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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-08 · 36 (8.9.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
36 (8.9.1900)
Date
1900-09-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien. Samstag Jüdisches Volksblatt 8. September 1900 Nr. 36 mit einer Orgel versehen, sondern auch in dem ihn krönenden kleinen Thurme zwei Glocken aufhängen. Er war damals Präsident des israelitischen ConststoriumS in Eassel für das Königreich Westfalen und bestrebte sich ganz besonders, den jüdischen Gottesdienst durch zeitgemäße Reformen zu veredeln. Ja, wie einst Salomon den Tempel auf Zion auch dem Fremdling, der da käme zu beten, öffnete, so hoffte und wollte Israel Jacobson, dass sein Tempel in Seesen eine gemeinsame Andachtsstätte für jedermann, der sich zu dem Glauben an den einen Gott bekenne, ohne Unterschied der Confession werde. Bei der feierlichen Einweihung des Tempels am 17. Juli 1S10 riefen die Glocken zum erstenmale die Festgemeinde zusammen. Ein auserlesener großer Kreis von Staatsmännern, Gelehrten, Künstlern, Geistlichen und Schulmännern, Rabbinern und Lehrern waren herbeigeströmt. Die Begeisterung der Gäste, namentlich auch der christlichen, machte sich in deutschen, lateinischen und hebräischen Gesängen Luft. Eines dieser im Archiv der Schule noch befindlichen Gedichte nennt sich „Der Christ im , , , . Jacobstempel zu Seesen" und ist „Augustin" unterzeichnet: in! erhalten haben einem anderen singt ein Domprediger aus Halberstadt: „Mit Roms und Augsburgs Glaubenssöhnen weilt Arons Enkel, Hand in Hand." Die Glocken werden heute nicht mehr geläutet, aber noch hängen sie über dem Tempel, weithin sichtbar im offenen Thurme, ein Denkmal vergangener Zeiten der Toleranz und Menschenverbrüderung. Könitz. Wie es nunmehr feststeht, ist gegen den früheren Abdecker I s r a e l s k i doch Anklage wegen Begünstigung bei Innung war, als Handwerker an. Seitdem aber in Russland der bekannte conservative Hauch webt, erleben die jüdischen Handwerker merkwürdige Dinge. Die Polizei steckt in die Werkstätten der jüdischen Handwerker die berühmte Nase hinein, schnüffelt, ob der Jude fleißig sich mit seinem Handwerk abgibt, oder ob er nicht etwa ans Mangel an Kunden feiert und sich und sei,re Familie vorübergehend zu ernähren sucht. Johannisburg. Der Rev. Dr. Hertz, der Rabbiner von I o h a n n i s b u r g, welchen die Boeren ansgewiesen haben, wird demnächst dorthin znrückkehren' um seine Gemeinde wieder zu organisieren. Ein großer Theil der jüdischen Flüchtlinge ist ihrem Seelenhirten nachgefolgt. Auch von der englischen Regierung soll Rev. Hertz eine Aufforderung zur Rück- Deutsche und Juden. *) auf den 8. September angesetzt worden. Der Botenmeister des hiesigen Landesgerichtes, Fiedler, hat bekanntlich behauptet und diese seine Aussage beeidet: Er habe am Charfreitag Als ich beim I. Baseler Cougress über die allgemeine Lage der Juden in der Bukowina referierte, sagte ich unter anderem über die damalige Neugründung des „Christlich-deutschen Vereines" Folgendes: „Der neue Verein der christlichen Deutschen in der ^ukowina war der Fußtritt, war der Lohn für die inhrzehntedem Winter'schen Morde erhoben und der Verhandlungstermin lange Deutschdümmelei der Juden. Da habt Jhrs, sagten die Rumänen, hohnlachten die Ruthenen. Ein Fußtritt! sagten sich tiefbeschämt die Juden!" Das war die unmittelbare Empfindung, die ich damals bei der Gründung des Vereines hatte. Inzwischen sind einige Jahre ins Land gezogen, die christ- Vormittag während der Kirchzeit gesehen, dass Jsraelski mit j lichen Deutschen entwickelten eine lebhafte Thätigkett im Interesse einem Sacke auf dem Rücken, in dem sich ein runder Gegenstand! des deutschen Volkes in der Bukowina. Sie veranstalteten Wanderbefand, nach der Gegend am Schützenhanse gegangen sei, wo vorträge und Festversammlungen und waren so glücklich, schon °m .-st-n Osterfeiertage der K°ps de- -rnwrde.-n fflinta g-- MMÄ* funden wurde. Jsraelski wurde einige Zeit darauf verhaftet und befindet sich noch in Untersuchungshaft; er bestreitet, mit dem Morde in irgend einer Verbindung zu stehen. Zum Official- Vertheidiger des Angeklagten wurde Rechtsanwalt M a s ch k e in Könitz ernannt. Außerdem wird Justizrath S e l l o aus Berlin vielleicht noch die Vertheidigung führen. Der Process kommt nicht vor dem Schwurgerichte, sondern vor der Straf¬ Aber im Herzen der Bukowinaer Juden brannte eine Wunde, die umso schmerzlicher war, als man sie verbergen wollte. Undank schmerzt, und wer unbedankt von dannen' zieht, glaubt sich mit Recht beleidigt und verhöhnt. Was hatten die Juden nicht alles fürs Deutschthum in der Bukowina gethan! Sie haben es zuwege gebracht, dass ein Land, dessen Bevölkerung zur Hälfte rumänischer und zur anderen Hälfte ruthenischer Nation ist, den Eindruck einer deutschen Provinz macht. Deutsche Sprache in k-mmein K°nch zur Verhandlung. Die Anttngstütz, sich auf Öen § 2o< der R.-Str.-G. Die ganze Verhandlung durfte! jn der Landeshauptstadt, Deutsch in allen Privatinstituten, kurzum, vielleicht zur Klärung des Sachverhaltes beitragen, was uns die deutsche Minorität wurde der herrschende Factor im Lande, nur sehr erwünscht sein könnte! Man war schon so sehr gewöhnt, die Juden als die eigent- „ i lichen Träger des Deutschthums anzusehen, dass auf ihnen neben Danzig. (Krawalle.) Die antlsemitischeu Krawalle! dem odium judaicum gewissermaßen auch das odium germain Bereut kamen in Danzig zu gerichtlichen Verhandlung. Angeklagt waren 13 Personen. Die Anklage lautet auf Landfriedensbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Beleidigung, Auflauf, Vergehen gegen öffentliche Ordnung und groben Umfug. Die Vorgänge, die der Anklage zugrunde liegen, haben sich am 12. und 13. Juni in Bereut abgespielt. Am 12. Juni war dort Jahrmarkt. Abends sammelten sich plötzlich größere Menschenmengen auf den Straßen an, die „Hepp, hepp!" riefen und eine bedrohliche Haltung gegen die jüdische Bevölkerung annahmen. Um 10 Uhr wurde mit Steinen gegen die Fenster jüdischer Einwohner geworfen und zahlreiche Scheiben eingeschlagen. Der als Zeuge vernommene Landrath des Bereuter Kreises, Herr Trüftedt, erschien, als er von dem Krawall erfuhr, auf dem Platze, wo sich die Menge angesammelt hatte, und forderte zum Auseinandergehen auf. Es dauerte jedoch circa 1V2 Stunden, bis sich der Haufen zestreute. Darüber, von welcher Seite der Krawall insceniert worden, vermag der Landrath nichts zu bekunden, auch hat er vorher von einer feindseligen Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung nichts gehört. — Der ebenfalls als Zeuge vernommene Bürgermeister von Bereut, Herr Partikel, ist der Ansicht, dass es in Berent überhaupt nicht zu Ausschreitungen gekommen wäre, wenn nicht durch Marktbesucher die Bevölkerung gegen die Juden ausgereizt worden wäre. So sollen hauptsächlich Leute ausBütow geäußert haben: „Bei uns in Bütow ist es schon lange losgegangen, hier muss auch etwas geschehen'/ Zeuge Gendarm Eckhardt aus Alt-Kischau, der am 12. Juni zum Jahrmarkt nach Bereut commandiert war, hat schon am Tage Äußerungen von Besorgnis gehört, dass es abends wohl „losgehen" würde. Abends sammelten sich denn auch größerer Massen auf dem Marktplatze an, die „Hepp, hepp!" und „Juden raus!" riefen. Wer von den Angeklagten gegen die Fenster geworfen hat, kann Zeuge nicht bekunden! Da die meisten der Angeklagten nur ganz zufällig zu dem Aufläufe gekommen sein wollen, handelte es sich bei mehreren darum, festzustellen, ob sie aufreizende Rufe, wie „Hepp, hepp!" und „Juden raus!" ausgestoßen haben, worin die Staatsanwaltschaft groben Unfug erblickt. — Der Staatsanwalt trat in seinem Plaidoyer besonders der von den Angeklagten anfgestellten Behauptung entgegen, dass der Krawall am 12. Juni durch Marktbesucherveranlasst worden sei.Es habe vielmehr in Berent schon eine gereizte Stimmung gegen die Juden bestanden, die sich am 12. Juni in Thätlichkeiten Luft machte. Den Anlass hierzu mag ja vielleicht die Aeußernng irgend eines Bütower Marktbesuchers: „Wir haben schon lange unseren Jndenkrawall gehabt und Ihr noch nicht, Ihr seid ja die reinen Stümper!" gegeben haben. Insceniert wurde der Krawall aber von den Angeklagten. Es wurden verurtheilt: wegen einfachen Landfriedensbruchs und Aufreizung Heilemann zu 1 Jahre, wegen einfachen Landfriedensbruchs Schütz zu 3 Monaten und Janitzki wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeilen zu 0 Monaten Gefängnis, Tuskt wegen Auflaufs und groben Unfugs zu 1 Woche Gefängnis und 30 Mk. Geldstrafe; ferner zu Geloftrafen wegen groben Unfugs die Angeklagten Lewna und Janalski zu je 30 Mk., von LewinSk und Büttner zu je 50 Mk. und Dietrich wegen Beamtenbeleidigung zu 30 Mk. Die Angeklagten Gdanietz, Giede, Kreft und Kieva wurden freigesprochen. Petersburg. (W a s i st ein Handwerk?) Diese Frage hat der Senat kürzlich in einem für die Juden günstigen Sinne beantwortet und diese dadurch gegen eine Reihe polizeilicher Chicanen gewappnet. Was ist ein Handwerk und welchen gewerbbetreibenden Juden darf als Handwerker der Aufenthalt außererhalb des Ansiedlungsrayons gestattet werden? Zur Zeit Alexander- U. dachten die höheren Verwaltungsorgane sehr liberal darüber und sahen jeden Juden, der Mitglied einer liicum lastete. Man hasste die Juden, weil sie Juden waren, und man hasste sie noch mehr, weil sie am eigenen Herde eine fremde Suppe kochten. Lebten und litten einmal die Juden fürs Deutschthum, wie schmerzlich musste da der Fußtrittsein, den sie vom christlichdeutschen Vereine so ausgiebig erhielten! Es standen einige hervorragende jüdische Männer im öffentlichen Leben, die es mit der deutschen — oder wie sie damals hieß — deutsch-liberalen Sache ganz ehrlich meinten; scheu und beschämt schlichen sie sich hinweg, wenn sie an dem deutschen Vereinshause vorbei mussten, sie errötheten, weun wir Jüdisch-Nationalen ans unserer Schadenfreude keinen Hehl machten. Ihr habt Euch vor den deutschen Karren gespannt, sagten wir, und nun verschließt man Euch vor der Krippe das Maul; Ihr habt das Deutschthum in Gegenden getragen, die noch niemals von den Knochen eines pouuner'schen Grenadiers gedüngt worden sind, und nun seid Ihr vom deutschen Herde als anmaßende Fremde weggewiesen! Schmerz über den Undank der Deutschen und Scham vor den eigenen Volksgenossen, das waren die Gefühle der „Deutschen jüdischer Confession". Jahrelang wurmte es sie, bis sich auch in ihnen die Wandlung vollzog. Aus Auch-Juden wurden Nur-Juden. Als in Israel der Stern des Zlonismus aufgieng und ein erfrischender und belebender Hauch durch das jüdische Volk wehte, wurden sie mitgerissen. Der Rausch der Jugend ließ die Alten nicht kalt, aber als wenn sie es ihrer alten Lebensanschauung und Geistesrichtung, ihrem eigenen Stolze schuldig zu sein glaubten, sie machten, um sich nicht ganz für überwunden zu erklären, gegen den Zionismus Front und blieben auf dessen Vorstufe, als Jüdisch-Nationale. So kam es, als mein zionistischer Gesinnungsgenosse Doctor, M e n c z e l, vielleicht in gutem Glauben, aber gewiss mit Unrecht, in einem deutschen Blatte den engen Anschluss an die Christlich- Deutschen predigte, dass sich ein Sturm der Entrüstung gerade in jenen Kreisen erhob, die einst die deutsche Zunge bls zum Pruth gezogen und nun mit Stolz und edlem Anstand sich auf ihr Judenthum berufen. Ach, wie freute uns das! Der christlich-deutsche Verein — ich sage nicht der Anisemitismus, ich male nicht den Teufel dort, wo er sich selbst verbirgt — und der jüdischnationale Gedanke haben in wenigen Jahren ihre Arbeit gethan. Wir haben nicht nur eine jüdische Jugend, wir haben auch ein Alter, das sich rechtzeitig aus sein Judenthum besiitnt. Und nun wird den Juden, den zur Erkenntnis gelangten Juden der Bukowina zugemuthet, in eine neue Allianz mit den Deutschen einzugehen, und das Zeichen dieses Bundes soll der — deutsch-politische Verein sein, dessen Gründung vom Landtags-Abgeoronelen Prof. Dr. S k e d l, einem, ich gebe es gerne zu, wohlmeinenden und den Juden nicht feindlichen Manne angeregt wurde. Ich bin zwar nicht, wie mein Gesinnungsgenosse Dr. M e n c z e l, eigens „nach Wien gefahren, um mit der obersten Centralleitung des Zionismus über diese Frage einige Tage lang zu conferiren und mich zu Erklärungen autorisieren zu lasten, um ' sie dann als „jüdischer Privatmann" urdi «t orbi zu verkünden," ' ich spreche es dem Herzen und dem Geiste meiner Gesinnungsgenossen iu der Bukovina nach, wenn ich sage, dass wir den Beitritt der Juden zu in deutsch-politischen Vereine entschiedenst perhorrescieren. Die Juden im deutsch-politischen Vereine! Das wäre gleichbedeutend mit einem Rückfälle in die Zeit des verkrachten Llberalisnius, der im Parlamente nicht fünfzehn Unterschriften der Clubgenossen zu einer Juoeninterpellation zusammenbrachte, das wäre ein Rückgang unserer jüdisch-nationalen Bewegung um mehr als zehn Jahre. Alle unsere Arbeit während eines Decenniums wäre zuschanden. Was wir als Studenten und junge Männer tausendfach mit ehrlicher Ueberzeugung in Stadt und Land, in Volks- Hallen und weltvergessenen Synagogen da draußen m der Provinz gesprochen und gepredigt haben, es wäre nichts anderes, als wenn wir Wind gesäer. Wenn es den Deutschen um nichts anderes geht, als um die Förderung aller, die sie als deutschsprechend ansehen. so mögen sie — lachen Sie nicht über die Verkehrtheit — «ne getrost einem jüdisch-politrschen Verbände beitreten. Weit» die Interessen der Juden und Deutschen wirklich so identisch sind, als unm u»S erzählt, nun so mögen die Deutschen, da sie doch in der Minderheit sind, unserem jüdisch-politischen Verbände beitreten, mit werden auch deutsche Interessen wahren. *) Siehe den heutigen Leitartikel. Sehen Sie, da wird die Verkehrtheit offenkundig. ES ist lächerlich, wenn Deutsche, waschechte Deutsche einem jüdischen Vereine beitreten, warum soll es nicht minder lächerlich sein, wenn Jude n, echte ungetaufte Juden, einem deutschen Vereine angehören sollen? Welchen politischen Standpunkt haben nun wir Jüdisch- Nationale? Ich habe vor einigen Jahren zur Zeit meiner journalistischen Thätigkeit in mehreren gleich überschriebenen Artikeln den Standpunkt vertreten, dass die Juden im Lande die Politik des do ut des vertreten sollen. Gibst Du, so gebe auch ich, keine amieiti«, sondern nur societas, keine Freundschaften, sondern nur Bündnisse. Bündnisse von Fall zu Fall. Wenn die Deutschen in der Erkenntnis ihrer Schwäche unsere Unterstützung wünschen, sehen wir vererst, was sie uns bieten. Eine deutsch-politische Vereinigung drückt die Juden an die Wand, es wiederholt sich das alte, klägliche Schauspiel, das Juda zum gehöhnten Sclaven Tuiscos wird. Ich denke mir, dass ein jüdisch-politischer Verband ins Leben gerufen werde, ebenso wie politische Verbände der Rumänen, Ruthenen und Deutschen bestehen. Die autorisierte Leitung des Judenbundes pactiert mit den anderen Verbänden, je nach Bedürfnis und Vortheil. Das ist zwar wenig — sagen wir — idealistisch, dafür aber sehr gesund. Man komme uns nicht damit, dass die Juden im Deutschthum wurzeln. Erstens wurzeln die Juden im Judenthum, und zweitens haben die Juden solche Beweise ihrer Anpassungsfähigkeit gegeben, dass es nur einer Generation bedarf, um aus deutsch sprechenden Juden rumänische oder ruthenische Schriftst e l l e r zu machen. Die Sprachenverordnung für die Bukoivina, die Dr. Menczel drohend an die Wand malt, schreckt uns nicht, wir sind nicht lernfaule Czechen. Jeder jüdische Vater thut gut, wenn er seine Kinder in den Landessprachen unterweisen lässt. Wir brauchen wenig von den Deutschen, diese desto mehr von uns. Und dass unser Streben, eine jüdische Parteipolitik zu schaffen, zur Wahrheit werde, das wünschen und das hoffen nur. Dr. Mayer Ebner. Die rumänischen Juden in Amerika. N e w - A o r k, 17. August. „Es thut uns gut, endlich unter Juden zu sein, die nicht unterdrückt werden, und unter Andersgläubigen, welche einen Menschen nicht wegen seiner religiösen Ansichten verfolgen." So äußerte sich gestern einer der letzten Ankömmlinge ans Rumänien, ein älterer Mann, der mit vielen seiner Glaubensgenossen ans dem Lande seiner Geburt hatte fliehen müssen, 'Ihrem Correspondenten gegenüber. Die übrigen in der Nähe stehenden Flüchtlinge nickten zustimmend. Auf ihren Gesichtern lag hoffnungsfreudige Zuversicht, sie hatten alle Fährnisse der Reise überstanden, sie waren hier von ihren Landsleuten ausgenommen worden und wussten, dass sie endlich in einem Lande angelangt waren, in welchem sie für immer ein Asyl finden würden, und in welchem, wie es in der Unabhängigkeitserklärung heißt, ihnen „Leben, Freiheit und das ungehinderte Streben nach Glückseligkeit" garantiert wird. ' Wie es auch den rumänischen Flüchtlingen in Europa ergehen mag, wenn sie erst hier in Amerika angelangt sind, erwächst ihnen neue Lebenshoffnung. Dafür hat die „Rumänische Hilfsgesellschaft" gesorgt, welche sich schon vor längerer Zeit gebildet hat und der nicht nur Inden, sondern auch andersgläubige Rumänen angehören. Diese Vereinigung hat das Hilfswerk in ein bewundernswürdiges System gebracht; sie hat es so organisiert, dass noch kein einziger Einwandercr bic öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch hat nehmen müssen. Sobald ein europäischer Dampfer von Fire Island signalisiert ist, begibt sich ein Vertreter der Gesellschaft auf das Schiffchen des SamtätSbeamten, der sich über die Gesundheitsvei hültnisse an Bord jedes in den Hafen einlaufenden Schiffes informiert, bevor es landen darf. Auf dem Dampfer bringt er dann alle Rumänen zusammen, die in Gemeinschaft mit den anderen Zwischendecks- Passagieren nach der Barge Office gebracht werden, wo sie das übliche Examen bezüglich ihrer Velhälinisse dnrchzumachen haben. Hat der Einwanderer nun etwa dreißig Dollars, wird ihm ohneweiters die Landung gestattet, und er wird nach dem rumänischen Heim in Forsyt Str. gebracht. Ist er aber ohne Geldmittel, wie sehr viele von den Einwanderern, so. versucht die Gesellschaft, seine Verwandten, falls er welche in Amerika hat, zu ermitteln. Ist die Suche erfolgreich und sind die Verwandten willens, ihn aufznnehmen, werden ihm die nöthigen Mittel zur Reise gegeben, und er begibt sich zu ihnen. Die meisten Ankömmlinge haben indessen weder Verwandte noch Frelliide in Amerika, und diese müssen von der Einwandernngsbehörde laut Gesetz zurückgehalten werden, bis jemand Bürgschaft dafür stellt, dass sie nicht der Oeffentlichkeit zur Last fallen werden. Diese Bürgschaft wird von der rumänischen Gesellschaft geleistet. Sind die Einwanderer nun in dem Heim derselben, werden sie vollständig neu eingekleidet, und es wird ihnen mehrere Tage Gelegenheit gegeben, sich von den Strapazen der Reise auezurnhen. Sie erhalten gutes Essen und werden sogar mit Tabak und Cigarren versorgt. Inzwischen sind die Agenten der Gesellschaft in den größeren Städten Amerikas daran, für die Leute Arbeit zu finden. Alle Augenblicke laufen in der Centrale Telegramme ein, die etwa folgendermaßen lauten: „Pittsbnrg. Hier werden sofort zehn Zimmerleute gesucht" oder „Philadelphia. Hier ist eine Stellung für einen Uhrmacher frei". Sobald ein solche- Telegramm ankommt, iverden sofort die betreffenden Handwerker auS den Einwanderern herausgefncht und gefragt, ob sie nach Pittsburg oder den anderen Orten, wo sie gewünscht werden, gehen wollen. Bis jetzt hat sich noch feiner geweigert, die erste Arbeit, die ihm angeboten wurde, anzuliehilten. Es werden den Leuten, die dann abreisen »nüssen, alle nothwendigen Werkzeuge gekauft, sie erhalten die Bahubillets, sowie einen Zehrpfennig und werben in einen durchgehenden Zug gebracht. Am BestimmnngSvrte ist schon ein Agent der rumänischen Gesellschaft am Bahnhofe, der die Leute in Empfang nimmt und in ein Kosthaubringt, wv er die Garantie für die erste Woche Kostgeld übernimmt. Dann stehen die Leute auf eigenee Füßen und können sich fortan selber weiterhelfen. Welche Ausgaben die Gesellschaft für Werkzeuge allein hat, kann mau aus den vom

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