Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432811-2432838--0596-2434262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt G. Juli 1000 Seite 5 zwischen dem Direktor und Rabbiner herbeizuführen — der Direktor enuncierte feierlich: „Ick) oder der Rabbiner!" — ist nunmehr die Entscheidung des Ministers erfolgt. In einem scharf gehaltenen Erlasse macht das Eultusministerium den Direktor für den „unerhörten Zustand" verantwortlich und richtet an ihn, unter Androhung der gesetzlichen Strafe, die Aufforderung, sofort Abhilfe zu schaffen. — Da die Schlussprüfungen bereits im Zuge sind, musste sich der Direktor dazu bequemen, den verdrängten Rabbiner zu rehabilitieren. Aus der Handelskammer wird nachträglich noch folgendes interessante Detail bekannt. Ais der Direktor über die Fanatisiernng des Rabbiners Klage erhob und mit seiner Kündigung drohte, sagte ihm ein dem Gewerbestande angehörendes Mitglied der Handelskammer, dessen Neigung zum Antisemitismus stadtbekannt ist,' Folgendes: „Aber, Herr Direktor, lassen's doch den Rabbiner machen, was er will. Nicht kümmern Sie sich um feine Religionssachen; sollen die Judenkinder Juden sein!" Sein Nachbar, gleichfalls ein prononcnrter Antisemit, machte den Gesinnungsgenossen darauf aufmerksam dass er doch nicht den Judenrabbiner in Schutz nehme. Dieser aber versetzte mit spießbürgerlichem Ernste: „Getauft, oder nicht getauft bleibt sich mir gleich. Ich lass' mir den getauften Juden erst recht nicht über den Kopf wachsen!" Ausland. Köln. (Eine Deputation der Synagogen- Gemeinde Köln b e i m Herrn E r z b i s ch o f S i m a r.) Am Dienstag erschien nach vorausgegangener Anmeldung eine Deputation der Kölner Synagogen-Gemeinde, bestehend aus den Herren Jakob de I o n g e, erster Vorsitzender des Vorstandes, Dr. tnod. Apfe l, stellvertretender Vv'sitzender, und den Herren Rabbinern Dr. Frank und Dr. R o s e n t h a l bei Herrn Erzbischof Simar, um denselben seitens der Synagogen-Gemeinde zu begrüßen. Um 6 Uhr fand die Audienz in dem Empfangssaale des Erzbischöflichen Palais statt. Als der Herr Erzbischof erschienen war, hielt Herr Rabbiner Dr. Frank an denselben folgende Ansprache: „Ew. erzbischöflichen Gnaden gestatten wir uns, als Vertreter der Verwaltung und des Rabbinates der Synagogen- Gemeinde Köln zu dem Antritte des höchsten kirchlichen Amtes in der Kölner Diöcese ehrerbietigst zu begrüßen. So alt die Kölner Diöcese ist, so alt ist die israelitische Einwohnerschaft derselben,' aber fast zu allen Zeiten haben die Kirchenfürsten auf dein Kölner erzbischöflichen Throne freundliche und wohlwollende Gesinnung gegen die Judenschaft gehegt. Besonders im Mittelalter, wo die Juden am Rhein unter dem Fanatismus der irregeführren Menge schwer litten, haben die Kölner Erzbischöfe den Bedrängten Hilfe und Beistand augedeihen lassen, ich nenne u. a. die Erzbischöfe Arnold und den unvergesslichen EngelbertII. von Falkenburg. Und so hat sich denn diese Tradition des Wohlwollens seitens der Kölner Kirchenfürsten gegen die Juden bis auf die Gegenwart erhalten. In dankbarer, verehrender Erinnerung lebt Ew. erzbtschöflichen Gnaden letzter Vorgänger Seine Eminenz Eardrnal K r e m e n tz bei der israelitischen Bevölkerung der D.öcese fort. Als in den 80er- und 90er-Jahren des abgeschlossenen Jahrhunderts unsere Glaubensgenossen in Russland schwer bedrängt und verfolgt wurden, hat der Herr Erzbischof von Köln, Kremen tz, seiner Lebensdevise entsprechend, caritas urget, mir Beweise seiner Sympathie für das große Hilfswerk gegeben, welche für den Erfolg von großer Tragweite waren. Und so begrüßen wir denn auch Ew. erzbischöfliche Gnaden und hoffen. Sie werden die Traditionen der Vergangenheit fortsetzen. Ew. erzbischöfliche Gnaden haben als akademischer Lehrer an der Bonner Universität die katholische junge Geistlichkeit in die Hallen der Wissenschaft eingeführt, haben ein hervorragendes wissenschaftliches Werk über die Logmatik geschrieben, haben dann als Bischof von PaoerborN in der praktischen Seelsorge Ihre Herde iveise, liebevoll und milde geführt, und dort, wo Geist und Herz harmonisch sich vereinen, entspringt ein Quell reichsten Segens für alle Menschen. Mögen daher Ew. erzbischöfliche Gnaden als Hirt der Hirten die Saaten der Religion und Gottesfurcht, der Liede und Humanität, die Sie in Ihrer großen Diöcese ausstreiren, üppig aufgehen sehen, möge unter Ihrem Hirtenstab die Herde in Friede und Eintracht Zusammengehen und liebevolle Gesinnung unter den Bekennern aller Cvnsessionen der Diöcese gefördert werden, möge ferner die gütige Vorsehung Sie schirmen und schützen und noch viele Jahrzehnte an der Spitze der Kölner Diöeesesegensreich wirken lassen, möge endlich das jesaianische Wort an Ew. erzbischöfliche Gnaden in Erfüllung geben: „Leiten wird Dich der Ewige und laben in der Dürre Deine Seele, und Du wirst sein wie ein getränkter Garten und wie ein Quell, dessen Wasser nie versiegen/' Das walte Gott! Amen." Hierauf erwiderte der Erzbischof ungefähr Folgendes: Er danke für die freundliche Begrüßung seitens der israelitischen Gemeinde und werde wie bisher den Israeliten die wohlwollendste Gesinnung entgegenbringen. Wie einst vor 2000 Jahren einer der größten Männer des jüdischen Stammes in seinem Sendschreiben an die Römer hervorgehoben, indem er fragte: „Was haben die Juden vor den Heiden voraus V‘ und die Antwort gab : „Sie haben den Vorzug, dass sie im Besitze des Gotteswortes sind, und ein anderes Wort „dass sie das Volk des Bundes sind", ebenso erkenne er auch den Vorzug des israelitischen Vvli.es an. „Sie find nun einmal das von Sott auserwählte Volk, von ihm ausgezeichnet durch den Besitz des Gotteswortes und die Verheißung des Heiles für die ganze Menschheit." Von diesem religiösen Standpunkte aus sei seine Stellung gegen Israel gegeben And von dem christlichen Grundgesetze der Liebe bestimmt. So wie er, denke jeder katholische Bischof. Diese Gesinnung werde er den Israeliten der ganzen Diöeese bewahren und gegebenenfalls auch praktisch betyättgen. „Und wenn auch einstweilen", so bemerkte der hochw. Herr Erzbischof am Schlüsse, „in Bezug aus den religiösen Glauben eine Scheidewand uns von Ihnen trennt, so halten wir doch an der Hoffnung fest, dass eine Zeit kommen wird, wo es Hnen Hirten und eine Herde geben werde, Nochmals danke ich Ihnen und hoffe, dass die geäußerten Wünsche zu meinem Wohle uno zunr Wohle Ihrer Gemeinde sich erfüllen mögen." Nach einigen warmen Dankesworten des Herrn de I o n g e unterhielt sich der Herr Erzbischof längere Zeit mit der Deputation und erlundigte sich nut regem Interesse nach den inneren und äußeren Verhältnissen der Gemeinde und sprach seine besondere Genugu-nang darüber aus, dass solch eine große Gemeinde ohne jede Trennung friedlich geeint sei. In der liebenswürdigsten Weise ivitide hieraus die Deputation entlassen. Bukarest. <D i e I u d e n a u s w a n d e r u n g e n.) Die hiesige österreichisch-ungarische Gesandtschaft hat gepern die rumänische Regierung in officieller Weise davon verständigt, dass die österreichisch-ungarischen Grenzbehörden alle Israeliten aus Rumänien, die Auswandererpässe, aber keine direkte Fahrkarte bis Hamburg, London oder Parts besitzen, nicht passieren lassen und den rumänischen Behörden übergeben werden. Die Israeliten, welche gewöhnliche zur Rüctkehr berechtigende Pässe besitzen und nach Budapest, Wien oder einer anderen Ortschaft in Oesterreichllugarn reisen, werden unter Polizeiaufsicht gestellt werden, und sobald ermittelt werden sollte, dass sie keine Existenzmittel besitzen oder Unterstützungen nachsuchen, unter Eskorte nach Rumänien zurückgesandl werden. Diese Bestimmungen wurden von dem hiesigen österreichisch-ungarischen Eonsutat vertraulich und mündlich auch dem Polizetpräfeeten General Algin nutgetheitt, der daraufhin folgende Verfügung erlassen hat: „Auswanoererpässe werden nur solchen Personen ausgestellt werden, welche Fahrkarten nach Hamburg, London oder Paris besitzen; gewöhnliche zur Rückkehr berechtigende Pässe werbe,» nur sochen das Land verlassenden Israeliten ausgestellt werden, die Nachweisen können, dass sie wenigstens 100 Lei in bar besitzen." Diese Bestimmungen sind allen Polizei- und Districtspräfecturen des Landes mitgetheilt worden. — Die hnnpstädtische Präfektur versagt die Verabfolgung der Reisepässe an Juden, die nicht Nachweisen können, dass sie in Bukarest geboren und ausgewachsen sind und der Militärpflicht genüge geleistet haben. Auch werden keine Reisepässe denjenigen Juden verabfolgt, die nicht mindestens 30 Lei im Vermögen besitzen. Andererseits beschloss die Präfektur, diesen Inden, die seit 2—3 Jahren in Bukarest ansässig sind und irgend einer Stadt in der Moldau entstammen, ein Billet zur freien Fahrt nach ihrer Heimat zu liefern, damit sie sich dort die nöthigen Reisedocuinente beschaffen können. Bukarest. Am vergangenen Freitag hat sich in G a l a tz eine aus 52 Familien in der Gesammtslärke von 250 Personen bestehende Auswanderergruppe nach Cypern eingeschifft. Von ebendort ist am Sonntag eine kleinere Gruppe jüngerer Leute, unter welchen sich auch ein aus der Armee mit dem Range eines Sergeantmaiors verabschiedeter rumänischer Staatsbürger befand, auf einem Schiffe der Oesterreichisch-ungarischen Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft nach Wien abgegangen, von wo sie ihre Reise via Hamburg nach Amerika fortsetzen werden. Gleichfalls am Sonntag hat eme aus 125 Personen bestehende Emigrantengruppe, welche sich den Namen der „F u ß w a n d e r e r aus Bai.au" beilegt, den üblichen Solidaritätseid abgelegt. Eine aus 126 Mitgliedern bestehende Auswanderer-Gesellschaft, welche bereits gestern bei P r e d e a l die ungarische Grenze überschreiten sollte, musste dort Halt machen, wert sich nicht alle Mitglieder derselben im Besitze der nothwendigen Reisedocumente befanden. Die zu Fuß ausgewanderten B e r l a d e r Israeliten berichten, dass man innen in Czernowitz drei Waggons für Weiterreise zur Verfügung gestellt habe und dass ihnen auf ihrem ganzen Wege zahlreiche Wohllhaten seitens ihrer Glaubensgenossen erwiesen worden sind. So haben sie unter anderem in Berlin vom Banquier Bleichröder 3000 Mark erhalten und jedem Theilnehmer der Gruppe sind in Hamburg von Herrn Tuch, dem Vertreter der Baron H i r s ch'schen Stiftungen, 75 Mark eingehändigt worden. Klausenburg. (Jüdische Emigranten aus Rumänien in Klausenburg.) Heute sind 50 jüdische Emigranten aus Rumänien hier angelangt. Es sind dies durchwegs Männer, denen Leid und grenzenlose Entbehrungen tiefe Spuren in das abgehärmte Antlitz geprägt haben. Sie kamen aus Piatra und halten den endlos weiten Weg zu Fuß znrückgelegt, in glühendem Sonnenbrand oder strömendem Regen. Sie find seit Wochen unterwegs. Oftmals mussten sie hungern, wenn ihr Zug Ortschaften passierte, wo nicht mildherzige Glaubensgenossen sie unterstützten. Das Ziel ihrer langen Reise ist Amerika, wohin sie über Bremen zu reisen gedenken. Der Führer der traurigen Karawane, Max Wahrmann, erzählte Ihrem Berichterstatter, die unmenschliche Behandlung seitens der rumänischen Behörden hätte die Aermsten gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen und das Vaterland zu verlassen, welches ihnen nichts zu bieten hatte, als Verfolgung und härteste Behandlung, und das ihnen selbst die natürlichsten Menschenrechte versagte. Die Frauen und sonstigen Angehörigen der Emigranten sind vorausgereist. Die Schar wurde hier unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Von hier begeben sich die Auswanderer nach Großwardein und von dort nach Budapest und Kaschau, immer zu Fuß. Die Klausenburger israelitische Religionsgemeinde versorgt sie während ihrer Anwesenheit mit Speise und Trank und bietet ihnen ein Plätzchen, um einige Zeit auszuruhen. Die Erzählungen der Unglücklichen, deren gramdurchfurchle Züge nur zu deutlich die Wahrheit ihrer Mittheilungen bekräftigen, machen einen ganz mittelalterlichen Eindruck. Kronstadt. (Judenauswanderung aus Rumänien.) Seit dem 1. Mai d. I. sollen mehr als 2000 jüdische Familien das Land verlassen haben. Am vergangenen Samstag trafen — wie aus Kronstadt geschrieben wird — dort gleichzeitig mit dem Zuge von Predeal 74 jüdische Auswanderer unter der Führung eines Arztes ein. Die Kronstädter Judenschaft bewirtete die Leute, die angeblich nach Amerika ziehen und sich in Canada niederlassen wollen. Auch bei Orsova soll dieser Tage ein größerer Trupp Juden die Grenze überschritten haben. Rumiimscher Mimstenath und Iudenftuge. Die immer mehr um sich greifende Auswauderungsbewegung wird den rumänischen Negierungsleuten recht unangenehm. Alle Ableugnnngs- und Beschönigungsversuche werden Lügen gestraft durch die tausende von kräftigen arbeitslustigen Juden, welche Europa durchqueren, um einer unsicheren Zukunft über dem Ocean entgegenzugeheu, nur weil sie hoffen, dass sie dort im neuen Coutinente Arbeit und menschenwürdige Behandlung werden finden können. Rumänien aber, dessen überkluge Staatsleute rrnd Politiker von dem Auszuge der Juden einen Aufschwung des Landes und des Nationalvermögens erwarteten, empfindet heute die Auswanderung als eine große innere Gefahr und als eine bedeutende Schädigung seines guten Rufes und Credits im Auslände. Nachdem alle Gewaltmaßregeln erfolglos angewandt worden sind, hat sich endlich das einzige cvmpetente Forum, der rumänische Mmisterrath, veranlasst gesehen, die Judenfrage zum Gegenstaude seiner Behandlung zu machen. Dies hätte er schon längst thun müssen, dann wäre er vielleicht zur Uebcrzeugung gelangt, dass man heutzutage doch nicht einen großen Bevölkernugtheil ungestraft zu allen Pflichten heranziehen kann, ohne ihm irgend ein Recht einzuräumen, welches ihn an den Boden des Vaterlandes in Stunden der Roth und schwerer Gefahr fesseln soll. Aber ein altes französisches Sprichwort sagt: Besser spät als niemals. Es soll uns also freuen, wenn jetzt, gewitzigt durch die Lehre der Erfahrung, die rumänische Regierung an irgendeine Lösung der Judenfrage herantreten würde. Dass diese Frage schon einen mehrere Stunden währenden Miuisterrath beschäftigt hat, wollen wir als ein gutes Vorzeichen zur Kenntnis nehmen. Was in diesen mehreren Stunden des 30. Juni verhandelt wurde, ist nur zum Tbeile öffentlich bekannt worden. Davon aber sind am mteressantesten die Ausführungen des Fuianzministers Herrn Tache Jonescn. Derselbe sagte, dass zahlreiche Barrquiers, sowohl jüdische als auch ruinärrische. sich darüber beklagen, dass seit einiger Zeit, hauptsächlich seit der Campagne gegen Nnmänien in der ansländischen Presse, die rumänischen Fonds bei den ausländischen Börsen im Fallen begriffen sind, und dass in dieser Zeit, in welcher der Staatseredit energisch aufrechterhalten werden muss, das Fallen der rumänischen Effekten eine Gefahr darstelle. Der Finanzminister meinte, die von der ausländischen Presse angefangene Campagne sei einzig und allein der Thatsache zu verdanken, dass die Regierungsmaßregeln bezüglich der Auswanderungen nicht Hand in Hand giengen mit solchen, welche sich gegen diejenigen hätten richten müssen, die in einer für das Land so schweren Lage noch Oel ins Feuer gießen. Es sind dies die Antisemiten, und diese Herren — soll höchst erregt der Herr Finanzminister ausgerufen haben — glauben noch, dass sie uns mit ihren Kämpfen große Dienste erweisen! Herr Tache Jonescn machte mehrere Borschläge, über welche aber erst später in einem Ministerrathe unter Vorsitz des Königs beschlossen werden wird. Bis dahin sollen dem Bukarestec^ Polizoipräsecten wichtige Verhaltungsmaßregeln zugunsten der Juden, gegeben worden sein. Obwohl dieser ganze Bericht aus glaubenswürdiger Quelle stammt, so ist man doch geneigt, auszurufen: Die Botschaft hör' ich wohl, doch mir fehlt der Glaube. Die Zukunft soll zeigen, wie weit die rumänische Regierung umzukehren bereit ist von dem unheilvollen Wege des Staatsantisemitismus, auf welchem sie und ihre Vorgängerinnen seit mehr als dreißig Jahren zu wandeln für gut befunden haben. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt gestern abends im Saale des Wissenschaftlichen Club seine diesjährige General-Versammlung ab. DenJahresbericht erstattete der Vorsitzende Vicepräsident Baron Dr. S e i l l e r. Demnach zählt der Verein derzeit 2817 Mitglieder. Es ist beabsichtigt, in nächster Zeit eine populär geschriebene Broschüre in deutscher und czechischer Sprache herauszugeben, welche die Unsinnigkeit der Blutlegende darstellen soll. Der Vorsitzende beantragte, dem Professor Masaryk für sein sreimüthiges Auftreten in der Polnaer Affaire den Dank des Vereines auszusprechen. Dieser Antrag wurde, nachdem ihn Hofrath Professor Nothnagel befürwortet, einstimmig angenommen. Hofrath Professor Nothnagel trat für die Durchführung einer Reorganisation des Vereines ein. „Unser Verein", sagt« er, „ist leider nicht in der Lage gewesen, in den letzten Jahren etwas Ersprießliches zu leisten, so dass wir uns thatsächtich die Frage vorlegen müssen, ob wir heute noch eine Existenzberechtigung haben. Wir sind nicht fähig, mit den Waffen zu kämpfen, mit denen unsere Gegner vorgegangen sind. Aber so kann es nicht weilergehen; wenn wir ein so beschauliches Dasein in t.'ameia oaritatis führen, werden wir zum Gespött, statt dass wir einen ernsten Factor darstellen. Der Name des Vereines ist heute nicht mehr zutreffend. Zur Zeit, als der Verein gegründet wurde, konnte man .hoffen, mit Hilfe einer Reihe den intelligeulen Schichten angehörender Persönlichkeiten vorwärts zu kommen. Damals waren die Gegner noch nicht so stark, damals konnte noch von Abwehr gesprochen werden. Allein die Situation hat sich vollständig geändert; heute muss man zufrieden sein, wenn der Antisemitismus uns nicht todtschlägt, natürlich in bildlichem Sinne. Es muss ein anderes System, eine andere Art des Vorgehens insceniert, jene Bestimmung der Statuten, welche dem Vereine die Politit untersagt, muss eliminiert werden. Heute gibt es nur eine Möglichkeit, um die große Menge von der brutalen Schändlichkeit und Schmach des Antisemitismus abzuwenden, und das ist der s i n a n z i e l l e K r a ch i n W i e n. (Zustimmung). Wir mögen mit Engels- oder Menschenzungen reden, wir richten nichts aus. Vielleicht, wenn jeder von uns sich allabendlich in drei Vorstadtkneipen setzen und den Leuten dort alles Mögliche und Unmögliche versprechen würde — da wir das aber nicht tonnen, so werden wir nichts durchsetzen. Nur das wird fruchten, wenn der Wiener einmal zahlen muss (Zuruf: Beim Zahlen, da hört die Gemüthlichkeit auf!), dann wird ihm ein Licht aufgehen über den Werl des Antrsemrlismus. Durch unsere ethische Thätigkeit werden wir nichts erreichen, und auch in der Heranwachsenden Generation haben wir wenig Aussicht, Männer zu finden, die unser Erbtheil übernehmen und das erreichen, was uns nicht möglich war. Aber wir dürfen nicht verschwinden, wir müssen uns unserer Haut wehren und den Kamps aufnehmen. Wir haben heute nicht den Antisemitismus abzuwehren, sondern uns gegen ihn zu wehren. Wir müssen festhallen an dem alten Worte: „Wie jeder sich wehrt, so wirb er geehrt." (Lebhafter Beifall.) Der Antrag aus Reorganisation des Vereines wuroe sodann angenommen und per Acelamalion in die Vereinsleitung gewählt: Baron A. G. Suttner als Präsident, Baron Dr. Seiller ats Vicepräsident, ferner die Herren August Beiling als Cassier, Balduin Groller und Friedrich Engel ats Schriftführer, Superindenlent Professor Dr. F. M. Sebereny, die Abgeordneten Dr. Kronawetter und Wrabetz, Franz Frauenberger und Carl Palava als Ausschussmitglieder. Demusuni) Nttslllllillluugsbttichtt. Wien. (AllgemeinerKrankenunterstützungs- Verein „N ä ch st e n l i e b e".) Am 25. Juni l. I. verschied nach längerem Leiden der durch seinen streng rechtlichen Charakter und seinen Wohlthätigkeitssinn rühmlichst bekannte Armenralh Herr Philipp Weiner. Die imposante Betheiligung an dem Leichenbegängnisse des Verstorbenen und die hierbei gehaltenen Trauerreden boten ein beredtes Zeugnis für die allgemeine Sympathie, deren sich Herr Weiner allseits erfreute. Zahlreiche Wohlthätigkeitsvereine empfanden schmerzlich den Verlust dieses allzeit hilfsbereiten Mannes, und insbesondere der Allgemeine Krankenunterstützungs-Verein „Nächstenliebe" (II., Praterstraße 50), dem Herr Philipp Weiner durch nahezu 30 Jahre angehörte und als dessen Vorstand er durch eine Reihe von Jahren auf das ersprießlichste wirkte, betrauert in dem Verblichenen ein um den Verein hochverdientes Mitglied. Der Vereinsvorstand hat sofort nach dem Einlangen der Trauerkunde in einer zu diesem Behufs einberufenen außerordentlichen Sitzung seiner tiefen Trauer um den Verlust dieses edlen Mannes Ausdruck verliehen und hierbei mehrfache, dessen dauerndes Andenken im Verein» sichernde Beschlüsse gefasst. Spenden für die armen jüdischen Auswanderer. Radler-Gesellschaft im Cafe Schuch Kr. 2.—. Durch Willy Klein in Tetschen a. E. von den Herren Konirsch. Goldberger, Beit und den Frauen Schwarz, Mandler, Soudek. Fischer und Löwy je Kr. 1 ---- Kr. 8. Zusammen Kr. 10.—. Süchereinlauf. Jozef Israels: Spanien. Berlin, 1900. Bruno und Paul Cassirer. Dokumente der Frauen. Halbmonatsschrift. Herausgegeben von Marie Lang. Juli 1900.