Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i >- ' 1 ■■ ' mmm ...... 111 ♦ Lrdarkivn: VlfI/1, Schlöstelgqssr 11. Sprechstunde»»r An WochMagen von 10 bis 1s Uhr vormittag«; an Sonntagen 11 bis 18 Uhr vornlitKlgS. post«bress«: BübtscheS Bolttbla«, Wie«, Vlll|l. Vrsckvrrrde» wegr» veridäteter oder gar nicht erfolgter ZusteSrng erbitten wir un» dring««. — Mannscridle werde» nicht znrMOrstellt. Postsparcaffen-EtMo 847037. In büß SkSonnemeiit kann man täglich eintreten. ♦ . -.— ■ ■ —— — ■ N-. 3S Erscheint jeden Freitag «Äker Mitivtrkmng der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsrommifston. Inserate übernehmen die Firme«: I. Danneberg, M. Duke», Haasen- «iein & Bögler, Rudolf Masse, «. Oppeli!, M. Pozsonhi. A. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslands. Einzel-Nummer in Wie« 18 Heller. Wie«. 10. August 1900. ♦---♦ Administration: VIII/1, Schlöhelgasse 11. Abonnementspreis: Für Wien «. O-sterretch-Ungarn sammt Fransozustellung. I Ganzjährig . . Kr. 8.— I Halbjährig.. 4.- | Vierteljährig.. SS.— Für da8 gcsam sammt Franc Gunzjährig . . . Halbjährig . . . Vierteljährig . . mte Ausland ozustellung. ... Kr. .4.50 . . . „ 2 *5 ___-♦ *...1 H. Jahrgang. Dir Lage in Rmnänien. Bukarefi, den 8. August &0öO. Dass die Antis-MÄten sich in -er berühmten Wga zu rimem geheimen Ordsn organisier haben, dürste selbst Ansere'nl Rabbiner Herrn Doctor -Beck bekanNi sein. Diese Biga hat es sich imn Zum Zweck lZrmacht, dss Mysterium Eaty in seiner Avbsil zu stören. Gewisse Politiker, welche sich nicht scheuten, «us der -rumänische»: Statir-nalfrage. eine ParteiwaGeschmieden, werden JaüeS nmjowenigerj 'thun, wenn die -Juden im Spiele sind. Also die antisemitische LiZa ^organisiert, wie die hiesigen BKlter übereinstimmend 'melden, mit Hilfe der unWs-riedsnen konse«-'' vativen PMiker und der ungeduldigen liberalen eine ganze Reihe 'von Exceffen in versch>Mvnen '-Städten der Moldau Mid 'der Wallach-«. Etroas 'wird an diesen Meldungen 'währ sein. Mlisemitische -Krawalle würden in Rumänien ifeine NeuiKeit sein, und die Mrsahrung hat gelehrt, dass die Inden dieselben Weniger zu fürchten haben <als die Antisemiten, welche 'in -Bukarest, ZLssy, Galatz, -Verlad rc, — lauter Städke unit'einer großer jüdischen Bsvölkerrrng — wiederholt m ihrsn Känrps-en gegen rmsere Connationalen den Kür-oren gezogen hccken. Sie wissen auch ganz genau, dass, wenn die in einer von Juden Park 'bevölkertenÄItadt dieselben -angreifeu wollten, sie.sich sicherlich blutigeEöpfe ho'lon würden. Als im Jahre f$898 die antisemitischen Krawalle «-in BükarM unter dem Protektorate derWolizei ftatt-fandep. wurden dieselben, mk dies -auch jetzt geschieht, vovausgemeldet. Der Juden bemächtigte?sich tiefe Ausregung, mid in Uden Straßen der jüdischen 'Mertel bildeten sich Gruppen jüdischer'Arbeiter, welche 'fest entschloffen und «auch;genügend organisiert w«!i, um Sen Antisemiten für Lange Zeiten einer» Denkzettel Zn «ertheileu. Die damalige liberale "Polizei, 'die Urheberin und Veranstalterin der G^eessss, erkannte chie Gefahr und-deren eventuelle Folgen, sandte chre Agenten aus, um die Juden -zu beruhigen und ihnen M versprechen, dass man «die.Antisemiten «.polizeilich a'UseincWderspreN'gen werde. Die Arbeiter glaubten dies, da sie 'damals von den Treibereien «derPolizei.noch keine Ahnung hatten, mnd so gelang es rden Antisemiten, die Inden -zu überrumpeln und «in -den Handelsstraßen, in denen ssich nur.Geschäfte und'sehr ws«ige Wohrumgen beßindep, die Thürläden einzufchlagen.und einige Geschäfte auszuplündern. Als die Antisemitey, allerdings nur zögernd, sich -dem jüdischen Arbeiterviertel .Zuwandten, erschien, um sie ,Zu schützen — natürlich die Antisemiten zu schützen, —-die^ Polizei. Die Antisemiten waren froh, sie zogen gleich ab, versuchten nicht einmal?fich zu widersetzen, sonder» zerstreuten sich sofort. Eine Gruppe maghalsiger Judenfresser wagte sich dennoch unter die Juden, wurde Der Herr Vorsteher. Lr ist reich, geachtet und angesehen. Ja, s ehr geachtet und sehr angesehmf, und bekannt weit und breit. Man «kennt ihn nicht -nur in der eigenen Cultusgemeiicke. Diese Esnstatierung ist eigentlich eine Vermessenheit, wie wenn wir .bekräftigen wollten, Me»ses war ein großer Manu. „Man kennt ihn" ist auch viel zu wenig gesagt. Das kleine Kind spricht seinen Namen vor ^.Papa" und „Mama" aus. Es saugt sozusagen den „Herrn Vorsteher" mit der Muttermilch ein. Man kennt ihn nicht nur in den Gemeinden der Umgebung, man kennt ihn in sehr vielen österreichischen, mährischen, böhmischen, ungarischen Gemeinden. Selbst die Cultusgewaltigen in Wien, leibhaftige Baukaiserliche und sonstige Räthe kennen ihn, auch dem „Israelitischen Gemeindebund" ist sein Name bekannt. Man kennt ihn weit und breit. Wenn tvir in uns gehen, alle unnöthige Schwärmerei beiseite lassen, unreifen Idealismus niederriugeu und verlnünftig, wie es sich geziemt, uns fragen: Was muss ein Vorsteher besitzen? Was befähigt ihn einzig und allein zu seinen Amte? Wir werden nur eine Antwort finden: Repräsentation. — Nun, die besitzt der Herr Vorsteherl Erstens ist er aus der „besten^ Familie, die Brüder sind reiche Kausleute oder Doktoren, die Schwäger sind Beamte, Fabrikanten, selbst Großindustrielle. (Wie sie das alles geworden sind, wissen nur wenige Eingeweihte.) Und der Großindustrielle ist ein persönlicher Freund des Stklivnschefs X und des Professors von U, und der Hofschauspieler Z hat schon bei ihm zum Nachtmahl gespeist. Und der Herr Vorsteher selbst kennt den Abgeordneten U sehr gut. Er hat ihm schon die Hand gereicht. Und vor dem Ministerialsekretär R ist er auch schon gestanden und hat mit ihm gesprochen, wie sch jetzt mit Ihnen spreche. Und vor dem aber v-ov denselben so jämmerlich durchgeyrügelt, dass ihre sÄumtlichen Mitglieder im jüdischen Ambulatorium Hilfe -suchen mussten. 'Bei den Jassyer Kravaller?, die im vorigen Jahre staIHsanden, ebenso bei den Verlader und Galatzer, wurde der antisemitische Angriff von den Judm in energischester Meise abgeschlagen, so dass die antisemitischen Blätter ein Geheul erhoben als ob die Juden ficf) gegen die Anti- Hsmiten erhoben lhÄtten. In Anbetracht dieser Ttratsnchen werden sich die Antisemiten gewiss hüten, in Städten mit einer .großen jüdischen Be-MkeMng neuscdings zu excedieren. Sie werden sich jetzt daromf beschränken, in Städten mit ländlichem Charakter d-ie -wenigen Juden zn bedrängen. Thalsächlich melden bk BNtter, duss in Podul-Jlogiei bei Jassy, von EmiMrön Äer antisemitischen Liga aufs eifrigste-gegen die Juden 'gchetzt wird. Die Bauern der umliegenden Dörfer wären aufgefordert worden, die Juden zu morden, deren Häuser mnd Habe zu vernichten. Podul-Jlogiei hat zwar 1-ZOO ijüdische Einwohner, doch ist es von zahlreichen Dörfern umgeben, deren VevNlkerung ausschließlich rumänisä) ist. wäre dlfo nicht schwer, diese paar hundert Juden M tb-edrängsu, besonders wenn die Behörden nicht dieselben »energisch-schützen sMen. Zwar ist der vumänische Bauernichtantisemitrsch^r istüm großen und ganzen indifferent, aber man Eann ihn doch gegen die Juden aufhetzen, indem man ihm erzählt, idie .Inden hätten den Heiland hingemordet, und ihm weismacht, dass deren Vertilgung die VerbeGerung seiner umteriellen Lage zur Folge chatte. In seiner «großen Roth glaubt der rumänische Bauer eben alles, uüd ebenso «leicht, wie er ein Bittgesuch, in welchem der CZar um Hil^ angefleht wird, unterschreibt,, ist er auch geneigt, 'dem rumänischen Gutsbesitzer, dem Präseeten oder einem unschuldigen Juden den Garaus zu machen. Mit der Organisation der Excesse in Potrul-Jloaiei ist aber den Antisemiten ein Malheur passiert. Dieselben waren,, -wie es scheint, bis ins kleinste Detail organisiert, und es 'scheint ihnen außer allem Zweifel gewesen zu sein, dass a'lles klappen werde. Auch der Tag, an welchem es losgehen sollte, war «bestimmt, und um die Vorbereitungen zu verVLtllständigen, war auch schon der Bericht für die „Apar,area NardiMnala" verfasst. Es scheint aber, dass doch nicht alles ^geklappt hat, denn am festgesetzten Tage fanden die Krawalle nicht statt, dafür aber erschien in dem «erwähnten Blatte am darauffolgenden Morgen der Bericht, welcher sogar die Namen der Besitzer der zerstörten Geschäfte, also die schwarze Liste, enthielt. Dieser Missgriff «des Centralorgans der Liga erregt nicht geringe Heiterkeit, wenn er auch enthüllt, wie weit die Antisemiten ihre verbrach «.rischen Handlungen treiben wollen. Was -einen wundern muss, ist, dass die Regierung Statthalter r>st er auch schon gestanden. „Ein sehr leutseliger Herr." Das nennt man Co-nnexionen! Und dabei habe ich durchaus Uuwiürdiger nur einen kleinen Theil seiner Verwandtschaft und Bekanntschaft aufgezählt. Ist es ein Wunder, wenn der Vorsteher die Vorbedingung der Repräsentation, Selbstbewusstsein, in genügendem Außmaße besitzt? Er ist durchdrungen von der Vorzüglichkeit seines Jchs, in Miene und Sprache findet sein Selbstbewusstsein Ausdruck. — Er ist ein bekannt reeller Geschäftsmann. Ec hat noch niemanden betrogen. Er ist auch wohlthätig. Er ist sehr vermögend und da gibt er so etwas abgerundete Sümmchen, die ihm nicht wehe thun, zu dem oder dem Zwecke. Und so wird sein Lob verkündet, täglich, stündlich. Die Dunimen, Urtheilslosen, die Lakaienseeleu thun es mit vollem Munde, die Selbständigeren, aber Bequemen und Faulen stimmen bei, und dasselbe thun auch widerstrebend die Gescheiten. Sie wollen nicht zerrissen werden, sie müssen mit den Wölfen heulen. Ja, er ist geachtet, der „Herr Vorsteher". Und mit der Wucht dieser Achtung, mit dem Gewichte seines Ansehens erdrückt er alles Neue, Aufstrebende, Er duldet nicht die Ketzerei einer anderen Anschauung als oer eigenen. Der Horizont seiner Erkenntnis ist aber das „deutschliberale Programm". Am verhasstesten sind ihm unreife Idealisten und unpraktische Schwärmer, die da meinen, etwas anderes als das Bestehende könne besser sein. Der Herr Vorsteher ist sehr fleißig. Er bekümmert sich um alle Cultusgemeinde-Angelegenheiten. Sonst könnte es auch nicht so gemacht werden, tote er und, und es muss alles sein, wie er will. — Ein Ideal besitzt er übrigens auch, den Glaube» an eine Fortdauer nach seinem Tode. Er ist ihm zwar nicht der selbstlose Glaube, sondern das Mittel, die schreckliche Furcht vor dem Sterben, über die der wahre Jude erhaben ist, zu mildern. Er glaubt nicht, er klammert; sich daran. Und so theilt er den Armen etwas von seinem nicht mit den antisemitischen Agitatoren kurzen Process macht, dass sie dieselben nicht festnehmen und wegen Aufreizung zur Revolte aburtheilen lässt. Wir wollen nicht annehmen, dass es sich auch jetzt um Anwendung eines alten Trics rumänischer Regierungen handelt, nämlich, sobald das Ausland energisch judenfreundliche Maßregeln fordert, solche scheinbar zu gewähren, zugleich aber antisemitische Excesse zu organisieren, um dann sagen zu können: „Ja, wir wollen schon, aber das ganze Land ist dagegen: der Aufruhr würde allgemein, wenn wir das geringste Zugeständnis den Juden machen würden." Von Herrn Carp ist so etwas nicht zu fürchten, wohl aber von manchem seiner conservatioen Collegen. Dieses Mittel wird aber, nicht mehr wirken. Man weiß es heute, dass alle antisemitischen Excesse polizeilich geschützt wurden, und man erwartet mit Recht von einer aufrichtigen Regierung, dass sie wissen wird, solche Excesse zu verhindern. Endlich muss es mit den judenfreundlichen Reformen Ernst werden. -yz. Anarchistische Studien. Von Dr. Tänzer in Hohenems. Das entsetzliche Verbrechen von Monza hält alle Welt in Erregung, die „Propaganda der That" hat in ihren blutigen Annalen einen neuen Mord zu verzeichnen. Italien hat seinen hochherzigen König und die Menschheit einen auch auf dem Throne rein menschlich fühlenden Mitmenschen verloren. Die Königin-Witwe gab der Ueberzeugung aller Ausdruck, kein edleres Herz ward jemals von anarchistischer Mörderfaust durchbohrt. — Italien, das bisher den anderen Nationen die Königsmörder bescherte, ist nun selbst durch diese in tiefste Trauer versetzt würden, ebenso jvie vor ihm Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Spanien u. s. w. Der Anarchismus hat eigentlich den Reiz der Neuheit eingebüßt und wenn Sergei Netschajew, der Vater der „Propaganda der That", mit dieser, wie er sagt, beabsichtigte^ die Menschen durch das Entsetzen ungeheuerlicher Mordthaten aufzurütteln und die Auflösung aller bestehenden Ordnung herbeizuführen, so kann diese Speculation als eine vollständig, verfehlte bezeichnet werden, schon deshalb, weil die so rasch einander folgenden Attentate jeder neuen Schreckensnachricht das Lähmende und Erdrückende des ersten Entsetzens rauben. Ebenso wie mit Cannibalen in Afrika und Boxern in Asien, hat die Cultur mit Anarchisten in Europa rechnen gelernt, die Bestie im Menschen ist immer noch ein vollwichtiger Factor, mit dem gezählt werden muss, und wenn die Anarchisten „der That" auf herostratischen Ruhm rechnen, so stellen sie bei ihrer stetig wachsenden Anzahl schon allzu große Anforderungen an die Gedächtniskraft der Menschen. Kann doch heute schon von einer Geschichte nicht nur des theoretischen sondern auch des Ueberflusse mit, nur mit der Hand, nicht mit dem Herzen, geht in den Tempel und ist ein reeller Geschäftsmann. Die Speisegesetze hält er Mon nicht mehr. So „fanatisch" ist er wieder nicht. Wenn ich in Momenten bangen Zweifels nach der Ursache des Ansehens forschte, nach der Ursache der Meinung, dass der Herr Borsteher der beste Mensch sei, konnte ich kein anderes Resultat finden, als weil es einer dem anderen sagt. Schließlich glauben alle daran, auch der Herr Vorsteher. So steht er felsenfest auf seinem Posten, und die dummen Oppositionellen können sich auf die Köpfe stellen, wenn sie wollen. Wenn ihn einst das Los aller Menschen erreicht, wird er von der ganzen Gemeinde ins Grab gelobhndelt werden. Am nächsten Tage aber wird er vergessen sein, und sein Tod wird keine Lücke gerissen haben. Denn er war nicht Führer aus lebendiger Liebe zum Judenthum, der Herr Vorsteher, sondern aus Eitelkeit und Herrschsucht. Solche haben wir aber genug unter uns. „Ehret das Alter, Ihr Glaubensbrüder von der mosaischen Consessionsgenosssnschasl", und auch die alten Anschauungen. Sie sind geheiligt, da sie die Anschauungen des Herrn Vorstehers sind. Und bringt ihm junge, aufkeimende, ideale Bestrebungen zum Opfer, indem Ihr aus Euren Söhnen die jüdische Nationalidee austreibt und sie zu blinder Achtung und zu blindem Glauben in den Ruf des Herrn Vorstehers erzieht, sie aber warnt, frevelhaft nach seinen Verdiensten zu fragen. „Ehret das Alter," die ersessene Würde und die veralteten Anschauungen, und fraget nicht nach den Forderungen einer neuen Zeit, nach Verdienst und nach Jttdenthnm, so werdet Ihr finden, dass Ihr nur den „Herrn Vorsteher" wieder zum Vorsteher wählen könnt.