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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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+•-- Ätburitmt: Ylfl/J, Suljlofjtltmllr .11. Spreibftuubenr An Wochentagen von 10 bis la UI»r bonrsittaflS; an ärximanrii von 11 bis 12 Uhr vormittags. p-,s.,k>r°sie: Aiidische« BoikSblatt, Wien, Vlll|i. Vrtrhwrrr-rn weg?» verspäteter ,t/er gar nicht er-folgter Fuliellung erbitten >oir unS dringend. — Mannscrivtc werden nicht znrülkgesteNt. Postsparcasjen-Conto »17037. Zn das Abonnenient kann man täglich cimreken. <>.—- ii.. — ■ ■■ » — •" ■■■'"■' '' ch Ur. 38 Erschkist jeden Freiing unlor Mitwirkung der Vinn indil'Urvn Volllsvrrein rrwätzltvn Prrssr»u:iinisKlNi. Znferüte übernebmen die Firmen: I. Damieberg, S'i. Duker, Haaienfre-in 4- Vogler. :Knbolf Masse, VI. Lvvelik, M. Po^vnyi,?I. Schale! in Wien, ferner alle Timioiicen-Exveditwnen im 7luSlandc. E'inzeL-Nmnmer L» Wie» I« Heller. & ..... ... ■ i, . i i ——*> jfitimhnrtrnttmt: YIII/1, SrhlvHvlgasse ri. LlbonnementSpreiS: Für Wien «. Oesterretch-Nngnrn \ ssiir daS gesnnnute Anslnnd sammt Franeoziistellung. fammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig.„ 4.— Vierteljährig.„ ».— Ganzjährig.Kr Halbjährig Vierteljährig.. 4/5« »25 Mrrn, 21. Septemtrer 1900. 11. Jahrgang. Wir entbieten aUrn unseren Freunden und Kesern zum UenjahrsmechseL herzliche Glückwünsche. Die Uedaetion. „Gemeinbürgschast". (Zur Jahreswende.) Wir stehen vor dem Schluss des Jahres. Nur noch ein paar Tage und das Jahr 5660 ist verstossen. Was brachte uns das dahingegangeue Jahr? Was wird uns das kommende Jahr bringen? — Uns Juden, wahrlich bloß eine neue Thräne in das Thränenmeer unserer Leiden, einen weiteren Seufzer zu den Millionen, welche während unseres schmerzvollen Volkslebens unserer tiefsten Brust sich entrungen haben. Und zu seufzen und zu weinen hat unser Volk genügend Veranlassung. Nicht bloß der einzelne Arme und Verfolgte betet und weint am Rosch Haschonoh-Tage; nicht nur wegen der persönlichen Leiden schüttet an diesem Tage jeder einzelne sein Herz aus — unser Volksthum betet, unser Volksthum weint! Das ist eben das Merkwürdige unserer Gebete; sie enthalten nicht bloß individuelle Wünsche, nicht bloß Bitten einzelner Personen für ihre eigenen Interessen — ein großer Theil derselben ist den G e s a m m t Interessen unseres Volkes, seinem Wiederaufleben gewidmet. In den Rosch Haschonoh-Gebeten finden wir den Satz: „O, mögen doch alle einen Bund schließen!" Das ist ein Flehen, welches aus der tiefsten Volksseele kommt; das ist ein Wunsch, der sich durch die langen Verfolgungen und Unterdrückungen berausgebildet hat; das ist eine Bitte, in deren Erfüllung unser Volk sein Heil und seine Rettung erblickt; das ist eine Sehnsucht, die wir alle theilen müssen, wenn wir für unser Volk etwas thun wollen. Ja, „e in B u n d", das ist es, was unser Volk noch retten könnte; das ist das Heilmittel gegen alle unsere Schmerzen. Mir ganz besonderer Andacht sollten wir diesen Rosch-Haschonoh den erwähnten Satz aussprechen. Das neue Jahr bringt uns neue Wahlen zum Reichsrathe. Alle Volksstämme schließen Bünde, alle Nationen und Natiönchen vereinigen sich zur Wahrung ihrer Interessen. Alle — nur wir Juden nicht! Unter dem Schlagworte „D rutsche Gemeinbürgschaf t" haben sich sämmtliche dem deutschen Stamme angehörenden Parteien vereinigt, welche bis nun einander in der heftigsten Weise bekämpft hatten. Man glaubt sich förmlich ins lnessianische Am Rosch-Haschana. Von A. S. Rabbinowicz. (A u s dem Hebräische it.) Die Synagoge war vollgedrängt. Mitten unter der wogenden Menge, seitwärts gen Westen, stand ein kleingewachsener, gebückter Mann, das Gesicht halte er gegen die Wand grwcnder und das stark abgegriffene und fadenscheinige TalUs verhüllte fein Haupt. Starr und reglos stand er da, nur zuweilen durchlief ein fieberhafter Schauer seinen Leib. Seit einer Stunde schon stand er in dieser Haltnug da, die er angenommen hatte, als man den Psalm vor dem Schvfarbiasen angestimmt —1 und nun war schon die leise Schemonohrssreh vorüber, der Chasau harte laut den Gesang begonnen — er aber schien auf alle tue Vorgänge ringsum nicht zu achten. Zuweilen eilte jemand an ihm vorbei und stieß ihn an, das Gedränge um ihn herum wurde beklemmend, er ward sich dessen nicht bewusst; niit dem Geiste weilte er andersivo, fern von hier. Der Segensspruch über den Schofar wurde gebrochen, ein donnerndes „Amen!" erscholl ans tausend Kehlen, daun trat eine tiefe, schaurige Stille ein, in der die leise, tiefe Stimme des Vorlesers ertönte: „Thekiah!"; daun erdröhnte der Schall der Posaune, wie eine Mahnung anzuhöreu, dass das göttliche Gericht nahe. Der Manu zuckte bei diesem Tone zusammen .. . ... Da wurde er aufgefordert. Ncchenfchafr abzugeben vor dem höchsten Richter... Da eilten die Eugelscharen behcnd herbei und umkreisten den Thron Gottes, der über ihnen allen zu Gerichte saß. Jossel! Jossel!" ruft der Engel der Gnade. „Da steht vor Dir, 0 Herr der Welt, der arme, unglückliche Jossel! Siehe, er ist einsam in der Welt nud verlassen, er ist ein vernichteter, getretener Wurm. Lass' Deine Gnade über ihn walten. 0 barmherziger Vater!" Zeitalter versetzt, wenn man die Führer der liberalen und der christlich-socialen Partei Arm in Arm miteinander marschieren sieht. Verschwunden sind die Principien, zur Seite geschoben die Ueberzeugungen, die nationale Frage beherrscht alle Seelen . .. Und wir Juden hängen noch immer an den Rockschößen fremder Nationalitäten, ohne die Gefahr, die uns bedroht, zu bemerken. Es ist bereits ein offenes Geheimnis, dass unsere politischen Zustände schon so weit gelangt sind, dass ein Ministerium L i e ch t e n st e i n ins Bereich der Combinationen gezogen wird. Und wir Juden verstehen es trotzdem noch immer nicht, ein politischer Factor in Oesterreich zu werden, um unsere nationalen und ökonomischen Rechte wahren zu können. Die abgrundtiefen Klüfte der von einander getrennten Parteien wurden nur durch die gemeinsame Nationalität überbrückt; die von Grund aus verschiedenen, ja entgegengesetzten Parteidogmen und Principien sind im Angesichte der nationalen Gefahr verschwunden. — Und soll denn bei uns Juden das nationale Gefühl wirklich so schwach sein, dass schon die verschiedenen Erdstriche unserer Wohnorte ein Hindernis unserer Vereinigung bilden sollten, trotzdem unter uns sonst keine Unterschiede der Grundsätze obwalten? Wir wollen es kaum glauben! Es fehlt bloß der richtige Mann, der die Sache in die Hand nehmen und eine „jüdische GemeinbÄrgschaft" begründen soll. „O, mögen doch alle einen Bund schließen!" Mit diesen dem Neuja wsgebete entlehnten Mahnrufe wollen wir unsere Neujahrsbetrachtungen schließen, mit dem Wunsche, das-neue Jahr möge uns die Einigung bringen, die eine neue Aera für die Judenschaft inaugurieren muss. Mögen die neuen Wahlen in unserem neuen Jahre ein neues Schlagwort bringen: „Jüdische Gemeinbürgschaft." _ Judenlhum, Soeialismus und Soeialdemokratie. Die in der letzten Zeit ins Leben getretenen jüdischen Arbeiterorganisationen, welche in der Zukunft eher eine Vermehrung als eine Verminderung erfahren dürften, lassen es nicht überflüssig erscheinen, zu untersuchen, ob ein Zusammenhang des Jndenthums im Allgemeinen und des jüdischen arbeitenden Volkes im Besonderen mit dem Socialismus refpective der Socialdemokratie besteht. Der Zusammenhang gipfelt darin, dass die Inden als unterdrückre Race ihre freie nationale Entfaltung nur von Doch Seitan, der Ankläger, unterbricht ihn mit zorniger Stimme: „Was? Der verdient Gnade? Wer anders als er hat den Tod seiner Frau herbeigcführt? Wessen Schuld ist es sonst, dass seine Söbne auf Irrwege gerathen sind?" Und Jossels Herz ist zerknirscht und zerrissen. Er muss zngkben, dass Satan im Rechte ist . . . * * * ch Inzwischen ertönte der Pvsannenschall immer kräftiger. ... Da ist schon das Ende . . . Zum Schlüsse erscholl ein langer, eindringlicher Ton, der Jossels Seele erschauern macht. . . Auch am jüngsten Tage, dachte er. am Tage der Auferstehung, wird solch ein Pvianneiischall über die Welt gehen, aber er wird lmnderttauseiidmal mächtiger sein als dieser. Nicht ein sterblicher Mensch wird je in die Posaune stoßen, sondern ein Engel Gottes, vielleicht der Erzengel Michael selber . . . Und der Schall wird von allen Ecken und Enden kommen, von den Höhen des Himmels und ans den Untiefen der Hölle, von Norden und von Süden, von Ost und West . . . Alle, die unter der Erde schlummern, werden sich von ihrem Lager erheben, um ein neues Leben zu beginnen, das wonnige Licht von Gottes Herrlichkeit zu schauen. Jubel und Freude werden ringsum herrschen. Welch ein großer, welch ein heiliger Tag! Der Odem des Lebens zieht in die vom Tode in den Staub gestreckten Leiber wieder ein — es erwachen lauter kräftige Jünglinge, blühende Jungfrauen, strahlende Kinder! Eltern und Sprößlinge feiern ein fröhliches Wiedersehen! . .. Welch eine Lust! . . . Auch seine selige Frau Basja wird auferstehen . . . Ohne Zweifel wird sie auferstehen . . . Sie war eine Gerechte . . . Aber wird es ihr froh sein zumuthe? Wird sie sich trösten'? Wird sie ihm verzeihen? . . . Und Plötzlich taucht ihr Bild wie lebendig vor ihm auf. Er sieht sie ganz so schön, ganz so jugeudfrisch, wie sie am ersten einer Partei erwarten können, welche jede nationale Individualität respectiert, und für jede nationale Gleichberechtigung eintritt, und dass andererseits das jüdische Proletariat die Identität seiner ökonomischen Interessen mit denen aller ökonomisch Bedrückten sämmtlicher Völker erkennt. Da nun besonders in Oesterreich die bürgerlichen Parteien dies en Tendenzen in keiner Richtung huldigen, entweder den Racen -, confessionellen oder ökonomischen Antisemitismus auf ihr Banne r geschrieben haben oder demselben zuneigen, so ist eS nun Mode geworden, dass der größte Theil der Juden, nicht etwa nur der jüdischen Proletarier, was ja schließlich erklärlich wäre, sondern auch der jüdischen Bourgeoisie, sich zur Socialdemokratie bekennt. Der Grund ist nicht allzuschwer zu errathen; er ist darin zu suchen, dass nahezu alle übrigen Parteien offene oder verkappte Antisemiten sind und man sich dem Wahn hingibt, die heutige marxistische Socialdemokratie sei imstande, den Antisemitismus zu überwinden. Diese Auffassung ist nach zwei Richtungen hin falsch. Die Nationalitätenpolitik, welche die Leitung der österreichischen Socialdemokratie einschlägt und, welche hin und her schaukelt zwischen dem Bestreben, Oesterreich in ein demokratisches Staatswesen umzugestalten und dem andern Extrem, an Oesterreich zu verzweifeln, fördert die radikalnationalen Bestrebungen und als die logische Folge jedes nationalen Radicalismus den Raffen-Antisemitismus. Andererseits aber ist ihre dem Gewerbe- und Bauernstände gegenüber eingeschlagene Wirtschaftspolitik, die auf den Grundlagen des vielfach veralteten und widerlegten Marxismus basiert, nicht imstande die Christlich-socialen aus den Angeln zu heben und den wirtschaftlichen Antisemitismus aus den Reihen des Mittelstandes zu verdrängen. In negativer Richtung erfüllt die marxistische Socialdemokratie in ihrer heutigen Organisation daher keineswegs die Aufgaben, welche ihr in der Phantasie zahlrticher Juden übertragen, ein Bollwerk und Universalmittel gegen den Antisemitismus und zur Lösung der Judenfrage zu sein. Im Gegentheil, das schaarenweise Zuströmen aller Juden aus den angeführten Gründen zur Socialdemokratie schädigt in gleichem Maße den unverfälschten Socialismus in seiner Reinheit ebenso wie die Juden selbst, indem er in jenen Kreisen, wo bisher kein Antisemitismus herrscht, denselben systematisch züchtet.- Seitdem in der Soeialdemokratie die Trennung nach nationalen Sectionen in Deutsche, Czechen, Polen, Ruthenen rc. vor sich gegangen ist, wäre nichts logischer gewesen, als gleichzeitig an die Bildung einer jüdischen Arbeitersection zu schreiten. Man hätte damit doppeltes erreicht. Einerseits bewiesen, dass das gleiche Recht für alle Nationalitären innerhalb einer focialistischen Bewegung vorhanden ist, und andererseits jenen antifemitischen Arbeiterfractionen unter den Deutschen und Slaven aoCT8<3WKiirriMff<wr>Mi'Wii mbwmbmpwbbi uibwi Tage nach der Chuppa gewesen ist. Aber welch eine tiefe Trauer spricht aus ihren lieben Zügen. Sie ringt die Hände wie verzweifelt . . . Und er weiß, was ihr so weh thut! . . . Er fühlt, wie sein Herz vor Zerknirschung dahinschmilzt. . . * * Nicht lange war cs her, seitdem er ihr Grab besucht hatte. Der Hügel war verlassen und öde . . . Nur die Schweine suchten ihn heim und wühlten ihn aus mit ihren unreinen Rüsseln. Rings weder eine Blume, noch ein Baum, nur Moos bedeckte das Häuflein und schwarze Ameisen wimmeln darüber. Ganz dicht daneben ist der christliche Kirchhof, die Gräber darin sind von grünen Bäumen beschattet, hölzerne Kreuze, alte und neue, bezeichnen die Ruhestätten der Verstorbenen. Ein jeder schläft inmitten der Seinigen, umgeben von nahen Berwanote» und Freunden — nur sie, sie allein liegt in einem ödcu, vereinsamtcn Winkel .. . Auch im Tode musste sie getrennt von ihm bleiben. Welch ein schrecklicher Gedanke, solch ein einsames Grab! „Ich, ich allein bin der Schuldige! Ich habe den Jammer über Dich gebracht, Du reine Seele!" sagte sich Jossel, wie um in seinem eigenen Schmerze zu wühlen. „Mir ist es freilich auch nicht bester. Nach meinem Tode wird keiner meines Namens gedenken, keiner wird Kaddisch nach mir sagen, keiner an meinem Gedenktage eine Kerze auzüuden. Aber ich, ich habe es ja nicht bester verdient, ich ernte nur, was ich gesäet; doch warum musstest Du durch mich leiden'? Warum V" * * Die vergangenen Tage zogen an seinem Geiste vorüber. Er wohnte in einem Dorfe, mehrere Meilen von der Stadt. In dem Dorfe wohnten noch etwa zwölf jüdische Familien. Man hatte ein Minjan im Dorfe, man hielt sich einen Kinderlehrer, der auch die Functionen der Schächters versah. Er selber, Jossel, war ringsum gekannt als wohlhabender Bürger, Pächter des Weinhaujes, womit auch ein Kaufladen verbunden war. In seinem Hanse war der Raunt zum Gottesdienste für

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