Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. Juli 1900 Seite 3 dentschnationale, rassenantisemitische Bewegung, die ebensowenig die Gleichberechtigung aller Nationalen acceptiert, als die Clericalen die Gleichberechtigung aller Confessionen, können eine Zeitlang gemeinsam marschieren, werden aber, wenn es sich um das Endziel handelt, schließlich doch sich in den Haaren liegen. Der confessionelle Antisemitismus aber, welcher als verkappter Clericalismus sich gegen alle Nichtkatholiken wendet, und jener nationale Antisemitismus, der sich gegen die Juden als Angehörige einer anderen Rasse richtet, ebenso aber auch in allen radicaleu nationalen Lagern den Kampf gegen alle Anderssprechenden proclamiert, sind gleich anti-österreichisch. Unsere Devise: „Autonomie für jede Nationalität nnd jede Kirche, weg mit jeder Unterdrückung in nationaler und kirchlicher Richtung" entspricht nicht nur dem Geiste des Judenthums, sondern auch des wahren Christenthums und den Existenzbedingungen Oesterreichs. Chronik des Jndenthmns. Inland. Wien. (Für die Auswanderer.) Wir erhalten die Mittheilung, dass Herr David Langer, Fleischhauer, XX., Klosterneuburgerstraße 28, durch zwei Tage je 100 Kilogramm Rindfleisch für die im neunten Bezirke logierenden 220 Auswanderer beigesteuert, und dass dieses gratis in der Restauration des Herrn Bernhard K o h n, XX, Treustraße 16, gekocht wnrde Wien. (Borträge.) Es mag nur wenigen von den vielen zeitweiligen Besuchern der Vereinssynagoge nach polnischem Ritus xn der Leopoldsgasse bekannt sein, dass an das geräumige, in so großartigen Stile erbautes Gotteshaus auch ein kleiner, bescheidener Raum grenzt, der gleichsam als ein Theil des großen, schönen, gottgeweihten Werkes angesehen werden kann und mit zu den Errungenschaften zählt, die der rührige Beth Israel-Verein seit seinem Bestehen auf dem Gebiete religiösen und gottesdienstlichen Wirkens und Schaffens vielfach erworben. Es ist dies ein sehr einfaches, aber zweckdienliches, mit den nöthigen Utensilien, und zwar mit Tischen, Sitzplätzen und diversen Bücherschränken versehenes Local, das, ursprünglich als Beth-Hamidrasch prädestiniert, später zur Abhaltung des täglichen Wochengottesdienstes und erst in letzterer Zeit seiner Bestimmung gemäß zur Absolvierung sabbathlicher Schiurim und Vorträge Verwendung fand, die daselbst allsabbathlich vor dem Mincha-Gottesdienste vorn Secretär dieses Vereines, einem sowohl talmudrsch als profanwissenschaftlich gebildeten Manne geleitet und von den Synagogenvorstehern und vielen anderen Mitgliedern des Vereines regelmäßig frequentiert werden. Am verflossenen Sabbath wurde, da der Vortragende Vereinssecretär am Erscheinen verhindert war, seitens der anwesenden Vereinsmitglieder der Antrag gestellt, dass Herr Religionslehrer D. Stutezky in Vertretnng des Abwesenden den üblichen exegetischen Vortrag halte, der im Interesse der guten Sache seine Zusage gab und auf Wunsch der thorabeflissenen Zuhörerschaft, der Gepflogenheit gemäß aus dem laufenden Wochenabschnitte eine hadagrsche Betrachtung anstellte. Pisek. (Zur Polnaer As faire.) Hier verlautet, die Verhandlung gegen Hülsner. sei..deshalb. in den Herbst hinausgeschoben worden, weil die Behörden im Sommer einen zu großen Andrang des Publicums fürchten. Ferner wird erzählt, Hüls ner werde gegenwärtig ärztlich beobachtet und die jetzige Untersuchung .zeige feine geistige Unzurechnungsfähigkeit, weshalb er für geisteskrank erklärt werden soll. In diesem Falle würde es -allerdings nicht zu einer neuen Verhandiukig kommen, Marienbad. Organisation heißt das große Losungswort, das ein gut Theil zur Lösung der Judenfrage und Judennoth beitragen dürfte. Dies gilt auch bezüglich der Humanitären Hilfsactioir für die unglücklichen rumänischen Glaubens-und Stammesgenossen, und so verdient es -auch.erwähnt zu werden, dass Herr Kann aus Wien die namhafte Summe von nahezu 1000 Kr. hier im Kreise seiner Bekauuteu zum edlen Zwecke gesammelt hat. Mit der Besseruug der materiellen Lage des Theaters wuchs auch dessen ethische Bedeutung. /Goldfaden hörte .auf, Possen nufzüfuhren, und begann.großangelegte Operetten -aus der Geschichte der Inden zu verfassen, . zu denen er auch die Musik schrieb; „Sulamith" und „Bar Kochba" waren seine ersten Products auf diesem Gebiete. Das jüdische Theater nahm in Russland und Nnmänien große Dimensionen an. Es bildeten sich mehrere Truppen, ltnb selbst die Eoncurrenz stellte sich bald ein. Lern er une Scheikewitz gründeten gleichfalls jüdische Bühnen und allen gieng es sehr gut. Aber die günstige Zeit war bloß von kurzer Dauer. Die russische Regierung verbot nämlich bald die Aufführung jüdischer Stücke. Die Truppen zerstreuten sich in verschiedenen Ländern und die tüchtigeren Schauspieler giengen nach Amerika, woselbst sie das jüdische Theater begründeten. Im Jahre 1887 gieng auch Goldfaden selbst nach Amerika, : fand jedoch hier durch verschiedene Jntriguen der Schauspieler keine Beschäftigung, so dass er nach kurzem Aufenthalte mit einer kleinen Truppe nach Paris abreiste. Aber auch dort ge cin g es ihm nicht, festen Fuß zu fassen. 1890 wurde er nach Lemberg ans jüdische Theater als artistischer Leiter und Dramaturg berufen. Dort schrieb er seine berühmten Operetten „Rabbi Joselmann", „Judith", 'ivie auch die moderne Operette „Moschiachs-Zciten". ' Sein Glücksstern wollte ihm aber auch hier nicht leuchten. Nach dreijährigew Aufenthalte war er durch verschiedene Umstande gezwungen, auch diese Stadt zu verlassen, und »läch kurzem abermaligen Aufenthalte in Bukarest zog er (1897) nach Paris, wo er die Beschäftigung mit dem jüdischen Theater aufgab und seine alten Tage in kümmerlichen Verhältnissen verbringt. ' ° : ' *• ' * , / \ - Sonntag den 11. Tamus 5660 (8. Juli 1900) feierte Goldfaden in Pst r i s seinen 60. Geburtstag. Er feierte ihn' in fremdem Lande, einsam,' verlassen von seiner.;Schöpfung, seinem Theater, von seinen Mngern, .feinen, Schauspielern und fast auch von seinem Volke. Er. ist. ein jüdischer Dichter, ein wahrer jüdisch er Dichter, so im'Schliffe« nfle*ihi /Seibcii. kl. A. Brandes. Für das hiesige israelitische Cur-Hospital werden alljährlich bedeutende Beträge durch Herrn Verwalter B r o t h a u e r bei den jüdischen Eurgästen gesammmelt, ebenso seitens der Cultusgemeinde, nur sollte letztere auch solche Unbemittelte ausgiebiger unterstützen, die im Hospitale keine Aufnahme finden können. — In demselben erhalten je 23 Personen per Turnus von vier Wochen freie Wohnung, gute Pflege, ärztliche Ordination seitens des Herrn Prof. Koch und Gratisbäder, vorwiegend sind es Frauen, die sich dieser großen Wohlthat erfreuen, und zwar zumeist aus Böhmen, wie leicht erklärlich, da der Sitz des Verwaltungs-Comitüs in Prag ist. Auch ein regelmäßiger Gottesdienst conservativer Richtung wird in der Anstalt abgebalten, wie überhaupt auch im großen monumentalen Tempel, zu dessen Errichtung dieFinanz-Sommitäten Wiens und anderer. Großstädte wesentlich beitrugen, der Orthodoxie nach Thunlichkeit Rechnung getragen wird. Allerdings besteht ein gemischter Chor nebst Orgelbegleitung, hauptsächlich dem modernen Geschmacke und Culturbewusstsein entsprechend, seit der Functionsdauer des in seinem.Fache sehr tüchtgen Obercantors Goldenberg, wie auch durch die vom fortschrittlichen Geiste getragenen Predigten des Rabbiner Dr. Goldberger, eines gebürtigen Wieners, allein inhaltlich wurde der Ritus beibehallen, wie die Liturgie üblich war vor Aufhebung des Coneordats, von einzelnen deutschen Gebeten abgesehen, welche der Prediger am Freitag- Abend, ebenso beim Aus- und Einheben der Thora vorträgt. Ob in einem Curorte die Wiederholung des 18 Benedictionen-Gebetes absolut nötbig ist, bleibt wohl eine Frage an die Zukunft. Es bleibt ja jedem unbenommen, der den Glauben an die Repristination des Opfercnlts festhült, diese Stellen leise für sich zu beten — die Frequenz des Gottesdienstes würde durch eine kleine Kürzung sicherlich nur gewinnen. Den Huperorthodoxen bleibt es ja unbenommen, nachdem Herr D. Lettner in dem den Lesern des „Jüdischen Volksblatt" vom vorigen Jahre wohl noch m Erinnerung stehenden, gegen die Cultusgemeinde geführten Processe die Lrcenz errvirkte, in seinem Hotel einen Privat-Gottesdienst abhalten zu dürfen, in der Pietät für das Althergebrachte huldigender Weise dem Gebete auch in Marienbad geraume Zeit zu widmen, ohne gegen die rigorosesten Satzungen des „Schutchan Arouch" zu verstoßen. Es möge also jeder nach seiner Fayon sein Seelenheil fördern, „darum sei keine Feindschaft zwischen uns, wir sind ja Männer und Brüder!" —n* Lemberg. (Ein moralisches Deficit.) Am 1. d. hat auch richtig, wie in diesem Blatte vorangezeigt wurde, in dem naheliegenden Sommeraufentqaltsorte Zlmna-woda ein Fest zugunsten der rumänischen Auswanderer stattgefunden. Dass ich heute darauf zurückkomme, geschieht nicht etwa, um über das materiell arme Ergebnis dieses Festes zu berichten, ich will heute vielmehr über das moralisch arme Ergebnis unserer hiesigen reichen Juden berichten, welche mit wenig Ausnahmen dieses Fest, dessen Reinerträguis für die blutarmen heimatlosen rumänischen Auswanderer bestimmt, war, weder besucht, noch es unterstützt haben. So endete das Fest mit einem materiellen Deficit, es war aber zugleich auch ein .moralisches Deficit für die hiesigen reichen Herren damit verbunden. Das genügt und braucht weiter keinen Coinmentar. M. J. Budapest. (B ö s willige Störung eines L ei ch e n b e g ä n g n i) s e sZ) Der Straßenbahn-Cvntrolor Hermann Fried ließ mit der Bemerkung: „Wegen eines Jlidenbegräbnisses dürfen . wjr-.'M.cht perspäten", eilten Waggon iu die nach Hunderten zählende Trauermenge beim Begräbnisse des Bauunternehmers Salgv.- hineinfahren. Derselbe wurde für diese Brutalität fast gelyncht. Er wird wegen böswilliger Störxxng eines Leichenbegängnxsses vor Gericht, gestellt werden.. Essegg. Eine erhebende Feier fand am verflossenen Samstag im Essegg-Oberstädter israelitischen Tempel statt, Die israelitischen Mittelschüler hatten sich unter Führung des Professors Heumer und der Religionslehrer im Gotteshause versammelt, wo auch der Gesamnltvorstand und ein großes Publicum erschienen war, um dem feierlichen Schulschluss-Gottesdienste anzuwohnen. Der im Oberrabbiuare stellvertretende Rabbiner Herr Dr, Markus Ehrenpreis aus Djakovar, beziehungsweise Landesrabbiner von Bulgarien, hielt bei diesem Anlasse eine ebenso ideenreiche wie actuelle Gelegenheitsrede/jwelche mächügeu Eindruck machte. t>ernach verrichtete er im eroatischer Sprache das Geber für den andesvater/Zum Schlüsse begaben sich die Versammelten in den prächtig decorrerten Berathüugssaal der Cultusgemeinde, wo Vorsteher Dr. Hugo Spitzer an die Schuljugend eine schwungvolle patriotische Ansprache richtete und sie an ihre Pflichten als Juden wirkungsvoll erinnerte. Schließlich wurden vierzig rvertvolle Prämien an die Vesten Studenten vertheilt, und die schöne Feier nahm mit dem Absingen der vom Cantor K i s ch i tz k y trefflich eiustudierten und dirigierten Gesänge ein harmonischesEnde. Esscgg. Es darf als erfreuliche Thatsache gelten, dass die Studentenschaft Croatiens und. Slavonieus endlich nach langer Frist zum intensiveren Bewusstsein ihrer noch zu erfüllenden Ausgaben und ihrer wahren Interessen gelangt ist. In Bezug auf die Pflege des Judenthums und die Vermmlung jüdischer Kenntnisse geschah hier seit Menschexigedeukeu so gut wie nichts. Daher mag es auch kommen, dass dem Boden dieser Länder keine einzige jüdische Autorität, auf religiösem Gebiete nämlich, entsprossen ist. Die Juden dieser Länder kamen auch mit Recht in den Ruf religiöser Gleichgiltigkeit und crasser Unwissenheit. Nun aber macht sich auch hierzulande eine dem Judeuthuiu günstigere Strömung fühlbar.. Nicht nur in Agram, sondern auch in Essegg bestreben sich die leitenden Factoron im Gemeindeleben, die Heranwachsende Jugend mit jeuem Maße religiösen Wissens auszurüsten, ohne welche ein modern gebildeter Jude nicht bleiben soll und bleiben darf. Der thatkräftigen Initiative des Culiusvorstehers Herrn Dr. O. Spitzer ist es Haupt! ächlich zu verdanken, dass hier bereits der Ban einer jüdischen Schule in Angriff genonnnen wurde, deren Aufgabe es sein wird, die israelitische Jugend im modernen, aber gleichzeitig auch im jüdischen Sinne entsprechend vorzubilden. Welch großen Beifall das Project gesunden, erhellt schon aus dem Umstande, dass.der.Gemeinderath der königlichen Freistadt Essegg kosteülos einen prachtvollen Baugrund zu diesem Zwecke schenkte, ferner, dass sowohl die hiesigen Mitglieder der Gemeinde, als auch die in der Ferne weckenden einstigen Frequentanten der alten.israelitischen Schule , mit rührender Opferwilligkeit ihre Spenden dein Cultusvorstande übermittelten. Doch sind die Baukosten sehr grob und das voraussichtliche Erfordernis für die Neueinrichtung dieser Schule ein ziemlich bedeutendes. Möge diese Nachricht zu den Ohren aller einstigen Essegger dringen xmd dem ebenso schönen wie wichtigen und nothwendigen Werke zahlreiche Freunde und Förderer erwerben. X. Sch. Boryölaw. (Eine Feier.) Am 2. d. M. veranstaltete der Lehrkörper der hiesige»» Baron Hirsch-Schule zugunsten , der armen Schulkinder eine Theatervorstellung, Vre ausschließlich von Schülern dev .genannten. Anstalt aufgeführt- und von einem zahlreichen, distinguierten Publicym mit gxöstem Beifalle ausgenommen wurde. Es wurde „Die bestrafte Arroganz", ei« Lustspiel mit Gesang, zuin besten gegeben, dessen Verfasser, wie wir zufällig erfuhren, Herr B. B l-a u st e i n, Leiter der hiesigen Stiftungsschule, ist. Der lehrreiche, in pädagogischer Beziehung wertvolle Stoff dieses Einakters, die schön improvisierten Costüme, die lebhafte, rasch abwechselnde Scenerie nnd besonders das glänzende, exacte Spiel der durch den Schulleiter wunderbar abgerichteten kleinen Schauspieler, unter denen sich das neunjährige gelungene Söhnchen des Herrn Blauste in in der Hauptrolle besonders auszeichnete — entzückte das Publicum, welches auch den jugendlichen Künstlern unaufhörlich frenetischen Beifall klatschte. Der Gesang (Duette und Chöre) sowie diverse Declamationen wurden unter der Leitung des Stiftungslehrers Herrn Dubenski vorzüglich vorgetragen. Der'schöne, genussvolle Abend endigte mit einem reizenden lebenden Bilde. Der Reinertrag dieses Abends (circa 120 Kronen) wird zur Bekleidung der armen Schulkinder verwendet werden. Jetzt noch eines. Wir wandten uns an den Herrn Schulleiter, der für die armen hungernden Boryslawer Arbeiter stets ein echt jüdisches, warmes Herz zeigte und zur Linderung des hiesigen unsagbaren Elendes so viel beigetragen hat, indem er mit Eifer xmd der ihm eigenen Umsicht und Energie jede Hilfsaction für Boryslaw kräftig unterstützt xrnd gefördert, mit dem Ansuchen, er möchte einen Theil des gewonnenen Reinertrages für die hiesigen brotlosen Arbeiterfamilien spenden, und erhielten zur Antwort, dass die Schule berufen sei, xn erster Reihe für die ihr anvertraute arxne Schuljugend zu sorgen, die sich selbst noch nicht zu helfen vermag. Wir sind xm Principe mit dieser Ansicht vollkommen einverstanden xxnd begreifen es sehr gut, dass die Schule, die sich unter seiner Leitxxng so schön entwickelte, in die xvieder nach längerer Zeit Ruhe und Eintracht exngekchrt, auch sein Lxeblxngskxnd sein muss, dem er seine ganze Aufmerksamkeit zuwexxdet, aber wir möchten ihn doch bitten, auch der armen, xxnglücklichen Eltern seiner Schulkinder nicht zxx vergessen xxnd xvoxnöglich noch eine Vorstellung zu ihren Gunsteix zu veranstalten, wofür wir ihm im Namen der zahlreichen Opfer der Noth und des Elerids schon im voraus den wärmsten Dank sagen. Ausland. Berlin. (Theater.) Im Thaliatheater beginnt am Sonnabend das Gastspiel der orientalischen Operettengesellschaft, für welches folgende Novitäten in Axxssicht genommen sind: „Die Tochter Jerusalems", „Sulamith" „Bar-Kochba", „Alexander, Kronprinz von Juda". Zu den meisten dieser Stücke hat der in Paris lebende Componist A. Goldfaden die Musik geschrieben. Berlin. Die Eröffnung eines neuen „Israelitischen K r a n k e n h e i m s" erfolgte Sonntag nachmittags in. der Prenzlauer Allee Nri 136. Die Gründung ist erfolgt durch den Verein Chewra Kadischah". Das Krankenheim soll ein allen berechtigten Wünschen in hygienischer Hinsicht genügendes Institut nach strengem jüdischen Ritus darstellen und ist vorerst für etwa zwanzig Kranke eingerichtet. Der Eröffnungsfeier wohnten zahlreiche Gemeindemitglieder bei, darunter auch Gehexmrath Professor Dr.. Mendel. Die Eixxxveihungsrede hielt Rabbiner Dr. Munck. Als Leiter der Anstalt fungiert Dr. Adler. Köln. (Die ersten Auswanderer.) Vergangenen Freitag, nachmittags gegen 3 Uhr, erhielt der Vorstand der Synagogen-Gemeinde exne Depesche aus Mainz, welche Folgendes enthielt: „111 auswandernde rumänische Juden kommen 5 Uhr xnit dexn holländischen Dampfschiffe dort an. Sorgen Sie für xvarmes Essen." Trotz der Kürze der Zeit brachte es der sich sofort versammelnde Vorstand zustande, mit Hilfe der hiesigen israelitischen Kochschule und ihrer im Dienste der Wohlthätigkeit unermüdlichen Vorsteherin Frau-Dr. Plato, dass, als das Schiff ankam, nach kurzer Zeit diese 111 Bedauernswerten in jeder Beziehxxxxg ausreichend beköstigt wurden. Eine Anzahl Damen und Herren, die von der Ankunft des Schiffes Kenntnis erhalten hatten, halfen in aufopferndster Weise die Speisen verthexlen und spendeten noch viele Liebesgaben, die von innigen Ausdrücken des Dankes der Auswanderer: empfangen wurden. — Am Dienstag langten 126 Auswanderer ein.. Fast alle beherrschten die deutsche Sprache (nicht Jargon) neben ihrer bisherigen Landessprache, viele dazu noch die russische, französische und englxsche Sprache. Da waren zwei Studenten, der eine Mediciner, der andere Chemiker, Kausleute,- denen inan die ehemalige Behäbigkeit noch, ansehen konnte, Blechschläger, Schlosser, Schuster xxnd Schneider, auch ein Chasan, der mit dem Reste seiner einst blühexxden Gemeinde auswanderte. Unter den Frauen und Mädchen, zum Theile klassische Schönheiten und modern gekleidet, sind Schneiderinnen und Modistinnen, manche haben die greifen Eltern xm Elexxd zurücklassen müssen. Die etwa 20 herzigen Kinder legen Zeugnis guter Erziehung ab und die Erwachsenen tragen eine Bescheidenheit zur Schau, die jedermann anmuthet. Selbst die Schiffsmannschaft xvar voll des Lobes über die Anspruchslosigkeit und Nüchternheit der Leute. In Mainz waren ihnen 100 Liter Bier gespendet worden, wovon in Köln noch der größte Theil vorhäxxden xvar. Die Gesellschaft ist durch Rumänien zu Fuß gewandert und von der Grenze xveiter auf Kosten der jüdischen Gemeinden über Budapest, Wren, Frankfxrrt und Mamz theils per Eisenbahn, »Heils per Schiff .wexterbefördert worden. Wiederum hatten sich hier Darnen und Herren aus der Gemeinde eingefxxnden, um bei der Verpflegung behilflich zu sein. Wiederum erquickten gxxie Herzen die Armen xnit Liebesgaben mancherlei Art, und als das Schiff um 8 Uhr «bends^von dannen zog^ . .erklang in einem innig, von schönen Slimnxen gesungenen hebräischen Liede der Abschied der heimatlosen Wanderer, die um ihres Glaubens willen in die unbekannte Ferne ziehen mussten. Es xvar das Schrvanenlied des bekannten Märtyrers zu der Lkeduscha, das die Andächtigen .am Neujahrsfeste noch heute. erschüttert. Nicht nur dxe axxwesenden Damen u.yd Herren axxs der Laxxdr«.ngsbrücke, sondern' auch manche der hunderte Zuschauer axn Ufer lauschten thräiienden Auges dem fremden, ergreifenden Gesänge, bis das Daxxxpfboot in der Ferxxe den Blicken exxtschxväxxd. Gestern kamen xvieder 21 Personen axx, und für die xxächsten. Tage stehen weitere größere Transporte in Aussicht. . .. Könitz. Die . auf. Entdeckung, des-Mörders ausgefetzte Belohnung beträgt jetzt. 32.700 Mk. Die Nächwehen der Unruhen vom 29. Mai und 10< Jxxni kommen jetzt auch materiell bereits zur Geltung. Sv hat Herr Kaufmann S. Zander eine Schaden-Liquidation.. in der Höhe von 198'50. Mk. dem Magistrat überreicht. Herr Ar^o n-h e i m hat dem Magistrat eine Schadenersatzklage in der Höhe von 55 Ml. zustrlleu lassen. Termin steht am 9. Juli vor dem Amtsgerichte an. :» •; Schlawe (I u d e ü e xce s s.) In Schlawe ist. .tf, nachdem schon einige Abende zuvor Anzeichen einiger g e g' eir d i e j üh i s ch e B e v ö l t e r u it (j 8er Stadt gerichteten Bewegung sich bemerkbar machten» Sonntag abends zu umfangreicheren Eigerkthumsbeschäditzungen gekommen. Die Polizei, verstärkt durch vier Geildarilken, musste bis spät in die' Nacht hinein durch die Straßen der Stadt" patrouillieren,. ilM die Ruhe aufrecht zu erhalten. Auf Antrag des dortigen Bürgermeisters sind vdM Regxerungspräswenten' in KlMlin telegraphiH 24* Gendarmen dorthitt beordert worden. Auch B e l^g'a r d hatte in vergangener Woche einen kleinen antisemitischen Krawall.