Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 35 (1.9.1900)
- Date
- 1900-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ledartion: VIII/1, Schlötzelgaffe 11. Sprechfttinde» r 8In Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdische« «„»Sblatt, Wien, Vesr^wsrden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mnnusertvte werden nicht zuriiekgestellt. Postsparcassen-Conto 847037. In das Abonnenient kann man täglich eintreten. Hemt jeden Freitag nnker Mikwirkrung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefseommifston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, M. Pozsonhi, A. Schalek In Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im kluslande. Giuzel-Nummer in Wien 16 Heller. Administration: VIII/1» SchlShelgnjsv U. AbonnementspreiS: Für Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustelliing. Ganzjährig . . Kr. 8.— Salb jährig.„ 4.— ierteljährig.„ ft.— Für da8 gesammte Ausland sammt Francozustelliing. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4.50 , .. 2.25 p uuiLHiji—mxn Nr. 35 , 1. Septemder 1900. 11. Jahrgang. Die Befreiung der Fremden! (Gedanken eines Inden.) Europa jubelt. Die „verbündeten" Krieger haben — natürlich nicht ohne Verluste — Peking genommen, die Gesandten „befreit" und gehen nun daran, die Chinesen für die den Fremden angethane Unbill zu züchtigen. Ist aber die Befreiung von „Fremden", für it)“cc Rechte einzutreten und sie gegen jedes ihnen widerfahrene Unrecht zu schützen, wirklich das Ideal Europas? Wir Jude n können mit einer Antwort auf diese Fragen dienen, wir sind ja die „Fremden" Europas, und wie es mit unseren Rechten im allgemeinen und mit deren Sicherstellung im besonderen bestellt ist, ist ja männiglich bekannt. Oder eigentlich nein, wir sind ja keine Fremden, unsere Feinde nennen uns bloß so, und in Russland und Rumänien ist diese falsche Benennung sogar gesetzlich sanctioniert, trotzdem die Juden Rumäniens bereits sechs Jahrhunderte dort ansässig sind und Russland die polnischen und lithauischen Provinzen mit den dort fest angesiedelten Juden nur übernommen hat. Dennoch heißen wir „Fremde" in Rumänien und „Nicht Eingewurzelte" in Russland. Gut, stellen wir uns auf den Standpunkt der Verfassung dieses Landes, wo ist aber dann der Schutz dieser „Fremden" im eigenen Heim, für den man im fernen Welttheile die besten Krieger hinaussendet? Europa duldet nicht die Verfolgung der Fremden in China und die Schmälerung der Rechte derselben in Transvaal, aber für die Brutalisierung der sogenannten Fremden in Rumänien und Russland findet niemand ein Wort des Tadels. Heißt das nicht „Maß und Maß, Stein und Stein"? Dieser sonderbare Begriff „Fremder" ist dem Judenthum überhaupt unbekannt. Eine talmudische Sage erzählt, dass der Herr, als er darangieng, den Menschen aus dem Staube der Erde zu schaffen, ans allen Erdtheilen den Staub sammelte, damit der Mensch auf keinem Flecken der Erde sich fremd fühlen soll. „Der Mensch ist ein Kind der Erde und niemand kann i h m die Scholle, auf dem seine Füße st e h en, streitig machen," lehrt das Judenthum, und gerade das Judenthum musste die bittersten Erfahrungen in dieser Beziehung machen! Die aus Rumänien verwiesenen Juden wandern heimatlos durch Europa, das ihnen seine Grenzen sperrt, aber dasselbe Europa zieht in den blutigen Kampf, um das „heilige Recht" der Fremden zu beschützen. Welch merkwürdiges Schauspiel! Gegen den chinesischen Zelotismus verbinden sich Friedrich Mehsche als Weher. Von Dr. Leo Sofer. Diese Zeilen sind den Manen Friedrich Nietzsches geweiht, des Glücklichen. Denn ist der nicht glücklich zu preisen, der die grässlichsten Leiden siegreich mit einem heiligen Lachen überwand, nm die herrlichsten Blüten des europäischen Geisteslebens zu pflücken? Ist der nicht glücklich zu preisen, der mit einigen Jahren der Qual — die Unsterblichkeit erkaufte? Ja, Du bist unsterblich, Friedrich N i e tz sch e; strahlend prangt Dein Name neben denen der größtenHeroen der Menschlichkeit! WirJuden haben besonderen Grund, mit Verehrung zu N i e tz s ch e empvrznblicken; denn wenige Geister halten die Kraft gleich ihm, das Jndenthum zu verstehen und zu würdigen. Der Geist seiner Schriften ist der beste Führer znm Verständnis der jüdischen Volksseele. Wir Inden sind, so wie wir schaffen, die Früchte von dem Geistesbaume Mosis. Ein Genie schafft für Jahrtausende; es trotzt der Zeit. Alle diese materialistischen Afterweiscn mögen an diesem Beispiele erkennen, wie ein Volk, das immer Sonne nnd Wind gegen sich hatte und aller materialistischen Voraussetzung nach znm Tode bernrtheilt war, sich doch erhielt durch die mystische Kraft eines souveränen Geistes, der vor Jahrtausende die Gesetze schuf, die es befähigten, alle Stürme zu überdauern. Solch ein Geist war Moses. Er war ein Uebermensch im Sinne Nietzsches. Er stürzte die allen Werte, die morsch nnd brüchig waren, nm nnd schuf neue; er zerbrach die alten Tafeln und richtete neue auf. Diese Tafeln sind die zehn Gebote. Sie sind es, die unser Volk durch tausendjähriges Elend und tausendjähriges Exil begleiteten; sie sind es, die ltach nnd nach einen Siegeszng durch die ganze Welt antraten. Durch die ganze Erde, nicht nur durch ganz Europa. Denn, ist der Kanipf, der sich vor unseren Augen jetzt in China abspielt, etwas anderes als ein Ringen zwischen der sämmtliche Mächte der Welt, alle vereinigen sich im Namen der Civilisation und senden ihre besten Kinder gegen die feindlichen Kanonen, um die den Fremden angethane Schmach zu rächen — wer aber wird gegen den Zelotismus Europas auftreten? Deutschland marschiert an der Spitze, Russland tritt auf mit seiner gewaltigen Macht. Wer aber wird seine Macht entwickeln gegen die Verfolgungen der Juden in Russland, und wer wird sich an die Spitze stellen gegen die demüthigende Behandlung derselben in Deutschland? Wer? Wenn n i ch t w i r Juden s e l b st? Denn es ist nicht wahr, dass wir die Schwächsten sind in dieser Welt. Wenn Geld und Presse Macht bedeuten, dann besitzen wir eine Macht. Aber freilich, der Fluch der Schrift: „Kinder werdet Ihr gebären, die nicht Euch gehören," erfüllt sich in uns in grausamer Art! Wir besitzen eine Macht, aber sie gehört nicht uns! Unsere Großen sind nicht die Unserigen! Die jüdischen Millionäre sind Geschäfts- Millionäre, auch wenn es gegen ihr Volk geht, und unsere Presse entsetzt sich vor nichts so sehr, als gegen die Bezeichnung „jüdisch". „Hepp, hepp" ruft man den ersteren nach, und „Judenpresse" nennt man unaufhörlich die andere, aber beide fahren fort, Vogel Strauß-Politik zu spielen, und wagen nicht, für ihr eigenes Volk aufzutreten. So kommt es, dass wir viel haben und gar nichts! Wir selbst bleiben uns gegenüber selbst fremd! Unser Volk wird aber nur dann erlöst werden, wenn es sich selbst Hilfe bringen wird, wenn das Volksbewusstsein derart in unser Inneres eindringen wird, dass ein jeder von uns, zu einem gemeinsamen Ganzest' organisiert, sich als Glied des ganzen Volkskörpers fühlen und nicht mehr sich selbst gegenüber fremd bleiben wird. Gegen diese Fremde n.müssen wir auftreten, unsere eigenen Fremden müssen wir von ihrem wahnsinnigen Glauben befreien, dass sie Deutsche, Franzosen, Russen und weiß Gott was sind, , Gegen diese müssen wir unsere moralische Waffen richten und so lange kämpfen, bis sie zu uns zurückkehren, dann werden wir gleichfalls jubeln können über die Befreiung unserer Fremden. Die „unabhängige" Presse. Was ein „Judenblatt" ist, das weiß heilte jedermann in Wien. Besonders die Inden aber wissen, dass es diejenigen Blätter sind, die uns am meisten dadurch geschadet haben, dass alle Welt glaubt, sie vertheidigen nnsere Interessen, während sie sich in Wahrheit davor hüten, für irgendeine jüdische Sache ernsthaft einzutreten. Sie dürfen es deshalb nicht, weil sie von Lehre Mosis, der semitischen Moral, und der Lehre Buddhas, der arischen Moral? Und dieser Kampf wird nicht früher rasten, als bis das Gesetz Mosis auf der ganzen Erde herrscht. Erst wenn es die ganze Erde überwunden hat, lutvb es sich selbst überwinden. Nietzsche stemmte sich mit der ganzen gewaltigen Kraft seiner starken Individualität als letzter Ritter der arischen Moral gegen die semitische; ein vergebliches Beginnen, wenn er die semilische Moral stürzen zu können vermeinte, ein fruchtbares Beginnen, da er uns die imponierende Größe dieses uralten Gebäudes erst zu Bewusstsein brachte. Verwenden wir ein Menschennlter auf das Studium der Gesetze Mosis, nnd daun wagen wir in aller Bescheidenheit ein Urtheil — das sollen wir von Nietzsche lernen. Wie Michel A n g e l o in Stein, so hat N i e tz s ch e in deutscher Sprache Moses ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Der Uebermensch, sagt N i e tz s ch e, ist eine Figur, die nicht erst entstehen soll, svndern zu allen Zeiten existiert hat, und sie kann nicht nur durch ein Jndividmun, sondern auch durch ganze Geschlechter, Stämme oder Völker repräsentiert werden. So kommt auch ein altes Wort zu neuen Ehren, das alte Wort von dem anserwählten Volke. Ja, wir Inden sind ein anserwähltes Volk, anserwählt und auserlesen vom Schicksale; so lange sausten die Hammerschläge des Schicksals ans uns nieder, bis nur härter und stärker wurden als das Schicksal. Alles Schwache wird ans dem Altäre des Moloch Antisemitismus geopfert, und nur die starken, sieghaften Naturen bleiben erhalten. Diese Auswahl und Auslese ist sicher noch nicht beendet, noch ist viel zu vieles im Organismus des jüoischeu Volkes krank. Aber es will nlich bedünken, dass gerade in unseren Tagen nach langem Stillstände das Werk der Auslese wieder mic eisernenl Besen arbeitet. Noch viele müssen verloren gehen, damit das ganze Volk gerettet werde; noch werden viele Berufene verworsen werden, bis die Starken anserwählt sind; schwächer müssen wir werden, damit wir stark Leuten abhängen, die, wenn sie ihrer Abstammung nach Juden sind, dies so schnell als möglich vergessen lassen wollen. Der Gesinnung der Auftraggeber entspricht übrigens auch in den meisten Fällen die Gesinnungslosigkeit der Beauftragten. $ W Es gibt aber auch sogenannte „unabhängige" Journalisten. Sie nennen sich Socialpolitiker. Sie haben sich den Kampf gegen die Unterdrücker politischer Freiheit und gegen die Ausbeutung wirtschaftlich Schwacher zur ersten Aufgabe gemacht. Man hätte also mit einigem Rechte erwarten dürfen, dass sie auch in einem so crassen Falle der Rechtsbeugung, wie es die rumänische Judenaustreibung mit allem, was drum und dran hieng, war, znm mindesten ein Wort der Verurtheilung finden iverde. Man hätte erwarten dürfen, dass sie die Ausnahms- Verfügungen der rumänischen Regierung ans ihre Gesetzmäßigkeit prüfen, dass sie die wirtschaftliche Unterdrückung der Juden feststellen und nach Gebür würdigen werde. Ja man hätte von diesen Theoretikern der Politik und des Wirtschaftslebens sogar erwarten dürfen, dass sie sagen, wie ihrer Meinung nach den Uebelständen abzuhelfen sei. Wenn diese Herren, obwohl sie gleich ihren Lesern zumeist Juden sind, jüdisch-religiösen und jüdisch-nationalen Fragen kein Interesse entgegenbringen, so wird man ihnen dies in dem Augenblicke nicht mehr gar sehr verargen, wo sie erklären, dass sie einer jüdischen Nation nicht angehören. Hier aber hat es sich nicht um theoretische Fragen gehandelt, sondern um Hunger und Elend, um Unrecht und Gewalt. Man hat nach dem eigenen Augenschein, nach den Angaben der Zeitungen verschiedenster Richtung und nicht zuletzt durch die amtliche Ableugnung der Schuldigen die Acte grausamer Willkür controllieren können. Für die Socialpolitiker war das, wenn keine jüdische, so doch eine „rein menschliche" Sache. Es ist kein Zweifel, dass sie in jedem anderen Falle darüber Zeter und Mordio geschrien hätten. Wenn sie diesmal mit Wissen und Willen Blindheit und Taubheit simuliert haben, so geschah dies lediglich deshalb, weil es sich nm Juden handelte. Es wird nöthig sein, Namen zu nennen. Es wird dies deshalb nöthig sein, um zu zeigen, dass bei diesem Uebersehen des rumänischen Judeuelends wirklich Absicht im Spiele war. Man wird ruhig sagen können: b ö s e Absicht, wenn man ihr Verhalten zu der Affaire mit ihrem Verhalten zu ähnlichen nichtjüdischen Affairen vergleicht. Den Eindruck journalistischer Ehrlichkeit hat man gewiss nicht erhalten. Zmn mindesten lüg die von ihnen so oft getadelte TodtschweigetakUk ihrer journalistischen Gegner vor. Da ist vor allem Herr Dr. Rudolf Lothar, der gewesene Zionist. Er erinnert sich wohl daran, wie er einmal seinem Unmuthe sogar über „antisemitische Caricaturen" Ausdruck gegeben hat, die er in Paris entdeckte. Es that ihm in der Seele weh, dass er R o t h s ch i l d verhöhnt sah, aber genug sind, der aushorchenden Menschheit wieder ein neues Wort ä" sagen. , . . - Aber nur wir Juden sind dazu berufen, wir, Dieser Fels aere perennius, diese Nation par excellence, wie N ietzsche sagt. Fürwahr, ein Gefühl der Rührung ergreift uns, wenn wir sehen, dass die Ideen, die heute die ganze Menschheit bewegen, schon im ersten Buche Mosis einen so prägnanten Ausdruck finden, nämlich die Rassenideale. Immer wieder taucht die Mahnung auf, sich nicht mit den Töchtern der Fremden zu vermischen, laut nnd hart bis zur Grausamkeit und drakonischer Strenge. Das Blühen einer Nasse ist mit dem Blühen ihrer Jnstincte verknüpft. Degenerieren die Jnstincte durch Kreuzung mit Fremden, so ist die Rasse nach einer Periode, in der sie zu noch höherem Glanze anfznsteigcn scheint, dem Untergange geweiht. Unsere Assmülationspolitiker wollen nun künstlich die jüdischen Rasseninstinete, die sich trotz des Exils und trotz der Bedrückung erhallen haben, mit dem geilen Honigseim ihrer glatten Zungen ausmerzen, indem sie vorgeben, es geschähe znm Heile des Volkes. Den Untergang Judas wollen sie, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Diesem mörderischen Beginnen stellen wir Nationalen uns entgegen, im Geiste Nietzsches. Denn dieser rast uns zu: Entivever wir beginnen, gestärkt mit all den neuen beglückenden europäischen Ideen, auf dem uralten jüdischen Enllurboden ein neues Leben, oder wir gehen rühm- und klanglos einem schmählichen Ende entgegen. Wählen wir! Für Inden, die Inden sind, wird die Wahl nicht schwer sein. Diese Gedanken überkommen einem bei dem Tode des Mannes, der die glücklichste Mischung des Typus Dichter mit dem Typus Philosoph darstellte, die die Erde bis jetzt getragen. Aus dieser Mischung herrlicher Elemente erwuchs eine Sprache von solchen. Wohllaute, wie sie früher nur in unserer Bibel ertönte. Für dieses Buch hegte Nietzsche trotz seines