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Jüdisches Volksblatt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. August 1900 Nr. 32 proktffcben 'Anarchismus c,eiprocfn’n werden, deren blutige Fäden sich bis in die Königsgrüste fast aller europäischen Dynastien erstrecken. Und sie sagt sich würdig und passend in die große beschichte der menschlichen Vcrirruiigen ein, zu welcher unser sich so gerne human und gebildet nennendes Zeitalter noch in muh lehrreiches (5 achtel liefert. Und (beschichte wird ost mit in Blut getauchten Federn geschrieben. wovon nur Inden ja genugsam zu erzählen wissen. Wollten toir Inden für jeden Märtyrer uni seines Glaubens nullen die Institution der Heiligsprechung eins,ihren, ich glaube, tvir könnten nicht nur jeden Tag, sondern jede Minute des Jahres mit Heiligen belegen, ja würden mit diesen noch nicht ausreichen. Die Geschichte des Anarchismus, von Prvudhon, dem Schöpfer des theoretischen, bis Bresei, dem jüngsten Vollstrecker des prr.ktischeu Anarchismus, ist in vieler Hinsicht eine sehr lehrreiche, sowohl in ihrer Entuncklnng wie in ihren Bestrebungen, eine weitere lehrreiche Seite aber bietet sie in der Uebersicht, die sie gestattet, ivenn diese auch kaum mehr als ein halbes Jahrhundert* umfasst. Den Herd der anarchistischen Bewegung bilden die romanischen Lander, Italien, Frankreich und Spanien, während im wohlthnenden Gegensätze hieznr Deutschland keinen geeigneten Boden für die anarchistische Propaganda bildet. — Diese aber ist ein Erzeugnis des Massenelends und der ans ihr hervvrgehenden Unzufriedenheit, als deren Heilmittel die Socialdemokratie den extremen Eolleetivismus, die Anarchisten aber den extremen Individualismus ansehen. Ist nun aber das erzeugende Motiv, das Massenelend, ein fchn'ächeres in Deutschland als in den romanischen Ländern '? Zeugt nicht vielmehr die niegeahnte rapide Entwicklung der Soeialdemvkratie in Deutschland, dass das Massenelend, das ja auch an der Wiege der socialdemvkratischeu Bewegung Pathe stand, auch dort in gleich starker Weise vorherrschend ist °? Warum hat das gleiche Motiv in Deutschland die edlere Form der Socialdemokratie und in den romanischen Ländern die ungleich rohere, fluchbeladene Form des Anarchismus erzeugt'? Sollte da die Lösung nicht rn dem die geistigen Fähigkeiten und deren Entwicklung beherrschenden Einflüsse zu suchen sein? Sollten sich liier nicht die schönen Früchte der gesunden freien Geistesrichtung in Deutschland mit der sie begleitenden geistigen Bildung und nüchternen Denkkraft gegenüber dem in den romanischen Ländern Geist und Gemüth der großen Masse beherrschenden bildungsfeindlicheu Drucke äußern? Läge hier nicht ein Erfolg des gerechten modernen Principes vor, Religion und Verstandeskraft durch einander ergänzen zu lassen, gegenüber dem veralteten, aber in vielen Ländern noch herrschenden Principe, jede Geistesregnng durch die Religrön und deren Schergen knechten zu lassen? Stehen sich hier nicht die Geistessreiheit mit der sie begleitenden Gemüthsveredlung und die Geisteskuechtung mit ihrer unvermeidlichen Geuiüthsverrohung gegenüber? Wie Kain und Abel, geben ja beide Principe vor, der Religion, Gott, zu dienen, das eine mit Geistesknechtung, das andere mit Geistcssreiheit, sollte jetzt, da die Mörderfaust gesprochen, dem Boden von Monza, der des edlen Königs Blut getrunken, nicht auch der Kains-Fluch entsprießen, das Verdammungsurtheil der die Menschen irreleitenden geistigen Knechtung? Werden all die tausend ehernen Zungen der italienischen Glocken das Rachegeschrei übertönen, das aus dem blutgetränkten Boden von Monza hervordringt? Wer denkt nicht bei jedem neuen Königsmorde an Ravaillac, den Mörder Heinrichs IV.? Wer denkt nicht an die Lehre vom „Zweck, der die Mittel heiligt", eine Theorie, die die Grundlage der „Anarchisten der That" und der — Jesuiten bildet? Die clericale Presse Italiens wie nicht minder die anderer Länder erblickt in dem Attentate eine Folge der Abnahme des katholischen Geistes in Italien oder Von Fabius Schach, Karlsruhe. Ganz Europa, ja die ganze gesittete Welt ist in Aufregung gerathen. Im Osten, im Reiche der Milte, ist ein schreckliches Attentat aus das sanctionierte Völkerrecht, auf das menschliche Gefühl verübt ivorden. Sämmtliche Vertreter der Großmächte, alle Fremden, friedliche Bürger, die ihrem Geschäfte nachgiengen, sind in grausamer Weise niedergemetzelt worden, und Frauen und Kinder wurden nicht geschont. Auch die Missionäre, Priester, die ihrem heiligen Berufe lebten, fielen zum Opfer. Die Chinesen, die bezopften fanatischen Barbaren, sind es, die allen menschlichen Gesetzen Hohn sprechen und mit einer Frechheit sondergleichen die ganze Welt herausfordern. Eine blutdürstige Iiäuberbande, unter dem Schutze der Regierung, verbreitet überall schrecken und verwandelt China in ein Reich des Verderbens. Das menschliche Gefühl empört sich gegen diese himmelschreiende Bestialität, ganz Europa ist voller Zorn, in Deutschland nimmt die Entrüstung immere größere Dimensionen an, und alles schreit nach Sühne. Tausende der Söhne des Vaterlandes melden sich freiwillig, um in den furchtbaren Krieg zu ziehen und die schwere Schuld zu rächen. Schon sind die gewaltigen Kriegsschiffe in den chinesischen Gewässern, und in wunderbarer Harmonie vereinigen sich alle Flaggen Europas und Amerikas, um China durch Geivalt Respect vor dem Menschenrechte einzuslößen. Es soll diesen entfesselten Ungeheuern beigebracht werden, dass der Fremde nicht schutzlos ist, dass er ein Utecht auf Toleranz und Freiheit hat. Am Balkan liegt ein kleines Königreich, das lange um seine Freiheit, seine nationale Selbständigkeit und sein menschliches Recht kämpfen und ringen musste. Es ist ihm gelungen, diese höchsten Güter der Cultnr zu erlangen. Es lebt nun als europäischer Staat, ein Prinz ans deutschem Hause sitzt da auf dem Königsthrone, das Land wird regiert nach einer modernen Verfassung, und allen Bürgern sind gleiche Rechte und volle Entfal ung ihrer individuellen Freiheit garantiert. Das Land heißt Rumänien und seine Söhne sind stolz daraus, Nachkommen der alten Römer zu sein. Doch siehe da, eine Bürgerelasse lebt in der Mitte dieses Volkes seit Hunderten von Jahren, und für diese Bürger gibt es in Rumänien kein Recht und keine Freiheit. Sie schmachten unter den Kelten der Knechtschaft und haben bereits das Klagen verlernt. Die Schulen sind ihnen verschlossen, die meisten Gewerbe verivehrt, nur ein Recht bleibt ihnen: Hungers zu sterben. Man nennt diese Classe Juden, und ihr Verbrechen ist, dass sie zum Theile anders aussehen und ihre religiöse Andacht in eigenen Bethäusern verrichten. Sät I ihren werden diese friedlichen deutlicher eine Folge der Beschräukung des Heiligen Stiililes auf den Vaticau, ja, als wenn die .Kirche ohne politische Machtstellung auch zugleich jeden Einfluss auf das Gemüth ihrer Heil-befolileueu verloren häkle. Als wäre das geeinigte Italien ohne Kircheiistt at, aber mit einem Heere von Kirchenbeauiteu, Seelsorgern u. s. U>, und mit einer ungeheuren Zahl von Kirchen als Brutstätte der Irreligiosität anznsehen? Das Zuviel dürfte eher als das Zuwenig hier enlscheidend gewesen sein. Die Propaganda der That bat ihre Quelle und ihren Nährboden bekanntlich im Elend der Masse. Die Verzweifliiim des einzelnen, das, was er für gutes Recht hält, nicht herberV fiibreu zu können, macht ihn zum Anarchisten; es ist hierbei ganz gleich, ob cs sich um einen Michael K o h l h a a s handelt, der ein persönlich erlittenes Unrecht zu sühnen hat, oder um einen für das Vrineip der Abhilfe des Massenelends Eintretenden. Die Verzweiflung schuf den Anarchismus der That. Run, ich möchte die Frage anfwerfen: Wer kennt besser, gründlicher den Begriff des Massenelends, vier hat ihn mehr und schmerzlicher empfiinden und empfindet ihn noch, als das Volk der Juden? Welche Menschemnasse ward seit vielen Jahrhunderten so systematisch zur äußersten Verzweiflung getrieben, als die der Inden? Was will das Elend des wenn auch noch so armen Arbeiters oder Bauern besagen, das ja nur in einem wenn auch noch so dürftigen und kümmerlichen Dasein besteht, wobei zumeist die Empfindung des Elends erst durch den Eontrast des es umgebenden Neichthnms geweckt wird, gegen das unerhört beispiellose Elend der Inden, der,sich und seine Heiligthnmer, seine Religion, seine Ehre, seine Familie und oft sogar sein Leben schutzlos allen Angriffen roher Gemalt ansgesetzt sieht? Wer hat begründetere Ursache zur Verzweiflung als der Jude, der heute wie früher dazu dienen muss, ein Opfer roher Willkür zu sein? Sollen, wie in Rumänien und Galizien, die Diebstähle hochgestellter Langfinger verdeckt werden, wird der schuldlose Jude vorgeschoben: will, wie z. B. in Wien, die clericale Partei gegen den Liberalismus ankämpfen, dann wiegelt sie das Volk gegen Juden auf; wollen Abenteurer aller möglichen und unmöglichen Sorten sich an die Oberfläche drängen, dann werden sie Antisemiten; will man Ersatz schassen für all die Tausende, die die „Los von Rom"-Bewegung dem Katholicismns entfremdet, dann stiehlt man in Galizien jüdische Töchter; wollen sich erbärmliche Wichte vom Schlage eines Schneider oder des seine akademische Würde schändenden B a x a der darauf gewiss nicht neugierigen Mitwelt mittheilen, dass sie auch noch die Erde bevölkern, dann arrangieren sie einen kleinen Ritualmvrd; siegen die Czechen in der Sprachensrage, plündern die Dentschböhmen bei Juden, siegen die Dentschböhmen, plündern die Czechen. Ja, wer in aller Welt hätte wohl so begründete Ursache," unglücklich, verzweifelt zu sein, von Massenelend zu sprechen, wessen Gemüth könnte wohl erbitterter sein, als das des Inden? Und — e s gibt merkwürdigerweise keinen jüdischen Anarchisten der That. Ja, was den wirklichen Anarchisten der That abgeht, das schützt den Juden vor solchen Abwehrmitteln, das Judenthnm in seiner unerreichten ethischen Erhabenheit steht als Bollwerk der Sittlichkeit da, wo die Verzweiflung ihre ethischen Schranken durchbrechen will. Die Veranlassung znm Anarchismus, die Verzweiflung und das Massenelend ist den Juden mehr als zur Genüge gegeben, gleichzeitig aber auch des Judenthums hohe ethische Lebensauffassung, die der Verzweiflung Hoffnung, Vertrauen und Selbstverleugnung gegenüberstellt. Bürger gefoltert und tyrannisiert, verachtet und verspottet, zuweilen auch geplündert und misshandelt. Run greifen sie ans Verzweiflung znm Wanderstabe, und in wilder Flucht pilgern sie scharenweise aus dem Lande, das sie so heiß geliebt hatten. Thränen im Auge, ihre armselige Habe auf dem Rücken, wandern sie plan- und ziellos, um Ruhe und Brot zu suchen. Wunderlich! Nirgends macht sich eine Empörung gegen diese schreckliche Erscheinung kund. Noch habe ich von keinen Kriegsschiffen und Truppen fremder Mächte in Rumänien etwas gehört, kein leiser Protest erhebt sich gegen die rumänische Regierung und die Zeitungen nehmen von dieser Sache kaum Notiz. Ja, warum ist es diesen weißen Chinesen am Balkan gestattet, was den gelben im Osten verwehrt wird? Warum dürfen diese Europäer einen Theil ihrer Bürger so unmenschlich behandeln? Dieses Rumänien hat sich ja auf dem Berliner Congresse verpflichtet, den Inden gleiche Rechte zu gewähren. Warum zwingen die Großmächte dieses kleine dreiste Land nicht zur Erfüllung seiner Pflicht? Die Inden in Rumänien sind keine Bürger, sie sind Fremde! So sind sie also doch Bürger anderer Staaken, warum nimmt sich keine Regierung ihrer an? Nein, sie sind überhaupt Fremde, sie sind allen Regierungen fremd, sie sind — Juden. Man braucht nicht einmal in die Ferne nach Rumänien zu schweifen, die grausame Ironie des Schicksals liegt so nah. In Westpreußen, also in einer Provinz des hervorragendsten Culturreiches der Welt, befindet sich eine entlegene Stadt, die heute zu einer traurigen Weltberühmtheit geworden ist. 5t o n i tz ist der Name dieser eigenartigen Stätte moderner Eivilisation. Dort ergötzen sich die Bürger daran, die Bet- und Wohnhäuser der Juden zu zertrümmern, die Leute auf der Strafte zu beschimpfen und zu bedrohen. An diesem edlen Culturwerke sind mittelbar oder unmittelbar „gebildete Männer" betheiligt: Lehrer, Aerzte, Redacteure und Schriftsteller. Die von diesen Liebenswürdigkeiten betroffen iverden, sind keine fremden Elemente, die erst vor kurzem eingedrungen sind, sondern Leute, deren Großväter schon im Besitze aller Bürgerrechte waren und deren Vorfahren schon seit 700-800 Jahren, theils noch viel länger, im Lande ansässig waren. Aber nach dem Urtheile der Mehrzahl der Einwohner dieser Stadt sind diese „fremden Teufel" Unmenschen mit einer mörderischen Religion. Also müssen sie hinausgeboxt iverden. Und wie leicht wäre es in diesem Peking am Mönchsee zu einem Blntbade gekommen, wenn der Kaiser nicht persönlich eingegriffen und Militär dahin geschickt hätte. Woher mögen diese chinesischen Sitten nach Westpreußen kommen? Soll ich ans dieser Perspective auf Russland schauen? Das würde beinahe tragikomisch wirken. Das gerechte Russland, das jetzt für die Cultur vor den Thoren Chinas kämpft, behandelt seine Inden, die seit Hunderten von Jahren dort leben, nicht Die Politik im localen Theile. Racki Ansicht der Politiker der „Neuen Freien Presse'' gehört die Frage der rnmäiiische» Juden in den localen Theil des Blattes. Kein Wunder, wenn der locale Redaetenr des Blattes daraus seine Cvuscquenzeu zieht und Politik treibt. Er spricht von den Unruhen in Jnnglmnzlan, die wegen 'Verschwindens eines.Knaben entstanden, und berichtet, die Behörden hätten strenge Maßnahmen getroffen, „da der größte Theil der Bevölkerung ein ezechischer und svnüt der Ausbruch grober Exeessc zn befürchten war". Als ob die Deutschen in ähnlichen Fällen minder grob exeediert hätten! Wir müssten jedenfalls das reichlich vorhandene Material vorerst prüfen, um entsrhcidkn zn können, wer auf Jndeiiköpfen den Record geschlagen. Die liberalen Herren fürchten das Schwinden des dentschnationalen Chauvinismus bei den Inden und damit den Zusammenbrnch des Dentschthuins in den gemischtsprachigen Gegenden Böhmens und Mährens. Das zn hindern greift man nun zn den erbärmlichsten Mitteln. Dem Politiker im localen Theile aber rathen wir, einige Gegenden zu besuchen, die wir ihm gerne nennen wollen und „in denen der größte Theil der Bevölkerung ein deutscher ist". Vielleicht bricht ans Anlass seiner Anwesenheit ein Jndenexeess aus, der seine Ansicht über Provenienz und Eansalität eines solchen eorrigiert und ergänzt. Am Ende wird diese Berichtigung dadurch zu einer thatsächlichen. dass sie ihm von einer deutschen Faust ans ein in dein Begriffe „Sitzredactenr" liegendes Leiborgan geschrieben wird. * Masaidckgasse. Die Action verschollener Bezirksgrößen und drncksüchtigcr Abiturienten zur Störung des tobten Heine ist zn Ende. Der Farce zweiter Theil spielt in Paris. Man wird das Grab des Einen, Unvergessenen mit einem Kranze belasten, sein Andenken in denen, die ihn lieben, mit Reden belästigen und damit eine rohe, gcmüthlose Demonstration beschließen, die einer Jnstificiernng verzweifelt ähnelt: Da erweckt eine neue Dummheit der Antisemiten bange Furcht, dass des grausamen Spiels noch nicht genug sei. Einem Concnrrenten Heines, dem „Satiriker" Masaidek, der allwöchentlich die Feuilletonspalten der „Deutschen Zeitung" zum Ausschütteln seiner Gedankenspäne verwendet, die Function jener mit denen des Papierkorbes verwechselnd, gerieth ein Band .Heines in die Hände: Der Rest ist Brotneid. Um den Vergleich mit seinem immerhin begabten Vorgänger in Satir nicht fürchten zu müssen, rottet er alles aus, was an ihn erinnert. Eine Gasse, die Heines Namen trägt, ist sein erstes Opfer. Ihre Bewohner werden eines Tages von einem Decrete des Stadtrathes getroffen werden, durch welches die Heinegasse in eine Masaidekgasse „umgetanft" wird. Nicht genug an dem: Sicherem Vernehmen nach soll Herr Masaidek den Antrag vorbereiten, an dem Tage, an welchem Herr Noske den Todten bekränzt, die theucrsten Ueberreste desselben, seine Werke, auf dem Platze vor dem Rathhause öffentlich verbrennen zu lassen. Christenthum und Judenthum. Die Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Inden in Berlin hat ein recht spassiges Preisausschreiben erlassen. Es ist darznthnn, dass das Christenthum alle Erfordernisse für eine vollgenügende Herzensbildung in hervorragendem Maße in sich vereint. Das Preisrichteramt haben einige gelehrte Herren übernommen; diejenigen jedoch, die in erster Linie berufen sind zn nrtheilen, ob das Christenthum die wahre Herzensbildung in sich schließe, wurden gröblich übergangen. Wir schlagen daher vor, nachträglich ins Richterviel milder als die Chinesen die Fremden. Sie bilden im großen Reiche der christlichen Cultnr eine Pariaskaste, die schütz- und rechtlos dasteht. Russland bläst die liebliche Humanitätsflöte nnd veranstaltet großartige Friedenscongresse und — verkümmert das Dasein von sechs Millionen seinerUnterthanen, weil sie--Juden sind! Wie sagt doch der Lateiner: ,.Es ist schwer, hier keine Satyre zn schreiben." In der That, die Europäer haben keine Ursache, auf ihre Cultur so sehr zu pochen. Bei aller Verschiedenheit von den Chinesen haben sie eine Lehre sicherlich mit ihnen gemeinsam, die von Li-Hung-Treitschke ausgestellte Theorie von Gast- und Wirtsvölkern, das Fremdenthun. Die Quelle all dieser Ungerechtigkeiten ist in China wie in Europa die Auffassung der Idee der Menschlichkeit unter dem engen Gesichtskreise der Rasse. Was hilft uns der ganze äußere Aufputz der Eivilisation, wenn wir noch nicht gelernt haben, die Menschen als Menschen zu betrachten? Was nützen uns die schönen Fortschritte der Wissenschaft, wenn die Völker die Idee der Brüderlichkeit noch nicht begriffen haben? Wenn man im gebildeten Deutschland seit Jahrzehnten die Weisheit proclamiert „Deutschland den Deutschen", warum sollen die Chinesen nicht, sagen dürfen „China den Chinesen"? Wenn man hier als Deutsche nur directe Nachkommen von Teutonen und Cheruskern bezeichnet und die Inden — wie es der alldeutsche Verband thut — ganz aus der Reihe der deutschen Einwohner streicht, warum sollen die Chinesen nicht dasselbe thun? Auch der uncultivierteste Kaftanjnde ist dem deutschen Christen innerlich und äußerlich nicht so fremd ivie der Europäer den Chinesen. Wenn es also in Deuischland als vornehm gilt, sich von den Juden sernzuhalten und ihnen gewisse Streife nnd Stände zu verschließen, warum soll der Chinese die Fremden nicht hassen und verdrängen dürfen? Hier werden die Menschen- und Bürgerrechte nach der Länge der Nase und der Farbe des Haares normiert, dort nach der Beschaffenheit der Augen und der Schattierung der Haut. Hier werden sie in milder, dort in grausamer Weise verfolgt — das ist nur eine andere Nuancierung. Will man diese Frage psychologisch und historisch betrachten, dann wird man die Chinesen viel milder als unsere Antisemiten beurtheilen müssen. Die bezopften Asiaten lebten Jahrtausende von aller Welt abgeschlossen nnd es bildete sich bei ihnen eine eigenartige Cultur aus, die der uuserigen diametral entgegengesetzt ist. Während wir nach Fortschritt streben, ist ihr ganzes Trachten darauf gerichtet, das Alte zu erhalten, zu befestigen und es von jedem Hauche der Neuheit sernzuhalten. Die Europäer tragen also einen Geist hinein, der zersetzend auf ihre Cultur wirken muss, und es ist menschlich begreiflich, dass sie sich dagegen wehren. Dazu kommt noch die politische Seite. Seitdem die Großmächte China für schivach halten, nimmt jede ohne Krieg einfach ein Stück dieses Landes für sich in Anspruch. China fühlt, dass

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