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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Date
1900-07-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Juli 1000 Nr. 20 mit dem Schächter unter einer Decke! Er war dabei, als der kleine Anton abgeschächtet wurde, und hat mitgeholfen! Ich hab's gesehen! . . ." Tie Grenelseenen, die nun folgten, spotten jeder Beschreibung. Die Stätte der Andacht ist nach einer kurzen Stunde vom Jammern und Stöhnen der Verwundeten, vom Todesröcheln der Sterbenden erfüllt. Ans den Stufen znm Allerheiligsten liegt inmitten einer Menge zerrissener, beschmutzter und geschändeter Thorarollen der schrecklich verstümmelte Körper des greisen Rabbis. Sein edles Antlitz ist ein unkenntlicher erstarrter Blntklnmpen geworden, der silberweiße lange Bart von noch warmem, rieselndem Blute bedeckt. Die Bewohner des Ghetto werden nicht verschont. Wie ein Tiger, der znm erstenmale Blut gekostet, stürzt sich die wilde Horde, deren Blutdurst bis zur Raserei entfacht ist, ans die armen, wehrlosen Opfer. Frauen und Kinder, alt und jung, werden erbarmungslos hingemordet, die Thore und Thnren erbrochen, und was sich des Mitnehmens lohnt, geraubt. . . Einige der Mordbrenner thun sich soeben an dem Inhalte eines Weinfasses gütlich, welches sie im zweiten Stockwerke eines verlassenen, düsteren Ghettohauses vorfinden, bald aber beginnen sie — auf der Suche nach Kostbarkeiten, mit wankenden Schritten die steile Treppe weiter emporzuklimmen. Soeben gelangen sie vor die unverschlossene Thüre eines ärmlichen, aber sauberen Dachstübchens. Ans einem Stuhle, beide Hände ans den Tisch gestützt, in welchen sein bleiches Gesicht geborgen ist, sitzt schlummernd ein junger Mann. Die berauschten Eindringlinge, welche hier keine Beute wittern, wollen weiterziehen, da ruft aber einer derselben: „Was? Und den jungen Mansch! da sollen wir schlafen lassen? Weck' ihn auf, Rothbartel, damit er ein Andenken von uns hat!" Nolhbartel besinnt sich nicht lange und führt mit seiner Spitzhacke einen furchtbaren Streich ans den Kops des sanft Schlummernden. Derselbe sinkt lautlos nieder, im Falle die Augen öffnend, welche mit starrem Ausdrucke ans seinem Mörder haften. 8. L. Jakob Tiradv. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohn. (Fortsetzung.) Zuletzt wird ihm noch für seine strafbare Absicht sein Vermögen genominen und seiner entlaufenen Tochter zugesprochen, ja man zwingt ihn, Christ zu werden, und er thnt dies auf die erste Aufforderung. — Marie hatte diesen Fortgang erwartet. Er traf sie nicht mehr mit derselben Heftigkeit, und ihr ringendes Herz konnte die Fassung gewinnen. Sinn, sagte sie sich, das sind keine Juden! Sie gieng alle ihre Erinnerungen durch, von dem ersten Erwachen ihres Bewusstseins bis zu dem heutigen Tage — sie konnte keine Andeutungen, keinen Anhalt für diese Menschen, für diese Vorgänge unter allen finden, die sie von ihrem Stamme kennen gelernt, unter allem, was sie von ihnen gehört, erfahren und gelesen. Aber anderswo fand sie dieselben. Sie sah blutige Handlungen, martervolle Verfolgungen, grässliche Schandthaten, sie sah sie verübt in Kerkern, vor Gerichtshöfen, auf den Richtplätzen, offen ans den Märkten und heimlich in den Gemächern — aber an den Inden, die sie mit nichts vergalten, von den Feinden dieser, und off aus niedriger Habgier und mir ränkevollen Listen. Das Schicksal aller ihrer 'Freunde bot zahlreiche Beispiele dar. Das Bild ihrer hochsinnigen Mutter trat vor sie und ries mit liebevoller Stimme ihr zu: " Gtaub' es nicht! Das Bild ihres sterbenden Varers näherte sich ihr und ries mit erlöschender Stimme ihr zu: Glaub' es nicht! Das Bild des treuen Mannes, der sein Leben einsetzte, Christen und Juden zu retten, und das,, Geschick seiner Freunde an die Erlösung der Menschheit zu knüpfen, tauchte vor ihr aus und ries im feurigen Glanze seiner Augen und im Leuchten seines bleichen, edlen Angesichtes,ihr zu. Glaub es nicht, Marie — gerade das Gegentheil sano statt, nur dass inan die Tropfen Blutes nicht scheute, wenn man das Fleisch von unseren Herzen löste' Diese Gedanken ,und Gefühle', diese Bilder"fnllten die Seele Mariens, dass sie den Schlussact. des Stückes unaehört .vstZbsetzeu lies;, dcqs sie ivie im Trauine den Wagen der Königin bestieg, mu. Mühe deren Fragen kurz beantwortete Elisabett) war schlau genug, das Mädchen nicht viel zu behelligen^ uno wollte den Sturm ihrer Gefühle erst anstoben lassen, Sle war sicher, ihren Zweck erreicht und in Marie einen derartigen -^.lderwntell gegen ihre, in solcher Entartung er- ,chernenven LtamrneSgenoisen geweckt zu haben, dass sie die Lust verliere, sich ihnen wieder zuzugesellen und den Widerstand anfgebe, dem Herzoge von Devonshire ihre Hand zu reichen. ju -V<ru nu^e’;f Allerdings legte sich eine slainniende ELhanirölhe aus Äiarie ^tuneS, aber ineht über ihre TtalnweSgenossen, wie sie sind und wie sie dieselben glaubte, sondern wie sie hier entartet u>id verkommen dargestellt ivorden waren. So mussten sie setzt der, Männern und Damen des Hofes, den Herren und Dienern erscheinen, und an dieser Schmach glaubte Üb, sbtbst theilzuhaben. 2hränön der Entrüstung, 2hränen entrollten ihren , schönen Augen, bleichten ihre rosigen Wangen. Sie suhlte sich einsam, verlassen, sie fühlte sich krank. Sie zog sich in ihre Zimmer zurück, lehnte alle Besuche ab, wies die Theilnahme an alleil Hosceremonien und, Festen zuruck. Ihre Gedanken schweiften züm einsamen Thiue am Tasv, zu ihren Eltern, zu Tirado hinüber. Sie machte sich jetzt Vorwürfe, sich den Schmeicheleien und westlichen Vergnügungen des Hofes so ganz hingegeben zu haben. Ihre grübelnde ^eele glaubte ui ihren gegenwärtigen, bitteren Enttäuschungen eine verdiente Züchtigung zu erfahren, und küsste die Vaterhand, welche zur rechten Zeit sie ihr hatte angedeihen lassen. Selbst ihrem Bruder Manuel, der von Zeit zu Zeit zu ihr in beu Palast stch eifrig damit beschäftigte, die große Stadt, ihre Verhältnisse und ihren Verkehr kennen zu leriien, verbarg sie den Zustand ihrer Seele und schützte körperliches Leiden vor. Q . *u 'Absen Kämpfen und Schmerzen erhielt sie einen Brief Trrados, der auch ein Schreiben ihrer Mutter einschloss. Das war eine Tröstung! Fast hätte sie laut ausgejnuchzt, als sie ihn mit zitternder Hand ergriff! Schisse, die Sir Francis Drake ^eu*e beladen in die Heimat zurückgesandr, hatten drese Briese mitgebracht. XVIII. So ungern auch Tirado sieb von London entfernte und den Boden verließ, auf welchem er jetzt Marie Nunes weilend wusste: so ordnete er sich doch der höheren Fügung willig unter, die ihm in dem Werke seines Lebens fortzuarbeiten hieß. Mit Jubel von seinen Genossen empfangen, und in seiner Earavalle sich wieder auf eigenem Boden fühlend, lichtete er die Anker nach Empfang der königlichen Briefschaften und fuhr mit frischem Morgenivinde die Themse hinab, um die Flotille von Sir Francis Drake aufzusilchen. Wie wohl thaten ihm die kühlen Wellen der Luft nach der dumpfen Haft, die er hinter den Mauern des Towers zu erleiden gehabt! Der tapfere und thatendurstige Drake stack sofort in See und öffnete, auf hohem Meere angelangt, vie versiegelten Instructionen. Sie lauteten, mit seinen sechs kleinen Schiffen, zu denen sich jetzt noch die Caravalle Tirados gesellt hatte, nach den Küsten Portugals und Spaniens zu fabren, dort zu erkunden, was er über die Rüstungen Philipps zu erfahren vermöchte, und von spanischen Schiffen' und Kriegsvorräthen zu vernichten und aufzusangeu, was ihm begegnete. Dazu war Drake der ganze Mann. Seine Kühnheit, die Beweglichkeit seiner Schiffe, die Gewandtheit und Thntigkeit seiner Matrosen und Mannschaft, seine Schlauhcit, Tapferkeit und Erfahrung machten ihn für den kleinen Krieg znm befähigtesten Führer, zum furchtbarsten Gegner. Sein Scharfblick erkannte in Tirado das geschickte Werkzeug seiner Pläne, und sofort fasste er zu diesem Manne ein unbedingtes Vertrauen. Rach einer Berathnng mit ihm umschiffte er die portugiesische Küste in einem weiten Bogen, um seinen erstell Schlag in Cadix anszuführen ltnb dahin zu gelangen, bevor eine Kunde von ihm hingedrungen sei. Die spanischen Fahrzeuge, auf welche man während dieser Fahrt stieß, wurden genominen und vernichtet. Glücklich gelangte man um das Cap San Vincent und fuhr in den Golf von Cadix ein. Cadix liegt aus der ^Südspitze der Insel Leorl, mit welcher sie durch einen hohen Steindamm verbullden ist. Die Insel befindet sich an der Südostseite einer sehr geräulnigen Bucht, der Bay von Pnntales, in welcher sich der Guadalete ergießt, an dessen Mündung, Cadix gegenüber, El Puerto de Santa Maria liegt. Beide Städte besitzen vortreffliche Häfen, von denen der von Cadix der weit geräumigere und gesichertere ist. Philipp ließ daher seine Kriegsschiffe auf den Werften von Puerto bauen und ansrüsten, und sobald sie vollendet waren, nach dem Hafen von Cadix hinüberführen. Drake sah ein, dass er es mit den vielen und großen Gallioilen, die bereits bei Cadix kainpfgerüstet lagen, nicht aufnehmen könne, rmd beschloss daher, seine Verwüstungen unter den halbfertigen Schiffen von Pllerto und unter den Vorräthen, die hier in riesige»! Massen ausgehänft »varen, anzurichten. Begünstigt von einer dunklen, aber sternenhellen Nacht, fuhr er dicht an Puerto heran, um mit den: ersten Morgengränen plötzlich über den nichts ahnenden Feind herzufallen. Die Caravalle TiradoS ward zur Vorhut gestellt, undffu ihrer Unscheinbarkeit konnre sie ivie im Fluge dicht au die im Hafen liegenden Kriegsschiffe und bis an die Werften gelangen. Sie hatte einige Brander an Bord, die sie, von einen Schiffe zum andern eilend, an die spanischen Schiffskiele heften sollte, um dann zurückweichend ihre Verkleidung falle»! zu lassen und mit ihren Kanonen die Schiffe zu beschießen. Bis zu dieser Zeit sollte Drakes Flotille sich diesem Orte genähert haben und das Werk vollenden. Es war ein gefahrvolles Unternehmen, das den verschiedensten Chancen unterworfen war. Alles ka»n aus die Eatschlossenheit und Geistesgegenwart Tirado's an. Es war mehr 'Aet einer verzweifelten Hingebung, als der Besonnenheit und des Kainpsesmuthes. Aber Tirado bedachte sich nicht; in dem ersten Brander, den er glücklich am Kiel eines Spaniers angebracht hätte, erblickte er die ungezügelte Kriegsfnrie, die endlich zwischen Spanien und England auflodern sollte — und diese anzufachen, sah er als seinen Berns an. Er verließ sich auf die geringe Wachsamkeit der Spanier und aus das Glück, das ihn bis hierher bei allen seinen Unternehmungen geleitet. Wohlbekannt mit den Oertlichkeüen, fuhr er beiin ersten Schimmer der Morqenröthe aus dem Versteck, »velcheS Drake gewählt hatte, dessen Schiffe sich dem kühnen Marranen zu folgen bereit machten. Ein leichter Nebel begann sich über die Fluten des MeereS zu legen, sehr willkoinmen, denn sie waren nicht stark genug, um die Schiffe zu verhindern, ihren Eours zu nehmen^ wohl aber hinreichend dicht, glaubte, ein Nebelgebilde gesehen zn haben. So gelangte die Caravalle bis in die Mitte der spanischen Schiffe; schnell ließ sie die mit den Brandern versehenen Bvte nieder, einige kecke Gesellen sprangen hinein, fuhren unbemerkt an die Kiele der riesenhaften Gallionen, die hier der letzten 'Ausrüstung harrten, schlugen unerschrocken die Brander an die Schiffsrvände und flogen wie verscheuchte Vögel zur Caravalle zurück, »vährend die durch das Klopfen aufmerksam gewordenen Spanier sich vergebens be»nühten, zu erforschen, was dieses zu bedeuten hätte. Jetzt öffnete Tirado die Luken seines Schiffes und begrüßte die Spanier Hagel von Kugeln. Die Aerrvirrnng dieser war grenzenlos. Einige der Brander hatten sich entzündet und in kurzer Zeit leckten die Flammen an den Wänden und Masten der Schiffe auf. Der Kanonendonner belehrte die Spanier, dass der Feind mitten unter ihnen sei. Sie!vussten nicht, wer dieser sei und »voher er gekommen. Jedermann floh. Die wenigen Besonnerneu kappten die Ankertaue, um dem Orte des Verderbens zu entkominen. Sie ftipfttftt nufuinmthev mih hnhvfon firfi rtpnbufotHn {» Sm» rtw.uiX Regimenter kamen in Alarm und stürzten nach dem User. Die Trommeln rasselten, die Hörner klangen schaurig. So verlief eine Stunde, während welcher"Drake unablässig bemüht »var, so vielen Schaden »vie möglich anzurichten, so weitbin wie möglich Verderben auszubreiten. Jetzt aber war der lichte Tag angebrochen; die Kriegsschiffe im Hafen von Cadix begannen anszulausen; die drei Forts, welche die Bay von Pnntales beschützten, fiengen ihrerseits an, ihre Geschütze spielen zu lassen. Es war Zeit, den Rückzug anzulreten. Drake gab das Signal und fuhr mit seinem Schiffe, dem arößten und stärksten der Flotille, voran, um den übrigen die Bahn frei zu machen. Jhin folgte die Caravalle ITirilhnci. npfftnhpv pvmfifrhpii (Krhiffp voffnlo m,,,' Feind erwartet hatte und Spanien in diesen! Augenblicke mit aller Welt in Frieden stand. Nur eines der englischen Schiffe gieng verloren. Von schweren Kugeln getroffen, sank sein Mast und wurde sein Steuerruder zertrümmert; das Wrack wurde abgeschnitten und die Mannschaft gefangen.' In kurzer Zeit befand sich die englische Flotille auf hoher See, und nahm siegestrunken ihren Cours nach Westen. Das Unheil, das sie angerichtet hatte, war unermesslich; der Brand wüthete noch tagelang. lieber dreißig große und kleine Schiffe waren gänzlich vernichtet; eben so viele bedurften der ausgedehnten Wiederherstellung; aber noch größer ivar der Verlust an Vorräthen und Ansrüstnngsmaterial. Durch diesen Schlag allein war es Philipp unmöglich gemacht, seine Flotte noch in diesem Jahre zum Kriege auslaufen zu lassen; der Riesenkampf der spanischen Armada musste auf das nächste Frühjahr verschoben werden. Freilich!var sein Griuun nur umso heftiger angefacht: die Zähigkeit seines Charakters verband sich diesmal mit einer maßlosen Wuth, und er versammelte nur mit umso gestachelterem Eifer alle Kräfte seiner weiten Reiche, um endlich diese verhassten Briten, diese ketzerischen Insulaner in ihrem eigenen Eilande zu erdrücken und unter seine Füße zu bringen. Sir Francis Drake machte stch hierüber keine Sorge, sondern fuhr nuninehr an der portugiesischen Küste hinauf. Sein Plan »var, sich vor die Mündung des Tajo zu legen, um hier einer Carraque ailfzulauern, rvelche, mit den Schätzen Ostindiens beladen, , in dieser Zeit erwnrtet »vurde. Er lief ans seinem Wege in die | Buchten und Häfen hinein, zerstörte, »vas er erreichen konnte, i brandschatzte die Städte und Flecke»! und hatte überall einen j großen Erfolg. Denn in allen Häfen und Seeplätzen herrschte das; das regste Leben, und mit großer Umsicht benutzte Philipp auch! den geringsten Ort und die unbedeutendste Gelegenheit, um für! sein großes Unternehmen zu schaffen und Vorbereitungen zn treffen.! Umsomehr war der Weg des englischen Befehlshabers von I Zerstörung itnb Vernichtung bezeichnet, und seine Schiffe genügten > nicht, die zusaimnengeraffte Beute zu bergen. Der Schrecken breitete! sich über das ganze Land; wohin er sich näherte, entfloh alles, 1 und niemand wagte mehr, sich ihm entgegenzustellen. So langte! er vor denr Ausflusse des Tajo an. Aber er durfte nicht wagen,! in den Hafen von Lissabon einznlausen. Denn eine ziemlich stärke * Kriegsflotte lag hier versammelt und mächtige Forts bedrohten! den Eindringling. Aber furchtlos versperrte er den Eingang des! Flusses, und die Spanier erkühnten sich nicht, ihn anzngreifen.! Nachdern die englische Flotte Stellung genoimnen, eilte! Tirado zn seinem tapferen Befehlshaber und erbat sich auf einige j Tage einen Urlaub. Drake bewilligte ihn ungern; aber er war! dein kühnen Helden von Cadix zn sehr zu Dank verpflichtet, als j dass er ihm diese Gunst versagen konnte. Bald darauf segelte die Caravalle nin das Capo Rocea, und Tirado fuhr mit einem Boote in dieselbe versteckte Bucht ein, »vo er früher die Flüchtlinge deS einsamen Thnles ausgenommen hatte. Hier verließ er, als die Sonne im Westen niedersank, das Schiff und begann einsam die pfadlose Höhe zu ersteigen, die ihn von der Felsschlucht trennte, in welcher er Frau Mayor und ihren Gatten znrnckgelassen hatte. Monde »varen vorübergegangen, die Erde hatte ihr Herbstkleid angelegt, und der Wind strich rauh u»!d frostig über die kahlen Höhen. Als die Sonne ihre letzten Strahlen vergoldend über die Gipfel der Berge breitete, hatte Tirado jene Stelle erreicht, »vo Marie Rnnes, auf seinen Arm gestützt, beim Le»ichte>» der Blitze den letzten Blick ans die Heimat und die Stätte ihrer Lieben ge- »vorfen, die sie niemals Wiedersehen sollte. Wieviel hatte sich seitdem ereignet, und doch sah sich Tirado vom Ziele seiner Wünsche noch ebenso fern »vie darnals. Trauer und Sehnsucht, Ziveifel und Hoffnung stritten sich in seinem bewegten Gemüthe um die Obinacht — aber er durfte nicht zögern. Die Dänunerung sank! schnell in die Thäler und Schluchten hinab, und er hatte noch den schivierigen und gefahrvollen Felssteg zn überwinden, der i zu den! Hänschen hinabführte,!vo die unglücklichen Homerns zuletzt geweilt. Ob er sie da noch finden werde, und wie? Die Nacht hatte ihre dunklen Schleier über die Tiefen gelegt, als er glücklich in der verborgenen Felsschlucht anlangte. Noch ivenigü Schritte, und er sah das Häuschen vor sich. Schweigsam stand es vor ihm, rein Laut drang heraus, nur aus einem Fenster quoll ein schwaches, gedämpftes Licht. Er wagte es nicht, hinein,zugehen, theils »veil er nicht geiviss »var, »ven er darin treffen könnte, theils »veil er fürchtete, Frau Mayor, »venn I sie sich daselbst befände, durch sein plötzliches Erscheinen allzu sehr i zu erschrecken. Ungeiviss, »vas er thnn.,soUe, umging er mehrere- 1 male das kleine Hans, oft stehen bleibend, um zu lauschen. Da j vernahm er Schritte, die Pforte öffnete sich, und ein Mann trat heraus, An den Umrissen erkarurte er den alten treuen Carlos. Sein Herz »vallte freudig ans, denn die Anrvesenheit dieses Dieners gab ihin die Bürgschaft, dass die hier venveilcen, »velche er ans so »nühseligen! Pfade ausgesucht. Er trat an Carlos heran, legte seine Hand auf dessen Ar»n u»»d bedeutete ihn» mit der arlderen, zn sch»veigen, »vährend er ihin die Worte zuflüsterte: „Ich bin Jatov Tirado." Carlos erkannte ihn alsbald und siel ihm vor stürrnischer Freude um den Hals. Tirado litt dies gern, führte aber den atien Mann einige Schritte seittvärts in das Gebüsch, um, ungehört von den Bewohnern des Häuschens, sich zuvor mit ihrn zu besprechen. Ehe Tirado Lissabon verlassen, hatte er Sorge getragen, dass nach gelungener Flucht durch einige Vertraute das Gerücht verbreitet werde, er sei mit Antonio, den Marrnnos und der ganzen Fainilie Homem entflohen, ein Gerücht, das später durch äie Berichte des spanischen Gesandten in London bestätigt »vorden. So glaubten die Spanier, dass die Hornems ihnen entkominen seien, und bald hatte inan ihrer qärszlich vergessen. Dennoch drang einmal eine spanische Streispartie in das einsame Thal am Tajo und fand hier die alte Frau mit ihren» Sohne als Pächter vor. Die Soldaten thaten sich gütlich an den Vorräthen, nahmen alles »nit, »vas sich Wertvolles vorfand, und zerschlugen in ihre»,! wüsten Uebermuthe, »vas sie nicht mitschleppen konnten. Dann verließen sie das Thal, um niernals wieder zu kommen. Dennoch blieb Frau Mayor »nit ihrem kranken Gemahl im Häuschen in der Schlucht, besonders »veil der letztere durchaus sich ans demselben nicht entfernen wollte. „Hier", sagte dieser, „hier habe ich endlich die Ruhestätte gesunden, »vo ich ganz sicher bin. Die Felsen halten treue Wacht und lassen teuren Pfaffen und keinen Soldaten herein, hier »vill ich sterben!" Und Frau Mayor war die Beruhigung ihres Mannes viel zu theuer, als dass sie diese nicht mit allein Ungemach hätte erkaufen mögen, das nut diesen! beschränkten, feuchten und von allen Mitteln der Beqne»nlichkeit so fernen Aufenthaltsorte verbünde»! war. Carlos und die ^beiden Menschen in dem Thale, die sich so gut, »vie sie koruiten, »vieder einrichteten, »varen die einzigen Mittelglieder der beiden a»»s der Welt Verbannten »nit dieser, und auch ihnen »var d»e größte Vorsicht zur höchste»! Pflicht, um sich und ihre Herrschaft in keiner Weise zu verrathen. Aber der treuen Hingebung ist alles möglich, und so vermochte Carlos selbst einigemale einen »ml der Familie durchaus vertrauten Arzt nach der Schlucht zu brrngen, um Gaspar Lopez einige Erleichterungen in seine»»! sch»veren Leiden zu verschaffen. Freilich verbarg er der heldenmüthigen Frau nicht, dass die Kunst hier nichts mehr zu bewirken, ja nicht emmal aufzuhalten vermöge; die Krankheit steigerte sich, und die Kräfte nahinen sichtlich ab. Es ,varen harte Zeiten für das großherzige Weib. Ihre Kinder sch»vaun>!en draußen im gebrechlichen Fahrzeuge ans dem Ocean, und sie hatte keine 5Innde vvn ihnen; am Lager des leidenden und hinsiechenden Gatten, dem sie nur eine unermüdliche Geduld ividmen, aber keine Hilfe schaffen konnte, vergienqen in völliger Einsamkeit langsam die Tage, langsamer die Llächte. Niemand als der treue Diener stand ihr bet, au »iinnmiibeu konnte sie das Wort ihres Wehes richten, und ihr schweifender Blick siel nur immer und immer wieder ans dre starren, rothen Felswände, rvelche so dicht und so hochragend das Häuschen umgaben. Und wie sollte es in der Zukunft werden 'i Wenn die Hand des Todesengels die müden Lider des Kranken aus immer geschlossen hätte, wohin sollte sie sich wenden, wohin ihre Schritte lenken V . . . Aber ihr Geist erlahmte nicht. Mrt der edlen Kraft ihre? Herzens verscheuchte sie den schwarzen Gerer der Verzweiflung, der mit seinen dunklen Schwingen auf sie eindringen wollte. Ihr Auge siel durch die kleinen Scheiben des Fensters auf den blauen Himmelsabschnitt, der sich droben zeigte, und dieser war ihr Bürge, dass das Auge Gottes über ihr wache, dass es noch Licht und Freiheit auch für sie gebe, und dass es nur darauf ankomme, diese Zuversicht nicht aus der Seele zn lassen, um auch die Zeit der Einkerkerung zu ertragen und sich des Grußes einer helleren Zukunft würdig zu tnachen. Aus den Tiefen ihres Gemüthes strömte ihr die Ueberzeugung herauf, dass all dieses qualvolle Unheil, das über ihre Familie hereingebrochen, eine Sühne sei für das Vergehen der Väter, die sich der Wahrheit ihrer Erkenntnis entzogen, dass jedes neue Ungemach die Läuterung vervollständige und die Stnrrnwotken inuner mehr vom Himmel ihrer Kinder verscheuche. Und in diesem mystischen Glauben richtete sie sich auf zn Kraft und Mnth. Tirado erfuhr dies alles aus dem Munde des greisen Dieners, und bald hatte er sich mit diesem verständigt, was zn thun sei. Leise schlüpften die beiden Aiänner in das Haus, und

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