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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. August 1900 Seite 3 haben, und dass infolge dessen, wie in einem civilisierten Staate selbstverständlich, dem heulenden Pöbel nicht der Gefallen erwiesen wurde, einige unschuldige Menschen zu verfolgen. Entrüstet stellt das Blatt Ehren-Wolfs die Frage, wann der deutsche Michel aufwachen werde, und gibt damit seiner ungeduldigen Hoffnung auf einige ausgiebige Verbrechen Ausdruck. Die Frage wird eben von verschiedenen Menschen verschieden aufgefasst. Die »Ostdeutsche Rundschau" fühlt sich so sehr als Fachorgan für Verbrecher, dass sie den Schlaf für den einzigen Zustand hält, in welchem ihre gesittttungsgenüssischen Mandatsstreber keine Verbrechen begehen, und ans diesem muss sie den deutschen Michel doch schleunigst aufrütteln. * * * Unerhörte Roheit. In einer Rasierstube in der Brigittenau ist eine jüdische Raseurin beschäftigt, die durch ihre bloße Existenz den Unwillen eines christlichen Raseurs derart erregt, dass sie von ihm mit Ohrfeigen behandelt wird. Vor den Richter gestellt, gibt er seinem Bedauern Ausdruck, dass er bloß mit der linken und nicht auch mit der rechten Hand zugeschlagen habe. Während der letzte Jude sich schämen würde, gegen ein schutzloses Mädchen die Hand zu erheben, werden derartige Blüten der Herzens¬ und Geistesbildung von der christlich-socialen Strizzipartei mit Beifall begrüßt. Die antisemitischen Blätter, welche bei jeder Gelegenheit über jüdische Unarten klagen, gebe» dadurch, dass sie von dieser Roheit mit breitem Behagen berichten, von bc, christlich-socialen Artigkeit Zeugnis. Chronik des Judenthums. Anlaut Wien. (F e st g o t t e s d i e n st.) Anläßlich des 70. Geburtsffvstes Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph l. finden .in sämmtlichen Bethäusern der israelit. Cultusgemeiude in Wien Samstag den 18. August um 8 Uhr vormittags feierliche Gottesdienste statt. Wien. (K a i s e r f e i e r.) Im Bethause „Marpe Lnnefesch", 11., Glockengasse 4, findet anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers Samstag den 18. d., 10 Uhr vormittags, ein feierlicher Gottesdienst statt, wobei die Festpredigt von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner N. Fried mann abgehalten wird. Wien. (Schiffsynagoge.) Im orthodoxen Bethause, 11., Große Schiffgasse 8, findet zur Kaiserfeier am 18. August 10 Uhr vormittags ein solenner Festgottesdienst statt. Wien. Mittwoch den 8. d. M. wurde Herr Dr. Adolf Reiß unter allgemeiner Theilnahme zu Grabe getragen. Die große Bedeutung des Hingeschiedenen zeigte sich an der zahlreichen Betheiligung bei dem Leichenbegängnisse Nicht nur seine Berussgenossen, sondern auch andere Kreise und Körperschaften waren zahlreich vertreten, und als Se. Ehrw. Herr Rabbiner Kramer in beredten Worten die Vorzüge des Verblichenen als Mensch und Jude hervorhoü, als er den Schmerz seines alten Vaters, seiner jungen Gattin, die ihm erst vor einigen Tagen seinen ersten Sohn geschenkt, schilderte, da blieb kein Auge thränenleer. An seinem Grabe hielten ihm Herr Dr. Reis b erg im Namen des Vereines der Aerzte und Herr WUhelm Fleischm a n n im Namen des Bethaus-Vereines „Montefiore", dessen Mitglied der Verblichene gewesen, warme Nachrufe. Zum Schluffe recitierte Herr Heinrich Groß, Gantor des ,Montefiore"-Bereines, mit seiner Heldentenorstimme in ergreifender Weise das El Mole Rachmin. Möge die Erde ihm leicht sein! 1°. r. Wien. (25jähriges Berufs-Jubiläum eines P r i e st e r s.) Der Cantor der Sechshauser orthodoxen Judengemeinde, Herr Karl G r ü n f e l d, vollendet Samstag den 18. d. M. das fünfundzwanzigste Jahr seiner Amtswirksamkeit. -— Herr Karl Grünfeld entstammt einer alten ungarischen Familie, in der das fromme Amt eines, Cantors, Kore und Schochet von Generation zu Generation der jeweilige Erst¬ und sandte durch Vermittlung des Bischofs von Honkong am 25. November 1850 zwei intelligente bekehrte Chinesen zum Zwecke der Nachforschungen aus. Schon nach wenigen Monaten kamen die Abgesandten zurück und brachten zwei chinesische Juden im Alter von 40 und 45 Jahren mit, von denen einer echt jüdische Züge hatte. Das Interessanteste, was sie mitbrachten, waren acht Manuscripte mit Stücken aus dem Alten Testament in hebräischer Sprache, meist in großen Rollen, wenige in kleiner Buchform, auf sehr dickem Pergament deutlich geschrieben, mit Punctationen, die von ihnen Simanim (Zeichen) genannt wurden. Ein reicher Jude in Calcutta veranlasste einen seiner Angestellten, den aus dem Elsass stammenden Abraham Stempel, eine Reise nach dem Inneren Chinas zu. unternehmen, um genaue Nachrichten über die Juden dieses Reiches zu sammeln. Die Berichte dieses Abraham Stempel, dessen Reise eine Reihe von Jahren in Anspruch nahm, seien hier im Auszuge mitgetheilt: »Nach längerem Hin- und Herreisen, nach allen von mir angestellten Nachforschungen und eingezogenen Erkundigungen gewann ich die Ueberzeugung, dass jenseits des Jrawady-Fluffes Juden wohnen müssen. Der Charakter dieses Flusses ist äußerst wunderbar. Einmal in vierzehn Tagen dringt aus seiner Tiefe ein ohrenbetäubendes Getöse hervor, das eine Meile im Umkreise hörbar ist, der Wasserspiegel beginnt zu wanken, in wilder Flucht thürmen sich die Wellen zu Manneshöhe empor und machen jede Fahrt auf dem Flusse unmöglich. Diese Erscheinung erinnerte mich an die Sage von dem Sambation, der nur an einem Tage in der Woche, am Sabbath, passierbar sein sollte, weil er an den übrigen Tagen unausgesetzt Steine aus der Tiefe hervorwirft. Es gelang mir indes an einem Tage, glücklich über den Fluss zu kommen, und schon das erste Dorf, in das ich gekommen war, war von Juden bewohnt. Ich bemerkte nämlich an der Wand des Zimmers, das ein Bewohner des Dorfes mir zum Nachtquartier geborene ausübte. Herr Grün selb kam mit 18 Jahren als Cantor in die Schwefelstadt Baden, von wo er 1875 in seine gegenwärtige Stellung berufen wurde. Er hat, wie ein Zeugnis Sr. Ehrwürden Davis Schmidl besagt, »sich durch hervorragende Tüchtigkeit ausgezeichnet und ebenso auch durch friedfertiges und würdevolle- Betragen, sowie durch sein höchst lobenswertes Bestreben, für humanitäre Zwecke thatkräftig zu wirken, im ganzen Bezirke die allgemeine Achtung und Wertschätzung erworben". Eine seiner vielen Humanitären Schöpfungen ist der anlässlich des 40jährigen Regierungs-Jubiläum' des Kaisers gegründete Unterstützungsverein »Edelsinn" für bedürftige Wöchnerinnen, bei dem Herr G r ü n f e l d seit 12 Jahren Präses ist. Mit Rücksicht auf den streng-orthodoren Charakter musste von der geplanten Jubiläums-Feier Abstand genonnnen werden, jedoch wird Samstag den 18. d. M. im orthodoxen Tempel, 14. Bez., Storchengaffe 21, ein Fest- Gottesdienst abgehalten werden. Wien. Dienstag den 7. d. M. wurde in der außerordentlichen General-Versammlung des Leopoldstädter Bethaus-VereineS „Montefiore", Taborstraße 38, Herr Jacob Weiß (in Firma Kohn und Weiß), der Begründer dieses Vereines, einstimmig ohne Debatte auf Antrag des Herrn Wilhelm Fleisch mann zum Zeichen seiner bedeutenden Verdienste um den Verein und als bekannter Philanthrop zum ersten Ehrenmitgliede ernannt. Wien. (Spende.) Anlässlich der Vollendung des siebzigsten Lebensjahres Sr. Majestät des Kaisers hat Frau Baronin K ö n i g s w a r t e r dem Verbände zur Unterstützung armer israelitischen Wöchnerinnen den Betrag von tausend Kronen zugewendet. Baden bei Wien. Wenn man das rege, bewegte Leben, das hier seit Beginn der Knut« «nison herrscht, nur en passant betrachtet, man wäre versucht zu glauben, es hätten hier ausschließlich die Reichen der Welt, die vom Glücke besonders Begünstigten, ihre Sommerresidenz aufgeschlagen, und selbst die Leidenden und Invaliden nüter ihnen, jene Jammergestalten, denen man auf Schritt , und Tritt begegnet, zählen zu jener Sorte Unglücklicher, die wenigstens in dem einem Glück haben, dass sie Geld und Gut besitzen, womit, sie sich das Dasein trotz Leiden und Beschwerden so bequem und erträglich als möglich gestalten können. In Wirklichkeit ist dem. nicht so. Genauer betrachtet, zeigt das große licht- und glanzvolle Bild auch so manche pecuniäre Schattenpunkte. In ferner Aeußerlichkeil einfach, bescheiden und fast verschüchtert auftretend, sticht nämlich ein gewisser Theil der Curwelt förmlich von der Menge ab und bildet gleichsam ein loses, unzusammenhängendes Glied in der eleganten, farbenreichen Menschenkette, die sich schier endlos nach allen Ecken und Enden der Fremdenstadt dahinzieht. Es sind dies die Besitzlosen, die Enterbten des Glückes, die sich den kurzen Aufenthalt in der kostspieligen Thermenstadt geradezu erkämpfen und erringen müssen, und wenn sie dies zuwege gebracht, nur die Leidens-, aber nicht die Freudengenoffen oer Curgäste sind, Und doch schätzen sich diese Leute glücklich, wenn sie die ihnen dringende Badecur recht und schlecht durchmachen können, gleichviel, ob sie dies aus Eigenem oder durch .Inanspruchnahme der Wohltätigkeit bewerkstelligen. Und dass hier guf humanitärem Gebiete, speciell für unsere Glaubensgenossen, wenn auch nur en miniature, vieles nach dem Musterbilde der Haupt- und Müttergemeinde des Reiches, nach der nahen Wiener Cultusgemeinde geleistet wird, mag aus der Thätsache »erhellen, dass die hiesige Cultusgemeinde .mit ihrem Wackerep„^vielverdienten?. Vorstande an der Spitze eine. Armeneassa ins Heben gerufen hat, aus welcher alljährlich während der Söminersaison arme, zur Cur hier weilende Kranke, ohne Unterschied des Standes und Ranges, vier bis sechs Wochen hindurch mit entsprechenden Geldbeträgen bedacht werden. Leider aber erweist sich dieser Quell echter Gemillas chassodim, dieser Born echter Humanität und Nächstenliebe, namentlich in den letzten Jahren, infolge des immensen Zuzuges armer Curbedürftiger als viel zu klein und unzureichend, und der Erweiterung, die nur mittelst Spenden und Beiträgen seitens edler Wohlthäter und humaner Menschenfreunde ermöglicht werden kann, dringend bedürftig. Wie schon oft hat der ehrwürdige Rabbiner Reich, der um das Aufblühen der hiesigen Gemeinde vielverdiente Seelsorger, auch am verflossenen Sabbath in seinem gediegenen, beifällig aufgenommenen Kanzelvortrage dieser humanen Einrichtung Erwähnung gethan und derselben warme, aus dem Herzen stammende Worte gewidmet. Mögen dieselben auch in die Herzen der begeisterten Zuhörerschaft Eingang gefunden und auf fruchtbaren Boden gefallen sein, mögen dieselben insbesonders bei unseren zur Cur angewiesen hatte, ein Gemälde, das unseren Lehrer Moses darstellte. Ich zweifelte nunmehr keinen Augenblick, dass mein Wirt ein Jude sei. Leider aber verstand weder er, noch irgend jemand seiner Hausgenossen die Sprache unseres Volkes, in der ich mich mit ihnen verständigen zu können hoffte. Als mein Wirt am darauffolgenden Morgen mich begrüßen kam, versuchte ich, mich ihm als Glaubensgenosse dadurch zu erkennen zu geben, dass ich Arm und Haupt mit den Gebetriemen versah. Das Erstaunen meines Gastgebers lässt sich nicht schildern. Wahrscheinlich kam es ihm sonderbar vor, einen Glaubensgenossen in europäischer Kleidung zu sehen. Endlich fasste er sich, trat an mich, berührte mit den Fingerspitzen ehrfurchtsvoll meine Tefillin und hielt, freudig erregt, eine Anrede an mich. Doch ich verstand kein Wort von dem, was er sagte: auf seine freudige Ueberraschung. die ich an seinem Benehmen, an dem Ton seiner Worte merkte, konnte ich nur das eine Wort erwidern: „Jehudi!" Und dies genügte. Er schüttelte verständnisvoll den Kopf, und mit der Hand die Stirne berührend, deutete er mir an, dass er einen Einfall bekommen habe. Nacydem er mich durch verschiedene Zeichen verständigt, noch einige Zeit im Zimmer zu verbleiben, reichte er mir die Hand und entfernte sich eiligen Schrittes. Nach ungefähr einer Viertelstunde kehrte er in Begleitung eines alten, ehrwürdigen Mannes zurück, der gemessenen Schrittes an michherantrat, mir die Hand reiä)te uno mich mit den Worten „Salom alekem“ be- Öe. Der alte Mann war, wie ich bald erfuhr, der iner der Gemeinde. Ich benützte die Gelegenheit, ihm in der heiligen Sprache den Zweck meiner Reife mitzutheilen, und bat ihn, mir genaue Auskunft über den Ursprung der Juden in China zu geben, sowie mir alles mitzutheilen, was er über diesen mich so sehr interssierenden Gegenstand berichten könnte. Statt jeder Antwort forderte mich der Rabbi auf, ihm in seine Wohnuug zu folgen, wo er mir Folgendes mitthrilte: „Wir sind Nachkömmlinge der zehn Stamme, welche früher das Reich hier weilenden, mit Glücksgütern gesegneten Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern Mitleid und Mitgefühl für ihre armen, hilfsbedürftigen Leidensgenossen erwecken. Daniel Skutezky. Linz. (S a m m l u n g.) Ueber Aufforderung der Israelit. Allianz in Wien wurde auch in unserer Gemeinde auf Veranlassung des Vorstehers Herrn Ignaz Hahn eine Sammlung eingeleitet, und ergab diese die namhafte Summe von 624 X., welche der Israelit. Allianz in Wien direct übermittelt wurde. Carlsbad. Die jüdisch-nationalen Abiturienten des nordwestlichen Böhmen hielten am Samstag-Abend im großen Saale des Hotel „Terminus" einen ziemlich gut besuchten Commers ab, dem jedoch die hiesige Hautevolee nahezu gänzlich fernblieb, da den betreffenden Herren das Geschäft oder sonstiges Vergnügen näher zu liegen scheint, als sich in frohem Kreise Gleichgesinnter zu sammeln und zugleich zu zerstreuen — nebenbei fei bemerkt, dass der Commers ursprünglich im nahe» Komotau hätte abgehalten werden sollen, was jedoch durch die aggressive Stellung der Deutschnationalen unterblieb — von behördlicher Seite konnte eben keine genügende Garantie dagegen geboten werden. Stuck, phil. Stein eröffnete den Commers mit herzlichen Worten der Begrüßung, welcher das übliche Studentenlied folgte. Die begeisterte Tendenzrede hielt med. Stransky aus Prag, dem reicher Beifall zutheil wurde. Gleiche Acclamation erzielte auch Abit. Gütig, Sohn des israelitischen Matrikenführers in Prag, mit seinen scharf und logisch durchdachten Worten über die Ziele des Nationaljudenthums. Von den Ehrengästen richtete zunächst Sr. Ehriv. Herr Rabb. Dr. Ziegler das Wort an die Studierenden, welche die weitblickenden politischen Ideen der Colonisation u. dgl. den Höhergestellten getrost überlassen können, jedoch in ihrem Kreise das Gefühl für nationale Ehre und Selbstbewusstsein pflegen mögen. Es sprachen noch: Abit. Fleischer aus Komotau, acad. Weiß, Sohn des greisen Rabbiners in Eidlitz, der persische Arzt Elia Cohen, der zufällig im „Terminus" logiert und bis zum Schluffe des Festes aushielt, und Prediger Grün aus Wien. Nachdem die Festgäste, die Herren Dr. Ziegler, med. Dr. Raff, Ehren-Präsident der Lnei-beritN, Dr. Leo Klemperer und Rab. Dr. Diamant aus Schaffa den Saal verlassen, trat der gemüthliche Theil der Ex-Bewegung und Fidelitas in sein unbeschränktes Recht. —n. Carlsbad. Auch in der dieswöchentlichen Predigt behandelte Herr Rabbiner Dr. Ziegler die schwebende und weltbewegende Judenfrage, welche er in die socialen und religiösen Bestandtheile zerlegte. Unter letzteren könne ja auch der nationale Standpunkt subsummiert werden, worin sich eben die jüdische Nation von anderen Völkern unterscheidet. Die gesellschaftliche Nothlage werde nur als Hebel und Handhabe benützt, um uns aus den Angeln zu heben und unsere Existenz zu gefährden, weil das Judenthum für Wahrheit einsteht und allezeit eintritt, d. i. für Fortschritt, Freiheck uno Frieden gegen die Liga der Lüge, des Hasses, Wahnes und des Unrechts im Völkerleben, daher die Anfeindung und Anfechtung von allen Seiten, während man sonst unsere Literatur zn schönen Reden u. dgl. benützt, uns selbst jedoch keine Gerechtigkeit widerfahren lässt. Verblendung, Neid und Selbstsucht, diese sind die wahren Gegner des socialen Gleichgewichtes, und müssen auch fortan bekämpft werden. — n. Czernowitz. (Ein neuer Paulus Mayer.) In der „Neuen Freien Presse" vom 5. d. M. wird in einem ausführlichen telegraphischen Berichte aus Prag erzählt, in den Redactionen des „Czas" und der „Bohemia" sei ein gewisser Jahuda V i l l i n g e r .erschienen, welcher in der Berliner Wohltätigkeitsgemeinde als Rabbiner thätig war und infolge eines Streitfalles mit derselben nunmehr zu den Antisemiten übergegangen ist. Er trat mit Rohling und anderen Theologen in Verbindung und correspondierte für das „Deutsche Bolksblatt". Er behauptet, mehr zu wissen als Rohling und erbietet sich zum Beweise des Vorhandenseins des "Ritualmordes". Es dürfte Ihre Lesergewiss interessieren, über diesen wackeren Jahuda Billinger Genaueres zu erfahren. Zur Steuer der Wahrheit und zur Charakteristik desselben möge Folgendes dienen: Der wackere Mann, von dem die Rede ist, heißt nicht Billinger, sondern T i l l i n g e r. Es dürfte ein Druckfehler vorliegen. Er stammt aus Kolomea in Galizien und kam anfangs der Neunzigerjahre noch in der Tracht des polnischen Juden nach Czernowitz.. Er erschien in meiner elterlichen Wohnung, stellte sich meinem Vater als tüchtigen Talmudisten vor, der auch profane Studien privat betrieben habe und nunmehr die Gymnasialstudien absolvieren wollte, um moderner Rabbiner zu werden. Während seiner Anwesenheit in Czernowitz besuchte er öfters meine elterliche Wohnung, und mein Vater discutierte oft mit ihm vieles über den Talmud und die hebräische Literatur. So oft er aber in unser Haus kam, machte er mit seinem pockennarbigen Gesichte Israel bildeten uad nachher von Salmanaffer nach Assyrien verbannt wurden. Nach der Zerstöruug des assyrischen Reiches drangen unsere Völker nach Ostasien vor. Lange Zeit wunderten sie von Volk zu Volk, von Land zu Land, nirgends Rast und Ruhe findend, bis sie endlich in dieses Land gekommen waren, wo ein gütiger König ihnen Aufnahme gewährte und ihnen gestattete, Bodenbesitz zu erwerben. Wir leben nun in diesem Lande seit 2450 Jahren." Aus meine Frage, ob er historische Anhaltspunkte für seine Mittheilungen habe, antwortete er: „Die Wahrheit meiner Angaben ist außer allem Zweifel", und indem er seinen Blick auf eine Anzahl von Büchern in blauem Einbande, die auf einem Regal an der Wand geordnet nebeneinander standen, lenkte, fuhr er fort: „Diese Bücher enthalten die Geschichte unseres Stammes bis auf die Gegenwart. Es ist nämlich von jeher bei uns Brauch, dass jeder Rabbiner die Begebenheiten in seiner Gemeinde verzeichnet und dieselben immer nach fünf Jahren an den Oberrabbiner schickt, der wieder gemeinsam mit den Gelehrten unseres Stammes die Eingänge zu einem vollständigen Werke bearbeitet, von welchem er an jeden Rabbiner Abschriften gelangen lässt, die aufzubewahren und unseren Nachkommen zu überliefern uns eine heilige Pflicht ist. Wir betreiben die verschiedensten Professionen, aber unsere Hauptbeschäftigung ist der Ackerbau, wie es unsere Väter im Lande Israel gethan haben." Ein anderer jüdischer Reisender, Aron Fink, ein Onkel des Rabbiners Abraham Berlin in Chwastuan, der sechzehn Jahre Afrika und Asien bereist hatten berichtet, dass er in China Stämmen begegnet sei, die sich als Nachkommen Abrahams und seines Weibes Ketura bezeichneten und wohl Götzen anbeteten, aber dieselben „Gott Abrahams" nannten. An anderen Orten fand er Stämme, welche von Salomon abzustammen und ein von David und Salomon verfasstes Buch zu besitzen behaupteten, das die zehn Gebote und noch einige andere Bruchstücke aus dem Pentateuch enthält. Dieses Buch ist

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