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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-08 · 36 (8.9.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
36 (8.9.1900)
Date
1900-09-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Samstag Jüdisches Volksblatt 8. September 1900 Nr. 36 viele int Ghetto von Amsterdam gibt. Hier wird alleauf der Straße erledigt. Der gesammte Wäschebestand der Familie flattert, soweit er nicht gerade ans dem Leibe getragen wird, in den Lüften, man hängt alles vor die Fenster, denn man hat eben keinen Platz. Wie der Italiener in den Straßen und Gassen von Rom und Pisa in solchen Vierteln draußen lebend sein karges Mahl für zwei oder drei erbettelte Kupferstücke von einem vorbeifahrenden Karren nimmt, so thut es heute auch der arme Jude in dem Ghetto von Amsterdam, in das die Reichen die Füße nicht setzen, in den Seitengassen der Joden Breestraat. in denen der Schmutz sich häuft. Ist es dort eine Handvoll Kastanien, eine Orange und ein Löffel Polenta, so thun es hier eine Essiggurke, ein Stück hartes, geräuchertes Fleisch, ein Fisch, eine Zwiebel. Aber ein Unterschied scheint mir zu bestehen zwischen dem Ghetto und jenen Gassen Miltelitaliens, und der scheint mir sehr wesentlich zu sein. Die italienischen Kupferstücke sind meist erbettelt, die Cente im Amsterdamer Ghetto sind verdient. Denn zäh und unermüdlich, erfüllt von Handelsgeist und Erwerbssinn, sind hier die Leute; sie geben sich ganz ihrer Arbeit hin: vom frühen Morgen bis zum späten Abend laufen sie von einem Ende dr Stadt zum anderen, den Karren vor sich her» schiebend, und rufen und schreien, um aus dem Verkaufe ihrer Waren das erbärmliche Leben des Ghettos gewinnen zu können. Wir verlassen die Seitengassen und biegen wieder in die Joden Breestraat, da stehen wir vor einem Hause, das eine einfache Gedenktafei schmückt. Voll Andacht lesen wir, dass hier der größte holländische Maler, dass Rembrandt hier in dem alten Ghetto in den Jahren 1640—1656 gewohnt hat. Vielleicht brauchte er das Ghetto, er, dem das bnnre, vielgestaltige Leben zu einer künst'erischen Offenbarung wurde, dem dieses Anschauen des Lebens so nöth:g war. Ter Roman einer Nacht. (Erzählung aus dem russischen Ghetto.) Von Fabius Schach. Rüben erwachte an einem schönen Julimorgen und sah sich zu seinem Erstaunen nicht allein. . . Hat sich das Wunder der Schöpfung des Weibes noch einmal wiederholt? Ist diese herrliche Gestalt zu seiner Seite aus seiner Rippe gebildet? Er befühlt sich, ihm fehlt keine Rippe. Das Bild von der Eva? Hm, das würde schon passen. Wie sie ihn anschaut, so naiv, in süßer Kindlichkeit, in knospenhafter Entfaltung! So muss die Eva zuerst den Adam angesehen haben. Adam, schau' mich an, liebe mich, ich bin Dir ja von Gott gesandt. Träumt er? „Len!" .Rüben!" Es kam zaghaft, weich, schüchtern, flehend, schmachtend. O, wie das klingt, wie das klingt! Und dies holde Gesicht mit den großen Augen, von prächtigem Haar umrahmt. . . Rein, nein, er hat nicht geträumt! Dieses reizende Geschöpf ist sein Weib, ihm von Gott nach dem Gesetze Moses anvertraut. Er ist nun verheiratet, er ist ein „Mann". Warum sollte er auch so dumm träumen? Hat er denn nicht gestern abends das Nachtgebet gesprochen, und den Engel Michael zur Rechten und Gabriel zur Linken herbeigefleht, dass sie ihn vor bösen Gedanken und bösen Träumen schützen mögen? Nachtgebet? . .. Er muss sich eingestehen, dass er nicht ganz sicher ist, ob er daran gedacht hat. Gestern Abend, ja — da hatte er an etwas anderes zu denken . . . Und doch, sein Gedächtnis kann ihn nicht täuschen. Noch gestern war er unverheiratet, lag auf der harten Bank des Lehrhauses und dachte nicht ans Heiraten. Dachte nicht? Rüben, sei aufrichtig! — Er sehnte es oft herbei, und wenn er an s i e dachte, da wurde es ihm ganz warm ums Herz, und er fürchtere sich, dass die indiscreten Collegen sein Geheimnis erfahren könnten. Aber, so was man denken nennt, an die Erfüllung des Gedankens glauben, das war es sicherlich nicht. Wie das gekommen ist? Wunderlich, höchst wunderlich. Und da behaupten die bösen Zweifler, es geschehen keine Wunder mehr. Und plötzlich stand das ganze Bild von gestern, der einzige Roman, das erste Abenteuer seines Lebens, klar vor seinen Augen, so klar, dass er es erzählen könnte, wenn — wenn er sich nicht schämen würde. Rüben, oder wie man ihn in der Talmudschule und im ganzen Städtchen Pundelowe nach dem Orte seiner Herkunft Pickeler nannte, war der feinste Bocher') und der größte Talmudist der Stadt. Das wussten alle in der Stadt, und auch er selbst. Und trotzdem der Talmud die Demuth als die höchste Zierde des Talmudjüngers preist und den Stolz als eine Sünde verpönt, war Rüben nicht wenig stolz auf seine Würde. Der beste Bocher der Stadt zu sein, das will in der That nicht wenig sagen. Denn Pundelowe setzte seinen Stolz darein, eine der größten Talmudschulen zu besitzen. Eine Talmudschule mit sechzig Charisim"), die sich für den hohen Rabbinerberuf vorbereiten, ist keine Kleinigkeit. Der Ruf dieser Schule war groß, und es galt als ein Glück, einen dieser Schüler zum Schwiegersohn zu bekommen. Der Lehrer und Leiter dieser eigenartigen Hochschule war Rabbi Abraham, einer der größten Meister talmudischer Scharfsinnigkeit. Er schüttelte, wie man zu sagen pflegt, den großen, schier unermesslichen Talmud mit all seinen Commentaren aus dem Aermel und sprang mit den Thanaiten') und Amoritetck) wie ein toller Bube mit seinen Bleisoldaten umher. Bald stellte er sie in Reih und Glied, bald reizte er sie gegeneinander zum Krieg, bald schloss er Frieden unter ihnen, und bald stellte er den einen oder den anderen ganz aus den Kopf. Es gab nichts, was Rabbi Abraham nicht aus dem Talmud beweisen konnte. Um elf Uhr vormittags, als er mit leuchtenden Augen und lebhaft gesticulierend seinen täglichen Vortrag hielt, da schlug er seine großen Schlachten aus dem Meere des Talmuds, und alle staunten über die Genialität des großen Gelehrten. Während dieses Vortrages saß Rüben Pickeler stets zur Rechten seines Lehrers, und wenn dieser einen ganz besonders scharfsinnigen Gedanken auszusprechen hatte, stieß er mit Vorliebe seinen Lieblingsschüler an, als wenn er hauptsächlich ihm all die Weisheit erzählen wollte. Der glückliche Rüben wurde wegen dieser Auszeichnung nicht wenig von seinen Mitschülern beneidet. Rabbi Abraham war zugleich der Rabbiner der Gemeinde und bezog in dieser Eigenschaft ein karges Gehalt, das wohl ausreichte, die allernotwendigsten Bedürfnisse dieses Lebens, das doch nur eine „Vorhalle des Tempels", eine Vorbereitung für das herrliche, ewige Leben bedeute, zu befriedigen. Was brauchte er viel? Schuf er doch jeden Tag durch dte Macht seiner Lehre, ') Junger Mann. *) Hochtalentierte. *} * *) Verfasser des Talmuds. durch den feurigen Hauch seines MundeS viele Engel, die nach dem Tode ihn feierlich empfangen und in den feinsten Salon des Himmels geleiten werden! Und dann könnte ja jeden Augenblick der Messias kommen — er betete ja jeden Tag darum — und sein geliebtes Volk erlösen. Dann, ja dann würde Rabbi Abraham mindestens General werden. Die Schüler, die fast durchwegs arm und mittellos waren, wurden selbstredend von der Gemeinde ausgehalten, und das geschah auf eine einfache und doch so wunderliche Art. Die Bachurim') „aßen Tage," wie der alte Ausdruck lautete, das heißt: Jeder junge Mann fand sieben Herren, bei denen er je einen Tag in der Woche speiste. Nun gab es freilich kaum vierhundertzwanzig Familien in der Gemeinde, dass es für sechzig Schüler ausreichte, und dann kam es wohl auch vor, dass einige so arm waren, dass sie sich die Ehre, einen Talmudschüler an ihrem Tische zu sehen, versagen mussten. Dafür aber gab es viele Leute, die sich einen Parquetptatz im Paradiese sichern wollten und zwei bis drei, ja oft auch vier bis fünf junge Leute in der Woche an ihrem Tische sveisten. Es kam jedoch vor, dass manchem Schüler ein „Tag" in der Woche fehlte. Diesem Nebel wurde dadurch abgeholfen, dass barmherzige Frauen einmal in der Woche von Haus zu Haus giengen und Brot und Geld für die Schüler sammelten. Ihr Nachtquartier hatten die jungen Leute im Lehrsaale selbst, und um zehn Uhr abends bot der Lehr- und Betsaal das Bild eines Kriegslagers. Sämmtliche Tische und Bänke wurden von den Zöglingen occupiert und als Nachtlager eingerichtet, d. h. im glücklichen Falle wurde ein Strohsack als Unterbett genommen, und irgend ein alles Kleidungsstück diente zur Decke. Während des Tages wurden die Strohsäcke auf dem Boden oder unter den Bänken untergebracht. Im großen und ganzen führten diese jungen Leute, die meistens im Alter von sechzehn bis zwanzig Jahren standen, ein friedliches, glückliches Dasein. Sie hatten keine großen Bedürfnisse, keine drückenden Sorgen, und dann — stand allen eine glänzende Zukunft bevor. Ein jeder von ihnen hoffte, der Schwiegersohn eines reichen Mannes und dann nach einigen Jahren Rabbiner einer Gemeinde in Israel zu werden. Die Rabbinerwürde war das höchste Ziel der Sehnsucht aller noch nicht „verdorbenen" jüdischen jungen Leute. Verdorben aber waren die Juden in Pundelowe, Gott sei Dank, noch nicht, und sogar Rabbi Abraham, der nach dieser Richtung seine Ansprüche sehr hoch schraubte, war mit seiner Gemeinde zufrieden. Die böse moderne Cultur, die den äußeren und inneren Menschen so sehr verwandelt und die in mancher Gemeinde Russlands Väter und Söhne in zwei feindliche Lager theilte, hatte noch die gute, abseits der Eisenbahn liegende Stadt verschont. Noch kannten ihre Einwohner keine anderen Sorgen, als die unbedeutenden fürs tägliche Leben und die hauptsächlichen für ihr Seelenheil. Die Stadt Pundelowe war echt jüdisch wie gar manche in Litthauen und Polen. Außer Wassil, dem Schaletträger, der gewissermaßen auch Cultusbeamter war und die Lichter in der Synagoge am Sabbath auszulöschen und im Winter die Oefen zu Heizen hatte, und dem Polizeidiener Michael — gab es keine Christen im Städtchen. Wassil aber sprach den jüdischen Idiom meisterhaft und kannte die jüdischen Feiertage besser als die seinigen. Für die Schabbesfiische, die er hin und wieder bekam, war er begeistert, und auf die Mazzeklöße hätte er sicherlich ein Gedicht gemacht, wenn eine gütige Vorsehung ihm nicht die edle Kunst des Schreibens versagt hätte. Auch der Michael, der mit seiner Cocarde so selbstbewusst durch die Gasse gieng, war ein eigentlicher Halbjude, denn er hatte sich in der jüdischen Gemeinde so eingelebt, dass er von ihr gar picht zu trennen war. Er feierte sogar den Schabbes mit den Juden mit, d. h. er machte an diesem Tage seine üblichen Besuche und trank in jedem Hause als Zeichen seiner Huld einen Schnaps. Am jüdischen Passahfeste gieng er mit seiner holden Gattin von Haus zu Haus und erhob seinen Tribut in Form von zwei oder drei Mazzen. So lebte die Stadt noch in alter Tugend, schlummerte in süßer Unschuld und tiefer Unwissenheit, von den ulten Herrlichkeiten und der zukünftigen Größe Israels träumend. Unwissenheit? Es ist ein Glück, dass Chajim Schorres, der größte Philosoph der Stadt, das nicht hört. „Heißt a Narreschkeit"") würde er entrüstet schreien und mit Händen und Füßen zappeln, „als wenn der Talmud nicht die Quelle aller Weisheit wäre. Bildung? Alle Wissenschaft ist nichts gegen die Tiefe der Lehre Gottes. Die Weisen des Talnruds haben ja bereits alle Erfindungen der Neuzeit, wie Eisenbahn, Telegraph, Telephon, Phonograph u. s. w., angedeutet, nur galt es ihnen nicht für wichtig genug, diese Ideen zu verwirklichen. Sie hatten ja das himmlische Reich mit seinen Mysterien zu studieren. Die Bachurim^, die eigentlichen Träger der Intelligenz in Pundelowe, führten ein glückliches, gottgefälliges Leben. Des Morgens sechs Uhr erhoben sie sich von ihren Lagerstätten, brachten ihre Strohsäcke fort und bereiteten sich zum Morgengebete. Vormittags studierten sie den Tulniud-Abschnitt mit den Commentaren, um den Vortrag des Rosch-Jeschiwe') besser zu verstehen, und nachmittags prägten sie all die scharfsinnigen Auslegungen ihres Lehrers dein Gedächtnisse ein. Abends, wenn sie vom Abendbrot zurückkehrten, wurde eine Art gemüthlicher Sitzung abgehalten. Da erzählte man sich schaurige Geschichten, stritt über Politik, tauschte seine Meinung über die Neuigkeiten des Tages ans und nahm, wenn es irgendwo in der Welt Krieg gab, für den einen oder den anderen Staat lebhaft Partei. Wenn sie sehr gut aufgelegt waren, baten sie Schimen Plotzker, der den Bemamen Jungfrau führte, weil er eine Altstimme halte, und er sang ihnen die schönsten Melodien aus der Liturgie der hohen Feiertage vor. Dann krochen sie auf ihre Schlafplätze, und noch im Traume schallten die wehmüthigeu Töne des Kol-nidre vor ihrem Ohre. Auch Rüben Pickeler unterschied sich nicht sonderlich in seiner ganzen Lebensutib Denkweise von seinen Mitschülern. Er war zwanzig Jahre alt, hatte einen schönen, schlanken Wuchs und schmachtende Augen, die ein träumerisches Wesen verriethen. Jede profane Bildung war ihm fern geblieben, und fein ganzes Streben gieng dahin, ein großer Talmudgelehrter zu werden und ein so berühmter Rabbiner wie sein geliebter Meister Rabbi Abraham. Kann es denn auch Höheres geben, als Leiter und Führer einer Gemeinde Gottes zu sein, von allen mit Ehrfurcht begrüßt, von allen geliebt? — So lebte er schon zwei Jahre in Pundelowe, und Jung und Alt Cannte ihn als den ersten Jeschiwe-Bocher'). * # + Das Passahfest nahte heran. O Passahsest, Du Fest aller Feste, Du höchstes, nationales Fest, Fest der Freiheit und des Frühlings! Wieviel Freuden birgst Du für einen urwüchsigen Juden! Welch eine Quelle tiefer Poesie bildete dieses Fest in alter Zeit für den russischen Juden! Der ganze Winter hindurch wird gezählt, noch vierzehn Wochen, noch zwölf Wochen, noch zehn Wochen zu Peßach. Und wenn die Stürme toben, wenn die ganze Natur erstarrt ist, und wenn mit dem umgebenden Eise auch das Herz zu erkalten droht, dann dringt ein Strahl ein, leuchtend und wärmend. Die Hoffnung auf Peßach, auf Frühling, auf nationale und persönliche Erlösung. Der russische Jude betrachtete sein gegenwärtiges Leben als Golus"), das unerträglich s) Junge Leute. *) Dummheit. T) Junge Leute. •j Lehrer. 9) Talmudschüler. ") Ezxil. wäre, wenn nicht die Hoffnung auf Messias winken würde. Die Gewissheit aber, dass der Auserwählte aus dem Hause David kommen und sein Volk wieder zur Herrlichkeit und Größe führen wird, erhält in ihm trotz aller Leiden und Kümmernisse emen gesunden Optimismus. Die Feste sind die Stationen des Seelenlebens. Kein Fest aber hat so viele Symbole der Freiheit und der Erlösung wie dieses Fest, welches den Beginn des jüdischen Volkes als Culturvolk so sinnreich markiert. Vollends von Purim ab begann für die Juden eine Zeit, reich an Sorgen und Mühen, aber auch an inneren Freuden und Hoffnungen. Die ganzen vier Wochen sind der Vorbereitung zum Passahseste geweiht. Zuerst wird der Meth, der Lieblingstrank, gebraut, damit er am Pessach recht alt ist. Dann werden die roten Rüben eingelegt, damit die beliebte rothe Suppe am Pessach nicht fehle. Diese Dinge geschehen mit einer Feierlichkeit, als wenn man sich für den Empfang eines hohen Gastes vorbereite. Später kommen andere, wichtige Arbeiten an die Reihe, und jeder Tag erinnert, dass das hohe Fest immer näher heranrückt. Die Arbeiten bezeichnen die einzelnen Etappen auf diesem Wege zum Passah. Da wird der Weizen zur Mühle gebracht, um unter strenger Aufsicht gemahlen zu werden. Da werden die Mazzes") gebacken. Dann kommt die gründliche Reinigung des Hauses und aller Möbelstücke, die meistens nur einmal jährlich geschieht. Jeder Tag bringt neue Qualen und neue Mühen, aber es sind süße Schmerzen und Entbehrungen, wie sie der Liebende seiner Geliebten wegen erduldet. Bietet doch das Passahfest Entschädigung für alles. Die Kinder träumen schon wochenlang vorher von dem Glanze des Festes und zählen ungeduldig die Tage und Stunden, die sie noch vom Ziele ihrer Wünsche trennen. Das Fest nahte immer mehr heran. Die Frauen wurden immer aufgeregter, die Kinder immer lustiger und fröhlicher und die Geldbeutel der Männer immer leerer. Ja, das Fest verschlingt viel Geld, das ist schon wahr, ungefähr so viel, wie der Lebensunterhalt eines ganzen Vierteljahres, aber welcher fromme Jude wird darüber murren. Am Peßach dürfen Wein und Meth, Fleisch und Fische, Schnaps, Zucker und Thee nicht fehlen. Das Deficit im Etat wird schon nachher durch andere Entbehrungen ausgeglichen. Die ganze Stadt sah aus wie zerstört. Die Thüren der Häuser waren nusgehoben, von den Fenstern rann das Wasser, vor der Thür standen Möbelstücke aller Art im chaotischen Durcheinander, und die Zimmer glichen einer Rumpelkammer. In dieses Wirrwarr mischte sich noch das Gekreisch einer keifenden Frau, das Geschrei eines Kindes, das Schimpfen und Fluchen eines unzufriedenen Nachbars. Es war ein Bild, wie es kaum bunter gedacht werden kann. In jeden: Hause gab es viel Arbeit, viele Sorgen und viel Aufregung. Auch unter den Talmudschülern im Lehrhause war die Aufregung groß. Dem Rüben Pickeler wurde die große Ehre zutheil, mit dem Nubbi selbst an seinem Familientische die weihevollen Sederabende") feiern zu dürfen. Das galt als Avancement um fünf Stufen vorwärts, und das konnten ihm seine Coellgen nicht gönnen. „Welch ein unverschämtes Glück!" wüthete der dicke Jtzig aus Sazkowa, „sind wir nicht alle Talmudschüler? Was ist er mehr als die anderen? Wenn ich will, biu ich auch so ein Äharef")-" „Du sprichst ja wie Kerech")," replicierte der struppige Benjanren aus Akmiom. „Heißt a Moschel")?" schrie Eisik Bulwe, „Mansche Rabbenu") und der Pickeler. „Ein Glück, dass der Row'Z keine Tochter hat", witzelte Wolf Jankeles, „sonst wär er noch am Peßach Choßen") geworden." Bald aber fand man sich auch mit dieser Thatsache ab, dass der Pickeler einmal — sei es verdient oder unverdient — der ausgesprochene Günstling ist. Und da schließlich die Peßach- Klöße am Tische des Rabbi nicht größer und besser als anderswo waren, beruhigte man sich gar schnell. Rüben Pickeler war sich der Ehre, der Gast des Rubbi zu sein, wohl bewusst. Aber schließlich war es auch fein Wunder. Er war ja der beste Bocher"), und einen würdigeren Gast könnte sich der Rabbi beim besten Willen nicht beschaffen. Endlich kam der herrliche Abend heran. Die Schar der Betenden begab sich nach dem festlichen Abendgottesdienste voller Erwartung in das bescheidene, traute Heim. So weit es möglich war, suchte jeder für diesen Abend einen Gast zu erhaschen, denn das vermehrt die Weihe des Festes. In jedem Hause winkte die Fülle des Lichtes, und die Herzen öffneten sich, um die heiligen Festesfreuden zu empfangen. Ein Friedensengel hielt an der Thür Wache und verscheuchte alle Sorgen und Zwistigkeilen des Alltagslebens. Auch der Rabbi begab sich als einer der letzten aus dem Bethause, um im Kreise seiner Familie das Passahfest zu feiern. Gemessenen Schrittes zog er dahin. Auf seinem Antlitz lagerte eine verklärte Freude, der Gottesfriedcn. Ehrfurchtsvoll an seiner Seite marschierte der festlich geschmückte Rüben, wie etwa ein junger Lieutenant an der Seite eines alten Generals. Langsam näherten sie sich der Wohnung. Die Thür that sich auf, und entgegen traten ihnen die greise Matrone, die Priesterin des Hauses, und alle Familienglieder, feierlich und freudig den Festgruß bietend. „Gut Jontes! Gut Jontef!"") schallte es von allen Seiten her. Der Rabbi legte die Hände segnend auf das Haupt der Frau und der Kinder und eitierte den alten Spruch: „Möge auch der Herr zu der Höhe der Patriarchen und Patriarch innen leiten!" Er selbst aber bot in diesem Momente das Bild eines Patriarchen, wie er unserer Phantasie vorschwebt. Und als er das obligate weiße Gewand anlegte und sich anf dein mit Kissen belegten Sopha an der Seite seiner Frau, wie die Ceremonie vorschreibt, niederließ, da sah das durchgeistigte Gesicht mit dem gebleichten Haare und dem langen herrlichen Prophetenbarte überwältigend schön aus. Er glich dem Hohenpriester Aaron auf dem im Bethause hängenden Bilde ungemein. Die Ceremonie des Abends, die zwischen Essen und Trinken, Erzählen und Beten abwechselt und daher so anziehend wirkt, begann und zog sich bis in die späte Nacht hinein. Während des Essens gab der Rabbi einige geistreiche Auslegungen der Haga. uh") zum besten und gestattete als besondere Gunst auch dem Rüben, einige Erklärungen hinzuzufügen. Am zweiten Sederabend wiederholte sich mit einigen kleinen Variationen im Gebete die Ceremonie. Freilich fehlte schon etwas vom Duste der Poesie. Die Erwartung war geschwächt, die Reize der Geliebten zum Theile gekostet. Die Wiederholung ist eben eine Wiederholung, und nie ganz so frisch, ganz so intensiv. Beim Essen wurde der gebratene Knochen, der zur Erinnerung an das ehemalige Passahopfer auf denr Sedertische seinen Platz findet, dem Rüben zutheil. ") Osterkuchen. ") Dte ersten zwei Abende des Passahfestes. ") Genie, scharfer Kopf. ") Korach. "> Vergleich. ") Mose, der Gesetzgeber. ") Rabbiner. ") Bräutigam. ") Jüngling, Talmudschüler. 9°) Gut Feiertag. ■") Gebetbuch für die beiden Sederabende.

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