Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-09-01 · 35 (1.9.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
35 (1.9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432846--0666-2434340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 35 Wien, Samstag Jüdisches Volksblat.f 1. Seplombi'r 1000 Seite 3 gesehen. Und das alles, weil er im Wesen des heil- und heimatlosen Volkes die Erfüllung seiner Ideale erkannt hatte. Welch unendliche Fülle non Komik in diesem Gekläffe steckt, wird der nicht bcnrtheilen könne!', der nie nor dem Käsig eines mächtigen Löwen ein keifendes Hündlein flehen sah. — Die weitere Umwertung, welche die „Deutsche Zeitung" anscheinend an allen bestehenden Werten vornehmen wird, darf man gespannt erwarten. Jedenfalls werden wir ihr einige Augenblicke ungetrübter Heiterkeit danken. Was mm? Ter riesige Strom der rumänischen Auswanderer scheint seinem Ende zuzuuetgeu. Nur noch wenige Nachzügler, Frauen und Kinder, schrecken die reichen Inden Westeuropas ans ihrer Ruhe, und die sonstigen modernen Vorkämpfer der Cnltur athmen erleichtert auf. Ein böser Traum war's; es ist doch herrlich um das moderne Gesillschciftslkben bestellt. Wie rasch ist geholfen worden, und dann die schönen Artikel. . . Sie sind zwar meist nicht an politischer Stelle erschienen, aber das thnt nichts zur Sache. Erschienen sind sie ja doch . . . Mit den letzten Auswanderern scheint auch die Hilfsaction zu Ende zu gehen. Die cnltursördernde Presse kann ja nur Gott oanken, dass sie so schnell ein Thema lvsgewvrden ist, welches sie nur unwillig berührte. Die reichen Juden wieder glauben mit den gebrachten Geldopferu genug gethan zu haben. Keines scheint einsehen zu wollen, dass diese uvthig gewordene Hilfsaction, dass diese Auswanderungs-Bewegung, welche wirklich ein trauriges Licht auf die moderne Cnltur geworfen hat, die Folge langjähriger Indolenz und Unterlassungssünden sind. Die brutale Verfolgung der rumänischen Juden, deren j Ausnahmestellung in Rumänien sind ja keine Erscheinungen i der letzten Zeit. Seit dreißig Jahren wurden sie von den! rumänischen Negierungen entwickett und gefördert, ohne dassj das Ansland auch nur ein energisches Wort dagegen gefunden! hätte. Von den verzweifelten Kämpfen der rumänischen Inden! ist nicht Notiz genommen worden, die Unterstützung seitens der! ausländischen Glaubensgenossen, auf welche sie rechnen wussten,! hat ihnen gefehlt — und so mussten sie einen schweren Kampfs kämpfen, um wenigstens ihre Menschenwürde nicht mit Füßen treten zu lassen, und um den Gegnern die Erlassung eines jeglichen Ausnahmegesetzes, wenn nicht unmöglich zu machen, so doch wenigstens zu erschweren. Die reichen Juden, an deren Thüren Numänieu oft gering aiitlvpfeu musste, hörten Mld sahen nichts von den Leeden und Qualen ihrer Glaubensgenossen — Rumänien bekam sein Geld, manchesmal musste es irgend etwas versprechen, was cs gerne that, da Worlhaltul bekanntlich nicht die Schwäche seiner Staatsmänner ist. Es musste eine ökonomische Krisis in Numänieu aus brechen, welche die dortigen Juden zur Verzweiflung trieb, damit die ausländische Jndenschast ihre Hilfe ertheilen, die eurcpäische Presse ihre gewichtige Stimme erheben soll. Es musste so wett kommen, dass die rumänische Staatsschuld gerade zu dieser Zeit die zulässige Höhe überschreiten sollte, damit die großen Banquiers den rumänischen Staatsmännern die Daums chranbe ansetzen und ihnen znrufen sollen: Keinen Heller, so la nge ihr nicht wenigstens einen Theil der ökonomischen Ans- »ahmsgesetze gl gen die Juden aufhebt. Aber nun ist dies alles geschehen, und so lange die Auswanderung der verzweifelten Juden dauerte, schienen die in Activu getretenen Personen— bei allen begangenen Fehlern — fest entschlossen zu sein, die schwere Frage einer Losung zuzusührcn. Nun aber, da die Answandermigsbewcgnng abnimmt, kühlen sich die Gcmüther ab, und jeder wünscht Ruhe zu haben! . . . Dies darf aber nicht geschehen . . . Ans Rumänien wird gemeldet, dass sich dort die Inden zum politischen Kampfe wieder organisieren. Soll ihnen auch jetzt die Hilfe der ausländ ischen Genossen versagt bleiben? Das kann und darf nicht geschehen. Keine rumänische Regierung wird es wagen, die jüdischen Organisationen zu molesticren, wenn sie wissen wird, dass deren Proteste ein lebendiges Echo im westlichen Europa haben werden! Es ist also Pflicht eines jeden ansländischen Inden, dafür zu sorgen, dass die rnmänische Judenfrage, trotz aller Anstrengnugen der rumänischen Negierung, nicht von der Tagesordnung schwinde. Die Erkenntlichkeit der rumänischen Genossen wäre ihnen sicher, und in neuerer Zeit kann man ja nicht wissen, ob eine Vicrlclmillivn physisch kräftiger und geistig reger Inden nicht berufen sein könnie, seinen heutigen Helfern eines Tages der Netter in der Nvth zu sein, klcbrigens lvolle» wir nicht zögern, unserer Ueberzeugnug Ausdruck zu geben, dass die großen Massen der ausländischen Inden ihren rumäiiischen Glaubensgenossen ihre ganze Hilfe angedcihen lassen werden. Ein ernstes Wort aber wäre an die jüdischen Bangniers zu richten. Sie sollen sich wenigstens diesesmal nicht wieder hinters Licht führen lassen. Alle diplomatischen Conflicte solle» sie nicht bewegen. der rumänischen Negierung gegenüber eine andere Haltung einzunebmen, als die des Do ul des, d. h. keinen Kreuzer ohne Gegenleistung zugunsten der rumänischen Juden. Der Augenblick ist jetzt günstig. Benützt mau ihn nicht, so werden vielleicht noch Jahre vergehen, che ein solcher wiederkehrt. —y rtfit. (Festabend.) Die jüdisch-national organisierten Arbeiter Wiens veranstalten anr 1. Septeniber 1900 einen klntcrhnltnngsnbend zugunsten der rumänischen Emigranten im Colosseum, XX., Klvsierneubnrgerstruße 33. Das Festcvmite, das unter der Leitung der Gesiminugsgeiwssen M. Kraus und M. K o h n steht, hat die artistische Leitung Herrn A. B ö h m e r übergeben. Beim Feste werden Schauspieler des Jautsch-Theaters Mitwirken. Karten sind zu Habei- (svivie Spenden für den Jnxbazar werden übernommen und uacki Anmeldung abgeholt): M. Strauß, IL, Rembrandtstraße 30, M. K o h n, Ik., Miesbachgasse 14. Ueberzahlungeu werden in der Nedaeüvu des Blattes angenommen und ansgcwiesen. Wie». Wir haben kürzlich Fälle ans Galizien mitgetheilt, in denen jüdische M ä d ch e n gewaltsam in ein Kloster entführt wurden und dort gegen den Willen ihrer Angehörigen zurückgehalten werden. Deutsche clericale Blätter veröffentlichen nun eine Art Berichtigung, wonach ein clericaler Vertrauensmann in Krakau eine Untersuchung der Fälle angestellt habe, deren Ergebnis sei, dass der eine Fall „offenbar blanke Erfindung" sei, während in dem anderen Falle das betreffende bereits großjährige Judenmädchen freiwillig die katholische Neligion angenommen habe, und dann gegen die Erbitterung ihrer Angehörigen und der anderen strenggläubigen Juden habe geschützt werden müssen; die letzteren hätten sich verschiedene Gotteslästerungen und Beschimpfungen der christlichen Religion zuschulden kommen lassen, weshalb sie jetzt strafgerichtlich verfolgt würden. Wir nehmen von dieser Berichtigung Notiz, obschon sie uns sammt dem „ganzen Acteubündel", das der Gewährsmann beigebracht hat, kein Vertrauen einflößt. Was in Oesterreich und insbesondere in Galizien alles möglich ist, das hat ja der Fall Streiten sonnenklar gezeigt. Lieber als eine parieiisch-elericale wäre uns in den meisten Fällen eine amtliche Untersuchung gewesen, aber an diese ist nicht zu denken, nachdem der Jnstizminister selbst erklärt hat, dass an den Pforten eines Klosters die Staatsgewalt anfhöre. S&rfei?. (Hohe A u s z e i ch n n n g j ü b i f cf) e r Product e.) Die P a l ü st i n a - K a r m e l - W e i n e n n d -Cognac wurden ans der Pariser Weltausstellung mit der goldenen Medaille prämiiert. Bedenkt man, dass Frankreich ein Weiuland pur excellence ist, und berücksichtigt man ferner die heutige Zeitströmnug, so muss ans dieser Anerkennung mit Naturnvthweudigkeit die vorzügliche Qualität der „Karmel-Weine und „Cognac" gefolgert werden. Bekanntlich werden diese feinen Getränke auf den jüdischen Colouieir prvdnciert und gilt somit diese Auszeichnung gleichzeitig der jüdischen Schaffenskraft. Bade» bei Wien. (W o h l f a r t s e i n r i ch t n u a.) Anknüvfend an meinen vorwöchentlichen Bericht betreffs der hiesigen Wohlthätigkeit soll schließlich auch einer Hmnanitätsanstalt Erwähnung gethan werden, die ob ihrer ersprießlichen Wirkiandeit mit zu den Errungenschaften zahlt, die fid) die weltberühmte Schwefelstadt auch auf dem Gebiete der Wuhlfahrtseinrichtnilgen erworben hat. Es ist dies die Nauette S ch l e s i n g e r'sche Stiftung, ein eigens zwecks nnentgettlicher Verköstigung der in der Baron T v d e s k o'schen Anstalt internierten und der außerhalb derselben domicilierenden enrbedürftigen armen Kranke» israelitischer Cvnfrssion gegründetes rituelles Speisehans, woselbst die mobilen Pfleglinge sechs Wochen hindurch dreimal täglich gemeinschaftlich ihre Mahlzeiten einnehmen, von wo aus den Jnmvbtteu zu gleicher Zeit die Speisen in ihre Wohnungen übermittelt werden, und das derzeit von Fräulein Mina Eich »er, einer Tochter des ehcmaligi'u Stadt- und Austalt-Nestauratcnrs E r ch u e r. geführt wird, die ihre Mission voll und ganz zu erfüllen versteht, und die sich ob ihres freundlichen Entgegenkommens gegenüber den Pfleglingen allgemeiner Sympathie erfreut. Die Leitung der Stiftung untersteht einem Curatorium, das in Wien seinen Sitz hat, dort seine Amtsthäligkeit ausnbt und durchwegs Männer von vornehmer, hochgeachteter Stellung und klangvollem Namen zu seinen Mitgliedern zahli, die, von den edelsten Motiven geleitet, Zeit- und Müheanfwand iu den Dienst dieser humanen Institution stellen und im Interesse derselben eine wahrhaft selbstlose Thätigkeit entfalten. Möge das in Kürze entworfene Bild des so stttl und segensreich wirkenden Institutes, dieser Pflegestätte echter Barmherzigkeit und Nächstenliebe, das Interesse und die Theiluahme nnsecer reichbegüterten Glaubensgenossen wachrufen und rege erhalten, damit es der Leitung ermöglicht werde, ihre Wirtsamkeit verdoppeln und die Zahl der zu begünstigenden Petenten, die trotz der jährlichen Steigerung bisher nur eine beschränkte bleiben musste, fürderhin thruttcchst vergrößern zu können. D a il i e l S k n t e z k y. Der am 26. d. Nt. hier gefeierte 70. Geburtstag des bekannten trefflichen Gelehrten rrnd Geschichtsforschers Dr. Salvmon Kulka ans Leipnik brachte dem rvürdigen Jubilar viele Ehrungen und Lievesbttveise. Vom frühen Margen bis Abend kamen fast fortwährend Besuche, Zuschriften und ungezählte Depeschen von hervorragenden Persönlichkeiten, Vereinen und Körperschaften. Von den ans Nah und Ferne eingelangten zahllosen Zuschriften und Depeschen hervorragender Capaettäteil der Wissenschaft betonten fast alle das verdienstvolle, erfolgreiche Wirken des Jubelgreises auf dem Gebiete der hebräischen Literatur und der Geschichte des Jndenthnms. Möge er in ungestörter Körper- und Geistesfrische noch viele Jahre zur Ehre und Zierde unserer Ratten wirken. Friedland. Am 15. Anglist fand in Friedet die Installierung des ersten Rabbiners Tr. B e r g in a n u, bisher in Loschitz, in feierlicher Weise unter Beisein der Ortsgemeinde- Vertretnugen von Friedet und Mistek statt. Der Bürgermeister Herr K o l t s ch a t s ch empfieug den Rabbiner an der Pforte mit einer Ansprache. Cnltusgemeinde-Depntationen erschienen ans Ostrau (Rabb. Dr. S p i r n), Tesche» (Vorsteher Glesinge r), Freistadt (Vorsteher Dr. All a y c r), Skoischan. Khrrow in Galizien. (B r a n d.) Am 26. d. M. brannten 500 Häuser ab. Unter der Einwohnerschaft heuschr große Nvty. Der Kaiser spendete ans seiner Privatschanille 5000 Kronen. Budapest. (Eine F a h n e n a f s a i r e.) Ans Unod im Boroschader Comitate meldet man Folgendes: Am Geburtstage des Kaisers verkündete von der Unoder Synagoge herab eine ungarische Nationatsahne den großen Tag. Ans der Fahne prangte auch die ungarische Kreme, nur dass von der Spitze derselben das Kreuz verschwunden, und an dessen Stelle das „Mögen David" prangte. Die Ortsvorstehnng machte dem Rabbiner deshalb Vorstellungen. Dieser weigerte sich jedoch, dem Befehle derselben, die Fahne zu entfernen, nachznkommen, oftmals in die Stadt, aber dos waren Lnstreisen, die einen oder zwei Tage dauerten. Längere Zeit hier zu verbringen hatten sie niemals versucht, und da sie an die weiteil Ferneil des Landes gewöhnt waren, bedrückte sie die Enge und das Gewühl der Stadt. Sie hatten gegen zehntausend Rubel an Vermögen, als sie in der Stadt Wohnung nahmen. Aber die mangelnde Erfahrung im städtischen Geschäftsleben verursachte ihnen große Verluste, und einige unglückliche Operationen machten das Üebel noch größer. Die Ersparnisse schwanden mit jedem Jahre dahin, von Unternehmen zu Unternehmen wuchs der Mangel, die Noth stand bereits vor der Thür. Um jene Zeit stellte sich beim Oberhaupte der Familie eine verheerende Hautkrankheit ein. Das Stadtleben hatte seine eiserne Gesundheit untergraben, die Sehnsucht nach der früheren Lebensweise und der Kummer über den Verlust des Vermögens, der die Familie dem Elende preisgab, thatcu das klebrige. Natürlich trug der schlechte Gestlndheitszustand des Vaters nur noch zur Verschlimmernng der materiellen Interessen bei. Drei Jahre nach ihrer Uebersiedlung in die Stadt starb der Gatte und hinterließ die Witwe mit ihren sechs Kindern ohne jegliche Subsistenzmittel. Stoch zu Lebzeiten des Mannes hattcn sie die frühere begncme Wohnung mit einer anbeven, engeren aber billigeren, vertauscht, auch halten sie ihre guten Möbelstücke verkauft, die in diesen Verhältnissen nur ein lästiger Luxus für sie waren. Aber trotz alledem befanden sie sich in äußerst drückender Lage. Alles in allem besaßen sie nur noch etwa sechshundert Rubel, da sie aber kein Geschäft in Händen hatten, war es leicht vorausznseheu, dass das Sümmchen bald dahinschmelzen würde. Der älteste Sohn, Josef, hatte noch ein Jahr vor dem Todte des Vaters das Hans verlassen, um in der weiten Welt sein Glück zn suchen, aber seine ersten Briefe brachten keine besonders glücklichen Nachrichten. Nun beschloss der zweite Sohn Abraham, zusammen mit der jüngeren Schwester Nahet nach Amerika zu gehen. Die Mutter widersetzte sich anfangs, bat mit Thräuen in den Augen, sie möchten von dem Vorhaben ablassen. War ihr schon der Gedanke au eine einige Trennung allein unerträglich, so bedrückte sie noch mehr das Bewusstsein, dass ihre Kinder, die ihr seliger Mann, den schlechten Zeiten zum Trotz, mit so vielen Aufwand m allen hebräischen Fächern unterrichten ließ, nun in Amerika, diesem „wüsten," ungeheuren Amerika, alles vergessen und völlige Heiden werden würden. Sie war überzeugt, dass ihr Gatte niemals eingewilligt hätte, seine Kinder auf diese Weise in alle Welt zu zerstreuen, und dies veranlasste sie, dem Vorhaben der Kinder energischen Widerstand cntgegenznsetzeu. Sie wollte sie bewegen, noch eine kurze Zeit anszuharren, bis der ältere Bruder ein feste Stellung gefunden habe und ihnen dann eine Stütze bieten könnte. Sie vertröstete die Kinder mit dieser Hoffnung, denn sie glaubte selber an die Fähigkeiten ihres ältesten Sohnes und war überzeugt, dass ihm der Erfolg nicht ansbleibeu würde. „Wären seine Kinder nicht so ungeduldig gewesen," sagte er uns oftmals, „dann hätten vielleicht die Dinge einen ganz anderen Verlauf genommen. Sie wären nicht bis ans Ende der Welt verstoßen worden, und ich wäre auf meine alten Tage nicht so mutterseelenallein geblieben. Doch, es war offenbar Gottes Wille..." Abraham und Rahel gaben nach und schoben ihre Abreise auf. Aber als wieder einige Monate verflossen waren und der ältere Bruder Josef noch immer von Stadt zu Stadt irrte, ohne ein sicheres Stück Brot zu finden, da ließen sich die jungen Leute nicht länger halten. Sie gab ihnen etwa ein Drittheil ihres Geldes, und mit dem Reste eröffnete sie sich einen kleinen Kaufladen. Ihre Ausgaben waren gering, da nur noch die jüngsten Kinder bei ihr geblieben waren. aber auch diese Ausgaben überstiegen die Erträgnisse des Ladens. Die Trümmer des Vermögens schmolzen zusehends dahin. War ihr Zustand daheim traurig und betrübend genug, so waren die Nachrichten, die sie von ihren Kindern erhielt, noch trauriger. In den Briefen klagten sie freilich nicht, sondern umgekehrt, sie waren voller Zuversicht und Vertrauen auf die Zukunft. Aber das Mutter-Herz ließ sich nicht betrügen, instinctiv ahnte es die bittere Wahrheit, dass es den geliebten Kindern in der Ferne schlimm genug ergieng. So sah die Gegenwart aus, was mochte noch die Zukunft bringen? Eines Tages erhielt sie einen Brief von Josef, der ihr berichtete, dass er die Hoffnung aufgegeben habe, jemals in einer der Städte des „Ansicdlungsrayons" eine Unterkunft finden zu können; daher wolle er sich den ansnehmlich glücklichen Zufall zunutze machen, der es ihm ermögliche, in einer Stadt im Innern Russlands, wo sonst keine Inden wohnen dürfen, sich anzusiedeln. . . Diese Nachricht betrübte die Frau sehr und sie vergoss bittere Thräuen über das herbe Schicksal, welches ihren Sohn in eine so fernen Gegend verstoßen hatte, )vv es fast gar keine Inden gab. Aber die Kunde, welche sie fast gleichzeitig ans Amerika erhielt, betrübte sie noch mehr. Die Geschwister mussten scheiden und konnten ferner nicht beisammen in derselben Stadt wohnen. Die Mutter konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihr zartes Töchterlein in dem fremden Lande unter fremden Menschen allein wohne, ohne den brüderlichen Schutz. Zudem hatte die alte Frau sonderbare Begriffe von der neuen Welt. Die fremdartigen, ihr völlig unverständlichen Lebensbedingungen, wie man sie ihr beschrieben hatte, flößten ihr eine natürliche Angst ein, die sie sich selber nicht erklären konnte. (Schluss folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.