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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt 13. Juli 1900 Nr. 28 Wien, Freitag Bukarest. (Statifti!.) Nach einer Aufstellung des statistischen Amtes des Doinänen-Ministeriums hat die ständige Bevölkerung Rumäniens am Ende des Jahres 1890 a. St. 5,912.520 Seelen gegenüber einer für Ende 1894 a. St. nachgewiesenen Bevölkerungsziffer von 5,100.219 Seelen betragen, woraus sich also für die letzten fünf Jahre eine Bevolkerungszunahme von 9-36 Percent ergibt. Von dieser Gesammtbevölkerung, welche sich aus 2,994.80«; Personen männlichen und 2,917.624 weiblichen Geschlechtes zusammensetzt, entfielen 1,798.012 Seelen oder 81-2 Percent auf die Städte und 1,114.508 Seelen oder 18*8 Percent auf die Landgemeinden Rumäniens. Der Staatsangehörigkeit nach befanden sich darunter 5,469.036 rumänische und 171.063 fremde Staatsangehörige, sowie 272.421 Personen, welche keine bestimmte Staatsangehörigkeit besaßen. In letztere Kategorie gehört neben verhältnismäßig wenig Ausländern, welche ihr altes Bürgerrecht im Lande ihres Ursprunges aufgegeben oder verloren hatten, ohne dafür das rumänische zu erlangen, die ganze Masse der nicht-naturalisierten einheimischen Israeliten. Der Religion nach befinden sich unter der rumänischen Einwohnerschaft 5,108.743 Griechisch-Orthodoxe, 269.015 Israeliten, 168.276 Katholiken, Protestanten und Reformierte, 13.740 Muhamedaner (namentlich in der Dobrudscha) und 16.148 Angehörige anderer Secten (Starowierzen, Skopzen). Im Jahre 1894 waren im ganzen Lande nur 511.323 männliche und 175.558 weibliche, im ganzen also 686.886 Einwohner vorhanden, welche des Lesens und Schreibens mächtig waren. Im Jahre 1899 wurden 1,024.087 Personen (770.896 männlichen und 253.191 weiblichen Geschlechtes) gezählt, welche sich die Elementarkenntnisse des Volksschulunterrichtes angeeignet hatten. Die Hauptzahl der Analphabeten entfällt natürlich auf die Landgemeinden, ^von deren Gesammtbewohnerschaft nur ll-5Percent des Lesens und Schreibens kundig sind. Rom. Die aufgelöste italienische Deputiertenkammer zählte vierzehn Juden als Mitglieder. Bei den nunmehr vollzogenen Neuwahlen ist die Zahl der jüdischen Abgeordneten auf siebzehn gestiegen, darunter der Ex-Minister Luigi L u z; a t t i und die beiden Ex-Staatssecretäre Romani-Jacur und Wollemb o r g. Die „Unita cattolica" ist sehr betrübt darüber, dass gerade Padua, „die Stadt des heiligen Antonius", ein „Besitz des Ghetto" geworden ist. Die Provinz Padua schickt nämlich drei Juden ins Parlament. Rom. (Gabriele d'A n n u n z i o,) der bekannte Dichter, ist in neuester Zeit unter die Politiker gegangen und hat binnen wenigen Monaten seinen Uebergang von der conservativen Gruppe zur äußersten Linken vollzogen. Er hat sich auch eifrig an der zuletzt betriebenen Obstruction betheiligt, und da gerade die jüdischen Mitglieder auf Seiten der Regierung standen, und besonders der von Juden st a m m e n b e Sydney Sonnino eine Stütze der Regierung ist, so macht d'Annunzio jetzt eitrig in Antisemitismus. „Corriere Jsraelitico" bringt einige Proben aus seinen Schriften, in j denen er den politischen Gegnern ihr Judenthum, ihre jüdische Abstammung, ja auch ihr jüdisches Aussehen vorwirft. Ob er großen Eindruck damit machen wird, möchten wir billig bezweifeln. Aber es ist immerhin wichtig, zu beobachten, wie auch hier bei der jüngeren Generation sich wieder confessiouelle Verhetzung hervorwagt. New-Pork. Die Juden in den Vereinigten Staaten machen sich auf ein gewaltiges Anschwellen der jüdischen Emigration gefasst. Die Hungersnoth uno die Krisis in Russland, das Elend rn Galizien und die Verfolgung in Rumänien drängen unsere Glaubensgenossen mit elementarer Gewalt zur Auswanderung, und nichts berechtigt zur Annahme, dass der Strom der Auswanderer sich diesmal ein anderes Bett wählen wird. Im Gegentheil weisen die bereits vorliegenden statischen Zahlen darauf hin, dass nach wie vor die Vereinigten Staaten, speciell aber der Hafen von New-Iork, das Ziel der meisten Auswanderer rst. Im Mai 1899 wanderten durch den Hafen von New-Iork in die Vereinigten Staaten 262.767 Personen ein, von denen 29.088, resp. 11 Percent Juden waren. Im ersten Quartal 1899 wanderten 44.957 Personen ein, davon Juden 5941, gleich 14 Percent, dagegen erreichte die Einwanderung im gleichen Zeiträume pro 1900 die Zahl von 70.235, wovon 11.848 Juden waren. Die jüdische Einwanderung stieg also gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres von 14 aus 17 Percent. Japan. (Die erste jüdische Gemeinde.) Herr S. Reich in Kobe berief eine Versammlung von Glaubensgenossen ein, in welcher der Beschluss gefasst wurde, eine Synagoge zu bauen. Es bildete sich sofort ein Comitö, das die nöthigen Schritte einleiten wird. Zur Lage in Galizien. Seit der Tagung des galizischen Gemeindetages hier sind volle zwei Monate ins Land gegangen, ohne dass die eingesetzte „ständige Commission" etwas Positives an den Tag gefördert hätte. Es haben im ganzen bisher bloß zwei Commissions-Sitzungen stattgefunden, an denen ein Entwurf zur Eingabe an den Reichsrath verfasst wurde, in der Stellung zur Präterierung der jüdischen Gerichtspractikanten und Auscultanten genommen wird, und die auf Wiedereröffnung des Reichsrathes harrt. Alle übrigen Arbeiten sind wegen „eingetretener" Sommerferien auf den Herbst verlegt worden. Auf meine, einem hervorragenden Commissionsmitgliede gegenüber erhobenen Vorwürfe wegen deren Lauheit in Sachen der ökonomischen Nothlage der Juden Galiziens meinte dieser Herr, man stehe eben vor einem sehr schwer zu lösenden Probleme, man wisse sich wahrhaftig gar keinen Rath zu schaffen! Industrielle Anlagen in größerem Stile haben sich in Galizien durchaus nicht bewährt, es fehlen die nöthigen Vorbedingungen hierfür. Das eigene Land wäre nicht consumfähig genug, die Kohle und sonstigen Behelfe kommen hierher theurer als in anderen Ländern zn stehen. Auch die gemachten Versuche mit der sogenannten Hausindustrie, aus aufgebrachten Mitteln des Abgeordneten-Hilfscomitos in der Höhe von circa 70.000 fl. haben keine Früchte gezeitigt, und dieselben sind so gut wie aufgezehrt. Das Ende vom Liede ist, dass die meisten hiervrtigen jüdischen Handwerker wegen des völligen Stillstandes in der Baubranche und mangels jeglichen Banunternehmens beschäftigungslos sind und logischerweise für ihre - Lehrlinge weder physische noch moralische Sorge tragen können. Es hat übrigens dieser Missstand dazu beigetragen, dass viele jüngere Handwerker die Lust überkam, den Auswanderungsstab nach überseeischen Ländern zu ergreifen. Zu diesen Nebeln gesellt sich ein weiteres, dass in Amerika selbst gegenwärtig größere Massen von Handwerkern beschäftigungslos herumziehen sollen. Ueberdies bleibt die Frage der Unterbringung der rumänischen Emigranten, die förmlich zur Auswanderung genöthigt werden, offen. Mein Gewährsmann meinte in logisch denkender Weise, man müsse für die überschüssigen und nothleidenden Juden irgend umfangreiche Landstriche, die sie bequem aufnehmen könnten, ausfindig machen. Darauf replicierte ich, dass diese Idee ja von den Jüdisch-Nationalen und den Zionisten propagiert und nach Kräften gefördert wird. Die Juden haben während des langen Golus derart jedes Selbstbewusstsein eingebüßt, dass es ihnen beim besten Willen nicht einleuchten will, wie es denn auch möglich sei, dass ein jüdisch-nationales Unternehmen ohne Zuhilfenahme fremder Connationalen auf die Dauer bestehen könne! Dazu noch der ostentativ in die Augen springende Titel „Jüdisch", „Jüdisch-National" u. s. w. Diese Namen sind ja fast außer Gewohnheit gekommen und pflegten sich höchstens noch bei frommen Kranken- und Leichenvereinen, und dies auch meist als Nachahmung der gleichen katholischen Vereinigungen, zu erhalten, niemals aber auf ökonomischen Gebiete. Die Zeiten aber haben sich gewaltig geändert und unsere gutgesinnten Juden werden hoffentlich über kurz oder lang zur Ueberzeugnng gelangen, dass diese und andere äußerliche Formen die Juden zum Selbstbewusstsein und zum Vertrauen an ihre eigenen Kräfte näherbringen. Die Hirsch'sche Stiftung hat das käuflich an sich gebrachte ostgalizische Gut Slobodka endlich übernommen und plant eine Agrarschule zu errichten, deren günstigem Erfolge jeder Jude mit Spannung entgegensieht. Die hierortige Bne Brith-Loge hat von den Schwesterlogen die Einladung zu Subscriptionen erhalten und manche hiesige Wohlthäter haben bereits ihr Scherflein beigetragen oder gezeichnet. Die auswärtige Leitung spricht von dem Vorhaben einer großen Action für Galizien und stellt der hiesigen Loge sehr bedeutende Mittel in Aussicht. Eine diesbezügliche Berathung hat auch jüngstens in Wien unter Zuziehung des Herrn v. H o r o w i tz stattgefunden. Endlich wird demnächst in Kolomea oder Czernowitz eine Conferenz jüdischer Notablen unter Führung der Herren Doctor S t r a u ch e r und Dr. R o s e n h e ck über jüdisch-ökonomische Fragen abgehalten werden. Es wäre herzlich zu wünschen, dass sämmtliche Organisationen, die jedenfalls auf das Wohl der nothleidenden Brüder Hinzielen, in gegenseitige Fühlung und Unterstützung treten und Hand in Hand gehen. P. Cypern und die Auswanderer. Wir werden um Abdruck der folgenden Erklärung ersucht. „Nachrichten, welche ich soeben erhalte, veranlassen mich, im Folgenden nochmals öffentlich vor jeder planlosen Auswanderung nach Cypern zu warnen. Ich erfahre nämlich, dass 28 rumänische Familien, welche völlig mittellos in Cypern landen wollten, nach Piraeus zurückgesandt worden sind, und weiter wird mir aus Galatz geschrieben, dass 250 Seelen mit einem Segelschiffe — und zwar gleichfalls völlig mittellos — soeben nach Cypern abgereist seien. Ich erkläre ausdrücklich, dass ich mit diesen Auswanderer- Gruppen nichts zu thun habe, als allenfalls, dass dieselben, trotz meines A b r a t h e n s, sich einem Lande zugewendet haben, dessen Eignung für jüdische Colonisation nach meiner Ansicht f e st st e h t, in welchem man aber ebensowenig wie irgendwo sonst planlos und mittellos eineAnsiedelung bewert st elligen kann. Die Cyperische Regierung gestattet die Einwanderung nur gegen eine Garantie, über deren Natur officielle Mittheilungen noch fehlen, die aber darin zu bestehen scheint (nach privater Information), dass jeder Immigrant im Besitze von £ 5 sein muss. Die Einwanderung in Cypern ist also nicht untersagt, wie zur Zeit in Palästina und Kleinasien, sondern von ähnlichen Bedingungen abhängig, wie in den Vereinigten Staaten, wo jeder Einwanderer 30 Dollars besitzen muss. In den mir zugekommenen Nachrichten werde ich gebeten, für die unterwegs befindlichen rumänischen Flüchtlinge die Einwanderungs-Erlaubnis in Cypern zu bewirken, und sicherlich werde ich thun, was nur irgend möglich ist. Ob aber meine Mühe erfolgreich sein wird oder nicht — ich muss in jedem Falle jede Verantwortung für diese Verzweiflnngsthat ablehnen. Die Leute wussten, dass sie mittellos in Cypern nicht landen konnten und der Führer der Gruppe hatte mich vor mehr als vier Wochen verständigt, dass der Verein sich aufgelöst habe. Vor einer Einwanderung ohne Mittel und ohne Organisation habe i ch v o n a l l e m Anfänge an gewarnt und niuss es heute so dringlich wie je. Für Katastrophen, die daraus resultieren, dass eine Anzahl verzweifelter Flüchtlinge entgegen den Absichten der Landesregierung die Einwanderung zu forcieren ist nicht zur Rechenschaft zu ziehen, wer den Namen des Landes in die Discussion gebracht hat — sei es nun Cypern, Amerika oder Palästina. Nochmals : Ohne Organisation und ohne Mittel keine Immigration — am allerwenigsten in ein „n eues Land"! Berlin, 5. Juli 1900. Davis Tribsch. Neues aus Rumänien. Was jahrelange Agitationen und Bitten nicht erreichen konnten, scheinen die letzten Judenauswanderungen bewirkt zu haben. Die Judenfrage ist wieder zu einer brennenden geworden und ihre Lösung drängt sich den Machthabern geradezu auf. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, dass die jetzige Regiernng, welche in ihrer Mitte Antisemiten vom Schlage des Dr. I st r a t i ausgenommen hat, sich zum mindesten einer Renovierung unterziehen muss. Dies soll denn nun in folgender Weise geschehen: Die Junimisten unter Führung des einzigen bedeutenden und judenfrenndlichen rumänischen Staatsmannes P. P. C a r p sollen ins Ministeriums eintreten, und zwar soll Herr C a r p die Präsidentschaft und das Innere übernehmen und der judenfreundliche Alexander Marghiloman irgendein anderes wichtiges Portefeuille. Dagegen soll Herr Doctor I st r a t i, welcher Oberhaupt der geheimen antisemitischen Liga ist, ganz aus dem Ministerium ausgeschieden werden. Wie verschiedene rumänische Blätter melden, habe Herr C a r p erklärt: „Es gehe mit der Judenfrage nicht so weiter. Wir sind zu schwach, um uns erlauben zu können, mehr als eine Viertelmillion Feinde im Innern zu haben, aus denen wir dazu noch leicht Freunde machen könnten. Ich habe auch für diese Frage eine befriedigende Lösung und werde sie auch durchführen?" Der König soll die diesbezüglichen Pläne des Herrn C a r p kennen und ihnen vollkommen zustimmen. Es bleibt nur noch abzuwarten, wie sich dieses Ministerium an der Arbeit zeigen wird. Mittlerweile wird bekannt, dass die geheime antisemitische Liga beschlossen hat, einen Protest zu erlassen gegen — den Aufruf der Wiener Israelitischen Allianz. Es ist doch charakteristisch, welche Vertheidiger der rumänischen Regierung erstehen, wenn es sich darum handelt, dieselbe vor dem Vorwurfe der Judenfeindlichkeit zu schützen. Natürlich beabsichtigt die antisemitische Liga auch Protestversammlungen mit den darauf folgenden obligaten Sturm- und Scandalscenen zu organisieren. Dagegen werden sich die Juden wohl zu wehren wissen, aber hoffentlich gelingt es der neuen Regierung, sie überhaupt unmöglich zu machen. Lose Blätter aus Deutschland. Von Fabius Schach in Karlsruhe i. B. I. Die Ueberschrist klingt problematisch. Das wäre nicht schlimm, das ist modern. Aber ich fürchte, sie klingt auch trivial, und — das ist gefährlich. Trivial ist das gruseligste Epitheton unserer Zeit. Alles darf man heutzutage sein, excentrisch, bizarr, paradox, ja auch komisch, nur nicht trivial. Das kann unser nervöses Geschlecht nicht vertragen.) Ich kann mir aber nicht helfen. Ich kann keinen passenderen Titel finden. Denn was ich hier bieten möchte, ist keine jüngste Geschichte der deutschen Judenheit, keine abgeschlossene Periode. Ich will nur Stimmungsbilder der jüdischen Seelenregung festhalten. Stimmungsbilder sind die Stationen des Lebens. Sie sind für den Historiker nicht minder wie für den Dichter und Künstler wichtig. Ich will nicht das kalte, abgestandene Gewordene, sondern das frische, pulsierende, hastige Werden schildern. Die Natur skizziert nur, ohne abzurunden. Sie zeichnet in großen Zügen, sie zeigt Momente und lässt den Zusammenhang nur ahnen, erträumen. Hätte ich diese Arbeit vor fünfzehn Jahren begonnen, ich könnte eine pikante Ueberschrist wählen: „Stimmen vom jüdischen Kirchhofe". In der That glich damals das Judenthum in Deutschland einem modernen Kirchhofe. Man schmückte ihn mit Blumen und Farben, man decorierte ihn geschmackvoll, aber die Gräber, die Gräber ... sie stimmen traurig. Es war Blütenduft, vermengt mit Modergeruch, welke Blätter und verblasste Gefühle, alte, matte Erinnerungen, verschn.olzen mit balsamierten Mumien. Man errichtete schöne Denkmäler, man stiftete herrliche Documente — alle Ehre dem Tode! Die jüdische Geschichte hat aufgehört, das jüdische Leben hat abgeschlossen. Es war einmal, aber es soll nicht wieder kommen: Vergangenheit ohne Zukunft, Erinnerung ohne Hoffnung. Das Judenthum in Deutschland wollte nicht mehr leben. Wollte, das ist die Hauptsache, darauf allein kommt es an Der Witte ist ein wurmend Ding, er gräbt und gährt und wühlt und schafft neues Leben. Er ist allmächtig im Reiche der Seele, er allein regiert. Dieser Wille war getödtet. Lasset die Vergangenheit Vergangenheit sein, ich will nicht leben. Sie war groß, sie war gewaltig, diese Vergangenheit, aber sie ist todt. Ruhe ihrer Asche! Der pietätvolle, süßlichfaule Geruch der Grabesblnnien ist so angenehm, geheimnisvoll, berauschend, einschläfernd . . . störet nicht. Und all die Commerzien-, Justiz- und Geheimräthe, die;o gnädig waren, das Judenthum durch die Hintertreppe zu empfangen — sie waren die treuen Wächter des schönen Leichnams. Sie wachten darüber, dass er ja nicht zu neuem Leben erstehe. Und die Rabbiner in ihren würdevollen Talaren hielten dem Jndenthum rührende Grabreden, und die geschulten Cantoren mit den gemischten Chören und Orgelklängen sangen ihm Grabgesänge. Sie ^wussten selber nicht, diese Seelenhirten und Kirchensänger, welche tragikomische Rolle sie spielten. Sie waren berufen zu stützen ind zu fördern, was sie im Grunde ihres Herzens begraben und vergessen wünschten. Oder auch umgekehrt: sie sehnten sich ganz leise, ganz versteckt nach dem Judenthum zurück, das sie berufsmäßig zerstören mussten. So war es damals. Aber heute leben wir am Anfänge des XX. Jahrhunderts. Und siehe da, der Leichnam ist zum Schrecken seiner Beschützer erwacht, und er begann zu athmen und zu wandeln. Ob er im psychologischen Sinne schon lebendig zu nennen ist, ich weiß es nicht, aber doch wohl im physiologischen. Die tobten Gebeine nahmen Fleisch und Haut an, es reihte sich Glied an Glied, die Gestalt belebt sich, sie reckt sich.

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