Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 36 (8.9.1900)
- Date
- 1900-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Wien, Samstag Jüdisches Volksblatt 8. September 1900 Seite 3 ju können. Erfahrungsgemäß aber kann nicht jeder Curgast von den genannten Curbehelfen Gebrauch machen, und nicht jeder Erholungsbedürftige findet an dem geräuschvollen Leben, das sich zu gewifien Tageszeiten in den Straßen und städtischen Parkanlagen kundgibt, Gefallen, geschweige denn, daser sich für dasselbe interessieren und begeistern und darin eine Erholung erblicken kann. Er ist demnach angewiesen, seine freie Zeit und seine Mußestunden mit Zerstreuungen nach seiner Art und Weise auszusüllen. Und so ergieng eS, wie so manchem unserer zur Cur hier weilenden Glaubensgenossen, auch mir während meines sechswöchentlichen hiesigen Aufenthaltes. Durch langjährige, schmerzhafte Krankheit au die Härte und Strenge des Lebens gewöhnt, ziehe ich noch heute, trotz theilweise eingetretener Besserung, jede ernste, Geist und Gemüth erhebende Beschäftigung belustigenden nur auf physische Genüsse berechneten Zerstreuungen vor und von der Ansicht ausgehend, dass man auch an gottgeweihten Stätten und in den der Gotteserkenntnis gewidmeten Räumen angenehm geistige Unterhaltung finden könne, nahm ich während meines Hierseins, so oft es mein Gesundheitszustand zuließ, an den Vorträgen und Discussionen theil, die in den beiden hiesigen öffentlichen Lehrhäusern regelmäßig stattfinden. Und da machte ich die merkwürdige Wahrnehmung, dass sich von den letzteren namentlich das in der Wassergasse sich befindliche, als Herzl'sche Stiftung gegründete und von dem vielfach gelehrten, streng gottesfürchtigen, allseits hochgeachteten und vielverehrten Rabbi Wolf K o h n geleitete Beth-Hamidrasch eines besonders lebhaften Zuspruches seitens thorakundiger und wissensdurstiger Frequentanten sich erfreut. Dasselbe dvcumentiert sich vorwiegend während der Sommersaison als ein förmliches Beth waad lachachomim, als allgemeiner Zusammenkuufts- und Aufenthaltsort sämmtlicher zur Cur hier weilender und durchreisender Rabbiner und Gelehrten, die daselbst, von der bekannten Gastfreundlichkeit des Rabbi Wolf angeeifert, im Vereine mit demselben die glänzendsten Proben ihrer Gelehrsamkeit und ihres Scharfsinnes auf dem Gebiete der Halacha und der Hagadah ablegen. Es bleibt nur zu wünschen übrig, dass diese Quelle unverfälschter GesetzeSforschung, und segensreicher Verbreitung von Thora weawaudo, die der Stadt und Gemeinde nur zur Ehre und Zierde gereicht, niemals versiegen und unter ihrer jetzigen Leitung noch viele Jahre fortblühen und gedeihen möge. Brody. (W o h l.1 h ä t i g k e i ts-A k a d e m i e.) Nach der gelungenen Jehuda Halevi-Feier in den vorjährigen Ferien veranstaltete die jüdisch-akademische Jugend diesmal eine Wohlthäligkeits-Akademie zugunsten der rumänischen Auswanderer, die einen namhaften Reinertrag ergab. Der große Musikvereinssaal war bis auf das letzte Plätzchen ausverkauft. Stud. jur. Littmann begrüßte die Versammelten in schönen Worten. Ein Chor unter der Leitung des Herrn S z k o l n i k sang den .Psalm" von Ignaz Brüll und .Lomo rogschu gojim". Mit feinem Verständnis und innigem Gefühl trug Frl. Regina Fisch, zwei polnische Gedichte von Ujejski vor und erntete reichen Beifall. Stud. jur Teich entzückte das Publikum mit einer deutscheu Deolamation, Abiturient H o l z m a n n brillierte mit einem Gesangsolo. Die zionistische Festrede hielt stud. phil. A. L. Schenker. Den Abschluss des Abends bildete die gelungene Aufführung des IV. Actes von Gutzkows .Uriel Acosta", wobei sich besonders hervorthaten: Exportakad. D i st e u f e l d als Acosta, stud. phil. Graubart (Akiba). Exportakad. G r ü n b e r g (Silva). Budapest. (Baron Bünfftz und die rumänischen Jude ii.) Dem Herrn Paul S ü n d o r, der sich so hochherzig und spontan der rumänischen Emigranten annahm, ward die Auszeichnung zutheil, von Sr. Exc. Baron Desider Bünffy aus diesem Anlässe mit einem Besuche beehrt zu werden, wobei er sprach: „Ich fühle mich gedrängt. Ihnen für Ihre menschenfreundliche Thätigkeit die Hand zu drücken. Seit langem hat mir nichts solche Betrübnis verursacht, wie das Los der rumänischen Juden, es wird die Aufgabe der europäischen Diplomatie sein, da helfend einzugreifen." DaS sind ebenso hochherzige, wie echt staatsmännische Worte — Baron Dasein verwirkt. Mitbürger, Ihr kämpft für Euer Bestes, Ihr kämpft für die Güter der Menschheit, für ihren Fortschritt. Es ist Eure Pflicht, am Wahltage vollzählig zu erscheinen, alles hängt davon ab. Das Schicksal des Fortschrittes, der Humanität ist in Eure Hände gelegt!" Der Redner har geendigt. Da tönen Schreie des Schreckens und der Verzweiflung in den gefüllten Saal. Draußen haben sie Familienväter aus den Armen ihrer Angehörigen gerissen, um diese in die Hölle zurückzuschicken, der sie mit einer letzten Anspannung der schwindenden Kräfte entflohen. Mit einer scheuen Seitenwendung des Kopfes horchen die Herren Wähler mosaischer Confession hin. Aber schon sind die Schreie nicht mehr hörbar, vor dem wüthenden Applaus, mit dem die Zuhörer dem Redner zujubeln. Sind sie doch deutsch-liberale, unentwegte Vorkämpfer für Freiheit und Menschenrechte!. . . * * * In seinem Comptoir sitzt der „Herr Vorsteher". Seine Blicke haften auf einem mit Unterschriften bedeckten Bogen, der den Titel trägt: „Sammlung für die rumänischen Juden". Seine Angen blicken zufrieden. Tausend Gulden hat „seine" Gemeinde zusammengebracht, die er nach Wien senden wird. Er hat Ursache zur Zufriedenheit. Ist er doch im angenehmen Bewusstsein erfüllter Pflicht. Ja, tausend Gulden, könnte man sogar sagen, ist noch etwas mehr wie Pflicht. Und er mit zweihundert Gulden an der Spitze! Die jüdischen Zeitungen werden berichten . .. Das Geld wird in einen Brief gethanversiegelt und auf die Post getragen. Und damit ist die Sache erledigt, es wird zur Tagesordnung übergegaugen. Der Herr Vorsteher wird sich wieder seinen Lebenszielen widmen. Der Verwaltung seines Vermögens, der liberalen Partei, der Erhaltung seiner Borsteherwürde. Wenn arme Juden wandern, wird er wieder sammeln. Gut, dass man so schön abseits Bünffy'S Humanität beschränkt sich eben nicht — auf China! Budapest. (Eine Aufsehen erregende Trauung.) Am 28. v. M. fand im Tempel in der Tabakgasse in Budapest die Trauung eines Proselyten statt, nämlich des Herrn Rudolf Fritsch von M i e n e n f e l d mit Frl. Jlvnka B e i n e l, Tochter eines israelitischen Werkelmannes. Der Bräutigam, ein steinreicher Gentry, die Braut lebt — wie eS von der Tochter eines Werkelmannes selbstverständlich ist — in der bittersten Roth. Die Liebe und die Vorsehung thaten Wunder. Der Trauung wohnten viele tausend Menschen bei. Budapest. (Das Organ der Bolkspartei a n g e k l a g t.) Unter dem geschmackvollen Titel „Der Juden- Stern" brachte „Alkotmany", das Leiborgan des Abt-Pfarrers Johann M o l n a r und der von ihm geführten katholischen Volkspartei, am 28. v. M. einen Artikel, in welchem der Verfasser gegen die Juden im Lande in einer Weise hetzt, welcher dem wüthendsten Antisemiten jenseits der Leitha zur Ehre gereichen würde. Er fordert geradezu, auf die Juden zu morden, um endlich einmal auch in jüdischem Blute waten zu können, wie dies anderwärts schon öfter der Fall gewesen sein soll. Diese, dem „Alkotmany" und Genossen noch harmlos dünkende stylistijche Uebung scheint aber dem kön. Staatsanwalt weniger harmlos erschienen zu sein, den er hat im Sinne des § 172 des Strafgesetzes gegen „Alkotmany" resp. den Verfasser des Artikels wegen Aufreizung gegen eine Confession den Pressprozess angestrengt. Budapest. (Ein toleranter Bischof.) Der Bacser gr.-o. Bischof S e v i c s besuchte gestern die Stadt Mohol. Der Bischof, in dessen Begleitung sich mehrere Geistliche, der Abgeordnete des Bezirkes, sowie der Stuhlrichter befanden, wurde an der Gemarkung der Stadt von Abgeordneten der gr.-o. Kirchengemeinde und der isr. Gemeinde begrüßt. Am Nachmittag empfieng der Bischof nach der Deputation der gr.-o. Kirchengemeinde die Deputation der dortigen isr. Gemeinde unter Führung des Oberrabbiners G r ü n n. Dieser richtete an den Bischof eine schwungvolle ungarische Ansprache, auf welche Bischof Sevics, wie der „Corr. Hung." gemeldet wird, ebenfalls ungarisch Folgendes erwiderte: „Mit Dank nehme ich die Begrüßung der isr. Gemeinde, die mir Ihr Herr Oberrabbiner verdolmetschte, entgegen. Die schöne Eintracht unter den hiesigen Consessionen freut mich nicht nur, sondern ich wünsche sie auch und fördere sie nach Möglichkeit, denn wir alle wandeln ja einen Weg, wir alle haben das gemeinsame Bestreben und arbeiten an dem edlen Werke der Religiösität und Vaterlandsliebe. Wir alle, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität müssen gemeinsam arbeiten zum Wohle und zum Erblühen des theuren Vaterlandes." Die Antwort des Bischofs machte großen Eindruck. Schcißbrrrg (Ungarn). Vorige Woche ist hier ein Marmaroner 70jähriger armer Jude erkrankt. Sein Kamerad und der dortige Cantor verwendeten sich für ihn, um ihn in einem Spital uuterzubringen. Der Vorstand ader verfügte, man möge den Armen sofort nach Maros-Vasarhely transportieren, weil dort ein jüdisches Spital bestehe, was gar nicht wahr ist. Auf einem Bauernwagen führte mau den Kranken nach dem 35 Kilometer entfernten Balavazar. Hier angelangt, war er bereits derart entkräftet, dass man eine Katastrophe befürchten musste. Bei all dem sträubte sich der löbliche Vorstand von Balavazar, ihm Obdach zu geben, schickte ihn ohne ärztliche Hilfe nach Szt. Demeter (Siebenbürgen), wo er am Abend anlangte und nach z w e i S t u n d e n st a r b. Ein solch herzloses Vorgehen von Seite jüdischer Cultusvorftände kann nicht genug gegeißelt werden. Tnrn-Severin. (R ückkehrnach R u m ä n i e n.) Der Dampfer „Carl Ludwig" kam hier an, um 1200 rumänische Juden, welche von Wien aus gewaltsam repatriiert wurden, aus Land zu setzen, und nicht weniger als 2000 Personen eilten zur Landungsstätte, um dem aufregenden Ereignisse beizuwohnen. Die Leute sind reichlich auf die Koste» gekommen, da die Schaulust, die Neugier und selbst die raffinierte Sensationslüsternheit in der menschlichen Heerstraßen liegt. Nichts stört die idyllische Ruhe. » * * ch Ein heiterer Festsaal. An langer, vollbesetzter Tafel sitzen sie, die Mächtigen in Israel. Das Mahl ist schon weit vorgeschritten, die heiteren Geister des Weines leuchten aus den Angen der Genießenden, auf den Gesichtern aller ruht heitere Festfreude. Hin und her schwirrt die Rede. In den Knopflöchern vieler glänzen Ordenssterne, die schwere Goldkette baumelt auf dem dicken Bauche. Die prachtvollen Lnstres tauchen alles in rosigen Glanz. Da plötzlich tönt schreckliches Stimmengewirr zu den Fenstern des Saales empor. Vieltausendstimmige Schreie der Verzweiflung, des Schmerzes, der Wuth. Entsetzt springen die Zecher von ihren Sitzen, sie eilen zu den Fenstern. Ihre Gesichter erstarren vor dem Anblick, der ihnen wird. Da unten wogt ein Meer in Lumpen gehüllter Leute, Männer, Weiber, Kinder. Die Bataillone des hungernden, verfolgten und gehetzten, heimatlosen Juda. Aus den durchfurchten Gesichtszügen spricht Gram und Elend, aus den Augen aller die Tollkühnheit der Verzweiflung, der Math des Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, der hinter sich das Nichts weiß. Gellendes, markerschütterndes Schreien macht die Luft erzittern, ans den Augen leuchtet die Wuth, geballte Fäuste werden geschüttelt. Entsetzen bemächtigt sich der Prassenden. Sie raffen zusammen, was ihnen in die Hände kommt au Gold und Silber. Aber wehe! Mit eine m Schrei der entfesselnden Wuth antworten ihnen die Scharen, in den Koth gestampft wird das Gold. Sie wollen keine Almosen mehr! Sie sind gekommen, eines von ihren Führern zu fordern, angesichts der aufhorchenden Völker, eines verlangen sie: Rechenschaft! einer kaum geahnten Weise hier befriedigt wurden. Die Passagiere weigerten sich nämlich, das Land zu betreten . . . Hafenveamte, Matrosen und Schutzleute kamen herbei, um sie mit Gewalt vom Schiffe zu entfernen, allein die Unglücklichen kamen ihnen zuvor. Mit dem Rufe: Lieber in die Donau, als in Rumänien! sprangen Greise und Jünglinge, Männer nnd Frauen, ja selbst junge Mütter mit ihren Säuglingen im Arm, bevor man es verhindern konnte, in die Fluten. Eine unbeschreibliche Verwirrung folgte. Der Kapitän befahl, die Vassagiere zurück und unter Deck zu bringen und sie da sorgfältig zu bewachen. Gleichzeitig befahl er, die Rettüngskähne klar zu machen um die Ertrinkenden zu retten. Per Telephon wurde Militär requiriert. Es gelang bald, die Verzweifelten wieder aus dem Wasser zu ziehen, worauf sämmtliche Paffaaiere unter militärischer Escorte und mit großer Vorsicht ans Land gebracht und dem Vertreter der jüdischen Gemeinde übergeben wurden. Nur eine Frau, die nicht mehr gerettet werden konnte, sowie ein Greis, der unerwartet den Soldaten entkam und sich blitzschnell in die Donau stürzte, sind ums Leben gekommen. Weniger aufregend war die Rückkehr einer anderen, 1500 Personen zählenden Gruppe, welche von Wien per Bahn anlangte. Die Leute waren aber vor langer Entbehrung stark heruntergekommen, und der Namensaufruf ergab das Fehlen von 56 Personen. Nicht weniger als 33 Kinder, 15 Frauen und 8 Männer sind auf oer Hin- und Rückwanderung gestorben. Möge ihnen die Erde leicht werden! Auch sie waren Märtyrer, die für ihr Judenthum einen vorzeitigen Tod gefunden haben. Rzeczyea bei Uhnow (Galizien). Während gestern aus der Thora vorgelesen wurde, bemerkten wir in der Richtung der Stadt Uhnow eine ungeheure Rauchwolke aufsteigen, und schwere Befürchtung legte sich auf unsere Herzen, dass in dieser Stadt, wo die Menschen in kleinen, mit Schiudelik gedeckten Häusern zusammengepfercht wohnen, Feuer ausgebrochen sei' Dieselbe sollte sich in vollem Umfange bewahrheiten; ein Unglücksbote kam mit der Meldung: .Ganz Uhnow steht in Flammen." Das Feuer hatte solche Dimensionen angenommen, dass man in einem uns benachbarten, von dem Brandherde fünf Kilometer entfernten Dorfe die Strohdächer nass halten musste, um zu verhüten, dass der heiße Wind oder glimmende Kohle sie entzünden. Selbst in unserem über eine Meile entfernten Dorfe fanden wir noch warme Kohle. Der Feuerschein und die Rauchwolke lockten aus Rawa Leute herbei, die 3 Meilen zu Fuß bis nach der Brandstätte zurücklegten. Das Feuer hatte um halb neun Uhr früh seinen Anfang genommen und in kurzer Zeit den größeren Theil der Stadt, der dem Winde ausgesetzt war, ergriffen. Acht Straßen mit 300 Nummern sind niedergebrannt, eS konnte so gut wie nichts gerettet werden. In dem verschont gebliebenen Stadttheile befindet sich die Synagoge, das rituelle Bad, das Beth Hamidrasch ic. Das Elend lässt sich noch nicht übersehen. Ein verkrüppelter Knabe, der sich nicht retten konnte, ist in den Flammen umgekommen; ein Kind wird gesucht, ein Erwachsener soll vor Schreck gestorben sein. Wieviele Familien ihre Habe versichert hatten, wieviele brotlos geworden sind, kann noch nicht angegeben werden; jedenfalls sind hunderte von Familien verarmt.*) Aus den umliegenden Dörfern wurden Lebensmittel und Kleidung gesandt, was aufzutreiben war. Die Stadt Rawa schickte nachts 500 Laib Brot. Große Hilfe thut noth, um den Hungernden Speise zu geben. *) Ein Telegramm meldet, dass 500 Häuser niedergebrannt und 1000 Familien, fast ausnahmslos Juden, obdachlos sind. Red. Die Landtagsmahl in Czeimo«»itr> (Telegramm.) Czernowitz, 6. August. Bei der heute stattgefundeneu Ergänzungswahl für den Bukowinaer Landtag wurde Reichraths-Abgeordneter Dr. Benno S t r a u ch e r mit 954 von 957 abgegebenen Stimmen gewählt. Ausland. Berlin. Zum Capi'tel der Anstellung bezw. Nichtaustellung jüdischer Aerzte im Heere wird einem hiesigen Blatte geschrieben: „Ein Bruder von mir (Jude) dient zur Zeit sein zweitehalbes Jahr bei einem Berliner Garde-Cavallerieregimente als Einjähriger-Arzt ab. Derselbe schrieb mir u nterm27. Juni d. I. Folgendes: Ich erhielt übrigens gestern vom Kriegsministerium eine Zuschickung durch meinen Oberstabsarzt mit den Bedingungen zum Uebertritte ins active Sanitätscvrps. Man braucht Aerzte beim Heere, infolge dessen können seit etwa einem halben Jahre auch Juden active Sanitätsafficiere werden. Ich müsste mich vorläufig auf ein Jahr verpflichten und erhalte dann sofort Mk. 300 Studieileiltschädlguttgung und würde in einem Monate befördert sein. Mein Oberstabsarzt fragte mich gestern persönlich noch einmal, ab ich übertreten würde. Ich verneinte selbstverständlich ihm sowohl als auch schriftlich an den General- Corpsarzt." Demgemäß scheint man jetzt in den in Frage kommenden Kreisen den Juden gegenüber einen anderen Standpunkr einnehmen zu wollen. Freilich rächt aus gutenr Herzen oder um der Gerechtigkeit willen, sondern der Noth gehorchend. Wie groß muss das Manco an Militärärzten sein und wie wenig Neigung muss das Arierthum haben, diese Lücke auszusüllen, wenn die Militärverivaltung idren Widerwillen gegen jüdische Aerzte überwindet und den Herren Officieren gar zumuthet, mit einem Inden an einem Tische zu sitzen. Ob sich viele jüdische Aerzte finden werden, welche sich vom Staate als äußerster Rothbehelf gebrauchen und vom Officiercorps mit scheelen Augen arischen lassen werden? Frankfurt a. M. (Glocken i n S y n a g o g e n.) Aus Seesen (Braunschweig) schreibt man uns: Die Synagoge in Buchau mit ihrem Glockenthurm und Geläute ist weder ein culturgeschichtliches Unicum noch die erste, die diese sonst für ein jüdische- Gotteshaus unerhörte Neuerung erhalten hat. Dieser Ruhm gebürt dem 30 Jahre älteren Tempel der Jacobson-Schule in Seesen am Harz. Israel Jacobson, der durch seine Neformbestrebungen wohlbekannte Stifter dieser Schule, die, nebenbei bemerkt, im Herbste nächsten Jahres das hundertjährige Fest ihrer Gründung feiern wird, erbaute 1809 auf dem Grundstücke der Schule den noch bestehenden stattlichen Jacvbstempel und ließ ihn nicht nur