Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 36 (8.9.1900)
- Date
- 1900-09-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36 Wien, Samstag Jüdisches Volksblatt 8. September 1900 Seite 5 Schatzmeister derselben, Herrn Moriz Lazarus, geführten Listen ersehen, die von demselben Ihrem Correspondenten freundlichst zur Einsicht vorgelegt wurden. Da stehen z. B. folgende Eintragungen: „Für M. Silbermann, Holzschneider, Doll. 16.60, für M. L. Raphael, Uhrmacher, Doll. 10.— für Carl Kauft-, Küfer, Doll. 6.20, Jacob Joseph, Zimmermann. Doll. 9.—". Etwa ein Dutzend Seiten sind mit solchen Eintragungen gefüllt. Bei Einwanderern, die in Fabriken untergebracht werden, da sie kein Handwerk gelernt haben, oder bei Landarbeitern fallen natürlich diese Ausgaben fort, sonst würde die rumänische Gesellschaft, deren Mitglieder meist kleine Geschäftsleute und Arbeiter sind, schwerlich noch lange ihr Hilfswerk fortsetzen können. Sie hat sich noch nicht um Unterstiitzung von anderer Seite bemüht, sondern eine Ehre darein gesetzt, ihren Landsleuten aus eigenen Mitteln zu helfen. Da indessen anscheinend der größere Theil der Einwanderer uoch auf dem Wege ist, wird sie wohl bald mildthätige Private oder andere Gesellschaften in Anspruch nehmen müssen. Wenngleich das Schatzamt, dem die Einwanderungsbehörde ja untergeordnet ist, in Europa Erhebungen über den voraussichtlichen Umfang der Judeneinwanderung anstellen lässt, ist, man in anitlichen Kreisen durchaus nicht geneigt, derselben Hindernisse in den Weg zu legen. Die Ansicht welche der Einwanderungs-Commissär Fitchie Ihrem Correspondenten gegenüber in folgenden Worten zum Ausdruck brachte: „Diese Leute, welche augenscheinlich einem kräftigen, gesunden und arbeitswilligen Menschenschlag angehören, werden sich dem Lande von Vortheil erweisen und ich kann nicht verstehen, wie eine Regierung solches, doch jedem Staatswesen nur Bortheile bringendes Material zur Auswanderung zwingen kann", wird sowohl in amtlichen Kreisen wie in der Presse allgemein getheilt. Eingesendet. <Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung.) Offener Brief. Mt Karl Kraus, Herausgeber der „Fackel"?) Die übliche Titulatur „Herrn" erlassen Sie mir gefälligst, ich bin nicht gewohnt, zu — Schulkindern »Herr" zu sagen, auch wenn sie die Zunge herausstrecken. Von einer kleinen Erholungsreise zurückgekehrt, fand ich Ihr Blatt auf meinem Tische, für mich gekauft, da ich es sonst nur lese, wenn mir es jemand borgt. Wie doch der Scandal seine Leute nährt, nicht wahr? Die Angegriffenen müssen es d o ch kaufen; so wird der Revolver zum Klingelbeutel. Ich habe herzlich gelacht über Ihre »Rache". Sie haben mich einmal, gemeinsam mit 40 Wiener Buchhändlern, verklagen lassen, weil ich angeblich das Bild des Umschlages Ihres dreimal im Monat losgehenden Revolvers »nachgeahmt" habe. Sie superkluger Gesetzeskenner sind abgeblitzt und haben erkleckliche Kosten zahlen müssen. Und da kam jetzt der Schnss nnt dem Pfitschepfeil. Sie Schlauer! Die Druckfehler der „N. F. Pr." mögen Sie wohl herausfinden, wenn Sie 9—11 Tage gesucht haben, wie die Jungfer, die nicht schlafen kann; bis an die Fi»digkeit des Herrn v. Tausch reichen Sie aber noch nicht heran. Ich habe nämlich mit der Notiz so wenig zu thuu, wie mit der Redaction des »Jüd. Volksbl.". Gelacht habe ich auch über Ihren »Angriff". Ist daalles, was Sie, ein so geübter Kothwerfer, mir nachschmeißen können? Sie liebes Heupferdchen, wie armselig ist Ihre Hüpferei! Da haben mich, in früheren Zeiten, die jetzigen Nedacteure der »Ostd. Rundsch." ganz anders behandelt. Ich habe Sie immer für einen kleinen Meister der Jauchenspritze gehalten; so ungeschickt wie Sie hantiert kaum ein Gassenjunge de- 19. Bezirkes. Dass ich kein Idealist bin, eine materiell angelegte Natur! Das halten Sie doch wohl für ehrenhaft und gesund, nicht? Wie müssten Sie sich sonst schämen, das große Haus 1.. Maximilianstraße 13 zu betreten, an welchem in großer Aufschrift der Name „Jacob Kraus" prangt. Das war Ihr Vater. Der machte in Franzenthal a. d. Moldau Papier und hinlerließ Ihnen soviel Geld, dass Sie bequem die Leute besudeln und dann nach Ischl fahren können, um die Bäche mauschelu zu hören. Ihre Brüder im Geschäfte mehren mittlerweile Ihr Vermögen und verheimlichen sorgfältig, wohin Sie gefahren sind. Das sind auch materiell angelegte Naturen; sie liefern das Papier und Sie »machen es voll". Und wie witzig Sie sind! »Was Bergmann denkt, ist Geld, und wonach er trachtet, Procente." Sie Uhland in der Westentasche! Da haben Sie sich wohl in Ischl aus der Esplanade mit dem Daumen im Westeulvche stolz umgesehen, als wollten Sie fragen : »Nu, bin ich der Harden?! Gleich daraus aber irren Sie wieder. Ich nähme Geld und Procente am liebsten voll Juden? O nein. Ich nehme sie — im ehrlichen Geschäfte, kleiner Kraul — wo ich sie kriege. Ich mache es beinahe wie Sie, der Sie Ihre rothen Misthäufchen an alle Leute verkaufen, die den Scandal lieben. Aber Sie verstehen das Geschäft besser. Sie wissen den Koth» pinsel, den Sie schwingen, als Weihwedel hinzustellen, der von Moral trieft. Ich arbeite nur mit Buchdrucklcttern, ein simpler Gewerbsmann. Als ich nicht mehr so schreiben konnte, wie emeine U e b e r z e u g u n g verlangte — Sie können wegen *) Auf unsere Notiz in Nr. 34 des „Jüd. Volksbl.": „Die Fackel und die rumänischen Juden", in welcher wir angesichts der Auslassungen des Herrn Kraus über die rumänischen Juden reactionärerweise bedauerten, dass die Prügelstrafe in Oesterreich abgeschafft sei, bringt Herr Kraus in der letzten Nummer der „Fackel" einen Aufsatz, der nicht gegen das „Bolksblatt" sondern gegen eine Anzahl Personen gerichtet ist, dir mit der Sache, von der wir sprachen, gar nichts zu thun haben. Diese beliebte Manier der echten Revolverjournalistik verbietet unS eine Polemik; an solche L—eute darf man den Raum eines Blattes nicht verschwenden. Rur weil der vorstehende offene Brief eine persönliche Auseinandersetzung ist und zur Erheiterung unserer Leser beitragen kann, drucken wir ihn ab, obzwar uns soviel Raum für den Herrn KrauS als sinnlose Verschwendung erscheint. D. R. de- Fremdwortes „Ueberzeugung" im Meyer nachschlagen — da hieng ich die Journalistik an den Nagel und wurde einfacher Geschäftsmann. Sie griffen, als Ihnen die „N. F. Pr." den Richterstuhl nicht einräumte, den Sie verlangten, einfach in die Caffa Ihres Vaters und verschafften sich den Stuhl, auf dem Sie sich jetzt auslassen. Das ist der ganze Unterschied. Kürzlich rühmten Sie sich, Sie hätten den Beweis erbracht, dass ein Blatt in Wien auch ohne Inserate und Pauschalien leben könne. Sie vergaßen nur eine Ergänzung, die Wörtchen: „vom Scandal". Der nährt Sie, mein Geschäft nährt mich. Was ist daran auszusetzen? Dass ich noch andere Blätter drucke, ist doch nur erfreulich, nicht? Was würden Sie machen, wenn es in Wien nicht Buchdrucker gäbe, die alles drucken? Denken Sie sich ohne Ihr „Krausbubenblatt". Was wären Sie? Die „Extrapost" habe ich niemals besessen und das wussten Sie, weil Sie wussten, wem sie gehörte. Sie haben also bewusst die Unwahrheit gesagt, als Sie schrieben, ich hätte das Blatt verkauft. Sie wissen doch, wie man solche Unwahrheiten nennt. Was meine Buchdrnckerei abwirft, kann ich Ihnen erst am Schlüsse des Bilanzjahres sagen, jedenfalls aber verdienen Sie Ihre 500 Gulden per Fackel-Nummer leichter. Ich muss sehr viel arbeiten, um zu verdienen; Sie bestellen Ihre kleinen Düngerhaufen, verbinden sich dann vorsichtshalber die Wangen und fahren fort. Das ist bequemer. Sie sagen von mir: Er i st nichts und kann nichts; damag stimmen. Es fragt sich nur, was man darunter versteht. Ich kann arbeiten und bin ein anständiger Mensch. Sollte ich Ihnen ein Gegencompliment machen, ich könnte höchstens sagen: Er i st ein.und kann mich. Zum Führer des jüdischen Volkes habe ich mich nie aufgeworfen, und kein Mensch mit fünf gesunden Sinnen wird mich dafür ansehen. Der Himmel behüte mich auch davor, eine, wenn auch nur kleine Rolle spielen zu sollen in einem Volke, das — wenn auch ohue sein Verschulden — solche Mitglieder hat, wie Sie zum Exempel. Solch ein Volk ist schon gestraft, ohne meine Führerschaft! Ob ich Agilationstalent besitze oder nicht, ob ich eine Zeituug machen kann oder nicht, Sie Rumpelstilzchen mit dem großen M—undwerk, was geht denn das Sie an? Hat man Sie darum gefragt? „Setzen Sie sich" — sagten sie kürzlich einem naseweisen Burschen, und ich citiere diesen Ausspruch Ihres großen Geistes. Warum ich Ihnen so viel schreibe? Ich war am Tage meiner Rückkehr bei Ihnen. Maximilianstraße 13. Dort bedeutete mir die Hausmeisterin, Sie wären gleich nach Ausgabe de- Blattes nach Ischl gefahren; ich erkannte daran weise Vorsicht eines „verschlagenen" Kopfes. Da ich Sie nicht ohrfeigen wollte — ich versetze Ihnen meine Maulschellen mit dem § 19, und Sie müssen Sie in Ihrem nächsten Düngerhaufen quittieren — gieng ich nach der Weisung der Hausmeisterin ins Geschäftsbureau. Dort bedeutete mir Ihr Bruder, nachdem er den Zweck meines Erscheinens erfahren, er wisse nicht, wo Sie wären; ich möchte Ihnen doch schreiben, Sie wären Vorstellungen zugänglich. Nun, da schrieb ich denn, so gut ich konnte. Ob Ihnen der beschimpfte Eigenthümer dieses Blattes und die Redaction selbst antworten, weiß ich nicht. Zu sagen hätten die ja genug, denn auch Sie sind nach zweifacher Richtung bin erblich belastet, weil auch Ihr Vater das Malheur ungezählter Tausender auf Sce vererbte und weil auch Sie berühmt werden wollen. Dass Ihnen alljährlich Prügel genügen, während der Eigenthümer dieses Blattes, wie Sie sagen, böheren Ergeiz hat, liegt eben in der Verschiedenheit des Charakters. Menschen und Ohrfeigen sind nicht gleich, sagt ein altes Sprichwort, dessen Nichtigkeit Sie wohl am allerwenigsten leugnen werden. Wenn ich aber, so wie das Blatt, die Jnteresien des JudenthnmS zu vertreten hätte, ich würde Ihnen Folgendes sagen : »Ein Jude, der arme rumänische Judenflüchtlinge besudelt und beschimpft, nur um seine Weisheit leuchten zu lassen, der verdient kein Wort eines ehrlichen Menschen. Den muss man mit Verachtung strafen! Denn solch ein Kerl ist ein .i Sv, nun strengen Sie einmal Ihr in der Durchsicht der »N. F. P." geübtes Dichterhirn an, um zu ergründen, was Sie sich an Stelle der Punkte zu denken haben. Finden Sie es nicht heraus, dann wenden Sie sich an den ersten besten bohnenstrohgroben Hausknecht; dessen Wortschatz löst Ihnen das Räthsel. Und nun erwarte ich. über kurz oder lang, eine Briefkastennotiz unter einer Chiffre, die recht wahrscheinlich ausschaut, und die mich angeht. Dann schickt mir schon jemand das Blatt zu. W i e n, am 6. September 1900. S i e g m u n d B e r g m a n n, Buchdruckereibesitzer und Journalist a. D. (Darüber gönnen Sie nun den Witz machen, der Ihnen so nahe liegt.) limine- und Ntrsummlnugsberichtk. fßUtt. (K r an k en- Un t er st ütz un g S v e r e i n.O s f e h Chesr d", II., S ch i f f a m t s g n s s e N r. 5.) In dem neurestaurierten, aus das Eleganteste hergerichteten Bereins-Bethause, II., Schisfamlsgasse Nr. 5, werden von Montag angefangen Bethaus-Sitze von 2 fl. aufwärts, soweit der Borrath reicht, verkauft. Die Vereinsleitung hat für größte Bequemlichkeit, wie für einen vorzüglichen Gottesdienst Sorge getragen und hofft auf einen recht zahlreichen Zuspruch. Wien. (B e t h a u 8 - A n z e i g e.) In dem auf das Eleganteste eingerichteten Saale des „Jüdischen Volksvereines", II., Leopoldsgasse Nr. 49, Mezzanin, wird Heuer Herr S. Karpel einen solennen feierlichen Gottesdienst an den hohen Feiertagen adhalten. Das P. T. Publicum wird ersucht, sich baldigst um Sitze in diesem prachtvollen Gotteshause zu bewerben. Nähere Auskünfte ertheill die Secretariatskanzlri des „Jüdischen Bolksvereiues" II., LeopoldSgafs« Nr. 49. Kremfier. (Gründungsfest.) Am 2. September feierte der „Verein jüdischer Akademiker in Kremsier" sein Gründungsfest in den Saatlocalitäten des Vereines „Concordia". Zahlreiche Gäste waren zu diesem Feste erschienen, so Vertretungen aus den zionistischen Wiener Vereinen „Jvria" und „Heniana", außerdem Gäste aus der Umgebung, namentlich aus Holleschau, Kojetein und Hullein. Die Festrede wurde gehalten vom Obmanne deS Vereines stud. jnr. B. Schwoner, weiters sprach der Herr Dr. Ad. Frankl-Grün (der hiesige Rabbiner und Herausgeber des Werkes „Die Juden Kremsiers und der Umgebung"), stuck, jur. Ehrlich und stuck, phil. O- Frankl. Besonders erheiterte die komische Oper „Die Bürgschaft". Auch das an dieses Fest sich anschließende Tanzkränzchen war sehr gemüthlich. Natürlich fehlten die Krösusse der Kremsierer Judenschaft, höchstwahrscheinlich bewegen sie sich lieber in j u d e n r e i n e r (!) Gesellschaft. Das Ghetto in Amsterdam. Auf allen Hausschildern portugiesische Namen, über vielen Thüren Inschriften in hebräischen Lettern, alle ohne Punktation, lauter Consonanten, so dass sie nur der Eingeweihte zu entziffern imstande ist. Noch vor zehn Ihren bildeten die Inden ein Zehntel der ganzen Bevölkerung von Amsterdam; wie der Percentsatz sich heute gestaltet, weiß ich nicht genau, indeffen will es fast scheinen, wenn man alle die die Straßen durcheilenden Händler betrachtet, als ob er sich eher erhöht als vermindert hätte. In einer finsteren Zeit.. . fanden die aus ihrem Vaterlande vertriebenen portugiesischen Juden eine Freistatt in den Niederlanden, die auch um ihre Unabhängigkeit und freie Neligionsübung zu kämpfen hatten; auch aus dem düsteren Deutschland jener Tage flüchteten viele nach Amsterdam, dem sie den 'Namen eines zweiten Jerusalem gegeben hatten. In neun Synagogen halten sie jetzt ihre Gottesdienste, die größte ist die der portugiesischen Juden, die, in der Muider» straat gelegen, von Dorsman im Jahre 1670 erbaut wurde. Man betritt sie durch einen Vorhof, in dem zwei einsame Bäume stehen; ihr Inneres ist ohne Park, einfach und schlicht, fast nüchtern. .. Am Abend, in der Stunde, da der Tag zur Rüste geht, da die Sonne sinkt, wenn die Thüren der Synagogen sich öffnen, vielleicht am besten, wenn Freitags sich die Sabbathruhe auf die fast so ruhelosen Gassen und Straßen des Amsterdamer Judenviertels herniedersenkt, mag man den Gang durch das Ghetto antreten, dann, wenn das uralte Gesetz von der Heilighaltung des Feiertages in seine Rechte tritt, wenn die Stunde kommt, für die geschrieben steht, dass keiner arbeiten soll, »weder Du, noch Dein Weib, noch Dein Sohn, noch Deine Tochter, noch Dein Ochse, noch Dein Esel, noch der Fremdling, der in Deinen Thoren ist". Ein Hauch deS alten strengen und patriarchalischen Mosaismus weht an einem solchen Abend auch heute noch über das Ghetto von Amsterdam. Wenn in den Zimmern der alten Häuser und in den Synagogen die Lichter zu funkeln beginnen, wenn die Ruse auf den sonst nimmermüden Lippen der karrenschiebenden Händler verstummen, wenn die Läden sich schließen und der Besitzer mit seiner Familie sich vor die Thüre seines Hauses setzt, wie einst Abraham saß vor seiner Hütte des Abends, als die Männer aus Sodom zum Besuche kamen, und als er bat: „Sind nur sieben Gerechte in Sodom, dann wirst Du sie nicht verderben". Wem die alte Jndengasse in Frankfurt a. M., in der Heinrich Heine das schönste Capitel seines Rabbi von Bacharach spielen lässt, der der Frankfurter Maler Oppenheimer die Motive zu seinen schönen Bildern: »Aus dem jüdischen Familienleben" entnahm, die heute nach dem größten Juden, den Frankfurt hervorgebracht, Börne- Straße heißt, und in der als letzter Rest nur noch das alte Stammhaus des reichsten Inden, das „Rothschild'sche Haus", stehen geblieben ist, noch im Gedächtnisse weilt, der kann sich auch ein Bild von der Joden Breestraat im Osten der holländischen Hauptstadt machen. Aber hier ist alles ausgedehnter, größer, vielfältiger, als es einst in Frankfurt war. Auch hier findet man Buchhandlungen, in denen das Alte Testament und der Talmud verkauft werden; auch hier sind die Magazine mit Trödelwaren und alten Kleidern, Antiquitäten und Gerümpel, wie sie einst in Frankfurt gewesen und wie ich sie so charakteristisch nur noch in der Nähe des Ponte vecchio in Florenz am gelben Arno geschehen habe. Auch hier sind die Fleischerläden mit den bekannten drei hebräischen Buchstaben, auch hier die Geflügelhandlungen mit abgehäuteten Hähnen und Gänsen, deren hochrothes Fleisch so wenig einladend aussieht, so viel weniger als die fette, blanke, weiße Haut, die man ihm dem Ritus (?) zuliebe genommen hat. Auch hier hängen die Kleider an den Fenstern, Hosen zu Dutzenden, Röcke, die schon Jahre getragen wurden und immer wieder getragen werden sollen. Aber ausgedehnter, größer, vielgestaltiger und vielfältiger ist das hier alles, als wohl in irgendeiner anderen europäischen Stadt. Es ist eine Stadt für sich, ein ganzes Viertel, eine orientalische Colonie mitten im Herzen des germanischen Stammes. Die blonde Holländerin mit den meist ganz flachsgelben Haaren, der vierschrötige Seemann mit dem rothen Gesichte, Mynheer mit dem charakteristisch geschnittenen Backenbärte, und die Frauen, dre von draußen in die Stadt kommen, die weiße Häubchen und Kappen aus Goldblech tragen, wie die ritterlichen Herren des Mittelalters, wenn sie zu Pferde stiegen, sie alle sind verschwrlnden. Pechschwarzes Haar bedeckt hier die Köpfe, dunkle, buschige Brauen wölben sich über den schwarzen, von langen Wimpern beschatteten, klugen Augen, blass ist die Gesichtsfarbe, und scharf charakteristisch tritt die Nase hervor. Reiche Leute sieht man hier nicht. Sogar der Mittelstand ist selten. Die meistell machen einen armen Eindruck. Lebten doch Tausende in dirseu Gaffen von der berühmten Amsterdamer Diamantenschleflrei, und haben doch diese fast alle ihren kargen Verdienst im Laufe deS Winters infolge dcS südafrikanischen Krieges eingedüßt! Blickt man in eine Seitengasse, dann wird man sich bald wegwenden. Hier häuft sich der Schmutz, hier nistet da- Elend. In dem Hafenviertel Genuas gieng ich einst durch eine solche Gaffe, wie es deren