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Jüdisches Volksblatt · 1900-09-01 · 35 (1.9.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
35 (1.9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Samstag Jüdisches Volksblatt 1. September 1900 Nv. 35 Nr. er findet kein Wo: t des Mitleid Z für hungernde Bettler, die i g'spendet mit Weib und Kind ins Exil wandern. Er!,nt itlr-- s1 manu» „Juden ihm Zirndorf" geschrieben — iit das a cht i'iia n van uer „Neuen Fr. Presse '? er W affe r-! Ein paar Dutzend Juden, b;e in Ww » neu Antrsenlitismus ist ihm kein kennen gelernt haben, konnten sich nicht entschließ m. eine G.m-ve Gedanke daran tvikd-rrgekwinnrn, als er non den Juden an der Wiener Neichsbrneke las? Und wenn nicht, so häcte ihn doch Herr E. V. Zenker daran erinnern können, der von der Roth der Juden in Nnssland und Rumänien in einem Satze sprach, der mit den Worten „Nebenbei gesagt" beginnt und dritthalb Zeilen umfasst. Itnb hat sich auch der dritte socialpolitische Jude der „Wage", Dr. E. W e n g ra f, dieser Inden der Balkaiihalbinsel nicht erinnert, als er in .Heine-Strophen die Königshochzeit in Serbien besang? Da ist weiters Herr Dr. Heinrich K a n n e r. Man sagt, dass er selber ein rnnianischer oder ein galizifcher Jude sei. War a,»ch er mit Blindheit geschlagen? Er liest ja gewiss die „Frankfurter Zeitung", deren Wiener Correspondent er ist. Hat er deren spaltenlange Berichte ans 9huitättieit übersehen? Wenn er der „Neuen Freien Presse" bernft-mäßig nichts glaubt, so wird er doch dem eigenen Blatte glauben, dass sich Frauen ins Meer stürzten, als ihnen die Rückkehr nach Rumänien drohte. Und er weiß ja genau, wann sich die Organe des Grafen G o l n ch o w s k i schneuzen. Sollte er nichts von der Action des österreichischen Gesandten Markgrafen P a l l a o i c i it i in Bukarest gehört haben? Mancher wirb vielleicht auch in der „Fackel" nach einem Worte über das Vorgehen der rumänischen Regierung gesucht haben. Zum mindesten, dachte man, werde sich ihr Herausgeber die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Wiener liberalen Journalisten, denen er doch oft genug ipr Jndenthmu unter die Mütter, die ohne Decken und ohne Kleid haben wandern müssen. Nase reibt, gehörig abzukanzeln, rais >ie I»ch ihrer armen Hinweis auf London, wo die Einwanderung der Stainniesgenosten nicht thatn aftiger annehmen. Denn auch Herr vertriebenen rlissischen Inden eine Vennehrung gewisser Verbrechen Karl Kraus hat doch wohl gemerkt, dass es sich bei biestr M„rbeiaftührt haben soll! Massenanswanderung um etwas mehr handelte, als um den . Z . . . , a Stoff zu einer immerhin nicht ganz alltäglichen „Loealnoti;". j ^tx ia* berganr sche Logik sei. von Ausländern, die dikrch denselben A »sise>tt'.tlsm.ls ihrer Heimat beraubt »tmoea waren, ohne H lse verkom neu zu lassen —• ist das nicht empörend von vec „Nme-t Fe. Peesse"? Ja, es muss nach Herrn Karl Kraus' Ansicht geradezu ansreizend ivirken, wenn diese Bettler, sechs!) inaert an der Zahl, die ohne einen Kreuzer nach Oesterreich kamen, bedeckt mit Reichthünlern von ungefähr 1.0 Gulden per M inn, die Grenzeii unseres Vaterlandes verlassen! In einer einzigen Woche haben die 30.000 Abonnenten der „Neuen Fr. Presse" über 000 Kronen gesammelt —■ ja, muss das für die armen Leute, die znin Sommeranfeiithalte in Ischl oder in Karlsbad »veilen, nicht den »virtschaftlichen Zusamineiibruch herbeiführen? Ja, es ist doch unerhört von dem „Weltblatte", dass es seine Leser zu solchen Ausgaben angestiftet hat, und dass es, »uie als Belohnung, diese den Intentionen des Hemr Karl Kraus zn- »viderlanfenden Spenden mit oder ohne Namensnennnng, »me sich's just einer an schafft, gar noch ansrveist! Man »vird vielmehr sorgen müsse»i, dass es diesen rumänischen Spaziergängern nicht so bald »vieder einfalle, ans fremde Kosten Vergnügungsreisen an die schöne blaue Donau! hatten. Denn ob sie nun Zenker oder Wengraf oder Kan nober Adler heißen, »oird inan nicht vergessen dürfen, dass es diejenigen Wiener Piiblieisten sind, die au Wissen, llnerschrockenb w »mb Ernst den liberalen Durchschnitts-Jonrnalisten am meiste!, überlegen ur.b die von der Verantwortlichkeit ihres Berufes am tiefsie» durchdrungen sind. Sie haben gewiss diese gilbet? Hatz betrachtet, haben sich über ihre Grunde, Rechenschaft gegeben und haben — einen Augenblick lang wenigstens — nach eilten» Wege gesucht, wie diesem Jammer ein Ende zu mache»» s Aber mit keiner ihrer Theorien kamen sie ans, »venu sie egrlih nach einer Erklärung suchten. Denn mit »virtschaftlichen Gründen koinmt man nicht aus, »vo eine Bewegung a l l e Schichten eines Volkes, selbst die Regierung, nnlsasst. Sie standen vor einer »t n ft o it a (e »t Bewegung, vor einer Anfeindung des jüdischen Volkes als solchen. Und das wollten die einen nicht zngebe»», »veil sie an eine jüdische Nation, die anderen, 'weil sie an eine solche Kraft nationaler Momente nicht glauben »volle». Verschwundene Ghriftemnädchsn. Unter diesem blutrünstigen Titel forscht die „Dentsche zu unternehmen und von ihrem Ranbritterschlvsse, ans den Holz-! Vettel-ZZtUlig" zweien Dienstmädchen nach, welche in den plätten im Donaneanal, ans das Land ab »»grasen ... > letzten Tagen mit Zurücklassung ihrer Effecten sich von» Und wie schön Herr Kraus zu verleunrden versteht! - H""se ihrer Dienstgeber entfernten und seither spurlos Nntttänische Paupers »n»d „Militärflüchtlinge" seien zu uns gekommen! Das sind wahrscheinlich die Säuglinge und ihre zu Aber da ka»n er in ein Dilemma. Gegen die Wiener Journalisten! 2lber Herr Kraus »ueiß ja ein Mittel gegen diese Misere. — das hieß in diesem Falls: für die Inden. Und er wollte j Man jage die Leute durch die Polizei davon, man stelle an doch nicht in den Verdacht komme»», dass auch er den» Jubenthum «»»gehöre, jetzt, »vv das doch thatsächlich seit fast einem Jahre nicht »nehr »vahr ist. Uebersehen? Das gieng bei ihn» nicht an, da er doch notorisch die „Frankfurter Zeitung" liest, schon um in Dr. Kanners Pensum allsüllige Schnitzer zu cocrigieren. Die »venigen Wiener, die das Elend unten sahen und empört »varen über die Kurzsichtigkeit, »velche die Tagesblätter diesen Vorgängen gegenüber heuchelten, erwarteten nicht ohne Ungeduld, de.ss einer, der sich unabhängig nennt, kommet» und mit den Pressleuten abrechnen werde. Er »verde den Leuten zeigen, »vie feig sie seien, dass sie es nicht »vagten, für sechshundert Exulanten einzutreten, lediglich deshalb, weil sie sich's principietl mit keiner Regierung verderben »vollen. Und wie wird er den antisemitischen Helden den Spiegel Vorhalten, die es sich nicht versagen können, von dem sicheren Hinterhalte ihrer Redactionsstuben ans alle möglichen Beschimpfnngeil und Beschuldigungen auf die wehrlosen Freindlinge loszulassen! Nun, Karl Kraus hat sich wirklich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Wer ihr» kannte, musste das ja von vornherein wissen. Er hat mit der „Neuen Fr. Presse" gehörig abgerechnet! Und mit seiner bewährten Geschicklichkeit hat er es überraschend taktvoll zu meiden gewusst, als ob er am Ende gar für die verjagten Inden eintreten wolle. Karl Kraus hat die „Nene Fr. Presse" angegriffen, aber nicht »veil sie für die rnmänischen Exulanten zu »venig gethan hat, sondern weil sie für diese heunatlosen Flüchtlinge zu viel gethan habe! Hub da soll noch jeniand sagen, dass sich Karl Kraus nicht zu helfen »veiß! Eine Arizahl von Lesern hat 7000 fl. für 600 Heimatlose der Grenze Gendarmen ans — und die Jndennoth in Rnmänien hat ein Ende! — Herrn Karl K r n n s ist bange um das bischen Geld der reichen Inden. Er wirft ihnen ihr Wohlthnn vor. Dafür »vird Ihnen von der „Arbeiter-Zeitung" w.eoec das G'gentheil vorgeworfen. Die „Arbeiter-Zütnng" »nag recht habei» — denn unsere reiche:» Inden tijitit sich niemals zu weh! Aber »voher nimmt die „Arbeiter-Zeitung", die nich ts gethan hat, das Recht, denjenigen Vorwürfe zu mache»», die »venigstens ettvas gethan haben? Die „Arbeiter-Z ntnng" »var dasjenige Blatt, das sich von allen Wiener Blärnri» am spätesten entschlossen hat, von de»n Haufen Elena, der an der Reichsbrücke lag, Kenntnis zu nehmen. Und mm» wicd mit Recht daran erinnern dürfen, wie das Blatt, so »vie irgendwo ein armer Teufel delogiert »vird, sich nicht genug thnn kani», die Hartherzigkeit der Menschen und Ungerechtigkeit der V'rhälm-sse zu vernrtheilen, die solche Möglichkeiten schaffen. Wo ist die Gesellsch »stskritik geblieber», als die rumänischeil Inden in die »ueite Welt zogen? Und »vo »var der Stift versttckt, der sonst so kampseslnstig gegen alle Regierungen gesoitzt »vird? Ja, die Taktik, die Taktik! Was küinnrern uns die rumänischen Inden — denkt der Wiener Spießer, selbst »venu er Soeialdemokrat ist. Und — was kümmern Ulks die rumänischen Juden, denken die Adle r und die Ingwer und die A n st e r l i tz dem Wiener Spießer nach. Denn man darf doch um Gotteswillen kein Jndensoei sein! Und »na»» »vird zum Schlüsse fragen müssen, »vas dem» für all diese Herren der letzte Grn»»d getuefeit sei, dass sie sich mit dieser Katastrophe nicht eingehender und ernster be verschwunden sirad. Man sollte nun glauben, es sei ganz nebensächlich, dass die beiden Mädchen bei (thatsächlich oder angeblich) stre»»g-oithodoxen jüdischen Familien im Dienste standen. Weit gefehlt, die Perfidie der „Deutschen Zeitung" klamtnert sich gerade an diesen Umstand, tnbem sie rhu unter »»alnentticher Anführung beider Familien mit gesperrter» Lettern constatiert. Zu errathe»», was sie baniit meint, überlässt sie ihrem Leser, der sich eigerlttich gegen die Znmuthung sträuben »uüsste, ihren in Schmritz unb Unflat führenden Gedankengängen folge»» zu sollen; dadurch nimmt sie jedoch, dummschlan, »vie sie ist, de»» i»» ihrer Ehre Gekränkten die Möglichkeit, den heilntückischen Verlenrnder zu belangen. „Wen»» den Mädchen also nicht viel Schliinlneres »viderfahren ist," sagt sie da»»n mit cynischer Naivetäl, „so dürften sie in die Hände vor» jüdischen Mädchenhändlern gerathen sein." Wir rathen der „Deutschen Zeitung", »ven»» ihr Interesse an den „Christennrädchen" kein geheucheltes ist, doch nach diesen in den Häusern der gesinnnngsgenössenschaftliche»», ge»neinderäthlichen Bordell-Besitzer zu forschen. Wenn nicht die Gesuchten, so wird der christlich-sociale Schmock dort mindestens ebensoviel Stoff z»» neuen Lügen finden, als Mädchen, j üöev deren Aufenthalt ihre nächsten Angehörigen nicht unterrichtet fhtb. * * * Friedrich Nietzsche und die „Deutsche Zeitmrg^ lie. Was »vir unsterblich wähnten an Friedrich Nietzsche, da, eine Leiche, den Hyänen zum Fräße auf dem Anger der Weltgeschichte. Dem unerforschlichen Rathschlusse Dr. Mahners hat es gefallen, den Großen auch geistig von dieser Erde abz»»berusen: „Ein siecher Mann erhebt sich nächtlichertveile, n»n aus Trünrntern und Schult und Müll und Gerümpel einen neuen Götzen zusammenznkltten, vor ihm ins Knie zu sinken und ihn anzubete»», jenseits von Gut unb Böse — ihn, den Baal aller Finsterlinge, Fren»dnnd Frechlinge, aller Einbrecher und Diebe, Despoten und Faulenzer —■ den Uebermenschen." Das ist das Bild Nietzsches, im Spiegel des Wähner'schen Geistes arischen und antireligiösen Standpunktes immer eine große Verehrung. Unwillkürlich tauchen beim Lesen der Bibel, sagt Nietzsche, die farbentruiikenen Landschaften Kanaans auf, und auf ihnen starke heroische Menschen mit großen gewaltigen Leidenschaften und »nnthigen Herzen, die für ihre Ideen jederzeit ihr Leben zu opfern bereit »varen. Diese Menschen schufen eine Religion von solch geistigem Reichthnm, dass sie ungeschent unb stolz die Prüfung unserer modernen Culmr verträgt. Nietzsche zog aus, um das Judenthun» zu vernichten. Aber auch an ihm vollzog sich das Wunder, dass er in den Ruf ausbrechen musste: Wie herrlich sind Deine Zelte, Jakob!. . . Einsam. Eine Skizze von I. Berschadski. (Aus dem Hebräischen.) Einsam und verlassen war sie in den letzten Jahren ihres Lebens, keiner ihrer nächsten Angehörigen ftatib ihr bei, als sie auf dein Krankenbette darniederlag, das sie nicht mehr verlassen sollte, keiner war erschienen, um sie zu belveinen und ihr das letzte Geleite zu geben, keiner war da, um bei ihrer Bahre das erste Kaddisch zu sprechen. Meine Frau und ich, wir waren die ei»»zigen Freunde ihrer letzten Lebenstage, wir warteten ihrer in der Krankheit und »vir betteten allein ihren Sarg in der Erde. Unsere Thrünert waren die einzigen, die auf das Grab dieser verwaisten Greisin fielen, mein Kaddisch »var das einzige Gebet für ihre Seele — aber wir waren ihr ja völlig fremd. Uns verknüpfte kein verlvandtschaftliches Band mit ihr, wenige Jahre vor ihre»»» Hinscheide»» waren wir mit ihr bekannt gelvorde»». Sie beivohnte uns gegenüber zwei klei»»e Zimmerchen, in beiten sie mutterseelenallein hauste. Sie empfieng keine Besuche und besuchte ihrerseits auch niemanden, sie gieng nur aus, um Einkällfe z»l machen, u»»d um dem täglichen Gottesdienste beizuwohnen. Sechzig Jahre mochte sie zählen, ihre Haltung war gebückt, ihre Gestalt »var schmächtig, doch war sie, ihren Jahre»» zum Trotze, noch slirtk in den Beweguugen. Ihr Gesicht »var verschrumpft und gefurcht, und ihre hellbraunen Augen »varen umflort, nur ihr angenehlnes Lächeln und ihr ruhiger Blick verrierhen große Herzensgüte und Ebelnmth. Ihre schlichten, abgetragenen Kleider waren von peilllicher Sa»»berkeit, in ihrer kleinen Wohnung herrschte stets ninsterhafte Ordnung, »vas uns sofort für sie einnahm. Noch »»»ehr zog uns ihre stille Zurückgezogenheit au, »vie auch der schlvermüthige A»»sdr»lck ihrer Zuge, die verriethen, dass dieses arme Wesen viel iin Leben gelitten habe»» »nusste. Wir suchten u»»s ihr zu nähern und sie gieng mit Fre»»den darauf ein. Es dauerte nicht lange unb sie »var uns wie eine Mutter oder eine alte Tante. Wir »varen erst kurz verheiratet, meine junge Frau »var eine Anfängerin in der Wirtschaft und daher kaln ihr die Erfahrung der Alten sehr zu statten, die sie mit ihrem sanften, ruhigen Lächeln lehrte, »vie man dies und jenes im Ha»»shalte anz»»fangen habe. Als nns das erste Kind geboren w»»rde, gelvann die alte Frau es lieb und lvartete es mit einer beinahe größeren Sorgfalt, als die eigene Mutter. Wenn sie das Kleine hätschelte, »var es offensichtlich, dass sie eine unaussprechliche Wonne empfand. Dan»» leuchteten ihre Auge»», die Falten in ihren» Gesichte glätteten sich, auf ihren welken Lippen erschien ein wonniges Lächeln, in ihrer Stimme tönten eigenthümliche frohe Accente. Auf den ersten Blick mochte man dies für die natürliche Folge jener echt »veiblichen Neigung halten, kleine Kinder zu betreue»», einer Neigung, die bei dieser Frau vielleicht in einem besonders hohen Grade entlvickelt war; doch bei nähere»»» Z»»sehen konnte man sich leicht überzeugen, dass eine »veit tiefere Ursache da im Spiele »var. Die Pflege des Kindes schien in ihr verschollene Erinnerungen »vachzurufen an eine ferne Zeit, da sie selber eine glückliche junge Mutter ge»vesen »var, die ihre eigenen Säuglinge au den Busen drückte; vielleicht erregte der Anblick des fremden Kindes in ihr eine Sehns»»cht nach a»»deren kleinen Kindern, die ihre»»» Herzen näher stal»den, aber ihren Augen fern toareit, Kinder, die sie vielleicht gar nicht kannte und die nur in der Phantasie an ihr vorüberzogen.... Diese unsere Berinnthnngen stellten sich als wahr heraus, nachdein »vir die Einzelheiten der Lebensgeschichte dieser Frau erführe»», eine Lebensgeschichte, die ebenso schlicht uub alltäglich »vie tief tragisch »var .. . Vielleicht liegt das Tragische solcher Lebensgeschichtcn gerade in ihrer Häufigkeit und Alltäglichkeit .... * * * Es »var ein ruhiges, znfriebenes Leben, »velches sie z»vanzig Jahre taug au der Seite ihres Gatten führte. Sie »varen nicht reich, aber in» Hanse herrschte Fülle und Wohtstanb. Sie »varen Pächter eines La»»dgntes, »velches einem polnischen Edelmanne gehörte. In diesem Unternehmen gibt es verschiedene Betten, gute uub schlimmere, im allgemeinen aber trägt hier die Arbeit ihre Früchte, und so hatten sie dem» ihr At»sko»llu»en ohne Mangel uub Noth. Sie gewöhnten sich an das La»»dleben so sehr, dass sie sich ein arlderes Leben gar nicht denken konittei». Doch es fattt anders. Als am Anfänge der Achtzigerjahre die Pachtzeit abgelaufen »var, »nnssten sie die Landlvirtsthaft verlasse»», um auf die alten Tage einen aubereu Bernfsweg zu suchen. Der Cvntract durfte nicht erneuert »verden, da mittlertveile die bernhinten Mai-Gesetze herausgekvmmen »vare»», »velche den Juden den Aufenthalt auf dem Lmtde verboten. Diese fatale Wendung »var in »naterieller Beziehung ein schtverer Stoß für sie, denn sie beraubte sie des ge»vohnten Lebensunterhaltes gerade in der Zeit, da die Kinder herautvnchsen und die Bedürfnisse sich natnrgenläß steigerten. Doch »»» der ersten Zeit »»»achte sich dies »völliger fühlbar, da der seelische Schrnerz. tvelchen der Uinschlvung mit sich brachte, uberwog. Als »vir mit der alten Frau bekannt mürben, »varen seit jener Zeit sckivn viele Jahre verflossen, die über das Ha»»pt unserer Frenndin viel Jammer und Unglück gebracht hat ten und doch zitierten stets Thränen in ihrer Stinnne, sobald das Gespräch auf jenes Ereignis ka»n. Der Tag, an dem sie das Ha»»s, die Gärten, die Felder, die Schen»»en, die Rinder und Pferdeställe verlassen »nusste»», das »var der „größte Tranertag" in ihrem Leben. Hatten sie s»»h ja an diese Uingebnng so gelvöhnt, dass sie bereits vergessen hatte»», dass all dies nicht ihr dauerrider Besitz »var. Das Stadtleben machte ihnen das liehet noch fühlbarer. Die Alte»», noch häufiger aber die älteren Kinder, kalnen freilich geseh e, Heimat hatte. 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