Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 0 Wien. Freitag Jüilisches Volksblatt Philosophie, die snohlende Feuc:na:bci: »oerfen, wem: die Frage deS DamensporlS aufgeworfen ivird, sie nnssen sich kein Gedicht und keine weise Sentenz abzubringen, uin in flammender Empörung ein himmelschreiendes tlnvectit ciJ solches zu lnandmarken, wenn es schon die MallU der königlichen Dichterin übersteigen sollte, es zn verhüten. Ein Herz, das sich so für Saknmala und die Tochter des Daciertönigs Te>.ebal zn begeistern verinag, sollte fühllos bleiben können angesichts der Thräacnflut, die sich hebt bis an die Stufen des Thrones, sühllos für all das namenlose Unglück, das nicht in historischen Fernen verdämmert, sondern räumlich rcd zeitlich in erschreckender, betäubender Nähe ist?! Von ilirenr heimischen Boden vertrieben — denn diese ltnglücklichen haben auf der weiten Welt auch nicht einen Fußtritt anderes Stückchen Landes, das ihr heimischer Boden wäre — strömen sie in Scharen über die Grenzen ihres Reiches hinaus. Sie wandern vom sicheren Elende ins unsichere, und diese Hoffnung ist ihr Gepäck und ihr Reichthnm. Tie Welt hat dein hohläugigen Elende ins 'Antlitz geblickt. In Budapest, in Wien, in Hamburg, auf allen ihren Leidensstationen hat man sie gesehen, die „Fremden", die in die Fremde getrieben wurden. Das könnte sogar ein hübsches Epigramm geben. Da sie Fremde sind, ist die Fremde ihre .Heimat. Wie edelmüthig sind nur doch, dass ivir den Heimatlosen eine Heimat geben! Das wäre in der That Stoff zu einen: Epigramm, und kein Zweifel, königliche Dichterin, es würden sich schon Höflinge finden, die auch dieses Gedicht auswendig lernen und es fiir köstlich finden würden. 'Aber die Dichterin und Denkerin aus dem Throne steht wohl hoch genug, um auch über die gebückten Höflinge hinweg einen Blick in die Welt werfen zu können. Versunken in die T.äurne über ihre Ideale, hat sie das vielleicht nur unabsichtlich versäumt. Hätte sie von ihrer hohen Zinne ausgelugt und hinausgehorchr, dann wären ihr die Erscheinungen und die Stimmen der Zeit nicht verborgen geblieben. Sie hätte bei einiger Selbstbestimmung vielleicht einen Blick gewonnen für das Unglück in ihren Landen und dann wohl auch mit ihren: bewährten historischen Sinne die entsprechenden Schlüsse gezogen, anstatt mit rückwärts gewandten: Seherauge die gemalten Andachtsbücher der 'Anna von Bretagne der heutigen Frauenwelt dringendst als Muster zur Nachahmung zu empfehlen. Unter den Scharen der Vertriebenen, die in fremden Himmelsstrichen am Wegrande nächtigen und für welche sreiude Mildthäthigkeit das trockene Brot für einen Tag erbettelt, sind auch viele Frauen mit ihren Kindern. Wie beweglich weif; doch Carmen Sylva zu singen und zu sagen von dem unerschöpflichen Reichthum des Frauenherzens, von der allumfassenden, alles opfernden Liebe dieses Herzens zu den Kindern. Diese vertriebenen Frauen, die freilich nicht immer nach den: empfohlenen historischen Muster die Kinder so zu stillen verinögen, ivie es den: Ideale der hohen Denkerin entspricht, weil der von Roth und Kümmernis abgezehrte Leib den: Säuglinge die Nahrung nicht mehr reichlich genug bietet, die haben freilich wenig historischen Sinn, und es :st :ucht ausgeschlossen, dass sie in ihrer tiefen Bildungslosigkeit nicht das richtige Verständnis aufbringen für die idealen Gestalten der Penelope und der Bianca von Castilien. Von der gemeinen Norh der Stunde befangen, werden sie vielleicht unzart genug sein zu fragen: „Haben Majestät jetzt wirklich keine anderen Sorgen, als die Miniaturen der Anna von Bretagne?" Hätte Carmen Sylva auf der hohen Warte ihres KönigsschlosseS erst Einkehr in sich und dann Umschau gehalten, dann wäre ihr vielleicht das schmerzliche Erstaunen nicht entgangen, das die Welt erfüllte ob der stillen, hoffnungslosen Tragödien, die sich in ihrer nächsten Nähe abspielen, und es hätten sich ihr Stimmen vernehmlich gemacht, vielleicht aus den: eigenen dichterisch empfindenden Herzen heraus, die laut und vernehmlich die Frage an sie richten, ob es nicht eine Aufgabe sei, würdig einer Frau auf dem Throne, da mildernd, helfend, tröstend einzugreisen. Ta, mit einemmale verblassen die Ideale. Alles werde für die Frau erobert, selbst der Sport, alles — nur die Politik bleibe ihr verschlossen. So hoch sei keine Frau gefürstet, dass sie kingreifen dürfte in das Getriebe der Politik. Gut, aber — ist es denn lediglich Politik, um was es sich hier handelt, und ist es nicht auch eine Frage der Menschlichkeit, des Erbarinens?! Und da sollte es einer Frau aus dem Königsthrone nicht gegeben sein, zu helfen und zu trösten? Wahrlich, dann verlohnte es sich kaum noch, Königin zu sein, es wäre denn, dass die einmüthige Bewunderung des gesummten Hofstaates für die dichterische Production reichen Ersatz bietet für alles andere. Carmen Sylvas Ideale liegen recht abseits von: Wege, und sie lassen leider erkennen, dass den: königlichen Herzen die Zusammenhänge fehlen mit den Leiden und Nöthen' und Bedürfnissen der Zeit. Carmen Sylva hat nicht zur Sache gebrochen, sie hat — gedichtet, und ihre Dichtung wird gepriesen, die königliche Dichterin bewundert werden. Wie die abgehärmten Frauen, deren einzige Hoffnung noch das unsichere Elend ist, sich über die literarischen Erfolge :hrer Königin und über die stattliche Reihe ihrer Ideale freuen werden! Begeistert senden sie ihr aus der Ferne den erhebenden Gruß: „O,' Königin, das Leben isi doch schön!" „Neues Fester Journal“. Königin Louise von Preußen und die Juden.; Bor wenig eil Tagen waren es 90 Jahre, seitdern die edle' Königin Louise, die Mutter Wilhelms 1., znr letzten Ruhe eingieng. Einige Episoden aus dem Leben der hochseligen Fürstin bekunden, wie die edle Preußenkünigin schon vor mehr denn 100 Jahren über die Juden dachte und nrtheilte. Im Buche „Preußische Fürsten und ihre Frauen" von Conrad Rahn, Baud 2, Seite 139, werden folgende Aeußerungen der erhabenen Königin mitgetheilt: 1. Als Braut apostrophierte sie folgendermaßen einen preußischen Minister: „Des Kölligs Minister sind hart, sobald es sich um die Inden handelt. Mein Gott, nichts als Witzeleien! O, es ist unnöthig, die armen Leute noch zn kränken. Es liegt sehr, sehr viel TemüthigendeS für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Inden. Es schneidet ins Herz, wenn man an den Ton denkt, den sich Christen oftmals gegen Juden erlauben. Wir sehen in den Inden auch die Menschheit in ihrem niigeschmiickten Zttstande. Sie sind eben ihren Völkersitten treu geblieben — und es ist ein trauriger Gedanke um das Bewusstsein, das wir Christen diesen Zustand verachten und sie zn uns hinüberziehen wollen. Bon der grauen Morgendämmerung des Mittelalters bis jetzt war das Jndenleben eine Kette, mit Gehetzen umsänint. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zu einem Orte voller Fallstricke und Gefahren. Herr Minister, verhärten Sie das Herz meines künftigen Gemahls nicht!" n. s. w. 2. Die Königin war im Jahre 1805 einmal in einer Berlins an: Sabbath spazieren gegangen. Ihre Begleiterin, eine Hvfdante. machte sie plötzlich auf eine schöne Banmgrnppe anfmeiksain. Eben ivvllten die hohen Damen weitergehen, va gewahrte die Königin einen ärmlich, doch reinlich gekleideten Knaben, der einen mit Brillanten reich besetzten Ohrring in Hand hielt und unter einer höflichen Berbengnng fragte, ob nicht eine der Damen diesen Ohrring, den er vor ungefähr einer Stunde gefunden, verloren habe. Die hoch edle Königin erkannte den vorgezeigten Fund als ihr Eigenthum, welches ihr durch die von der etivas stark wehenden Morgenluft verursachte Bewegung des Sommerhutes vvin Ohre abgelöst worden war. Sie nahm den Ohrring zn sich und ließ den kleinen Finder desselben, dessen Redlichkeit man allgemein bewunderte, in ihre unmittelbare Nähe kommen. Hier erfuhr sie nnn ans den: Munde des Knaben, dass sein Vater Jude und Handelsmann sei, schon zivanzig Jahre in Berlin lebe, seine Mutter aber erst vor drei Monaten gestorben sei. „Guter, armer Jndenknabe! sag' mir, wozu hast Du Lust, oder was ivillst Du iverden'?" sprach liebreich und sanft die erhabene Königin. „Ich will nichts anderes werden, als ivas mein Vater ist, ein Handelsmann. Der bin ich auch eigentlich schon mit Leib und Seele, denn ich kenne die Waren von Grund aus und nlöchte gern jetzt schon meinen guten alten Vater unterstützen." Solches sprach der hübsche redliche Jndenknabe mit einer Innigkeit und Begeisterung, die der guten Königin und ihrer Kammerdame die Thränen der herzlichsten Rührung ins Auge lockte. Friedrich Wilhelins königliche Gemahlin merkte sich die Wohnung des Knaben, der später in ein großes Handlungs- Haus kam. Die Königin ließ ihn kleiden und beschenkte des Knaben Vater reichlich. Als der Knabe zum Jüngling herangewachsen, als er Mann Jmtb selbst Vater wurde, da dochte er noch an die edle Wohlthäterin mit unauslöschlicher Ehrfurcht. Roch iu ihrer: spätesten Jahren — so erzählen preußische Historiker — habe die Königin Louise mit vielem Wohlwollen an den reich gewordenen Israeliten gedacht. Die 1810 erschienene Chronik der Königin Louise erzählt auch dieses Geschichtchen. 3. Die Königin war einst im Herbste des Jahres 1809 in Berlin spazieren gegangen und zwar in Gemeinschaft mit einer sehr stolzen Hofdame, deren Nachkommen heute noch ebenso stolz in Preußen sich breit machen. Es war kurz vor den jüdischen Laiibhüktensesttagen. Die Königin wollte sich mit Absicht ins Judenviertel begeben. Ein solches gab es dazumal gewissermaßen in Berlin noch. Mit Abneigung folgte ihr die Hofdame dahin. Als nun die hochedle Königin mitten im Geräusche des Jndenviertels war, da lachte sie herzlich über das Treiben! Plötzlich gewahrte sie eine bejahrte Judenfran, der es sehr sauer wurde, einen schwer bepackten Korb anfzunehmen. Da sprang die edle Königin herbei und half ihr den Korb aufheben. „Majestät! Um Gotteswillen! Königin!" rief die Hofdame, „wie mögen Sie sich mit dem alten Judenweibe so gemein machen!" Die edeldenkcnde Königin blickte die eitle Hofdame mit zürnenden Augen an: „Schweigen Sie! Menschenliebe, die ein jeder üben soll, kann nie ins Gemeine hinabsinken. In dieses schmutzige Revier verliert sich nur der eingebildete Stolz einer — Hofdame." Das war eine Antwort, freundlicher Leser, die wohl würdig ist, der Vergessenheit entrissen zu werden; die schon erwähnte, 1810 erschienene Chronik beschließt diese Episode mit dem trefflichen Berschen: „Zu ihr drang jeder Klage leiser Hauch, Sie fühlte jeden Schmerz, Selbst für ein Jndenweib empfand sie auch! O, welch königliches Herz! —" Ialwü Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohn. (Fortsetzung.) Als er an dem schmalen Eingang einer Seitengasse, welche sich weit in ein inneres Labyrinth von Gassen und Häusern zu verlieren schien, vorübergieng, glaubte er Gestalten zn gewahren, die von der blonden und hellen Bewohnerschaft der Stadt, wie er sie bis jetzt gesehen, an Aussehen und Tracht sich zu unterscheiden schienen. Dies bewog ihn, in diese Seitenstraße einzulenken, und kaum hatte er einige Häuser passiert, so entgieng es seinem Scharfblick nicht, dass an den Pfosten dieser Häuser sich eine Art schmalen Kästchens befand, aus welchem ihm die wohlbekannten und hochverehrten Schriftzüge der heiligen Sprache des alten Bundes entgegenschauten. Ein Schauer überlief ihn; seine Füße waren ihm wie an den Boden gewurzelt; lange starrte er mit unbeweglichen Blicken auf diese Buchstaben und dieses Kästchen, und hatte den Arm erhoben, um seine Geführten darauf hinzuweisen. Zum erstenmale stand er vor Menschenwohnungen, an deren Eingänge sich unverhohlen und im Lichte des Tages die alten mosaischen Merkzeichen für die Gezelte Israels befanden und es aller Welt verkündeten, dass hier Bekenner des einzigen Gottes, Nachkömmlinge des Volkes hausten, welches in der Mitte der arabischen Wüste die Lehre und das Gesetz des Herrn empfangen und von dort ans durch die Jahrtausende getragen habe! . . . Freilich schien der Ort, wo er dies fand, kein glänzender — denn die Gasse war eng, die Häuser himmelhoch, Licht und Luft in geringen Massen vorhanden, und die Gestalten derer, die an ihm vorüberwandelten, erschienen mit geringer Ausnahme verkommen, mit armseligen, ja schmutzigen Gewändern bekleidet. Aber wer nach langem, sehnsüchtigem Suchen einen Edelstein gesunden, der fragt nichts nach dem Sande, der ihn umgibt, nach dem Kothe, von dem er befleckt ist; er gewahrt dies kaum, und sein Auge und sein Sinn versenken sich 10. August 1900 Nr. 32 allein in den verborgenen Blitzstrahl, in das heimliche Feuer, das in dem Edelgesteine wohnt, und das er heraus zu erkennen so glücklich! Wie die Männer so dastanden, hatten sich einige ans dem Volke um sie gruppiert. Tirado fand daher bald Jemanden heraus, der ihm in holländischer Sprache Bescheid zu geben verstand und ans die Frage nach dern Chacham der Genieinde ihn zu dessen Hause führte. Bald stand er vor der hohen Gestalt des Rabbi Uri. Wie verschieden zeigten sich die Söhne zweier Zweige eines und desselben Stammes, von denen der eine Zweig nach Süden, der andere nach Norden wies. Leben, Adel und Thatkrast in der ganzen Erscheinung des einen, dessen ebenmäßige Züge, stammende Augen und würdwolle Haltung den Jünger aus der Schule der Hidalgos verriethen. Die lange Gestalt des anderen, gekleidet in einen schwarzseidenen .Kaftan mit einem breiten Sammetstreifen besetzt, von einem schwarzen Gürtel znsannnengehalten, das Haupt mit einer hohen Pelzmütze bedeckt, wurde dadurch beeinträchtigt, dass die Kniee etwas gebeugt, der Rücken gekrümmt, die mageren Gesichtszüge scharf und markiert waren, und dennoch wurde sie durch das von Geist leuchtende Auge, dessen Blick in das Innerste des ihm Entgegentretenden zn dringen schien, sowie durch den Zug stiller und erhabener Resignation, erprobten Duldens und dennoch unerschütterter Zuversicht wiederum gehoben, voller Eindruckes und ein warmes Herz einstößend. Tirado verstand diesen Mann alsbald und gieng daher mit aller Höflichkeit, aber in bestimmter Weise, ans den Gegenstand ein, der ihm vor allem am Herzen lag. Er schilderte seine und seiner Freunde Vergangenheit und die hauptsächlichen Zwecke ihrer Irrfahrt. Der greise Uri hörte aufmerksam zu und schwieg eine Zeitlang, nachdem sein Besucher geendet. Dann schüttelte er mit dein Haupte und sprach: „Und was ist Euer Vorhaben an diesem Orte, wohin Ihr zu gehen doch gar nicht gedacht?" „Ihr sehet, was für ein Geschick uns betroffen. Wir müssen .'wandern, weil unsere Väter nicht wandern wollten, und der Glaube, dem sie den Rücken gewandt, ihn müssen wir suchen über Meer und Land als unser Heil und unsere Rettung! Wohlan, hier finden wir unsere Brüder zum erstenmale, und hier sei es deshalb, wo wir in ihren Bund ausgenommen werden, endlich jene gleisnerische Hülle abzuwerfen, in der wir allzu lang uns bergen mussten ,und in dem Lichte zu wandeln, das uns so lange schon von innen strahlt." Der Greis schüttelte das Haupt abermals und heftiger. „Und wir, deren Väter den Wanderstab zur Hand genommen, was ward unser Theil? Auch wir müssen wandern fort und fort, nur dass wir nicht zu fliehen brauchen, sondern von Haus und Hof vertrieben werden, wo wir diese. gefunden, von Stadt zu Stadt gejagt wo wir auf einige Jahre eine Heimat getroffen. O, ich könnte Euch an den Fingern herzählen, an welchen Plätzen ich schon geweilt habe und immer wieder von dannen zu pilgern gezwungen ward, glücklich, wenn icff in der Mitte der Meinen, unbeschädigt am Leib, wenn auch der Habe verlustig, die ungastlichen Thore verlassen konnte, die sich uns für schweres Geld geöffnet und wider Fug und Recht wieder geschlossen hatten. Es war eine lange Wanderschaft, die ich von Nikolsburg in Mähren, lvo ich geboren ward, über Prag, Nürnberg und Regensburg und viele andere Ocle zurückgelegt, liis ich nach diesem Winkel des deutschen Bodens verschlagen wurde. Und fragt Ihr alle Glieder meiner Gemeinde — keiner ist hier geboren; alle haben sie sich zusammengefunden von den vier Säumen der Erde nach den Kreuz- und Querzügen ihres Lebens. Und ans wie lange? Wer steht uns für den morgenden Tag ein? Ihr habt gesehen, Herr, wie sich die Herren dieses Landes miteinander streiten. Mögen sie es noch lange. Denn so lange ihr Hader dauert, denken sie nicht an uns, außer wenn sie uns brauchen. An dem Tage, wo sie sich miteinander versöhnen, werden sie znr Friedensfeier uns aus den liebgewordenen Stätten treiben. Nein, es sieht schlimm aus in Deutschland für uns. und kaum drei große Gemeinden haben in dem weiten römischen Reiche deutscher Nation vor den Stürmen der Zeit und des Hasses sich erhalten können . . . Darum, verehrter Herr, nehmt Eure Forderung zurück. Lasset den Hafen von Emden versanden und kaum von Fischerbooten befahren werden — die Leute verstehen Euch nicht, wenn Ihr ihnen Handel und Verkehr zu bringen versprechet. Unbändige Sucht, die Herren zu spielen, Retigionshass einer Seele gegen die andere halten ihre Sinne befangen, und ein sieder ist in sein vermeintliches Recht so verrannt, dass er das Recht jedes anderen als einen Raub au dem seinigen ansieht. In einer so kleinen Stadt und unter den argwöhnischen Blicken der Bewohner würde schon die Ankunft so vieler ausgezeichneter Männer ein Aufsehen erregen, das uns den Pöbel auf den Hals ziehen würde. Fände aber Eure Ausnahme in das Jndenlhnm statt, und dies würde in kürzester Zeit ruchbar werden, so entlüde sich alsbald der Hass der Geistlichkeit über unsere Häupter, und wir wären keinen Augenblick vor Plünderung nnd Mord sicher. So würden wir Euch nichts nützen und uns Gefahr und Schaden in unübersehbarem Maße zuziehen." Tirado war sichtlich betroffen. Die von dem Greise angeführten Gründe leuchteten ihm ein; aber eine tiefe Schwermuth sank in seine Seele und breitete ihren Schleier über sein edles, männliches Antlitz. „Was haben wir verbrochen," rief er beivegl, wenn auch ohne Leidenschaft ans, „dass ivir wie Kain unstet und flüchtig umherirren müssen, immer miebev Hinausgetrieben in die stürmische See, wenn wir den Hafen erreicht zn haben glauben! Fürwahr, ich möchte glauben, dass wir es sind, die in einen schweren-