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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt l i. September 1000 Seite 3 Ansordertingei! als selbstverständlich vorausgesetzt, von rein künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet, als vollendet erscheint. Vergessen wir nicht, die Forderung geht dahin: Jedes der aufgenonnnenen Lehrstücke soll der Schüler bis zur Unverlierbarkeit sich einprägen, damit es in dessen religiös-moralischen Denken und Fühlen für alle Zeiten die Grundstimmung abgebe. Für den Schüler verbindet sich hierdurch mit der Zumnthnng zur größten Selbstverleugnung — die Aufforderung zur höchsten Kraftanstrengung. Beides lässt sich jedoch nur dann moralisch rechtfertigen, wenn der Stoff durch sein auch in formeller Hinsicht elastisches Gepräge dieses Aufwandes an Schweiß wert erscheint. Die einzelnen biblischen Erzählungen werden daher, als Ganzes betrachtet, stets ein abgerundetes Bild geben müssen, das sich auf einem bestimmt erkennbaren Hintergründe abhebt und in seinen Umrissen scharf gezeichnet erscheint. Die Anordnung der Erzählung, welche auch im Drucke durch das Anbringen entsprechender Absätze zu markieren ist — muss auf den ersten Blick erkennen lassen, dass die Zeichnung nach bestimmten Gesichtspunkten erfolgt ist. Dieselben am Rande namentlich anzuführen, dürfte sich nicht empfehlen. Dem durch die Arbeit des Lehrers zu gewinnenden Erkenntniseffect wird dadurch zur Unzeit vorgegriffcn und der Denkfaulheit der Schüler nur Vorschub geleistet. Die Sprache wird sich ebenso sehr von flüchtiger Kürze als von seichter Breite fernzuhalten haben. Sie wird vielmehr jene volltönende epische Kraft und Fülle mit der plastischen Gestaltungskraft des biblischen Originals zu verbinden haben. Da darf keine Wendung Vorkommen, die, nälier betrachtet, nur als hohle Phrase erscheint und bei der auch der redliche Schüler sich nichts zu denken vermag. Der Satzban muss wiederum einfach und durchsichtig sein, dem Genius der deutschen Sprache entsprechen und alle complicierten Formen strengstens vermeiden. Der Erzähler aber muss mit seinem Stoffe innerlich sympathisieren und dieser in ihm selbst eine anschauliche Gestalt dermaßen gewonnen haben, dass, die technischen Fertigkeiten vorausgesetzt, er imstande wäre, die Gebilde räumlich zu fixieren. Nur wenige Schulmänner dürften in der Lage sein, allen hier geltend gemachten und dennoch unerlässlichen Anforderungen nachznkommen. Eine zweckentsprechende Vertheilung der Rollen böte die beste Garantie für ihr endliches Gelingen. Ein Schulmann Hütte demnach nach den dargelegten Gesichtspunkten einen Entnmrf auzufertigen. Dieser müsste dann von einem unserer besseren Schriftsteller, von einem Manne,, der eilte edle und dabei volksthümliche sprachliche Gestaltungskraft besitzt, die letzte Feile erhalten. Seine ganze segensreiche Kraft kann der neue Lehrplan jedoch erst bann nur zur Geltung bringen können, wenn das neue Schulbuch seine natürliche Ergänzung in einem neuen Lehr- oder eigentlich Lehrerbuche für biblische Geschichte finden wird. Der Außenstehende wird diese Forderung auf den ersten Blick kaum für dringend halten. Vielleicht wird ihr sogar unter dem Hinweise die Berechtigung bestitten werden, dass der Lehrer in einer eingehenden Vorbereitung in den Stoff dermaßen sich zu vertiefen, ihn zu durchdringen und frei anszugestalten habe, dass der Schüler zur Theilnahme, womöglich zur Begeisterung entflammt werden müsse. Das mag theoretisch nwhlberechtigt scheinen, praktisch jedoch kaum durchführbar fein. Ein großer Theil der Lehrer ist beruflich dermaßen überbürdet, andere wieder durch das Missliche ihrer äußeren Lage geistig so tief herabgestimmt, dass ihnen derartige Leistungen kaum zugemnthet werden dürfen. Bon Friedrich Nietzsche.*) Vom Volke Israel: Zn den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Inden. Dass sie ihren Würfel geworfen, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur noch übrig, entweder die Herren Europas zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Aegypten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten dnrchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk ausweisen kann, und zwar so, dass nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zugute gekommen sind. Infolge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich. Sie greifen in der Noth am seltensten von allen, He Europa bewohnen, znm Becher oder 511m Selbstmord, um einer tiefen Gelegenheit zu entgehen — was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlegnng und Ausnutzung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, dass man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie umso tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter uitb ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und ihrer Ehesitten zeichnen sie vor allen Europäern ans. Zn alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich ans eben den *) Anlässlich des Todes des berühmten Philosophen führen wir hier einige seiner Aphorismen an. D. Red. Davon abgesehen, stellen deren Ansführnngen nicht geringe Anforderungen der verschiedensten Art, denen nur die wenigsten nachzukommen vermögen. Dazu gehört Besitz und Kenntnis einer umfangreichen Literatur, die fast durchwegs in hebräischer Sprache abgefasst, Geschmack, das Geeignete von dem Ungeeigneten zu scheiden und endlich die lebendige sprachliche Gestaltungskraft, das Erkannte an den kindlichen Geist in der rechten Weise heranzubringen. Diese mühselige Arbeit soll das Lehrbuch für biblische Geschichte dem Lehrer abnehmen, ihm vielmehr den Stoff wie auf einem gedeckten Tische darbieten. Es bleibt auch dann noch genug für ihn zu thun. Das iit Aussicht zu nehmende Lehrbuch wird natürlich alle glatten Seichtheiten und Trivialitäten, die um jeden Preis lehrhaft sein zn müssen vermeinen, vermeiden. Es wird die biblischen Ereignisse im Geiste unserer großen Commentatoreu, wie Raschi, Ramban, Raschbam und Jbn Esra betrachten lehren. Es wird das rechte Licht auf die Zeichnungen und Gestalten des biblischen Geschichtsbuches fallen lassen, so dass alles nur dort als That und Erscheinung sich darstellt, hier in seiner inneren religiösen Bedeutung erkannt wird. Wird dort erzählt, Moses habe, auf dem Gipfel des Berges stehend, die Hände gen Himmel erhoben, indes Jvsua den Kampf mit Amalek ansfocht — so wird das Lehrbuch hierin das Merkmal des inbrünstigen Gebetes erkennen lehren. Wird dort erzählt, dass, so lange Moses die Hände erhoben hielt, Israel, wenn er sie sinken ließ, Amalek siegte — so wird das Lehrbuch zeigen, dass der Kampf mit der Kraft des Gebetes ausgefochten ward. Dieselbe zeigt sich in der Inbrunst, mit welcher es verrichtet wird. So lange diese rege war, siegte Israel, wenn sie erschlaffte, dagegen Amalek. Es müsste mit Wundern zugehen, wenn unsere Jugend, den Einwirkungen eines solchen Unterrichtes ausgesetzt, nicht wie eine sprießende An nach einem erfrischenden Frühlingsregen aufgehen sollte. Ueber so häufige Erfolglosigkeit des Religionsunterrichres Klage zu führen, ist ganz zwecklos, so lange man keine Hand rührt, um dem Lehrer die Hilfsnüttel an die Hand zn geben, die einen gedeihlichen Unterricht erst ermöglichen. Ilü and. Wien. (T e m p e l e i n w e i h n n g.) Donnerstag den 20. September d. I., 4 Uhr nachmittags, findet im XX. Bezirke, Kluckygasse, die feierliche Einweihung des nenerbautcn Gotteshauses statt. — Sitze in den neuerbauten Tempel in der Brigittenall werden in der Vereinskanzlei, XX., Webergasse 20, 1. Stock, Sonntag zwischen 11—12 Uhr vormittags, an den übrigen Tagen zwischen 1—3 Uhr nachmittags vermietet. Wien. (Tratterandach t.) Am 10. d. M. fand im BethauSvereine „Moutcfiore", II., Taborstoße Nr. 36, ein feierlicher Trauergottesdienst für weiland Kaiserin Elisabeth statt. Das Jahrzeitlicht wurde am Vorabende vom Obmanne Herrn Jakob Weiß angezündet. Beim Morgen-Gottesdienste wurden die drei Tranerpsalmcn gebetet, sodann wurde vom Vorbeter, Herrn Josef Bresuitz das Kaddisch-Gebet verrichtet und ein Gebet für das Seelenheil der dahingeschiedencn Monarchin in ergreifender Weise vorgetragcn. Brünn. (F r e i t i s ch - B e r e i ll.) Der Brunner israelitische Freitisch-Verein erfreut sich dank der unermüdlichen mm^BMaamaanamfVuoaaemamBKemmaBeaam a»aii* *naBnBB tm imm Gewerben zn schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ); man muss es zur Entschuldigung ihres Wuchers sagen, dass sie ohne diese gelegentliche, angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich so lange ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, dass wir Wiedervergeltnng im Guten und Schlimmen übeu können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten, von Nachbarn und Unterdrückern der Menschen erzieht, sie besitzen die bei weitem größte Erfahrung. Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und GewitztheiL sind sie so sicher, dass sie nie, selbst in der bittersten Lage, nicht nöthig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackcrbausclaven ihr Brot zn erwerben. Ihren Manieren merkt man noch an, dass man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat; etwas Zndringlichcs wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da unvermeidlich von Jahr zn Jahr mehr sich mit dem besten Adel Europas verschwägerrr, werden sie bald eine gute Erbschaft von Manieren des Geistes und des Leibes gemacht haben, so dass sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an. Deshalb ist ein Anstrag ihrer Sache für jetzt noch verfrüht! Sie wissen selber am besten, dass an eine Eroberung Europas und an irgend eine Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, dass Europa irgendwann einmal wie eine reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckten. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich ausznzeichnen und unter den ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen sott, selber zn bestimmen. Dann werden sie die Erfinder. und Wegweiser der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ansmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ansströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke'? Thätigkeit seines GcschäftSleitcrs, des Herrn Alois W i t r 0 f s k y, eines fortgesetzten Gedeihens und ist znm wahren Segen für die geistig und körperlich arbeitende jüdische Jugend geworden. Nicht weniger als 128 Studenten, Lehrlinge rc. erhalten daselbst ohne Entgelt und nur gegen den Nachweis der Würdigkeit eine gesunde und überaus schmackhafte Mittagskost. Der rührige Vorstand geht jedoch noch weiter, er sucht auch erziehend ans seine Kostzöglinge einzuwirken und hat da schon manches gute Resultat gezeitigt, was namentlich das Verdienst der Herren S v r e r und K ö n i g s g a r t e n ist. — Der Verein zählt gegenwärtig 1232 Mitglieder mit Jahresbeiträgen von Kr. 15.751. An außerordentlichen Einnahmen verzeichnet er Kr. 2118 als Spenden und Kr. 1483 Zinsen vom Stammfonds (in der Höhe von Kr. 36.000). — Der jüngst verstorbene Hof- und Gerichtsadvvcat De. Berthold R a u ch e r, vermachte in feinem Testamente dem Vereine 400 Kronen. Eger. (W 0 h l t h ä t i g k e i t s - A b e n d für die rumänischen Jude n.) Samstag den 8. September fand im Saale des Hotel „Kronprinz Rudolf" ein von dem neugegründeten Vereine „Zion" veranstalteter Abend zugunsten der rumänischen Juden statt, welche einen recht schönen Verlauf nahm. Herr Professor Werth e imer ans Prag schild'o.'te in längerer Rede das Elend unserer rumänischen Glaubensgenossen und ermahnte schließlich zur Einigung aller Staunnesgenossen ans jüdisch-nationaler Grundlage. Sein Vortrag wurde von den Anwesenden durch lebhaften Beifall ausgezeichnet. Frau Golde nd erg aus Marienbad, eine ausgezeichnete Pianistin, ergötzte die Zuhörer durch ihr wohlgelnngenes Spiel und seltene Technik auf dem Instrumente und erntete reichen Dank. Fräulein Löwy trug das Gedicht „Wach nitf, mein Volk" mit besonderer Wärme vor. Herr Lederer entzückte mit seiner schönen Barytonstirnme, ebenso trugen die Herren Ko hu und Weis znm Gelingen des Abends ihr Möglichstes bei. Sämmtliche Mitwirke.;de wurden nach jeder Piece mit rauschendem Beifalle belohnt. Den Schluss bildete ein animiertes Tänzchen, welches bis in den Morgenstunden währte. Leider sahen wir wieder viele unserer Glaubensgenossen, die nicht da waren, speciell jene Herrschaften, die stets gerne den Vogel Strauß machen und lieber den Abend mit einigen herablassenden Ariern verbringen, als einen jüdischen Verein zn besuchen. L>- Kttttettbcrg. In Kürze dürfte sich hier ein Jüdischer Volksverein constituieren, der sich die Pflege des jüdischen National- und Selbstgefühls als hehre Aufgabe gestellt hat. Dass ein solcher Verein bereits eine sehr dringende Nothwendigkeit hier ist, beweist folgender, selbst für unsere Verhältnisse überaus crasse Vorfall: Vor kurzem starb hier der Sohn des hiesigen Notars R e e g e v, ein ausgesprochener Antisemit, Führer der antisemitischen akademischen Jngend und Spiritus rector der Kuttenberger Fensterzertrüinmerer. Sind auch wir Inden nicht so roh, vielleicht Freude über den Tod selbst eines nuferer erbittertsten Gegner zu äußern, so ivar hier doch kein Grund zn besonderen Beileidsbezeugungen gegeben. Doch starr blieben wir vor Staunen, als wir im hiesigen Localblatte unter der Aufschrift: Anstatt eines Kranzes ans den Sarg des verstorbenen Reeger für den Studentenfonds des „Magister Hus“ jüdische Namen vvrfanden, darunter den des Vizepräsidenten unserer Cultnsgemeinde. Unverfälschte Girier haben bereits diese Handlungsweise geoürend gewürdigt, wir enthalten uns, dieselbe mit dem wahren Namen zu benennen, überlassen es der Beurtheilung eines jeden Inden, der noch einen Funken Ehrgefühl im Leibe hat. Ja — das sind die Früchte der Dann, wenn die Juden aus solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzudringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird; dann wird jener siebente Tag wieder einmal. da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines anserwählten Volkes freuen darf — und wir alle, alle wollen uns mit ihm freuen. („Morgenröthe", 3. Buch, Nr. 205.)- * V Was verdankt Europa d e n I u d e n? Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor allem eins, das vom Besten und SchlilMttsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folglich gerade _ den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und Verführungen znm Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Cultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden dankbar. * * Ueberoies: in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und A e r z t e, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange festhielten nnd Europa gegen Asien vertheidigten; ihren Bemühungen ist es nicht am wenigsten zn danken, dass eine natürlichere, vernunftgemäßere mrd jedenfalls unmythische Erklärung der Welt endlich wieder zum Siege kommen konnte, und dass der Ring der Cultur, welcher uns jetzt mit der Aufklärung des griechisch-römischen Alterthums zusammenknüpft, unzerbrocheu blieb. Wenn das Christenthum alles gethan hat, um den Occident zu orientalisieren, so hat das Judenthum wesentlich mit dabei geholfen, ihn immer wieder zu oceidentalisieren: was in einem bestimmten Sinne so viel heißt, als Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zn machen. („Menschliches- A l l z nm e n s ch l i ch es" Nununer 474.)

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