Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Date
- 1900-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. Juli 1900 Nr. 30 Weg bis cm die Grenze zu Fuß zurückgelegt hatten. Vor der Abreise hatten sie eine Kundgebung erlassen, in der es beißt, sie nähmen mit blutendem Herzen Abschied vom Baterlaude, das sie nur aufgaben, weil sie sonst Hungers sterben müssten. Aber auch in der Fremde würden sie die Liebe und Treue zum Vaterlande bewabren. Auch einige Studenten befanden sich unter den Auswanderern, sie hatten schon mehrere Semester studiert, mussten aber wegen der hohen Taxe für Juden das Studium aufgebeu. Berlin. Von Professor Dr. S t r a ck erscheint demnächst eine neue Schrift: „Sind die Juden Verbrecher von Religions- Wegen?" Berlin. (P r e m i e t e.) Hiesige Blätter berichten über eine Premiere im .Reuen Theater", die für uns in manchen Beziehungen von Interesse ist. Es handelt sich nämlich um die Aufführung einer einactigen Komödie von Ludwig Wolfs: „Die Mondschein- Sonate", in der das Heirats-Vermittlungswesen in jüdischen Kreisen in greller Weise beleuchtet nnrd. Zwei junge Leute lassen sich durch Vermittler zwei Mädchen besorgen. Es handelt sich um 15.000 und 20.000 Mitgift. Nun irrt sich aber der eine der beiden Bewerber in den Mädchen. Er muss durchaus 20.000 fl. haben, billiger kann er es nicht machen: unterdessen hat er aber aus Versehen der von 15.000 schon einen Eintrag gemacht. Die höchst bedauerliche Verwechslung wird zum Glücke noch wieder gut gemacht, indem der Slrcmsky einfach an Isidors und Isidor an Strcmskys Stelle tritt. Der christliche Referent der „V.-Z." schreibt über das Stück: „Mir erschien es wesentlich als absichtlich übertriebenes Zerrbild, indessen versicherten einige jüdische Herren, dass es für beschränkte Kreise auch als reine Milieu-Schilderung zutreffe." Das Versöhnliche liegt für diesen Referenten darin, dass der Verfasser ohne Zweifel selbst ein Jude ist. Nun denn, für uns liegt gerade in diesem Umstande das Nichtversöhnliche, denn wir meinen, dass ein Jude unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen, wo das von allen Seiten in der unerhörtesten Weise angegriffene Judenthum sich in einer schwierigen Defensivstellung befindet, durchaus nicht das Recht hat, seine Bekenntnis- und seine Stammesgenossenschaft dem Spotte und Gelächter der Theaterbesucher preiszugeben, und zwar in diesem Falle umsoweniger, als die geschilderten Verhältnisse auch in manchem anderen Milieu wiederkehren und keineswegs nur in jüdischen Kreisen vorhanden sind. Berlin. (Angriffe g e g e n I s r a e l i t e n.) Folgenden Erlass, „polizeiwidrige Angriffe gegen Israeliten betreffend", enthält das „Großh. Hess. Regierungsblatt". Er lautet: „Eine schmerzliche Erfahrung hat gelehrt, dass die unwürdigen und strafbaren Unternehmungen, welche sich der Pöbel in einein deutschen Orte gegen die Rechtssicherheit der Israeliten erlaubt hat, als ansteckendes Beispiel auch auf andere deutsche Orte zu wirken vermochte, so wenig man auch dieses in einem Zeitalter hätte erwarten sollen, in welchem man mit Aufklärung und liberalen Gesinnungen so gern zu prunken pflegt. In dem Umfange des Großherzogthums haben zwar bisher nur noch wenige und unbedeutende Unordnungen dieser Art stattgefunden, und bei den stattgefundenen hat man die angenehme Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt, dass kein solider, rechtlicher Bürger und kein achtbarer Familienvater Antheil genommen hat; es bleibt aber immer heilige Pflicht der höchsten Staatsregierung, durch kräftige Maßregeln dem ferneren Entstehen aller solchen Unordnungen vorzubeugen und dadurch den Schutz der Rechte zu bewähren, -’Vv» V* ” J -' j vvj O 4, V* , - S, »* V VI . . V . v, f 4 S S .ugwn und des Standes, gleichen Anspruch hat. Aus dieser Rücksicht haben Seine königliche Hoheit der Großherzog gnädigst zu verordnen geruht, dass in Zukunft für jeden Schaden, welcher den Israeliten bei Zusammenrottungen und Aufläufen zugefügt werden würde, die Gemeinden, vorbehaltlich ihres Rückgriffes gegen die Schuldigen, verantwortlich sein sollen. Indem inan diese allerhöchste Entschließung hierdurch zur Kenntnis des Publicums bringt, bemerkt man zugleich, dass man auch ferner darauf vorzüglich rechne, dass die Familienväter fortfahren werden, ihre Hausangehörigen, Kinder, Untergebenen und Dienstboten auf das Unvernünftige und Verächtliche solcher Ausbrüche des Haffes oder eines gefährlichen Muthwillens aufmerksamzu machen, und man glaubt, dass der vernünftigere Theil des Publicums in jener Entschließung ein kräftiges Mittel zur Unterstützung der häuslichen Zucht erkennen werde, indem nunmehr auch der Unbesonnenste begreifen lernen wird, dass die nachtheiligen Folgen der Störung der öffentlichen Ordnung nicht die ausgewählten Opfer treffen, sondern vielmehr auf ihn selbst irnd auf diejenigen zurückfallen werden, mit welchen er innig verbunden ist- Aus besonderem allerhöchsten Aufträge Großherzogtich hessisches geheimes Staatsministerium." — Die einleitenden Zeilen berechtigten zu der Annahme, dass unmittelbaren Anlass zu dieser Verordnung die betrübenden Ereignisse in Könitz, Stolp und Bütow gegeben haben. Leider ist der Erlass älteren Datums. Er datiert vom^4. September 1819, legt jedoch durch die sich ergebenden Schlussfolgerungen ein beredtes Zeugnis dafür ab, wie herrlich weit wir es seit nahezu einem Jahrhundert in deutschen Landen gebracht haben. Nürnberg. (Die Emigranten.) Wie habeit wir es doch herrlich weit gebracht. Können wir nicht stolz sein auf die fortschreitende Culturentwicklung der Menschheit! Spanische Greuel vom Jahre 1492 feiern heute an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von neuem ihre blutigen Triumphe; Judennoth und Judentod, wie sie einst vor 400 Jahren die spanische Judenheil heimgesucht, sind jetzt über unsere rumänischen Glaubensgenossen hereingebrochen. Diese Thatsache, welche das gesammte Judenthum wie ein Keulenschlag getroffen, birgt etwas historisch Tragisches in sich. Nach der Massenvertreibung der Juden aus Spanien hatte sich ein Theil der Flüchtigen nach Rumänien gewendet, wo sie gastliche ''Aufnahme fanden, und heute nach 400 Jahren inüssen die Nachkommen jener Juden den Boden verlassen, der ihnen eine zweite Heimat bieten sollle; denn auch sie hat dasselbe Geschick ereilt — der Berbannung und Heimatlosigheit. Wie einst in Spanien, sind auch diesmal mehr als 200.000 Juden diesem furchtbaren Schicksal preisgegeben. Elend und Noth, Verfolgung und Bedrückung, nur die äußerste Verzweiflung treibt die rumänischen Juden in die Fremde hinaus. Sie eilen, sie flüchten, von panikartigem Schrecken ergriffen, aus ihrer Heimat, in der sie doch nicht bleiben tonneu, nicht bleiben dürfen, in der ihnen von allen Seiten entgegenstarrt — der Hungertod! Die meisten zieht es nach Eanada, wo sie, geschützt durch Gottes Beistand, gefördert durch die Güte edler Menschen, eine Scholle Erde zu finden hoffen, auf der sie ruhig leben, ruhig fterbeu können. Wer sich eine schwache Vorstellung von all dem Elend und Weh machen will, das über die rumänischen Juden hereiugebrochen, der brauet)t nur die vielen unglücklichen Auswanderer zu sehen, die fast tagtäglich Nürnberg berühren. In Nürnberg, einer Durchgangsstation der über Wien nach Rotterdam reisenden rumänischen Judun, rasten diese stets mehrere Stunden und werden während dieser Zeit hier in der ausgiebigsten Weise unterstützt; sie werden mit Speise und Trank gestärkt, mit Fahrkarten zur Weiterreise und reichlichen Geldunlerstützungen versehen. Vis jetzt haben etwa 800 solcher Auswanderer Nürnberg passiert, übermorgen wird wieder ein größerer Zug erwartet. Zur Unterstützung der Unglücklichen hat sich hier unter dem Vorsitze des ehrwürdigen Herrn Rabbiners Tr. Ziemlich und Geh. Hofrath Dr. Jos ephthal ein Hilfscomitv gebildet, dem sich m selbstloser, anerkennenswerter Weise eine Reihe von edlen Männern angeschlossen hat. Es wird hier eine allgemeine Geldsammlung veranstaltet, deren Ergebnis bisher ein sehr erfreuliches ist. Es muss zum Ruhine der Nürnberger jüdischen Gemeinde, zur Ehre der am Liebeswerke mitlhätiaen Männer und Frauen gesagt werden, dass sie mit allem Ester bemüht sind, die Noth der Unglücklichen zu lindern. Von jetzt an sollen den Auswanderern warme Speisen, Suppe und Fleisch — natürlich streng rituell znbereitet — den Kindern Milch gereicht werden, überdies sollen die Bedürftigen mit den nothwendigen Kleidungsstücken versehen werden. Zur Entgegennahme und Vertheilung von Kleidern hat sich ein besonderes Damencomitö gebildet. Sogar Christen tragen dazu bei, das Liebeswerk zu fördern. Besonderer Dank gebürt in dieser Beziehung dem hiesigen Bahnhofrestaurateur Herrn P o l e n s k i, der sich in uneigenützigster Weise der Armen annimmt. Heute waren es wieder 170 Personen, darunter sehr viele Frauen und Kinder, die in Nürnberg bewirtet wurden. Dieser Zug bot einen gar traurigen Anblick dar. Auf den bleichen, durchfurchten Gelichtern dieser Unglücklichen war Gram und Kummer, die Spuren des ausgestandenen Hungers gelagert. Es war dies ein Theil von jenen Juden, die in Bukarest ' und Galatz auf den Friedhöfen campiert, weil sie keine andere Stätte fanden, ihr müdes Haupt hinzulegen. Da eine Reihe von ihnen auf der Reise erkrankt war, war am Nürnberger Bahnhof der Arzt, Herr Dr. M ü n z, zur Stelle, auf dessen Anordnung die Kranken mit den erforderlichen Arzneien und Stärkungsmitteln versehen wurden. Ebenso wurden mit großer Opferwilligkeit von einigen anwesenden Nürnberger Damen Kleidungsstücke schnell herbeigeschafft, die an die Bedürftigen vertheilt wurden. Es war rührend zu sehen, mit welche, Dankbarkeit und Freude die Unglücklichen die gebotenen Gaben in Empfang nahmen. Als sie von dannen fuhren, riefen sie: „Es lebe die Gemeinde Nürnberg!" M. Petersburg (Vertrag d e s Baron Hirsch mit de r r n s s i s ch e n R e g i e r u n g.) Einer der wichtigsten Paragraphen des Vertrages, den seinerzeit Baron Hirsch mit der russischen Regierung geschlossen hat, bestimmte, dass diejenigen Juden, welche durch Vermittlung der Je^vish Golonization Association ansgewandert sind, unter keiner Bedingung nach Russland znrnckkehren dürfen. Da aber das Erwerben des Bürgerrechtes in den meisten Staaten Europas und Amerikas erst nach einem langjährigen Aufenthalte im Lande möglich ist, wurde in der letzten Sitzung des russischen Staatsministerinms aus Vorschlag des Ministers des Auswärtigen beschlossen, alle durch Vermittlung der J. CI. A. ansgewanderten Inden so lange als russische Unterthanen zu betrachten, als sie noch nicht die Unterthanenschaft eines anderen Staates erworben haben. Dem zufolge ist ihnen auch die Rückkehr nach Russland gestattet. Die Repatriierung hat ans Rechnung der J. C. A. zu erfolgen. Die etwaigen Kosten werden aus der von Baron H i r s ch bei der russischen Regierung hinterlegten Cantion gedeckt. Wilna. (B r a n d k a t a st r o p h e n.) Die Brandkatastrvphen, welche in den letzten sechs Wochen zwanzig jüdische Gemeinden heimgesucht haben, fangen an, das Mitleid der Behörden zu erregen. So hat der hiesige Gouverneur vergangene Woche die Trümmer der Stadt Dalhinow besucht und ans dem Wege dorthin für die Abgebrannten 17.000 Rubel gesammelt. einem Besuche des am 24. Mai niedergebraunten Stüdchens Simena. Von dem Anblicke des Elends tief erschüttert, hielt er an die ihn nmdräugende jüdische Volksmenge folgende Ansprache: „Sorget nicht, Brüder! Go!t wird schon helfen! Und auch ich will alles für' Euch thun, was in meinen Kräften steht. 200 Rubel spende ich persönlich; 10.000 Rubel will id) für Euch aus der Prvvinzial-Creditcasse zu erhalten suchen, ferner hoffe ich beim Verkehrsminister für hierhergehendes Bauholz eine erhebliche Frachtermäßigung dnrchznsetzen. Endlich soll das Holz aus den fiscalischen Wäldern in der Nähe Eures Ortes nicht mehr veranctioniert werden, sondern zu marktgängigen Preisen freihändig in Angnstowo (Gouvernement Snwalk) an Euch verkanst werden." — Der Brandschaden, den die jüdische Gemeinde erlitten hat, wird ans mindestens 100.000 Rubel geschätzt. Verbrannt sind 05 Wohnhäuser mtd 165 sonstige Gebäude, außerdeni Waren im Werte von 50.000 Rubeln. Der von den Versicherungs-Gesellschaften zu leistende Betrag beläuft sich nur auf 32.000 Rubel. Nicht weniger als 231 Familien mit 210 Köpfen sind völlig brot- und obdachlos geworden. Kischinjelv. (Das H i l f s w e r k in B e s s a r a b i e n.) Dieses humane Werk nimmt" die Kraft der russischen Juden bis zur völligen Erschöpfung in Anspruch. Glücklicherweise haben1 unsere Brüder in Russland in den letzen zwei Decennien die Kraft der Selbsthilfe erlernt, so dass sie in erfreulichem Gegensätze;u den Glaubensgenossen in Rumänien, es nicht mehr nöthig haben, in Zeiten der Noth ihre Blicke in bangem Harren gegen Westen, nach Berlin Paris und London zu richten. Die Zahl der Hilfsbedürftigen hat inzwischen erheblich zugenonunen, da, je länger die Hungersnoth anhält, desto mehr selbständige Existenzen vernichtet werden, und so kommt es, dass Leute, die noch vor zwei Monaten den Armen ihres Ortes die hilfreiche Hand bieten konnten, jetzt bei der Fortdauer der Noth selbst nothleidend geworden sind und nunmehr die Zahl der „heimlichen" respective verschämten Armen vergrößern helfen. Das Hauptconlingent dieser Armen liefert die große Schar der Kleinhändler, welche mit einem Capitale von. 40—50 Rubeln einen kleinen Handel beginnen und durch häufigen Umsatz es wirklich fertig bringen, mit Hilfe dieses winzigen Capitals sich ehrlich durch die Welt zu schlagen. Da die Kaufkraft der Bevölkerung jetzt fast auf Null gesunken ist, sitzen nun diese kleinen Leute alle auf dem Trockenen und müssen, bis bessere Zeiten kommen, unterstützt werden. Die Unterstützung dieser Leute ist verhältnismäßig kostspielig, weil sie kein Handwerk besitzen und überdies jede andere Art von Hilfe, als durch bares Geld, aus Furcht, dadurch ihren Credit zu schädigen, hartnäckig zurückweisen. Weit leichter lässt sich den öffentlichen Armen helfen. Für diese werden Läden etabliert, in den das Mehl zum Selbstkostenpreise abgegeben wird. Ferner werden überall Volksküchen errichtet, bei deren Etablierung und weiterer Leitung der wohlhabendere Theil der jüdischen Bevölkerung, namentlich aber die besser situierten Frauen ganz Hervorragendes leisten. Am meisten wird jedoch der Noth durch Gewährung von Credit und Organisation der productiven Arbeit gesteuert. So wurde am 10. Juni in Orgejew eine Niederlage für Böttcher errichtet, wo die Hilfsbedürftigen Dauben, Reifen und Eisen nebst einem baren" Vorschuss erhalten, die dann bei der Ablieferung der fertigen Fäster verrechnet werden. Unter denselben Bedingungen wird ebendaselbst jetzt ein Magazin für 50 Schuster etabliert. In Jsmael wurde von dem Organisator des dortigen Hilsswerkes, dem Dr. AUenstein, ein Capital von 3500 Rubeln hinterlegt, ans dem 23 Familien ein Credit in Waren, Wagen, Pferden re. bis zu 2-> Rubeln gewährt wird. Die arinen Leute erwerben sich durch diesen Credit nun schon seit sechs Wochen ' ihren Unterhalt. Derselbe Dr. Allenstein hat die Fabrication von Knuten organisiert, für die er in Moskau einen Markt entdeckt hat. — Ein vielverheißender Verstlch wurde auch gemacht, nothleidenden Juden in der Landwirtschaft Arbeit und Brot zu verschaffen. So wurden Ende Juni 125 Juden aus Orgjejew auf dem Gute des Barvn Günzburg untergebracht, wo sie bei der Rübenernte beschäftigt werden. Der Lohn ist zwar minimal und beträgt nur 25 Kopeten per Tag, nebst einer täglichen Nation von 7* Pfund Fleisch und drei Pfund Brot, sowie Hin- und Rückfahrt auf Kosten des Arbeitgebers. Trotzdem haben auf die betreffende Ankündigung in allen Synagogen sich statt der verlangten 125 sofort 400 Mann gemeldet. Hoffentlich wird die Erntezeit, während welcher auch in Russland große Nachfrage nach Arbeitern herrscht, vielen Tausenden von Juden Beschäftigung bringen und ihnen so über die schwere Zeit bis Ende August hinweghelfen. Die zur Organisation des Hilfswerkes in Bessarabien erforderlichen Mittel werden zum allergrößten Tbeile in Russland selbst aufgebracht. So hat, um nur ein Beispiel aufzuführen, die Redaction des „Woschod" allein bis jetzt über 61.000 Rubel quittiert, in jüngster Zeit beginnt zwar auch das Ausland endlich für die Nothleidenden in Bessarabien sich zu interessieren. In den letzten vier Wochen hat unser Localcomitö in Kischinjew über 14.0u<) Rubel ans Amerika quittiert. Ferner hat es 1900 Rubel ans Leeds erhalten, welche durch die „Jewish- Express" gesammelt wurden. Im allgemeinen sind aber die Beiträge des Auslandes bis jetzt minimal geblieben, und wird der allergrößte Theil der erforderlichen Mittel von den russischen Inden selbst ausgebracht. Dieses ist umso bemerkenswerter, als in Russland jetzt eine allgemeine ökonomische Krisis herrscht, unter welcher gerade die Juden anr meisten zu leiden haben. Glücklicherweise dürfte die Noth in Bessarabien nicht allzu lange mehr dauern. Laut vfficieller Mittheilung der Landwirlschaftskannner sind infolge der in der letzten Zeit in den Gouvernements Cherson und Bessarabien niedergegangenen reichlichen Oiegen die „Ernteaussichten in fünf Streifen des Gouvernements Bessarabien theils gut, theils vorzüglich". Mit erfolgtem Einbringen der Ernte aber hat die Noth in Bessarabien — wenigstens in ihrer jetzigen acuten Form — ein Ende genommen, und unsere tapferen russischen Brüder haben die schwere Krisis glücklich Überstunden. T. Bukarest. (F olIen der I u d e n a n s w a n d er n n g e n.) lieber 200 Jassyer Hausbesitzer haben das Finanzministerium ersucht, ihnen die Grundsteuer zu erlassen, da ihnen die Wohnungen unvermietet gebieben sind. Wie verlautet, wird a: ch eine große Anzahl Bukarester Hausbesitzer an das Finanzministerium ein derartiges Gesuch richten. Bukarest. (Der K r o n st ä d t e r Rabbiner in B u k a r e st.) Gestern wurde unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung das Gerücht verbreitet, dass der hier weilende Kronstädter Rabbiner Dr. Rosenbanm am Nachmittag in der großen Synagoge eine Rede über die Auswanderungen halten werde. Dieses Gerücht schien dadurch bestätigt, dass gegen 3 Uhr die Pforten der Synagoge geöffnet wurden. Schnell füllte sich dieselbe, und bald war auch der Hof der Synagoge, sowie die Str. Synagogei voll von einer etwa 3000—4000 Seelen starken Menschenmenge. Es wurde 3 Uhr, 4 Uhr, und der Rabbiner kam nicht; es schlug 5 Uhr, 6 Uhr. und er war immer noch nicht zu sehen, bis um ‘/V? Uhr durch den Synagogendiener verkündet wurde, dass Herr Dr. Rose n b a u m — nicht komme. Begreiflicherweise war die Menge, die über 3'/2 Stunden geduldig ausgeharrt hatte, sehr aufgebracht. Plötzlich brachte jemand die uu\3 ,ycü Dt. 9? f rH u u u ui im Asyl weile. Sofort begaben sich einige hundert Personen dorthin, um Auskunft über das Schicksal der an der ungarischen Grenze in Predeal angehaltenen Emigranten zu holen. Herr Dr. Rose n b a u m ersuchte die Menge, sich zu beruhigen. Der größte Theil der betreffenden Gruppe hat die Grenze bereits passiert und dem Reste würde dies heute, Freitag, gestattet werden. Uebrigens rathe er von einer planlosen Auswanderung ab und sollten, seiner Ansicht nach, nur Leute ohne Frau und Kinder emigrieren. Nachdem Herr Dr. R o s e n b a u m noch bekanntgegeben hatte, dass er am Sonnabend in der großen Synagoge predigen werde, unterhielt er sich kurze Zeit mit einigen Führern von Emigrantengrnppen und fuhr daun nach seinem Quartier. Der Eindruck, den der Kroustädter Rabbiner auf die hiesige jüdische Bevölkerung gemacht hat, ist vorzüglich. Paris. (E h r e n m e d a i l l e.) Jozef Israels, der holländische Maler hat seitens der Knnstsection der Pariser Weltausstellung eine Ehrenmedaille, die höchste Auszeichnung, erhalten. Haag. (Die I u d e n a u s w a n d e r n u g e n.) Die rumänische Gesandtschaft im Haag hat das Ministerium des Aenßern verständigt, dass die holländische, Regierung den jüdischen Auswanderern ans Rumänien den Eintritt in Holland verboten hat. Infolge dessen wird die rumänische Regierung den jüdischen Emigrallten nicht mehr freie Fahrt auf den Staatsdampfern nach Rotterdam gewähren. Rew-Aork. (Gehe tz t e M e n s ch e n.) Eine Anzahl jüdischer Einwanderer aus Rumänien, denen von der hiesigen Einwanderungsbehörde das Landen nicht gestattet wird, weil ihre Passage nicht von ihnen selbst, sondern von anderen Leuten bezahlt wurde, werdeil wahrscheinlich mit einem der nächsten Dampfer nach Europa zurückgesandt werden. China. (Juden in Chi n a.) Außer der Cvlouie in Kai-fäng-fn bcfinden sich jüdische Gemeinden in Hongkong und Shanghai und fünf Gemeinden in Cvchin au der Küste von Malabvr. Unter den von England nach China abgeschickten indischen Truppen befinden sich ebenfalls drei Juden in hervorragender Stellung, nämlich der Lieutenant A. R. Jacobson, der Capitän R. Bleyarnin und der Major B. Samuel, alle drei von der „Beui Israel" in Bombay. Marokko. (S ch n tz den Jude».) Vor kurzem wurde ein eingeborener Jude im offenen Bazar von einem Fanatiker angegriffen und beraubt, ohne dass die znschanenden Ladenbesitzer ihm zuhilfe gesprungen wären. Vor Gericht beschworen diese sogar, dass der Jude den Propheten Mohammed und den Sultan verflucht habe. Der Sultan ließ die Parteien vor sich bringen, hörte ihre widersprechenden Erzählungen ruhig an und fragte daun, ob etwa eine Hochzeit im Gange gewesen sei, dass alle diese Zeugen sich gerade an derselben Stelle befunden und alle genau die gleichen Worte vernommen hätten. Als diese Frage verneint wurde, versank der Sultan einen Augenblick in tiefes Nachdenken und sagte dann: „Ihr sollet wissen, dass der Prophet uns befiehlt, die Inden zn schützen und sie gerecht zu behandeln." „Hast Dil", so fragte er den Juden, „beim Angriff irgend etwas berlorenAls der Jude seinen Verlust mit 600 Ducaten angab, fällte der Sultan das folgende Urtheil: „Ob dies wahr ist oder nicht, auf jeden Fall