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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. September 1900 Nr. 37 czechisch-jüdischen assimilatorischen Erziehung. Kriecherisch gegen Arier bis zur Charakterlosigkeit, frech, anmaßend und beleidigend gegen eigenes Blut, gegen Juden. B. Oderberg. (Temp elweihe.) Sonntag den 9. d. M. fand im Bahnhofe Oderberg die Feier der Schlusssteinlegung und Weihe des Tempels unter großer Betheiligung statt. Vertreten waren die Cultusgemeinden mit ihren Rabbinen, u. zw.: Obercantvr G o l d m a n n (Bielitz), Rabbiner Dr. Jacob S p i r a (Ostrau), Rabbiner Dr. T a u b e r (Prerau), Rabbiner Dr. Bergmann (Friedek), Rabbiner Dr. B l u m e n t h a l (Ratibor), Rabbiner Dr. Blüh (Troppau) und Kceisrabbiner Dr. Leimdörfer (Teschen), ferner der jüdische Verein „Emunah" in Przivoz, der Vertreter der Cultusgemeinde Klosterneuburg, der Vorstand der „B n e i B r i t h- L o g e" in Ratibor rc. rc. Sämmtliche Festgäste versammelten sich um 2 Uhr im alten Bethause des Herrn S a f i e r, wo Rabbiner Dr. Tauber die Abschiedsrede hielt. Sodann ordnete man sich zu einem Festzuge zur Synagoge. Voran schritten die verschiedenen Corporationen, sodann unter dem Baldachin sämmtliche Rabbinen. Der Cultusvorsteher der „Muttcrgemeinde" Mähr.-Ostrau, Herr S t r a ß m a n n, eröffnete das Gotteshaus und empfahl es dem Schutze der Regierung. Im Tempel bemerkten wir Statthaltereirath Johann W e r l i k, Bürgermeister Johann Edlen v. P o r t e n s ch l a g- Ledermayer, sowie viele Beamte der politischen, Finanz- und Bahnbehörde. Die Festrede hielt in ausgezeichneter Weise Herr Rabbiner Dr. I. S p i r a. Des Abends fand ein Festdiner in den Saallocalitäten des Herrn S a f i e r statt. Ein gemüthliches Tanzkränzchen beschloss das schöne Fest, auf welches der Tempelverein, insbesondere dessen rühriger Obmann, Herr Hotelier Victor Lustig, stolz sein kann. Um den Bau der Synagoge haben sich besondere Verdienste erworben die Herren: Moritz S a f i e r, Hermann Jmmerglück, Josef Zänker, Dr. Max Bär und David Spitzer. Przivos b. M.-Ostrau. Vergangene Woche coustituierte sich hier ein „Jüdischer T u r n v e r e iit", der es sich zur Aufgabe stellt, die Zusammengehörigkeit unter den Juden zu pflegen. Wir begrüßen den genannten Verein und wünschen ihm eine lange, hoffnungsvolle Zukunft. In das Comite wurden gewählt: Leo K ö n i g st e i n, S. E n o ch, Fritz F ö r st e r, Alfred G r ü n b e r g e r, Leo M a n d e l. N. Lewberg. (Der Kaiser und die Excesse in I a s l o.) Bei den heutigen Vorstellungen der Deputationen in I a s l o erkundigte sich der Kaiser bei dem neugewählten Landtags-Abgeordneten Siegmund J aw orski nach dem Verlaufe der jüngsten Ersatzwahlen in den Landtag. Im Gespräche mit dem Staatsanwalte Stawiarski berührte der K a i s e r die Affaire der vor zwei Jahren in I a s l o vorgekommenen Judenexcesse, welche zur Verhängung des A u s n a h m szu st and es und zur Verurtheilung zahlreicher bäuerlicher Plünderer geführt hatten, und fragte, ob bereits die Beruhigung der Gemüther in Galizien erfolgt sei. Der Staatsanwalt erwiderte, dass gegenwärtig unter der Bevölkerung keine Spur mehr von jenen Aufhetzungen zu Ausschreitungen und Ruhestörungen vorhanden sei. Budapest. (Spende.) Der Kaufmann Philipp Bäck hat für das neuzuerrichtende Gebäude des Knaben-WaisenHauses der israelitischen Gemeinde 2000 Kronen gespendet. Budapest. (Ritualmordpropaganda in Ungarn.) Das Gendarmerie-Commando Debreczin erhielt gestern folgendes Telegramm von dem Gendarmerieposten - Commando in Abot-Salok: „Heute wurde hier Rosalia P e n t e k ermordet. Es liegt offenbar ein Ritualmord vor. Die Einwohnerschaft des Dorfes ist urchtbar erregt." Die Gendarmerie hat sofort verfügt, dass ein verstärkter Posten nach dem genannten Orte abgeht, um die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten und die jüdischen Einwohner zu schützen. Eine Untersuchung zur Eruierung sowohl des Mordes, als auch des Verbreiters des Gerüchtes, dass ein Ritualmord vorliege, wurde eingeleitet. — Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Meldung bestätigt. Ausland. Berlin. (DieAnklapeschriftinSachenKonitzer Mord) ist der „Germania", wie sie selbst mittheilt, nunmehr zugegangen. Darnach ist der verantwortliche Redaeteur angeklagt: „durch zwei selbständige Handlungen in Beziehung auf richterliche und staatsanwaltschaftliche Behörden und Beamte und ferner auf richterliche, staatsanwaltschaftliche und Verwaltungsbehörden und Beamte Thalsachen verbreitet zu haben, welche dieselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzumindern geeignet sind, ohne dass diese Thatsachen erweisüch wahr sind, und diese Behörden und Beamten beleidigt zu haben (Vergehen nach 88 *86, 185, 73, 74, 200, 41, 194, 196 Reichs-Strafgesetzbuches, § 20 des Reichsgesetzes über die Presse)". Die Anklageschrift, die 23 Seiten umfasst, schließt mit dem Anträge, die Hauptverhandlung vor der Strafkammer des königlichen Landgerichtes I Hierselbst stattfinden zu lasten. München. Wie aus früheren Meldungen bekannt, hatten die hier erscheinenden Zeitungen „Bayr. Vaterland" und „Neues Münch. Tagl." gegen den Wiener Gemeinderath Lucian Brunner heftige Angriffe gebracht auf Grund einer demselben fälschlich zugeschobenen Aeußerung, welche derselbe in einer Sitzung des Wiener Gemeinderathes gebraucht haben sollte, lautend: „Ich verachte alle Christen." Hierauf hatte Herr Lucian Brunner gegen den Redacteur Georg Freiherrn v. d. Tann vom „Neuen Münch. Tagblatt" und gegen Otto Scho y vom „Bayr. Vaterland" Klage angestrengt; die vor einiger Zeit beim kgl. Amtsgericht München I stattgehabte Verhandlung wurde behufs Erhebung geeigneter, den Sachverhalt klarlegender Momente vertagt, Nun ist im „Neuen - Münchner Tagblatt" zu lesen: „Zwischen dem Gemeinderath Lucian Brunner in Wien und den Redacteuren Georg Freiherr von der Tann vom „Neuen Münchner Tagblatt", und Otto Schoy vom „Bayrischen Vaterland" kam zur Beilegung des von Herrn Lucian Brunner gegen die Redacteure von der Tann und Schoy bei dem kgl. Amtsgericht München I angestrengten Privatklage-Processes folgender Vergleich zustande: 1. Die Privatverklagten erklären, durch die Beweisaufnahme nicht die Ueberzengung gewonnen zu haben, dass der Privatkläger die Aeußerung: „Ich verachte alle Christen" wirklich gebraucht habe. 2. Sie nehmen deshalb den Vorwurf dieser Aeußerung, den sie dem Privatklöger im Vertrauen auf die Wahrheit der ihnen zugegangenen Berichte machten, ebenso wie die daran geknüpften sonstigen Beleidigungen mit dom Ausdruck des Bedauerns zurück. 3. Sie übernehmen sämmtliche Kosten. Hiermit hat eine Angelegenheit, welche der Antisemitenpresse Gelegenheit bot, sich indem bei ihr bekannten schönen Lichte zu zeigen, ihre Erledigung gefunden. Hamburg. (Die Schuld der Juden in Könitz.) Die „Deutsche Reform" der Herren Dr. B ö ck e l und von Mosch hat einen neuen Beweis für die Schuld der Juden in Könitz gefunden. Und zwar auf Grund der Kabbala, der „Geheimlehren der jüdischen Orthodoxie". Bei den letzten „Ritualmorden" kamen um: in kanten Joh. Hegmann; in Polna Agnes Hruza; in Könitz Ernst Winter. Die Anfangsbuchstaben der Ermordeten lauten also: I. H., A. H. und E. W. Die „Deutsche Reform" fährt fort: Diese Buchstaben ergeben das Wort „I a h w e"es musste, um aus Xanten und Polna ein „Jahwe" zu erzielen, ein E. 233. hinzukommen. Daher war Ernst Winter unrettbar den kabbalistischen Sect ierern verfallen! Warschau. (Eine großangelgte Wohlthätigkeit.) Die Erben des bei der großen Eisenbahnkatastrophe auf der Warschau-Wiener Eisenbahn am 12. Juli ums Leben gekommenen jüdischen Fabriks- und Gutsbesitzers, Meier W o ln o w s k y aus Warschau, haben für jüdische wohlthätige Zwecke 50.000 Rubel gespendet. Davon erhält 12.500 Rubel die Warschauer jüdische Gemeinde, eine gleiche Summe erhält die jüdische Handwerkerschule in Warschau, weitere 12.500 Rubel erhalten diverse jüdische Wohlthätigkeitsvereine, während der Rest von 12.500 Rubel zinstragend angelegt werden und die Zinsen im Betrage von 650 Rubel unter den Armen von Przysiccho, dem Geburtsorte des Verstorbenen, alljährlich an dessen Sterbetage vertheilt werden sollen. Moskau. (Jüdische Soldaten in China.) Vom 18. bis zum 22. v. M. rückte die 5. russische Schützenbrigade nebst drei Batterien Artillerie in mehreren Abtheilungen nach China ab. Unter den Soldaten waren nicht weniger als 700 Juden, von denen 200 verheiratet waren. Am 22. v. M. kamen die jüdischen Soldaten des 20. Bataillons zum Rabbiner und baten um Ueberlassung einer Thorarolle. Die Bitte wurde bereitwilligst gewährt, und der Rabbiner selbst trug mit dem Gemeindevorsteher die Thorarolle nebst einem Schofar und einem Tallis nach dem Bahnhof. Das ganze Bataillon, seinen Chef an der Spitze, empfieng die beiden mit einem Tusch. Der Major hielt eine Ansprache, in der er dem Rabbiner für dir Gabe dankte und das Versprechen gab, die Thorarolle vor jeder Entweihung schützen und sie neben der Regimentssahne aufbewahren zu wollen. Bukarest. (Stiftung.) 2lus dem Lande, von dem man bisher nur von Greueln und Angriffen zu hören gewöhnt gewesen ist, kann ich Ihnen diesmal eine erfreuliche Nachricht melden. Ein angesehener und wohlhabender Glaubensgenosse, Herr F o c s a n e a n u, hat hier unter dem Namen „Filip und Ratzel Focsaneanu-Stiftung" eine Professional-Mädchenschule gegründet, welche den Zweck hat, Mädchen nicht nur den Unterricht einer guten Volksschule, sondern auch in der deutschen nnd französischen Sprache, in der Buchführung und Haushaltung angedeihen zu lassen, damit dieselben gute Hausmütter werden oder im Nothfalle sich eine ehrenhafte Existenz verschaffen können. Die Schule, welche nicht allein jüdische Mädchen, sondern auch solche anderer Confession ausnimmt, ist im Herbst v. I. mit 35 Schülerinnen eröffnet worden, für welche drei Lehrerinnen, sämmtlich mit der Autorisation des früheren Unterrichtsministers Jonescu angestellt sind. Im Schuljahre 1900/1901 wird die zweite Classe eröffnet werden u. s. f., bis 4 Classen, gemäß der Organisation der staatlichen Professionalschulen, eingerichtet sind. Lehrer und Lehrerinnen werden nach Bedürfnis angestellt werden. Die Directorin Frau Emmy Levinson ist eine Deutsche, Tochter des Herrn Rabbiners Blumenfeld zu Schweidnitz, welche das Lehrerinnen-Seminar in Breslau besucht und 1880 das Fähigkeitszeugnis erlangt hat. Dieselbe hat früher bereits ein höheres Mädcheninternat in Genf geleitet. Die vor der staatlichen Aufsichtsbehörde vorgenommene Prüfung hat ein glänzendes Resultat geliefert. In dem kurzen Zeiträume von 8 Monaten hatten die meisten Schülerinnen überraschende Erfolge in der deutschen und französischen Sprache erzielt, sowie auch in den Handarbeiten, welche in einem besonderen Saale ausgestellt waren. Im allgemeinen zeigten die Schülerinnen eine erstaunliche Intelligenz und Auffassungsgabe. Die Schule ist in einem imposanten Prachtbau untergebracht, der aus mehreren Stockwerken besteht und Raum für 6 Classen zu je 50 Schülerinnen, einen großen Arbeitssaal, die Wohnung der Directorin sowie des Dieners, ferner Küche, Kammern u. s. w. gewährt. Das Gebäude ist mit Wasserleitung versehen und bedeckt mit dem hinter demselben liegenden Garten einen Flücheuraum von 1650 qm. Das Schulgeld beträgt 4 bis 5 Lei (Frcs.) für den Monat und wird monatlich oder vierteljährlich bezahlt. Da dasselbe aber kaum den fünften Theil der Kosten im vergangenen Schuljahre gedeckt hat, so hat die Administration der Baron Hirsch-Stiftung zu Paris eine Beihilfe von 4220 Francs geleistet. Trotzdem war noch ein Deficit von 2000 Lei vorhanden, welches von Herrn Focsaneanu gedeckt worden ist. Um den Bestand der Schule auch für die Zukunft zu sichern, hat Herr Focsaneanu die Bestimmung getroffen, dass nach seinem Tode ein Grundstück, welches zur Zeit einen jährlichen Nntzungswert von 8000 Lei hat, au seine Stiftung fällt. Wenn doch recht viele Glaubensgenossen diesem edlen Beispiele folgen möchten. Baltimore. (Juden i st der E i n r r i t t verboten!) In dem in Baltimore erscheinenden „Sun" beschwert sich ein Jude darüber, dass er in einer Sommerfrische in der Umgebung von Baltimore in drei Hotels kein Ziinmer finden konnte. „Ich sehe weder abstoßend aus, noch lässt meine Kleidung etwas zu wünschen übrig, und dennoch werde ich von den Hoteliers verwiesen, als wenn ich den Aussatz hätte." Arilerika, du hast es nicht mehr besser! Die Allianz und die Juden ausulanderung aus Rumänien. Wie wir einem Artikel der „U n i v e r s I s r a e 111 e* entnehmen, beabsichtigt die „Allianz", die Emigrationsbewegung in Rumänien zu organisieren. Man wird an Ort und Stelle unter den auswanderungslustigen Elementen eine Wahl treffen. Nur ganz gesunde Leute werden zur Reise zugelassen werden. Auf den kürzesten Wegen werden sie nach den Häfen geschickt, wo man ihnen die Schiffskarten einhändigen wird, falls es nicht vortheilhafter erscheinen sollte, sie schon bei der Abreise mit einer solchen zu versehen. Man wird außerdem für jeden Auswanderer als Ziel eine Ortschaft wählen, in welcher er am leichtesten seinen Beruf auszuüben imstande wäre. Ueberdies wird man es möglichst verhindern, dass große Familien auswandern, und mit Vorliebe unverehelichte Leute befördern. Im Falle ein verheirateter Mann doch auswandern sollte, wird seine Familie so lange in Rumänien bleiben, bis derselbe sich eine Situation geschaffen haben wird. Während dieser Zeit wird die Familie von der „Allianz" unterstützt werden. So weit das französische Blatt. Dies alles wäre sehr schörr gewesen, wenn die „Allianz" sich nicht von den Emigranten hätte überrumpeln lassen und vom Anbeginne ab die Bewegung in solcher Weise organisiert hätte. Heute ist der Plan absolut überflüssig. Zu wünschen wäre eher, dass die „Allianz" nicht das jüdische Volk in Rumänien der besten Kräfte entblößt, was ja allein durch die beabsichtigte Auslese erreicht werden kann, sondern eine Hilfsaction in großen» Stile in Rumänien selbst beginne, und somit die rumänischen Juden in die Lage versetzt, sich auch der Unterstützung ihrer ausländischen Glaubensgenossen zu versichern der Regierung die ihnen gebärenden Rechte abzünngen. Aber wenn sie so thäte, müsste man glauben, die reichen Juden Europas wären einmal thatsächlich auf dem Wege, ihre Hilfe in wirklich vernünftiger Weise wirken zu lassen, und das darf ja nicht sein, da die reichen Juden doch conservativ sind und bleiben wollen. —yz. Mädchenraub in Galizien. Das Abendblatt des „Slovvo Polskie“ Nr. 425 vom 11. September veröffentlicht nachstehendes Schreiben: y „Meinem Manne wiederfuhr die Auszeichnung, von dem allerdurchlauchtigsten Herrn, dem Kaiser in Atidienz, empfangen zu werde»:. Seine Majestät geruhte damals die Zusage zu machen, den Behörden die angemessenen Weisungen zu geben. Noch an demselben Tage waren die allerhöchsten Weisungen beim Ministerpräsidenten. Als ich dies von meinem Manne hörte, weinte ich vor Freude. Ich lag bislang krank darnieder, und nun verließ ich zum erstenmal das Kranke»»lager. Ich rechnete, dass ich jetzt zuversichtlich meine Tochter erblicken, sie wiederfinden werde. Ich weiß wohl, dass die Weisrmgen Seiner Majestät stricte ausgeführt werden ulüssen, nichtsdestoweniger ist es unbekannt, wo meine Tochter sich aufhält. Ich höre erzählen, dass mein armes Kind nicht mehr lebe — mir als Mutter krampst sich ob solcher Gerüchte das Herz zusammen. Nun, ebenso wie jede andere Mutter hatte ich nicht wenig gelitten, ehe ich das Kind großgezogen, und am Ende soll mir mein Kind entrissen sein! Jawohl, nicht einmal wissen soll ich, ob jene Unglückliche noch lebt! O, möge meine Stimme die Herzen aller Väter und Mütter rühren. Vielleicht weiß jeinand, oder könnte etwa jemand erfahren, welchern Schicksale meine unglückliche Tochter anheimgefallen, dann möge er mich erfreuen und mir Kullde thun, ob sie lebt. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, sie ans Herz drücken zu können, verleiht mir Kraft, dass ich weiter lebe. Und wenn — ich schreibe es mit zitteruder Hand — wenn Jemand also hörte, dass sie nicht mehr unter den Lebenden sei, so möge er mir wenigstens zeigen, wo die Unglückliche bestattet sei. Mit Thränen in den Augen bitte ich um die Veröffentlichung dieser Zeilen und empfehle mich mit der» Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Krakau. Civia 2lraten." * ,j. * Die Oesterreichisch-israelitische Union versendet folgende Mittheiluug: Am 27. Juni d. I. verschwand die 17jährige Szalka S o b e l aus ihrem Elternhanse in Podgorze bei Krakau, während die Eltern Barnch und Beile Sobel abwesend waren. Nach einigen Tagen gelang es der Mutter, den Aufenthaltsort des Mädchens zu erforschen — sie befand sich im Kloster der Felicianeritttten. Beile Södel hat seither wiederholt mit ihrer Tochter durch ein Fenster gesprochen, und diese bat die Mutter, sie aus dem Kloster zu befreien. 2lllein alle Anstrenguilgen der unglücklichen Frau, sich Zutritt zu ihre»»» Kinde zu verschaffen, bliebe»» bisher erfolglos. — Am 7. Juli d. I. wurde die 15jährige Deborah Sattler, Tochter der Witwe Sarah Sattler in Gosprzedowa bei Lupnice murowana von der Pfarrersköchin B o j a r s k a überredet, aus der elterlichen Wvhttlmg in das Pfarrhaus zu flüchten. Sie übernachtete dort, wurde am folgenden Tage, als Knabe verkleidet, von dein Lehrer des Dorfes mittelst Fiakers nach Slottvina und von da »nittelst Bahn nach Krakau ins Kloster der Felicianerinnen gebracht. Ein kleines Mädchen aus demselben Dorfe »vird in dem Kloster zu leichteren Dienstleistungen verwendet. Diese brachte der Mutter die Botschaft, dass Deborah Sattler unaufhörlich jaminere und weine und sie dringend bitte, nach Krakau zu kommen und sie zu befreien. Als die Fellcianerittnen sich anfangs weigerten, das Mädchen freizugeben, wendete sich Sarah Sattler an den Magistrat, der jedoch die erbetene Assistenz versagte. Nun begann die Mutter vor dem Kloster derart zu lärmen, dass die Nonnen das Thor öffneten und das Mädchen freiließen.

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