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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-08 · 36 (8.9.1900) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
36 (8.9.1900)
Date
1900-09-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Wien, Samstag Nr. 36 8. September 1900 „Ei, Rüben, Du wirst noch in diesem Jahre Bräutigam," scherzte die Nabbinersgattin.") Der arme Rüben erröthete wie ein vierzehnjähriger Backfisch, und der Rabbi warf seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu. Der gute Rüben aber brauchte wahrlich nicht zu erröthen, denn er ahnte noch kaum, dass dieser Wunsch so schnell in Erfüllung gehen könnte. Am zweiten Feiertage begab sich unser Rüben zu seinem Tagesherrn Toderes Tuchhäudler, bei dem er Mittwoch speiste. Er war in Gedanken verloren, denn der Rabbi hatte heute früh beim üblichen Empfange der angesehenen Gemeindenritglieder den ganzen Born seines tnlmudischen Wissens offenbart und eine geniale Strategik entwickelt. Er machte zwischen den Thanaiten Aboije und Rowe ewige Todfeindschaft und wies durch seinen bestrickenden Sophismus nach, dass diese beiden Talmudathleten eigene Systeme hatten, btc bis in die kleinsten Einzelheiten hinein conradietorisch entgegengesetzt sind. Das nahm den Rüben so sehr gefangen, dass er dieser Perlen talmudischer Spitzfindigkeiten nicht verlustig gehen wollte. Die Sache schwebte ihm vor den Augen. Noch sah er im Geiste vor sich die großen Feldherren Abaije und Rowe in Kampfe gegenüber. Jeder führt seine Waffen ins Gefecht, und die Schlacht wird immer heißer, und wer das alles dirigiert, das ist sein geliebter, großer Rabbi. Himmel, wieviel Wunder birgt doch die heilige Thora! Mechanisch öffnete der Bocher die Thür seines Gastgebers, und der fröhliche Ruf „Gut Jontef" tönte ihm entgegen. Unter die Stimmen mischte sich auch eine weiche weibliche. Es war die der L e n, der Nichte des Hausherrn, die an diesem Tage zu Tische geladen war. Wunderlich, wie diese Stimme auf ihn wirkte. Er blickte auf, zuckte unwillkürlich zusammen und musste, als sie seinem Blicke nicht auswich, verwirrt das Auge zur Erde senken. Len war ein achtzehnjähriges Mädchen, die äußerlich nicht sonderlich aufsiel. Aber eine seltene Anmuth lag auf ihrem Antlitz, und wenn sie einen mit ihrem glänzenden, jschmachtenden Augen ansah, dann wurde man unwillkürlich angesteckt. In ihrem Augen saßen, wie ihr Onkel sagte, zwei kleine Teufel, dafür aber hatte sich ein Engel ihr Grübchen im Kinn zum Sitze auserkoren. In der That, sie hatte etwas Schalkhaftes, Schelmisches in ihrem Wesen, und sie sah einen so kühn, so frei an, dass man mit ihr lachen musste. Ja lachen, das war ihre Hauptthätigkeit, und es fiel ihr ungemein schwer, in der ernsten Zeit zwischen Neujahr und Versöhnungstag das obligale traurige Gesicht aufzusetzen. Ueberhaupt ihre Stimme! Sie klang dem Rüben wie die Stimme der Cherubim, wie die Stimme der Sulamith im Hohenlieds. Das Hohelied Salomons, das heute im Bethause vorgelesen wurde, wie musste er daran denken. Und im Geiste verglich er die Len mit der Geliebten Salomons. Nun, so schwarz wie jene ist sie wohl nicht, auch nicht so erschreckend feurig, im übrigen aber könnte sie mit jener schon die Concurrenz aushalten. Aber was das für dumme Gedanken sind! Er ertheilte sich selbst im Stillen eine Rüge. Toderes war nicht wenig stolz darauf, dass der beste Bocher der Stadt bei ihm zu Tische aß, und er bat den Pickeler am Schluffe der Mahlzeit, ihm etwas aus dem unerschöpflichen Talmud vorzutragen. Rüben that's, musste sich aber wieder dabei ertappen, dass er hauptsächlich darauf bedacht war, der Len zu imponieren und auf sie Eindruck zu machen. Nun, er durfte mit ihrer Censur zufrieden sein, denn sie schaute ihn ernrunternd an, als wollte sie sagen: „Das hast Du gut gemacht". Er hatte aber auch, getragen von einer nie gekannten Begeisterung, gesprochen, und seine Augen leuchteten in entflammtem Enthusiasmus. Von der Mahlzeit hatte er wenig genossen. Es war ihm so wunderlich, so seltsam zumuthe. Was das wohl sein mochte? Es war ein schmerzliches, und doch wiederum wonniges Gefühl, das sich immer näher zu ihm schlich und bald von seinem ganzen Inneren Besitz nahm. Er hatte etwas Aehnliches nie erlebt. Ins Beihaus zurückgekehrt, wollte er seine tägliche Lieblingsbeschäftigung, das Studium des Talmuds, vornehmen. Er öffnete einen dicken Folianten und versuchte, sich in ein schwieriges Problem zu vertiefen. Aber was ist das? Er erschrak plötzlich. Bor seinen Augen tanzten die schwarzen, langen Zöpfe der Len im tollen Wirbel, und aus den kleinen, schwarzen Buchstaben der Eommentaristen blitzten ihn die knabenhaften Augen dieses Mädchens an. Er schalt sich selbst einen Narren, ja, einen Sünder und barg seine Stirn in den Talmud. Da war es ihm, als wenn we'ches Haar seine Stirn berührte und ganz leise kitzelte. Das verursachte einen Schmerz, aber er mochte sich um alles in der Welt diesem Schmerze nicht entziehen. Ärgerlich über sich selbst, schlug er das Buch zu und ging hinaus. Aber er mochte anfangen, was er wollte, seine Seelenruhe konnte er nicht wiederfinden. So vergiengen Tage und Wochen, und er wurde immer unruhiger, immer unzufriedener. Manchmal versuchte er, sich Klarheit über seine Gefühle zu verschaffen, aber er schämte sich, den Ursprung der Methamorphose zu untersuchen. Das Bild der lieblichen Len hatte sich tief in seine Seele eingegraben. Das war nicht zu leugnen, aber — wieso und warum? Er grübelte vergebens darüber nach, und er, der die talmudischeu Schwierigkeiten spielend löste, konnte aus eine solche einfache Frage keine richtige Antwort finden. Liebte er die Len? Hätte jemand gewagt, ihm diese Frage vvrzulegeu, er würde es als einen Schimpf betrachtet haben. Wie heißt lieben? Ist er denn nicht ein frommer Bocher, der streng nach dem Schulchan-Aruch") lebt? Hat mau je gehört, dass ein frommer Jude liebt? Ein gottesfürchtiger Nachkomme Abrahams heiratet, weil es Gott geboten har, und er erzeugt Kinder, weil es Gott geboten hat, und er ist seiner Frau treu und lieb, weil es Gott geboten hat, und er lässt sich von ihr scheiden, weil es Gott geboten hat. Es gibt für den frommen Juden überhaupt nur Dinge, die Gott geboten, und Dinge, die Gott verboten hat. Rüben wurde immer wunderlicher und seltsamer. Er saß oft ganze Stunden und träumte, und seine Collegen fiengen bald an, halb versteckt, halb unverschämt über ihn zu spötteln. Hinter seinem Rücken nannten sie ihn jetzt nie anders, als den Baal- Ehaloimes"). Eine Weile dachte er daran, sich dem Rabbi anzuvertrauen und von ihm Rath zu verlangen. Aber die Scheu hielt ihn zurück, und er ließ bald den Gedanken fallen. Was sollte er auch dem Rabbi sagen? Dass er die Len — ... Schon der Gedanke ist schmachvoll. Die glücklichsten Tage waren jetzt für ihn die Mittwoche, an denen er bei Toderes Tuchhändler speiste, und^hätte er es nicht als Frevel betrachtet, so würde er zu Gott gebetet haben, dass er den Sabbath auf den Mittwoch verlegen möge. Die schlaue Len wusste es nämlich immer einzurichten, dass sie bald zu Mittag, bald zum Abendbrot bei ihrem Onkel war. .Sie reichte dem Rüben immer das Essen und hatte dabei stets ein freundliches Wort oder wenigstens einen verheißenden Blick für ihn. Durch ihr kühnes Wesen hatte sie ihn allmählich seiner Schüchternheit entrissen und verkehrte mit ihm, wie mit einem Kameraden. Wie klug sie ist, und dabei so gut und — so schön! Schön von» Kopf bis zur Zehe. Die graziöse Gestalt mit den üppigen schlanken Formen, das feine Profil und die Augen, ach, die Augen, eine Welt voller Seligkeit lag für den Jüngling darin. Rüben war oft während dieser Stunde zumuthe, als wäre er dieser ") Es herrscht nämlich in Russland der Aberglaube, dass, wer den Knochen verzehrt, noch innerhalb des Jahres in den Kiegshafen der Ehe mündet. ") Religiöses Gesetzbuch der Juden. **) Träumer. prosaischen Welt ganz entrissen, als erlebe er auf palästinensischem geweihtem Boden in alttestamentarischer Schlichtheit und Reinheit diese Idylle mit ihr. Er hatte ihr wohl gefallen, vom ersten Blick an. So wohl gefallen, wie noch niemand in ihrem Leben ... Und praktisch und kühn, wie sie angelegt war, dachte sie bald an die Möglichkeit einer Ehe mit ihm, und ihre Schwärmerei verdichtete sich schnell zu einer festen, concreten Liebe. Natürlich sagte sie es ihm nicht, wie gern sie ihn habe. Nein, so „verdorben" ist eine Tochter Israels nicht. Nicht so leicht aber war der arme Rüben mit sich einig. „Wie wär's, wenn ich sie heiratete?" sagte er eines Tages zu sich selbst. „Aber nein," sagte er sich, „wir leben ja nicht mehr in den idyllischen Zuständen der Bibel, sondern in Pundelowe. Und ich bin Rüben, der beste Bocher, der Sohn des berühmten Talmudiften Reb Jankew, olow hascholemund sie ist Len, die Tochter eines gewöhnlichen Schneiders. Welch eine Schande! arme Mutter, deren Stolz ich bin, würde in Ohnmacht fallen, wenn sie das hörte." (Schluss folgt.) ') Seligen Andenkens. Zacharias Honig, Herrenn. Damen-Frisenr Wien, II/,, Stefanlestrasse Nr. 15. Echte Haarzöpfe von ü. 1.50 aufw., ohne Drastel von fl. 4.— aufw. — Specialist in Herren- und Damenperiicken. Scheitel von fl. 3.—, Perücken von fl. 5. - aufw., Frisettes aus Wellenhaaren von fl. 2.50 an. Provinz-Aufträge werden genau nach eingesandtein Muster prompt per Nachnahme oder Einsendung des Betrages effeetuiert. Allo Haaru. 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