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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Juli 1900 Seite T> Sommerflirt daraus. Schließlich wurde Familienrath gehalten, um die jungen Leute vor der Gefahr, mit dem Feuer zu spielen, zu bewahren, und die Aufgabe, den Hausknecht zu spielen, fiel dem Schwiegersohn des Herrn Strobl, dem in der Fango-Heilanstalt in leitender Stelle befindlichen Dr. Anton Pichler, zu. Man hätte auch den anderen Schwiegersohn, der Jude ist, damit betrauen können, aber der Millionär hätte die Sache gewiss nicht so schneidig gemacht, wie sein arischer, akademisch gebildeter Schwager. Als nun Herr Hilfreich eines Tages, die ihm drohende Maßregelung nicht ahnend, dem Ehepaare Pichler begegnete und die Dame höflich grüßte, »schritt* Dr. Pichler ein und beleidigte den jungen Mann in roher Weise. Auf dessen Frage, ob er sich nicht in der Person irre und wo er zu treffen sei, erwiderte der Arzt: »Das geht Sie gar nichts an. Sie Judenkerl.* Mit Rücksicht auf die Anwesenheit einer Dame begnügte sich der Beleidigte mit der Antwort: »Sie sind ein L. .. bube und verdienen Ohrfeigen", schickte aber am nächsten Tage zwei Ofiiciere zu Dr. Pichler, um Genugthuung zu verlangen. Dieser verweigerte jede Satisfaction, da er als alter Herr einer deutschnationalen Studentenverbindung einem Juden keine Satisfaction geben könne. Diese Antwort wurde protokollarisch ausgenommen, und der in einer für jedermann zugänglichen Heilanstalt beschäftigte Arzt und Schwager eines jüdischen Millionärs schämte sich nicht, mit seiner Unterschrift diesen Standpunkt zu bekräftigen. Dr. Anton Pichler wollte die Ehre seiner Schwägerin schützen, und hat damit nicht nur dieser geschadet, sondern auch seine andere Schwägerin, die Gattin des Herrn Beer schwer beleidigt; er hat auch dem Unternehmen, das seiner Leitung anvertraut ist — (oder kann man schon sagen »war*) — empfindlichen Abbruch gethan und kann nicht einmal sagen, dass er bei irgend einem anständigen Menschen auch nur ein Wort der Entschuldigung finden kann. Menn er sich nicht schlagen wollte, so konnte er unter Hinweis auf. seine Ehe einem Zweikampfe ausweichen, er konnte — und auch das ist Satisfaction — sich entschuldigen, aber er durfte nicht auf sein Recht als Arier pochen, denn dieses Vorgehens muss sich auch ein Arier schämen. Wie wenig sich aber Dr. Pichler seiner arischen Pflichten bewusst ist, "das geht aus der Verantwortung hervor, die sein Bertheidiger für die Verhandlung zurechtgelegt hatte. Pichler habe nicht „Judenkerl", sondern „Lumpenkerl" gesagt. Welche Berechtigung Hütte das letztere Schimpfwort einem Manne gegenüber gehabt, der nicht bis Mitternacht bei der langen Pfeife und dem vollen Glase zu gröhlen gewohnt war, der nicht nach gefallener Beleidigung den Mantel des Leugnens oder der Unnahbarkeit vorhält, sondern frei und offen heraussagt: „Ja, das und das habe ich gesagt, aber ich glaubte mich dazu berechtigt.* Auch die Satisfactions-Angelegenheit wollte Dr. Pichler in anderer Weise darstellen: Er habe gesagt, er dürfe einem Juden keine Satisfaction geben, wenn aber Herr Hilfreich Officier oder akademischer Bürger sei, würde er aus seiner Verbindung austreten und ihm Genugthuung geben. Nach diesen akademischnationalen Principien hätte also jeder Arier das Recht, einem Juden Satisfaction zu verweigern und könne nur in zwei Fällen gnadenweise eine Ausnahme gestatten. Der Richter gieng vermuthlich von der Ansicht aus, dass eine noch so große Geldstrafe den Arzt nicht empfindlich berühren würde, und legte den Schwerpunkt in die Begründung seines auf zwanzig Kronen lautenden Urtheils. Diese enthält eine so gewichtige moralische Ohrfeige, dass man ihren Wortlaut wohl wiederholen darf. Der Richter sagte: „Ich unterlasse eine Kritik dieses Falles; es ist traurig, dass die heute in Wien herrschende Strömung auch in akademisch-gebildeten Kreisen Anklang findet, und dass jemand unter dem Deckmantel christlicher Tugenden einem Andersgläubigen Satisfaction verweigert. Otto Hilfreich wird wegen des Ausdruckes „L .. . bub" zu einer Krone Geldstrafe verurtheilt, von der Anklage, durch die Bemerkung „Sie verdienen Ohrfeigen" den Tr. Pichler beleidigt zu haben, hingegen freigesprochen, weil diese Bemerkung eine berechtigte Kritik des ganz unqnalisicierbaren Benehmens des akademisch gebildeten Dr. Pichler bedeutet. Es ist bedauerlich, dass der neue Strafgesetzentwurf, welcher die sofortige Erwiderung einer Beleidigung straflos stellt, noch nicht Gesetz ist. So aber muss man sich in Ehrfurcht dem bestehenden Gesetze unterordnen und Hilfreich verurtheileu. Nimmt man aber die vorliegenden Verhältnisse ins Auge, so ist es klar, dass Hilfreich in einer geradezu an Unzurechnungsfähigkeit grenzenden Aufregung gehandelt hat und deshalb die eine Beschimpfung nicht in eine Form kleidete, welche den Wahrheitsbeweis zulässig gemacht hätte. Wägt man also seine Schuld ab, so ist diesem Verschulden nur die denkbarst geringste Strafe — eine Krone Geldstrafe — angemessen." Ist es nothwendig, dieser von competenter Stelle gesprochenen Kritik noch etwas hinzuzufügen? Eingesendet. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung.) Sehr geehrte R e d a c t i o n! Sehr oft wurden schon in Ihrem geschätzten Blatte die Zustände geschildert, die in den Verwaltungen, wir können es ja mit Stolz sagen, »unserer* Armenunterstützungs-Stiftungen herrschen. Zu diesem Punkte möchte ich nun mit Folgendem auch eiuiges Material liefern. Ich habe eiue Familie von Frau und sieben Kindern umer Umständen zu ernähren, die man sich lebhaft vorstellen kann, wenn man erwägt, dass ich seit sechs Jahren bei der Auer'sche» Beleuchtnugsanstalt mit einem Lohne von 0 fl. wöchentlich angestellt bin. Erst seit 1 */a Jahren beziehe ich den gewiss nicht großen Wochenlohn von 12 fl. Bei den allgemein herrschenden schlechten Verhältnissen war es mir auf diese Weise direct unmöglich, meinen Kindern eine anständige Erziehung angedeihen zu lassen. Nun lvollte ich mir ein kleines Geschäft gründen, bas meine Frau führen sollte. So glaubte ich, werde mir die Gelegenheit geboten sein, mich und meine Familie mit weniger Kummer ernähren zu können, als ich es jetzt zu thun gezwungen bin. Zu einem Geschäfte braucht man aber bekanntlich Geld, und das hatte ich nicht. So ivandte ich mich denn in einem ordnungsmäßigen Gesuche an die Verwaltung der Baron H i r s ch'schen Stiftung um ein Darlehen von .900 fl. Mit diesem kleinen Capital hätte ich mir schon mit Gottes Hilfe auf die Beine helfen können. Und mit der größten Zuversicht harrte ich der Erledigung meines Gesuches. Ich wartete ein, ich warte zwei Jahre, aber nichts dergleichen geschah. So glaube ich nun. dass ich mit meinem Gesuche durchgefalleu bin. Als einzige Begründung dafür, dass mir das Darlehen nicht gewährt wnrde, kann ich mir nur denken, dass ich als zu wenig arm befunden wurde. Da möchte ich denn doch um die gefällige Auskunft bitten, in welchen Verhältnissen man sich befinden muss, um bei der Verwaltung einer jüdischen Stiftung, die den Zweck hat. Arme und Hilfsbedürftige dem Elende zu entreißen oder sie davor zu bewahren, Anspruch auf eine Unterstützung erheben zu können. Genehmigen Sie, geehrter Herr Redacteur, die Aufnahme dieser Zeilen. Mit vorzüglicher Hochachtung M. Sch., Fabriksarbeiter. Büchereinlauf. I. E. de Sinoja, „Die Marraneu", Tragödie in fünf Aufzügen und einem Vorspiele. Dresden und Leipzig, 1901. E. Pierson. Dokumente der Frauen. Halbmonatsschrift, 15. Juli 1900. Der Träumer. Eine Erzählung ans dem Ghetto. Durch die engen, lichtarmen Gässchen des Mainzer Ghettos wandelt still und nachdenklich ein junger Mann. Sein blasses, von einem schwachen Barte nur leicht umrahmtes Gesicht lässt den reinen orientalischen Typus erkennen. Dagegen ist in seinen Zügen etwas, was auf ein vertieftes Seelenleben, einen stark entwickelten geistigen Verkehr nach innen schließen lässt. . . In den schmalen Zugängen der hohen düsteren Häuser herrscht heute ein reges Treiben. Hausfrauen, Mägde und Mädchen eilen geschäftig zu dem im Synagogenhofe befindlichen großen Ziehbrunnen, wo sie auch wohl ihre jüngsten Erlebnisse und Neuigkeiten mit helltönender Stimme einander mittheilen, ohne jedoch von ihrer Beschäftigung abzulassen. Es ist eben „Erew Schabbes". Wie es scheint, nimmt das Scheuern, Putzen und Waschen vor den Hausthüren gar kein Ende. Munter und lebhaft verscheuchen aber die fleißigen Arbeiterinnen durch anregende Plauderei die Monotonie dieser Vorbereitungen zum Sabbath. „Sage nur, Gitl, was hat denn heute unser Bocher? Da geht er so nachdenklich vor sich bin, dass er uns gar nicht bemerkt!" ruft eine behäbige, schon ältere Frau ihrer an dem achtarmigen Kupferleuchter emsig putzenden Nachbarin zu. „Was wird er haben, gar nix", entgegnete diese, „Du kennst doch schon seine Gewohnheit, sich um nichts zu kümmern, stundenlang an demselben Fleck seinen Gedanken nachzuhängen, oder hast Du ihn während den acht Monaten, seit er bei Dir wohnt, je anders als träumerisch und in sich gekehrt gesehen? Du weißt ja, dass man ihn in der ganzen Stadt nie anders, als den „Cholemer" nennt!" „Ja leider, das ist aber auch sein einziger Fehler, denn einen solideren, gelehrteren und srömmeren Menschen habe ich noch nie als Miether gehabt. Ich habe gar keine Umstünde mit ihm, es ist ihm alles recht, und wie geschickt er ist! Das solltest Du einmal sehen, Gitl, alles versteht er!" Der also Apostrophierte war inzwischen zur Thüre eines altersgrauen, unfreundlichen Hauses gelangt, wo er die steilen, unbequemen Treppen bis zu seiner Dachkammer langsam erklomm. Die niedere Thüre hinter sich znwerfend, schritt er erregt in dem kleinen, aber sauberen Dachstübchen auf und ab, offenbar weilen seine Gedaukeu bei einem tiefernsten, ihn mächtig ergreifenden Thema. Jetzt unterbricht er seinen Spaziergang, bleibt vor dem geöffneten Fenster stehen und blickt mit Wehmnth auf das sich vor seinen Augen unten entrollende Panor nua der uralten Stadt Mainz. „Ewig bleibende Stätte menschlichen Wirkens, Du wirst späteren Geschlechtern Zeugnis oblegen von Deinem so hochentwickelten Haudelssiun, von Deiner lebendigen Schaffenskraft, von Deinem Gewerbefleiße und Deinen Wohlfahrtseinrichtungen, wird dies aber auch von Deiner Humanität, von Deiner Toleranz der Fall sein? Werden spätere, glücklichere, bessere Generationen nicht Deinen Glaubenshass, Deine Unduldsamkeit, Deinen Barbarismus verurtheileu? Wirst Du in den Angen der Nachwelt in Ehren bestehen können? O, Ihr Lehrer, Führer und Hirten des Volkes, was zwingt Ench dazu, immer nur Hass statt Liebe, Verachtung statt Nachsicht, Roheit statt Barmherzigkeit zu predigen!? Ist und war es denn nicht seit jeher und immer tun: der Jude, der Ench die Humanität, die Wvhlthätigkeit, die edlen Regungen der Seele, den Glauben und die Nächstenliebe lehrte?! Gab Euch nicht der Jude Euren Messias?! Warum hasst Ihr uns also, warum verfolgt Ihr uns mit unbarmherziger roher Gewalt seit Jahrhunderten? Warm» knechtet Ihr unsere uns angeborene Freiheit? Warum unterdrückt Ihr unsere Rechte? Ist es denn möglich, noch mehr verabschellt, mehr geächtet zu sein, alspyvir es sind!? Und sollen wir uns unthütig ganz auf reiben lassen? Dürfen oder können wir uns nicht helfen?" — Während dieses Monologs färben sich seine blassen Wangen mit einem dunklen Roth, sein Auge sprüht, und spielend zaust der laue Abendwind mit seinen brannen Locken. Tief erschüttert wendet er sich vom Fenster ab. — „-- Drei rasch aufeinanderfolgende, von dem „Schames" gegen das Hausthor geführte Schläge ermahnen die Hausbewohner au den Aufbruch zum Festgottesdienste. Der junge Mann oben in seiner Dachkammer überhört dies aber und ist, den Kopf in beiden Händen vergrabend, in tiefes Nachfinnen versunken . . . * * * In der rauchgeschwärzten Borstadtkneipe »Zum silbernen Löffel" geht es heute hoch her. Gegenüber dem Schanktische spielen zwei Fiedler deutsche und polnische Tänze auf, wofür sich ihnen der Wirt, eine dicke untersetzte Gestalt mit aufgedunsenem Gesichte, durch wiederholte Auffüllung ihrer Maßkrüge erkenntlich zeigt. Das niedere, bloß von einigen qualmenden Oellämpchen spärlich erleuchtete Kellerlocal ist von lärmenden Gästen beiderlei Geschlechtes überfüllt. Die rothhaarige plumpe Gestalt der Kellnerin eilt unablässig von einem Tische zitm anderen, um den lauten, oft schreiend geäußerten Wünschen der vielen Gästen rasch Folge leisten zu können. Letztere scheinen hier alle Stammgäste zu sein, denn der freundlich grinsende Wirt begrüßt sie ohne Ausnahme bei ihren Namen. Die meisten unterhalten sich durch Erzählung von Neuigkeiten, wobei aber viele Redensarten gemeinster Gattung, Zoten und frivole Witze mitfließen, andere vergnügen sich, indem sie die Lieder der zwei Fiedler mit kreischendem Gesänge begleiten, während andere sich dem Würfelspiele ergeben und mit vorgebeugtem Oberkörper, die gefallenen Würfelaugen zusammenzählend, auf der langen, sich längs der Wand hinziehenden Bank erregt sitzen. An dem äußersten Ende derselben haben soeben zwei zerlumpt ausfehende Gestalten Platz genommen und sehen mit spähenden, unsteten Blicken im Locale umher. Sie sind, wie es scheint, mit ihrer Musterung zufrieden, denn der eine murmelt mit befriedigter Miene: „Lauter alte Bekannte!" Inzwischen hatte sie der Wirt bemerkt und eilt, sich in der dichten Gästeschar mit Mühe Bahn brechend, auf die beiden zu. „Wie bist Du denn hereingeschneit, Fingerlein, bist nicht mehr in Danzig, hast halt schnell Fersengeld zahlen müssen, was?" „Wird schon so sein", erwiderte der Angeredete, „die verdammten Danziger Landsknechte waren scharf hinter mir her, jedoch ist es mir gelungen, ihnen zu entwischen, und so bin ich jetzt hier." „Hast wohl Dein Schäfchen ins Trockene gebracht, he?" forschte der Wirt mit lauerndem Gesichtsausdrucke. „Was kümmert Dich das?" entgegnete der Gefragte grob, „sieh lieber, dass Du uns was zum Trinken bringst, aber spute Dich, denn mir klebt die Zunge am Gaumen!" Aergerlich eilt der dicke Wirt fort, um das Verlangte zu bringen. Fingerlein benützt die Abwesenheit des Wirtes, um seinem Freunde im Flüstertöne eine Mittheilung zu machen, worauf derselbe überrascht, laut ausruft: „Na, da hast Du Dich in eine schöne Patsche gebracht. Wenn die Landsknechte den Knaben todt finden, dann doch Fingerlein verhindert ihn am Weiterreden, indem er ihn am Arme mit festem Griffe packt und kräftig schüttelt. „Du Höllenhund, willst mich mit Deinem verdammten Gewäsche am Galgen bringen! So schweig doch und verbrenne Dir das Maul nicht, wenn Du mir schon keinen Rath geben kannst!" — Eben stellt die rothe Kellnerin zwei schäumende Maßkrüge vor sie hin, während aber Fingerlein den seinen mit einem Zuge leert, würdigt fein Genosse das perlende Nass keines Blickes, Offenbar ist er von Gedanken in Anspruch genommen. Nach einer Weile springt seinen er von seinem Sitze auf, und ruft: „Aha, ich hab's, Fingerlein, das tobte Kind schieben wir den Juden in die Schuhe, es ist ja ohnedies knapp vor den jüdischen Ostern, lass' mich nur machen, Du wist sehen, dass auf Dich gar kein Verdacht fällt, und überdies können wir bei der entstehenden Judenhatz eine schöne Beute machen ..." Fingerlein sieht seinen Genossen sprachlos vor Entzücken und Bewunderung an, dann klopft er ihm verständnisvoll auf die Schulter. Endlich verleiht er seiner freudigen Erregung Ausdruck, indem er bemerkt: „Bist ein verflucht gescheiter Kopf, Rothbartel, Du hast recht, auf diese Weise kann man mir mein Lebtag nicht dranfkommen." Nach kurzer Zeit verließen die beiden die Kneipe. * * * Soeben wendet sich der Vorbeter um, die Schlussstrophe des „Lcho dodi" beginnend, als plötzlich von außen ein wüstes Geschrei, ein entsetzliches Toben und Lärmen die feierliche Stille des Gotteshauses unterbricht. Schrecken und Angst malt sich auf den bleichen Gesichtern der festlich gekleideten Beter. Einige Beherztere eilen hinaus, um die festen Eichenholzthüren der Synagoge zu schließen, doch werden sie schon von den wilden Horden des von Rachsucht erfüllten, anfgehetzten Pöbels zur Seite gestoßen, und nun dringt die halb betrunkene Rotte in das Gotteshaus mit lästerlichen Flüchen und ohrenbetäubendem Geschreie ein. »Dort ist er, der elende Judenhund, der den Knaben ermordet hat!" — schreit ein verkommenes Subject, in welchem wir den Rothbartel erkennen, auf den in eine Ecke des „Almemor" gedrückten zitternden Schächter weisend, »ergreift ihn, den verruchten Blntsangec!" Fünfzig Hände greifen auf einmal nach dem Unglücklichen, um den am Eisengitter des Almemors sich krampfhaft Anklammernden hervorzuzerren, als die Angreifer, wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, unwillkürlich znrückiveichen. Neben der zusammengekanerten Gestalt des Schächters erscheint nämlich unvermuthet der greise, allgemein verehrte Rabbi. Seine hochaufgerichtete, achtunggebietende Gestalt, feine von buschigen Augenbrauen beschatteten blitzenden Augen scheinen dem Janhagel zu imponieren, einen Moment lang herrscht lautlose Stille. Jedoch bevor es ihm noch gelingt, die entfachten Leidenschaften der Hereingestürmten durch die Macht seiner Rede zu beschwichtigen, ertönt schon die rauhe Stimme Fingerleins: „Lasst Euch von dem alten Gauner nicht bethören! Er steckt

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