sondern als Deutsche und als Slaven deklarieren. Die Entwicklung die der Socialismus von der Magie zur Wissenschaft nach Friedrich Engels zurückgelegt hat, erscheint uns noch lauge nicht zurückgelegt; der Marxismus ist in unseren Augen nur eine Etappe zu einem Wissenschaf tlichen Socialismus. Nur ein freiheitlicher Socialismus, der die i n d i v i d u e l l e F r e i h e i t r e s p e ctiert, ebenso wie jede uatiouale Individualität, kann das Fundament einer modernen jüdischen Arbeiterorganisation bilden. Und wenn der Socialismus die derzeit nicht bestehende individuelle Freiheit Hand in Hand mit einer derzeit ebenfalls nicht bestehenden freien Concurrenz und ein auf Arbeit basierendes Eigcnthum herstellt, dann bedeutet es die ökonomische Befreiung der Menschen, und nur in einem solchen Soeialismns, nicht in einem Zwangscommunismus, können wir ein Zukunftsideal erblicken. Dr. II. Iv. Vom Tage. Die französischen Juden. Aufsehen erregt in den jüdischen Kreisen Frankreichs ein in der Pariser „Aurore" unter dem Titel: »Die Juden," erschienener Artikel, welcher die Unterschrift trug Le Pic, Jude. Der Artikel ist in einem äußerst kraftvollen Ton gehalten, und beweist, dass sich auch in Frankreich die Ueberzeugung Bahn bricht, dass die Juden aus ihrer Passivität heraustreten müssen, um sich zu organisieren und ihre Macht im politischen Kampfe wirken zu lassen. Seit fünfzehn Jahren werden die Juden Frankreichs in der unfläthigsten Weise beschimpft, und sie, die „Kräftigen und Mächtigen", sehen dem stillschweigend zu, ein Hohn auf die heldenhafte Geschichte ihrer Vorfahren. Ein künftiger Gractz wird wahrscheinlich dieser Thatsache gegenüber verständnislos dastehen, und sie umsomehr verdammen, je genauer er diejenigen erkennen wird, welche die elenden Angriffe richteten. »Spitzel sind es, Diebe, Erpresser, Zuhälter, Deserteure, Bankerotteure, Panamisten, Spielhausbesitzer, Bordellbesitzer, — eine ganze Bande hsrabgekommener Individuen, welche von der Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Diebstähle in die Arme des Antisemitismus getrieben wurden." Und solchen Individuen gegenüber wollten die Juden nicht hervortreten, um den Handschuh, den man ihnen zuwarf, aufzuheben und den Kampf aufzunehmen, bis zur vollständigen Niederwerfung ihrer elenden Angreifer? Sie thaten dies nicht, die starken und mächtigen Pariser Juden, und sie haben sich nicht nur dem verdammenden Urtheil der Geschichte ausgesetzt, sondern werden schon jetzt von den armen, verfolgten Juden Algeriens, Russlands, Rumäniens, deren große Hoffnung sie waren, verflucht... . Denn der schändliche Erfolg der Judenfeinde Frankreichs hat in allen Cloaken Europas einen wahren Jubel hervorgerufen, und es gibt wohl kaum noch einen Verkommenen oder Banditen, welcher in dem Kampfe gegen die Juden die letzte Hoffnung, sein Glück zu machen, sehen wollte. Ganz anders wäre es geworden, wenn die Juden den Kampf ausgenommen hätten, „wenn sie sich muthig ins Gewühl gestürzt hätten, Schlag auf Schlag ergesellen? Freilich war es in der Stadt leichter, täglich das Gotteshaus zu besuchen und ein Minjan zu finden, auch andere Bortheile in religiöser Beziehung bot die Stadt — doch zu welchen Sünden zwang dort hingegen oft der schwere Kampf ums Dasein den Menschen... Jetzt, da er im Gotteshause stand, jetzt, am Tage des Gerichtes, da er alle seine Erlebnisse überdachte und seine Gedanken einer strengen Prüfung unterzog, musste er sich gestehen, dass nur Satan es war, der ihm vorspiegelte, er lasse sich nur von solchen Gründen leiten, indem er im Dorfe zu bleiben gedenke. In Wirklichkeit war dem nicht so. Er hatte nicht das rechte Gottvertrauen, daher that es ihm leid, seine liebgewordene Beschäftigung zu verlassen. Ja, noch mehr, im Herzen regte sich bei ihm etwas, wie ein leiser Schimmer von Zufriedenheit darüber, dass die anderen fort mussten, da er nun ihres Wettbewerbes ledig war. Er war sich bewusst, wie unlauter, ja, wie verwerflich dieses Gefühl war, aber er musste sich gestehen, nicht ganz frei davon gewesen zu sein. In seinem Gedächtniffe tauchte der Moment auf, da er den ausgewiesenen Familien das Geleite gab. Er weinte, denn es that ihm im Herzen leid, das Unglück seiner Brüder mitanzusehen, die nun mit dem Wanderstabe in der Hand ihre Irrfahrten um das liebe Brot antraten. Besonders schmerzte ihn das Scheiden einiger Familien, mit denen er eng befreundet war, so dass sie ihn! wie nahe Anverwandte galten. Ueberhaupt waren die meisten Mitglieder der kleinen Gemeinde wie durch verwandtschaftliche Bande aneinandergekettet, oder es verband sie eine trauliche Freundschaft. Ihr Jammer verursachte ihm also aufrichtigen Kummer, und er vergoss ungeheuchelte Thränen darüber — aber irgendwo, in einem verborgenen Winkelchen des Herzens, regte sich ganz unbewusst ein schüchternes Gefühl der Genugthuung, dass er nun alle seine Concurrenten los sei und der ganze kleine Dorfhandel ihm zufallen würde. Er schämte sich dieser Empfindungen, konnte sie aber nicht verbannen. Er sah das Unglück vieler lieber Menschen, das Unglück gieng ihm nahe, es erpresste ihm Thränen, und doch konnte er sich einer Art Freude nicht erwehren. ... Unter aufrichtigen Thränen Freude zu empfinden!... Was ist aus mir geworden? Bin ich kein Mensch mehr? Bin ich ein egoistisches Thier geworden? fragte er sich selber widernd; wenn sie sich kräftig organisiert hätten, in einer zwiefach unbesiegbaren Phalanx: unbesiegbar durch ihren Muth und durch die Klarheit ihres Genies; wenn sie unter ihrer Fahne die freien Geister und Schriftsteller des Rechts, welche sich selbst anboten, gesammelt hätten. . . ." Wie man weiß, ist es aber anders gekommen. Der Artikel des Herrn Po Pic macht gerechtes Aufsehen, und es ist zn hoffen, dass er die Organisierung der französischen Inden zur Folge haben wird, damit wenigstens in Zukunft sich nicht das traurige Schauspiel der letzten Jahre wiederholen könne. Erfreulich ist es aber für uns, dass sich überall die Geister klären, und dass die Verwirklichung derjenigen Ideen, welche allein das Judenthum vor Niedergang, wenn nicht gar Untergang schützen können, immer in näherer Zeit gerückt wird. * Ein Pfaffe, der falsch schwört. Die Inden in dcr„Arb.-Ztg." haben eine heidenmäßige Angst vor einer Wahrheit: Sie fürchten, mau könnte sie für Juden halten. Deshalb schimpfen sie von Zeit zu Zeit über die Juden und vergessen, dass sie sich, sehr gegen ihre Absicht, just dadurch »zu erkennen geben". Es ist nicht zu verwundern, dass ihnen in dieser Angst auch manchmal der Verstand durchgeht. Der Judeuvernichter dort hatte gewiss eine große Freude, als er in einem Provinzblatte die Nachricht entdeckte, der Rabbiner einer kleinen Gemeinde in Mähren habe den Cultusvorstand wegen Ueberschreitung seines Wirkungskreises verklagt und vor der Bezirkshauptmannschaft seine Klage zurückgezogen. Die Nachricht wird abgeschrieben, die Sache als „sehr interessante Verhandlung" bezeichnet, und überschrieben ist die Notiz: »Ein Pfaffe, der falsch schwört". Man wird nicht leugnen: interessant wäre ja die Sache, denn ein jüdischer „Pfaffe", der falsch schwört, hat doch zum mindesten den Wert der Seltsamkeit. Aber — die Sache hat ein Loch: Mau sucht und sucht in der Notiz, aber von einem Schwur ist weiter nichts zu lesen. In dem Berichte steht nichts von einem Eide, und es ist ein Räthsel, wie jemand, der überhaupt nicht schwört, falsch schwören könne. Aber der Schreiber hat entweder während des Schreibens den Titel der Notiz vergessen — oder er hat gedacht, man werde nur den Titel und nicht auch die Notiz lesen. Und da ein Rabbiner, um für die „Arbeiter- Zeitung" einen Wert zu haben, wenigstens meineidig sein muss, so lässt man ihn mit fetten Lettern falsch schwören. In dem Kleingedrnckten kann ruhig was anderes stehen. Wer nicht genau liest, bekommt vielleicht doch den Eindruck, dass, der Rabbiner den von der „Arbeiter-Zeitung" ersehnten Meineid geleistet habe, Nach demselben Muster aber kann es nächstens heißen: „Ein Rabbiner mit drei Frauen". Der Rabbiner in N. hat neulich an einem Nachmittage drei Mädchen — ihren rechtmäßigen Verlobten angetraut. * Die ungarische Jugend und die Juden. Es gibt wohl kaum ein Land in Europa, in welchem die Juden so sehr auf ihr eigenes nationales Leben und Empfinden verzichtet hätten, um ganz in den Aspirationen und Tendenzen des arisch-christlichen Elementes aufzugehen, wie in Ungarn. Dort haben sich die Juden nicht nur äußerlich assimiliert, sondern sie haben bei jeder Gelegenheit durch persönliche Hingabe und materielle Opfer bewiesen, dass sie sich voll und ganz als Ungarn fühlen. Das geht so weit, dass die verschiedenen anderen Nationalitäten, Rumänen, Sachsen, Slaven u. s. tu., die unter den Ausschreitungen des ungarischen Chauvinismus sehr zu leiden haben, dafür in erster Reihe die beschämt. Und doch konnte er das abscheuliche Gefühl nicht unterdrücken . . . Nachdem der Lehrer entlassen werden musste, nahm Jossel die Erziehung seiner Kinder in seine eigenen Hände, Er selber war nicht unwissend, seine Kenntnisse reichten vollkommen aus, um den Anforderungen seiner Söhne zu entsprechen. Der ältere besaß gar keine Fähigkeiten, doch der jüngere war nicht unbegabt, dagegen hatte er gar keine Lust zum lernen. Beide waren richtige Dorfrangen, die sich mit den Pferden herumzutummeln und das Vieh zu weiden verstanden, aber für die „schwarzen Pünktchen" nicht das geringste Interesse hatten. Die Frau war damit nicht einverstanden und drängte in ihm, nach der Stadt zu übersiedeln, um den Kindern eine jüdische Erziehung angedeiheu lassen zu können, da sie nicht recht an die pädagogischen Fähigkeiten des Mannes glaubte. Doch dieser beschwichtigte sie, indem er einige Stunden im Tage für deu Unterricht bestimmte. Aber die Frau behielt Recht. Die festgesetzten Stunden konnten nicht eingehalten werden, da jedesmal allerlei Störungen dazwischen traten. Auch mangelte dem Vater die für einen Lehrer nothwendige Geduld, zumal er häufig durch das Misslingen von Unternehmungen und schlechten Geschäftsgang in große Aufregung versetzt wurde, wobei er sich im Zorne Hinreißen ließ, die Söhne zu schlagen. Bei diesem Anblick blutete das Mutterherz. Auf die Gesundheit des Vaters übte es einen nachtheiligen Einfluss; er alterte früh. „Mann, was sitzen wir hier?" wiederholte die Frau öfters, als sie sah, wie die Söhne in Unwissenheit heranwuchsen und ihre religiösen Pflichten vernachlässigten. Außerdem fühlte sie sich vereinsamt, seitdem ihre Berwaudteu und Freunde fortgezogen waren. Die Kinder gesellten sich, aus Mangel an geeigneterem Unlgauge, zu den Bauernknechten, lernten ihre Unarten und Roheiten, und die Mutter tvar unglücklich darüber. »Was ist zu machen?" wendete der Mann ein, „da nun einmal mein Lebenserwerb meine Anweseuheit im Dorfe erfordert. Ich wühle ja hier auch nicht im Golde, aber immerhin, ich verdiene etwas. Was kann ich in der Stadt anfangen?"