Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. Juli 1900 Nr. 30 Slaventhum ganz aufzugehen, dem nationalen Chauvinismus huldigten utib von ihrem eigenen Volke, den Juden, nichts wissen wollten, wurden sie doch mit Hohn und Spott von den Nichtjuden abgewiesen und aus den Vereinen, deren Begründer sie oft waren, ausgeschlossen. Die Juden sind keine Deutschen, keine Slaven, sie sind ein Volk für sich. Darin waren alle einig, bis auf die Juden, die weiter sortfuhren, den fremden Nationen Lakaiendienste zn leisten, um für ihre lächerliche und schmähliche Zudringlichkeit die gebärende Verachtung einzuheimsen. Statt offen und ehrlich für ihr verschmähtes und zurückgesetztes Volk zu kämpfen, steckten sie, gleich dem Vogel Strauß, den Kopf in den Sand, sobald man ihnen „Jude" zurief, und glaubten, indem sie unter dem Namen Liberalismus ihre Kämpfe austrugen, unerkannt zu bleiben. Doch das Maß der Erniedrigung ist voll. Sollen wir uns einer Gesellschaft aufdrängen, die uns in ihrer Mitte nicht dulden will? Sind wir denn wirklich so tief gesunken, dass wir uns nicht auf eigene Füße stellen können? Sind wir vielleicht nicht deshalb so verachtet, weil wir uns selbst als Juden nicht achten? ,Der stetig anwachsende Antisemitismus macht die Beantwortung dieser Fragen leicht. Auf dem Grundsätze fußend: „Die Juden waren und bleiben ein Volk für sich, vermöge ihrer Abstammung, ihrer Geschichte, ihres Denkens und Empfindens", besteht schon seit Jahren in Prag der Verein jüd. Hochschüler „Bar Kochba", der es sich zur Aufgabe gemacht hat. alle jüdischen Studenten, gleichviel welcher Muttersprache, in seiner Mitte zu vereinen. Man wird versuchen. Euch durch materielle Vortheile Eurem Volke abwendig zu machen. Euch durch schöne Versprechungen für irgendeine Partei zu ködern. Jüdische Abiturienten! Wahret Eure Ehre, zeiget, dass Ihr selbst- und ehrbewusst für Euer Volk zu kämpfen gewillt seid. Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" bietet Euch Gelegenheit, Euer Wissen durch eine wohl ausgestaltete Bibliothek, durch Zeitschriften und Journale auf allen Gebieten zu bereichern, Kunst, Musik, Rhetorik, literarische Bestrebungen, alles wird bei uns gepflegt, und so klein wir noch sind, wir haben es doch schon zu einem Unterstützungsfonds für unbemittelte Collegen gebracht; auch Zuweisung von Lectionen ist uns möglich, da viele unserer Freunde sich bei Besetzung, von Haus-, lehrekposten an uns wenden. Brüder! Ueberleget und besprechet den Inhalt dieses Ausrufes; nicht Phrasen sind es, nicht leere Worte, sondern unverfälschte Worte aus Freundesmund. Wäget sie — und waget es dann, mit uns zu gehen. Anmeldungen nimmt entgegen uud nähere Auskünfte ertheilt Der Ausschuss des Vereines jüd. Hochschüler,,Bar Kochba" in Prag Heinrichsgasse Nr. 9. Karins- und KerjauMlnngsbtNlhte. - Wien. (Verein der i s r. F l e i s ch h a u e r.) Der Verein der isr. Fleischhauer Wiens hielt am Dienstag den 17. d. M. eine Vorftandssitzung, in welcher über die letzten Confererrzen mit der Cultusgenreirrde bezüglich der Koscherfleisch-Frage Bericht erstattet wurde und ein Conrrlö bestehend aus den Herren Gottl. Herne a u n, Siegmund Kornmehl, Jacob Mittler, Leopold Wein wurm, Emanuel Winkler unb Jacob Morgensi e r n zur Ausarbeitung einer Vorlage zur Regelung dieser Frage gewählt wurde. Nach anderen Unterstützungs-Referaten wurde von dem Vorstande beschlossen, der „Isr. Allianz" 200 Kr. für die vertriebenen rumänischer! Juden zum Zivecke der Ansspeisung zu übergeben, auch werden die Mitglieder dieses Vereines gebeten, mit Darreichung von Fleisch die „Isr. Allianz" zu unterpützerr. So hat Herr Ein. Winkler diesen Aermsterr diese Woche ein Nachtmahl verabreicht. (Die Barou Hirsch'sche Schul-Stifturrg für Galizien) versendet eben den Jahres - Bericht über ihre Thätigkeit im Schuljahre 1898/90. 0880 Schüler genossen nach dem Berichte in diesem Schuljahre den Volkschulunterricht in säunntlichen 50 Tagesschulen, was einen Zuwachs von 2081 Schülern gegen das Vorjahr, in welchem die Stistungsschulen von 7209 Kindern besucht wurden, bedeutet. Die 88 Abendcurse waren zusannnen von 187O Schülern besucht. Somit ergibt sich eine Gesammtsrequenz von 11.250 Schülern. An säunntlichen Stistungsschulen wirkten 230 Lehrer. Die Stiftung war dank der Munificenz der seligen Frau Baronin von Hirsch, welche einen großen Theil der zn Schulbauten erforderlicher! Mittel gespendet, zu Ende des abgelaufenen Schuljahres im Besitze von 25 für Schulzwecke vollrrändig eingerichteten Schulhäusern. Sechs weitere Häuser, deren Bau, respective Adaptierungen inr Zuge sind, werden mit Beginn des Schuljahres 1000/1901 geöffnet werden. Somit wird die Stiftung inr Schuljahre 1900/1001 einunddreißig eigene Schulhäuser zählen. Ab und zu beginnen auch Schüler christlicher Konfession die Stiftungsschule zu besuchen. Im abgelaufenen Schuljahre betrug die Zahl dieser Schüler 98. An jenen Stistungsschulen, welche von einer entsprechenden Zahl christlicher Schüler besucht werden, wird auch ein Katechet für den Religionsunterricht aus Stiftungsmitteln beigestellt. Nachdem zu Begrnrr des Schuljahres 1800/10<0 drei weitere Stistungsschulen, und zwar die von Sassow, Gwozdziee und Stanislau das Oefferrtlichkeitsrecht erhalten haben, besitzen dieses Recht nunmehr acht Stiftungsschulen. Die Stiftungsschulen wurden inr Laufe des Schuljahres wiederholt von den k. k. Bezirksschulinspectoren — einzelne auch von den k. k. Landesschulirrspectoren — sowie von den Jnspectionsorganen der Stiftung visitiert, und lauten die bezüglichen Berichte durchwegs recht befriedigend. Das Curatorium beklagt den Verlust seines Schulreferenten, Herrn Nechemias Landes, welcher im Februar 1809 nach kurzen! Leiden verschied. Herr Landes bekleidete das Aint eines Schulreferenten der Stiftung vom 1. Juni 1893 bis zu seinem Lebensende, also nahezu sechs Jahre. Die Verdienste dieses Pädagogen werden unvergessen bleiben. Nach Schluss des l. Semesters wurde vom Verbände der Stiftungslehrer ein Lehrertag nach Kolonrea einberufen, rvelcher dein Kuratorium nachher genehmigte Anträge betreffend Verbesserungen in dem Lehrplane stellte. Wie in den Vorjahren wurden auch im abgelausenen Schuljahre eine bedeutende 'Anzahl von 'Absolventen der Stiftungsschulen bei Handwerkern unlergebracht. Die Kosten für eineir Theil derselben wurden, da die Sustungsnrittel erschöpft waren, von der Frau Baronin v. Hirsch bestritten. Der Stand der Handwerkslehrlinge stellt sich folgendermaßen: 'Nach Schluss des Schuljahres 1897/98 verbleiben in der Lehre 529. Im Laufe des Schuljahres wurden 80 sreigesprochen. Nachdem ferner 50 Knaben, von denen 27 in W'en untergebracht waren, die Lehre verlassen haben, verblieben bei Meistern 397. Im Schuljahre 1808/0!» »vnrden bei Handwerkern 829 untergebracht, sonrit betrug der Stand der Lehrlinge mit Ende des Schuljahres 1898/99 720, also nur 107 mehr als inr vergangenen Jahre. Ferner wurden an 20 Zöglinge des Brodyer Waisenhauses behufs Zuführung derselben zum Handwerke und an 81- Handiverkslehrlinge in der Bukowina Stipendien gervährt. In der Schlosserwerkstätte zu Rzeszow waren im abgelausenen Schuljahre 21 Knaben placiert, so dass inclusive der' freigesprochenen Knaben die Gesanrnrtzahl der inr Laufe des Schuljahres 1898/99 subventionierten Handwerkslehrlinge 981 betrug. Weiters wurde eine Anzahl fleißiger Gewerbe- und Fachschüler mit Stipendie bedacht. In der Gärtnereischule zu Ahlem wurden 7 galizischerr Absolventen der Stiftungsschulen auf Kosten er Jcwi.s'h Colonisation Association untergebracht. Kiichereinlaitf. P. B e r t h o l d (Bertha Pappenheim): Zur Jndenfrnge in Galizien. Frankfurt a M., 1900. Gebrüder Knaue r. (50 Pf.) Arnold Mann: Liebet eure Feinde! Eine apologetische Erzählung. Frankfurt a. M., 1900. I. K a u f m a n n. (1 Mk. 50 Pf.) Briefkasten. Anonymns. Für welches Judenthum S i e kämpfen, das lehrt uns der Umstand, dass Sie von unseren aruren Brüdern, für welche wir kämpfen, in Ausdrücken sprechen, die man sonst nur in den Spalten des „Deutschen Volksblatt" begegnet. Uebrigcns suche ich in Ihren Worten keine Sache, sondern ein Persönliches, nur keine Persönlichkeit. Fehlt Ihnen doch das erste Requisit einer solchen, offener, freier Math. Anonym nennen wir aber namenlos niedrig. Weiteren Einsendungen Ihrerseits steht nichts im Wege. F. Br. in Czernowitz. Wir theilten Ihnen seinerzeit brieflich mit, dass wir mit Nachrichten aus Rumänien reichlich versehen sind, von Ihrer Einsendung also zu unseren! Bedauern keinen Gebrauch machen können. Sch. W. in Kiczern. Das Versehen muss auf Seiten des Postamtes zu suchen sein. — Die gewünschte Adresse ist: Warschau, Marjanska Nr. 2. Josef A. Leider nicht verwendbar. Jakvb Tiradv. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsöhn. (Fortsetzung.) Frau Mayor und Tirado, welche voll Schreckens diese Stimme vernommen, die in solcher Klarheit und Kraft seit langer Zeit nicht gehört worden, eilten zum Lager des Kranken. Das Licht, das vor diesem stand, warf seine Strahlen auf das Antlitz Gaspar Lopez' und beleuchtete die verfallenen Züge, das abgemagerte Antlitz des Leidenden, auf rvelches die Hand des Todes ihre grelle, schreckhafte Schrift deutlich verzeichnet hatte. Aber seine Lider hatten sich gehoben und aus feinen Augen strömte ein Glanz, der die Wiederkehr seines Bewusstseins in unzweideutiger Weife erwies. Er winkte seiner Gattin, dass sie ihn aufrichte und durch Polster stütze, und dann sprach er: „Ich habe mein Haus zu bestellen, bevor ich scheide, und wir müssen eilen, dass es nicht zu spät rverde. Mayor, meine theure Mayor, weine nicht; Du Perle meines Lebens, Du Quelle meines Glückes und mienes Trostes, beruhige Dich. Du hast mir der Liebe ein so unendliches Maß erwiesen, der Treue und Hingebung so schrankenlose Opfer gebracht, dass Du an der Erinnerung dessen zehren und Dich erheben kannst, so lange Du lebest. Wenn ich dahingeschieden, so ist die Kette zerrissen, die Deinen Fun an dieses Land voll bitteren Trübsals gefesselt, und wie eine lichte Taube kannst Du den Flug hinübernehmen, wohin Deine Sehnsucht Dich treibt. Thue es, thue es unverweilt. Meinen zerfallenden Körper übergebt der Erde an diesem stillen Plätzchen; der Segen eines liebenden Vaters wird aus ihm hervorgehen und seinen! Weibe und seinen Kindern eine friedliche Stätte bauen unter anderer Sonne. Tirado, ich wil Dir meinen letzten Willen eröffnen; schreibe ihn auf, dass ich das Blatt noch unterzeichne, Carlos soll gegenwärtig sein und als Zeuge unterschreiben. Unterbrecht mich nicht, meine Kraft schwindet." Und nun verordnete er, dass sein ganzes Vermögen, über rvelches die Docunrente sich in einem eisernen Kästchen befanden, nach Abzug eines bedeutenden Geschenkes für Carlos, die 'Amurs und ihren Sohn, in vier Theile getheilt werde, von welchem einer seiner Wittwe, zwei seinen Kindern und einer Tirado gehören sollten. Bis zu ihrer Mündigkeit sollten Frau May or und Tirado die Vormundschaft über seine Kinder haben und diese überhaupt nichts ohne die Zustimnrung Tirados unternehmen. Wenn sie seinen Leichnam begraben hätten, sollte Frau Mayor keinen Augenblick länger hier verweiler, sondern den blutigen Boden ihres Vaterlandes auf immer verlassen und zu ihren Kindern eilen. Keine Spur der Homems solle in diesem Lande verbleiben, außer der einsamen Gruft in der verborgenen Schlucht, die vielleicht niemals der Fuß eines Menschen rvieder betreten iverde. — Tirado musste diese Verordnungen des Sterbenden in möglichster Schnelle niederschreiberr; dann rvurde Carlos hereingerrrfen, das Ganze vorgelesen, und Lopez Unterzeichnete es nrit Hilfe seiner Frau in zitternden, aber lesbaren Schriftzügen. So lange hatte die Kraft des Sterbenden ausgehaltcn. 'Auf seinem Antlitz rang der Tod nrit den verhauchenden Kräften des Lebens; immer bleicher wurde das Antlitz, weißer die Lippen, tiefer die Furchen, stierer der Blick. Sein Haupt sank zurück; aber noch einmal lispelten seine Lippen: „Mayor, hilf mir!... Tirado, bring' meinen Segen meinen Kindern!..." Frau Mayor neigte sich nieder, sie erkannte den Wunsch ihres Mannes, legte seine Arme unr ihren Nacken, hob seinen Oberkörper an ihre Brust, legte seinen Kops auf ihre Schulter. Ja, sie vernahm noch, rvie ein leises Zittern der hinschwebendcn Seele: „So ist es recht... hier will ich sterben...!" Auch Tirado war dicht herangetreten; sein fester Blick rvar auf die brechenden Angen Gaspar Lopez' gerichtet — noch einige schwere Minuten, und Tirado hob laut das Wort an: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig!" — wie dieses Wort verhallte, war der Geist der zerbrochenen Hülle entflohen — Gaspar Lopez ivar todt.... Lautes Aufschreien seines Weibes; Ströme von Thränen; der tobte Körper fällt auf das Lager zurück, das Weib neben ihnr auf die Knie. Tirado steht stumm am Fenster und starrt in das Dunkel der Nacht hinaus... Langsam schwinden die Stunden der Nacht. Die Dämmerung beginnt; der Strahl der Morgensorrne findet spät seinen Weg in die tief gelegene Schlucht. Aber wie er kommt, ist er der Bote des Lebens, das unnachsichtlich feine Forderungen stellt, seine Ansprüche erhöht. Es will das Todte nicht dulden auf der Oberfläche dieses Erdballs, und das Licht will es nicht ertrageir in seinem Reiche. Tirado verlässt das Fenster; er ergreift die Arme seiner Freundin, erhebt sie auk, und geleitet sie in die Kammer Carlos, wo er sie in einem Sessel niederlässt. Dann geht er nrit dein weinenden Diener hinaus und schaufelt eine Gruft. Dann tragen sie den erkalteten Leichnam hinaus, betten ihn auf grünem Laube des Waldes, legen einige. Bretter darüber und wölben einen Hügel, den sie mit wilden Sträuchern bepflanzen. 'Als das traurige'Werk beendet, führt Tirado die Witwe an den Grabhügel des Geschiedenen; sie knieen nieder und Tirado spricht laut Worte des Gebetes, Worte der Liebe und des treuesten Gedenkens, Worte des Trostes unb der Aufrichtung. Die Seele der Mayor erwacht ans ihrer Betäubung und lauscht den Wollen des Freundes, den Worten der Religion und nimmt sie in sich auf. Droben schreitet die Sonne über den Rand der Felswand daher und sendet ihr goldenes Licht in die rvilde Schlucht, auf das Grab und die knieendeiff Beter nieder; leise rauschet der Wind Um die Ecke des Felsens herein und durch die Wipfel der Bäume, und wehet Kühlung um die heißen Wangen der Beter. Und das Verlangen des Lebens rührt sich in den Seelen der Beter, und ihre Augen wenden sich einander zn, unb ihre Hände fassen sich, und sie erheben sich vom Boden. Da breitet Mayor ihre Arme aus, und Tirado umfasst sie, und Mayor flüstert ihm zu:^ „Du bist mein Sohn, mein treuer, vielgeliebter Sohn!" j „Und der Herr rrinrmt, unv der Herr gibt, und der Name des Herrn sei gepriesen!" — ' Nach anr Abend desselben Tages langte Tirado mit Frau Mayor und Charlos bei seinem Schiffe wieder an. Frau Mayor hatte nur ihre Kostbarkeiten, theure Erinnerungen ans vergangenen Zeiten, und das Nothwendigste, was sie für sich bedurfte, nrit sich genommen; alles klebrige hinterließ sie der alten 'Amme, von welcher der 'Abschied ein tief erschütternder gewesen. Mit diesen. Dingen hatte sich Carlos beladen, während Tirado das eiserne Kästchen trug, irr^ welchen! sich die Verzeichnisse rmd Urkunden über die reiche Hinterlasserrfchaft Gaspar Lopez' befanden und Frau Mayor auf der rnühevollen Wanderung über die Höhen unterstützte. Mit der äußersten Sorgfalt, aber mit nicht minderer Freudigkeit richtete Tirado dieselbe Kajüte für die Mutter ein, welche die Tochter auf der früheren Fahrt eingenommen, und sobald noch einmal die Schatten der Nacht dein rosigen Tageslichte gewichen waren, stach er in See, um die Flotrlle Drakes wieder zu erreichen. Nach einigen ^Tagen fand der englische Befehlshaber, dass seine gegenwärtige Stellung gefahrdrohend, ja unhaltbar sei. Er musste voraussetzen, dass bald eine größere spanische Kriegsmacht ihn überfallen rvürde, als der er die Spitze zu bieten vermöchte, oder es könnte ein Weststurin eintreterr, der seine Schiffe in den Tajo einzulausen zwingen würde. Er beschloss daher, die Anker zu lichten und nach den Azoren zn fahren, rvo er der erwarteten Caraqne begegnen musste. Bevor er absegelte, belud er eines seiner Schisse mir den kostbarsten Gegenständen der Beute und sandte es nach England zrlrück. Diese willkommene Gelegenheit benützten Tirado und Frau Mayor, um Briese an Maria Nunes und Manuel zu befördern. Die Fahrt nach den 'Azoren war von günstigem Wetter begleitet. Ter Frau Mayor lhat es unendlich wohl, nach so vielen Tagen derEinsamke'.t und der Verlassenheit am Krankenlager ihres leidenden Gatten rvieder unter Menschen §uverweilen und die frische Lust des Meeres einzualhmeu. Und mit rvelcher Verehrung und Liebe begcgrrclen ihr alle die hochgesinnten und aus den gebildetesten Kreisen stainmenden jungen Männer, die sich urn Tirado vrsarnmelt! Sie betrachteten sie als das Haupt und die Märtyrerin ihrer Schar und sahen in ihrer Gegenwart die Bürgschaft des Gelingens ihrer Pläne und einer schönen, gesicherten Zukunft. Vor allen aber kaur ihrem Herzen Tirado immer näher, er, dem sie nach dein Vorgänge ihres beweinten Gatten vre Rechte eines Sohnes erngeränmt. Es waren fast glückliche Tage, die sie hier verbrachten. 'Nicht lange brauchten die Engländer auf der Höhe der 'Azoren den reich beladenen Ostindienfahrer zn erwarten. Bald genug signalisierte man seilte 'Ankunft. Aber er kam nicht allein, sondern in Beglciltlng zweier großer Kriegsschiffe. Der Entschlnssdes Sir Francis Drake rvar bald gefasst. Das eine spanische Kriegsschiff filhr voran, die Caraqne folgte, rurd erst in einiger Entfernung kaur das zweite Kriegsschiff heraus. Dracke theille seine kleine Flotille in zwei Tressen. Sein Comnrandoschrff, von zwei anderen begleitet, sollte das erste Kriegsschiff angrersen; das zweite Treffen von zwei Schiffen und der Caravolle dein Ostindienfahrer die Flucht abschneiden. Tirado sah eS diesiiral nicht ungern, so nur einen geringen Anthcil am Kampfe zn nehmen. Das Manöver gelang vollkommen. Das spanische Kriegsschiff ivar bald umringt, von drei Seiten zugleich angegriffen, von den Kugeln, der Engländer durchbohrt, rvährend feiue Geschütze viel zn hoch lagen, nur den niedrigen und schnell sich bewegenden feindlichen Schiffen Schaden thun zlt können. Der zweite Spanier koitrrke nicht so schnell heransegeln, um seinem Genossen znhitse zn kommen, und da er das Schiksal desselben gewahrte und eine andere Ablheilnng des Feindes ans sich zukonrrnmen sah, hielt er es für das Beste, noch zur rechten Zeit zn entkoinnren. Er maubte und na hin den Conrs gegen Sndwest, indem er zugleich der Caraqne ben Befehl ertheille, denselben Weg einzuschlagen. Hier aber war es Tirado, der dein Ostindier die Flicht abschnilt. 'Er flihr kühn zwischen denselben und die spanische Gallione; die beiden Engländer folgten — und die Caraqne war genommen. Das erste Kriegsschiff hatte sich ergeben. Nach diesem Siege trat der tapfere Drake ben Rückweg an. Cr hatte seine Aufgabe mit unerwartetem Glücke gelöst. Er hatte die genauesten Erkundigungen über alle Rüstungen des spanischen Königs eitlgczogen nitd sich über deren Endziel die ztveiselloseste Gewissheit ver.chafft. Ec hatte über hrruderl spanische Fahrzeuge vernichtet, dcnr Fcinde unermesslichen Schaden bereitet unb reiche Bettle abgenominen. Mit dein stolzesten Selbsbewusstscin eilten die Briten ihrem Aaterlande zu. XIX Die Briefe inachten auf Maria Nnnes einen tief erschüttenden. Eindruck. Sehr gernischte Gefühle bestürmten ihr Genrüth. Der Tod> ihres Vaters rief in ihr einen herben Schmerz hervor. Ach, er war ein so zärtlicher Vater! Und wenn sie auch mit vielen seiner 'Ansichten nicht übereinstiinnue, sich ihnen nicht anzuschiniegen vermochte, rvenn sie in ihm das Band gesehen, das sie und ihre Mutter in ihrem unseligen Baterlande, unter denr schweren Banne der Verfolgung, in der schmerzlichsten Haft eines erheuchelten Glaubensbekenntnisses zurückhielt, dass sie dem edelsten Triebe, den beglückendslen Träumen ihrer Seelen nicht Nachfolgen konnten — er hatte doch ein Herz voll Liebe und Zärtlichkeit für sie, das in jedem Worte'und in jeder Thal sich kurrdgab. Jetzt war er nach lange»! Leiden in seine einsame Gruft hinabgesunken, und sie halte nicht noch einmal in sein brechendes Auge sehen, seine sterbende Hand nicht noch einmal drücken können? Für immer war er ihr geschieden, ohne dass sie das Wort des Abschiedes und des Segens von ihm empfangen hatte! . . . Und doch wieder drängte sich in ihrem Herzen ein srendiges, fast jubelndes Gefühl auf und wallte rasch empor — sie sollte ihre Mutter Wiedersehen, in die nrültertichen Arnre, an daS mütterliche Herz fallen, schon rvar sie nahe, schon konnte sie dem Tage ihrer Ankunft entgegerrgesehen — auch ihre Mutter war gerettet, aller Furcht und Bangnis frei — und durch wen'{ . . . Tirado! . . . Und wie diese Einpslndungen rasch aufeinander folgten, machte sie sich Vorwürfe, dass sich freuen könne in einem Augenblicke, rvo sie einen so herben Verlust, einen nimmer zu ersetzenden erlitten, dass an dem Grabe ihres Vaters selbst Blumen eines zukünftigen Glückes blühen sollten! . . . Aber war sie schuldig deshalbWar nicht das eine so berechtigt, so natürlich wie das anderes So kämpfte es irr ihr. Als sie begann, sich in etwas zn beruhigen, und der Strom ihrer Gefühle ans ihregegenrvürtige Lage sich znrncklenkte, sandte sie zn Manuel, der alöbald erschien. Stumm, ohne in der Ueber-