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Jüdisches Volksblatt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Juli 1900 Nr. 27 Jalwb Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Phiippsohn. iFortsehuvg.) Mit meinen eigenen Augen sah ich über inmdert Schiffe, der Vollendung und Ausrüstung fan nahe, wie sie an Größe und furchtbarer Bewaffnung noch niemals gesehen morden sind, die kleineren ungerechnet, die sie begleiten werden. Diese Schiffe müssen mit mehr als 2000 Geschützen versehen werden und imstande sein, ein Heer von wohl 90.000 Mann aufzunehmen. Unermesslich sind die Vorräthe an Schieß- und Mundbedarf, welche zu diesem Zwecke aufgehäuft werden. Ich kann Ew. Majestät die genaue Liste dessen vorlegen, was ich selbst gesehen, und hierfür stehe ich mit meinem Kopfe ein. Anderes habe ich aus dem Munde von Leuten, denen ich theils völlig vertrauen, th uls minderen Glauben schenken kann. Ich habe erfahren, dass in Spanien and Italien große Heere angeworben und theilS nach Spanien, theils nach den Niederlanden geschafft werden, abgesehen von der Armee, welche damals schon in Portugal eingedrungen war, und von der Kriegsmacht, die bereits in den Niederlanden steht. Selbst der Name des Admirals wurde mir bekannt, der diese Riesenflotte befehligen soll, es ist der Marquis von Santa Croce. Gewiss ist, dass die Wirklichkeit meine Angaben noch weit übertreffen wird, da ich diese gewissenaft nur auf das beschränke, was mir als sicher kund geworden. Nun, königliche Majestät, diese ganze Macht ist gegen England gerichtet. Sie ist bestimmt, die englischen Schiffe zu vernichten und ein Heer, an dessen Spitze der Herzog von Parma, an die Küsten dieser Insel zu werfen, um Großbritannien zu einer spanischen Provinz zu machen. Gott und Ew. Majestät werden es verhüten!" So sicher Elisabeth auch des Ausgangs dieser Rede im voraus gewesen, so überwältigend waren doch diese Einzelheiten in ihrem riesigen Umfange und die Gewissheit ihrer Ahnungen, und einen Augenblick lang stockte ihr das Herz im Busen. Seil Jahrzehnten hatte sie einen Kampf mit Spanien vorausgesehen, seic Jahrzehnten war sie stets bemüht gewesen, ihn abzuwenden, ihm auszuweichen. Sie wusste, dass Philipp es ihr nie verzeihe, dass sie seine Werbung um ihre Hand zurückgewiesen, dass ihm die wachsende Macht Englands zur See und in Europa ein Dorn im Auge, ein Stachel in der Seite sein musste; dass sein Fanatismus ihn gegen sie, als das Haupt und die Stütze der Protestanten, nut dem glühendsten Hasse erfüllte, und dass alle die kleinen Vorgänge, in welchen sie gegen ihn gewesen, da sie die Niederlande unterstützt, seine amerikanischen Colonien gebrandschatzt, seine Schiffe weggenommen hatte, endlich einen Ausbruch zur Folge haben würden. Aber sie hatte ihn stets in so vielseitige Händel verwickelt gesehen, hatte die Nothwendigkeit für ihn, seine Herrschaft in aufständischen Provinzen und fernen Besitzungen aufrecht zu erhalten, in Erwägung gezogen, dass die Kunde von so ungeheuren Austrengungen, ihr einen tödtlichen Schlag zu verletzen, sie völlig überraschte. Nach einer langen Pause, in welchen die bewunderungswürdige Frau ihre ganze Fassung wieder gewonnen hatte, wandte sie sich wieder zu dem Boten so großen drohenden Unheils, und sagte: „Was Ihr da berichtet, ist mit nicht ganz neu, meine Gesandten haben mir seit längerer Zeit bald diese, bald jene Kunde überbracht. Ihr werdet mir Eure genaueren Angaben überreichen, und sie sollen geprüft werden. Aber sagt mir, wer seid Ihr, dass Ihr mir so Großes und Bedeutungsvolles hinterbringet? Was veranlasst Euch dazu? Wer bürgt mir für Eure Wahrhaftigkeit?" „Diese Fragen, erhabene Königin, kommen mir nicht unerwartet. Ich will sie Ew. Majestät beantworten, offen und unumwunden, wie ich meine Angaben gemacht. Ich weiß den großen Augenblick zu schätzen, der mich vor Ew. Majestät Antlitz gebracht, und vor dessen mächtigem Inhalte alle Rücksichten schwinden müssen. Königliche Frau, ich bin ein Privatmann. Die Anstellung im Dienste Dom Antonios geschah eben nur behufs seiner Rettung, was ich wirklich bin, ist: ick bin ein Kämpfer für die Menschheit und deren Recht gegen die spanische Weltherrschaft und die spanische Inquisition. Diesem Kampfe ist mein Leben gewidmet, so gering und unbedeutend ich sonst bin. In der Schale der göttlichen Vorsehung wiegt ein Sandkorn gleich einem Berge, wenn sie jenes zu verwenden gedenkt . . . Lächeln Ew. Majestät nicht über den Schwärmer, den Träumer, oder was ick gemeinen Augen erscheinen konnte. Ich schwärme und ich träume nicht. Ich bin ein Spanier, ein Katholik, ein Mönch gewesen. Aber die Inquisition, mit der Macht Philipps bewaffnet, hat meine Eltern auf dem Scheiterhaufen verbrannt, meine Schwester im Kerker gemordet, mich, den zarten, unwissenden Knaben, zum Mönch erzogen. Doch die göttliche Gerechtigkeit macht alle Frevelthaten zuschanden. Ein sterbender Oheim machte mich mit meinem furchtbaren Geschicke bekannt; der Aufruhr meiner Seele riss mir die aufgezwungene Binde von den Augen, und ich wusste nun, wofür ich zu leben haben. Vereinsamt auf dieser Erde, was hätte ich noch für ein Interesse, als die blutige Macht zu bekämpfen, die Millionen dasselbe Schicksal bereitet und mit der Asche ihrer Schlachtopfer diese ganze blühende Erde weiter und weiter bedecken will. Darum, königliche Majestät, wollte ich Dom Antonio nach England und Frankreich bringen, um durch ihn dem Despoten des Escurials neue Gegner zu schaffen; darum stehe ich vor Ew. Majestät, die Kunde von dem zu bringen, was der Tyrann und seine Satelliten über diese glückliche Insel heraufzubeschwören in ihrem schwarzen Herzen tragen." Elisabeth konnte sich dem Feuer, der Ueberzeugungskraft dieser Rede nicht verschließen. Aber ihrem vorsichtigem Geiste fehlten dennoch manchrrlei Mittelglieder, um die ganze Kette dieses merkwürdigen Verhängnisses klar überschauen zu können „Ich glaube Euch, ich möchte Euch ganz glauben," rief sie lebhaft aus. «Aber sagt selbst, kaun ich dies — Ihr selbst macht kein Hehl daraus, dass Ihr Spanier, Katholik und eigentlich ein Mönch seid. Ihr seid also Eurem Vaterlande, Eurem Glauben und Eurem Orden ungetreu geworden. Solche Bande können niemals ganz durchschnitten werden. Sie sind in den Tiefen unserer Seele festgeknüpst, und gehen auch die Wogen des Lebens oft stürmisch darüber hinweg, dass sie ganze Zeiten hindurch völlig verdeckt und verschwunden scheinen — drunten aus dem Grunde sind sie dennoch vorhanden und der kann schwer irren, welcherj darauf rechnet, dass sie auf immer zerrissen seien." „Eure Zweifel, erhabene Königin, sind gerecht. Darum gestattet nur, noch hinzuzufügen: ich bürseiner der Marranos. der Abkömmlinge jener Juden, welche zum Katholicismus gezwungen worden sind und seitdem von demselben Katholicismus so unerbittlich und grausam verfolgt werden. Wir hab»n lange geduldet, es hat uns aber nichts genützt. Jetzt sind wir erwacht, und wird man uns den Kampf gegen unsere Tyrannen verdenken? Hat uns nicht vielleicht dieselbe Vorsehung, welche die Macht gründet, aber die missbrauchte Macht immer stürzt, zu Werkzeugen bestimmt, dieselbe Despotie wankend zu machen, die uns sich angeeignet hatte? Ja, ich bin Spanier. Aber sehe ich mein Vaterland erdrückt und verödet, die Rechte seiner Staaten in den Staub getreten, sein hochbegabtes Volk in Verdummung und Knechtschaft gestürzt! wie sollte ich mich nicht gegen die Henkershände erheben, die dieses reiche Paradies zu Schädelstätten, Wüsteneien und Kerkern verwandeln? Ich war Katholik; aber waren dies nicht alle die Männer, die im Laufe dieses Jahrhunderts die Fessel ihres Geistes gesprengt, das Joch ihrer Seele abgeschüttelt und eine neue Lehre begriffen und begründet haben? War Euer königlicher Vater nicht ein großer Reformator, nachdem er lange Zeit „Vertheidtger des Glaubens" das ist der Kirche, gewesen? Nun, meine Lehre ist keine neue, sie ist die angestammte meines Volkes, die überlieferte meiner Väter von Jahrtausenden her — warum sollte ich mich nicht zu ihr znrückfinden, da die gegnerische Kirche selbst mit tausendfachen Schrecken und Verbrechen mich aus ihren Hallen getrieben.. . Ja, Majestät, ich bin ein Führer der Marranen; ich bin ausgegangen, diesen eine Freistätte zu suchen in einem Lande, wo man geneigt wäre, das Recht und die Freiheit des Glaubens anzuerkennen und sie auch dem Geringsten nicht zu verweigern. Es ist eine kleine, treue Schar, die sich um mich gesammelt, und die wie ich bis zu ihrem letzten Athemzuge gegen Spanien und die Inquisition zu kämpfen bereit ist. Wir thun dies auch ohne zu wissen, in welchem Winkel der Erde wir zur Ruhe kommen und unsere Häupter in Sicherheit niederlegen werden; wir thun dies auch da, wo man uns dafür nicht zu gewähren willig ist, was doch ein Gewinn für alle Menschen sein würde... Erhabene Königin, jetzt wisset Ihr alles, jetzt entscheidet!" Elisabeth hatte im schnellen Geistesfluge das, was sie eben erfahren, mit dem verglichen, was sie vom Herzog von Devonshire vernommen und es überall im Einklänge gefunden. Sie erhob sich nach einer Weile aus ihrem Sessel und trat vor die Tafel: „Hm, Mann," sprach sie zu Tirado, „Ihr redet so, dass man Euch mit ganzer Seele glauben darf. Und so sollet Ihr sehen, dass ich mich wohl auf die Höhe Eurer Ansichten erheben kann. Ich möchte Euch und Eure Genossen gern in England aufnehmen, schon um des Lohnes willen, den Wir Euch schuldig sind, und weil ich weiß, dass Ihr eine harmlose und fleißige Schar seid, die viel Capital in das Land bringt und den Verkehr belebt. Ich möchte gern in meinem Staate das Gesetz der Glaubensfreiheit verkünden und bethätigen; nicht weil ich von dem abstracten Grundsätze ausgehe, dass jeder Mensch wirklich das Recht habe, sich beliebig mit seinem ganzen Gepäcke, in welchem Staate und Lande es sei, einzuquartieren, der Staat hingegen nicht das Recht besitze, sich die Leute zu besehen und ihnen Bedingungen vorzuschreiben — sondern weil ich sehe, dass Glaubenseinheit nur durch die unerträglichsten Zwangsmittel erhalten werden kann, und dass die Bürger erst dann untereinander zur Ruhe kommen werden, wenn sie gelernt haben, einen jeden rn seinem Glauben gehen zu lassen, wie er will, und nicht ein Bürgerrecht im Himmel anzuerkennen, das mit der Bürgerpflicht auf Erden in Streit zu gerathen vermag. Fürwahr, die Menschen werden früher nicht zu einem ruhigen Betriebe ihres Gewerbes in Stadt und Land gelangen, als bis sie den allgemeinen Frieden in Glaubenssachen geschlossen haben. Und dennoch kann ich es nicht. So wenig wie Ihr einen Lohn gefordert habt, bevor Ihr mir Eure wichtigen Nachrichten hinterbrachtet, so wenig mag ich einen Lohn verheißen, den ich Euch nicht gewähren kann. Die Glaubensparteien in England halten sich jetzt still zueinander, weil sie wissen, dass ich das Recht einer jeden schütze, und weil sie doch zuletzt eingestehen müssen, dass sie alle aus dem Boden Großbritanniens erwuchsen, also auch ein volles Recht haben hier zu existieren. Ihr aber wäret ein fremdes Element, fremd an Volk, Sitte und Glauben, und wenn ich daher Euch diesem England auszwingen wollte, so würden sich alle dagegen vereinigen, und hieran müsste meine Macht und also auch mein Wille scheitern." Tirado erwiderte hierauf nichts. Die Königin fuhr daher fort: „Es wäre Unser Wunsch, Euch in Unserem Dienste in der großen Sache zu verwenden, deren erste bestimmte Nachricht Ihr Uns gebracht. Allerdings muss hierin das größte Stillschweigen, das unbedingteste Geheimnis beobachtet werden. Selbst meine Räthe dürfen vorläufig nichts davon wissen. Wäret Ihr daher ivohl imstande. Uns über Eure Persönlichkeit irgend ein glaubhaftes Zeugnis vorzulegen?" Tirado verbeugte sich und sprach: ..Ich kann es, Majestät." Schnell holte er aus der inneren Tasche seines Wamses ein Papier hervor, entfaltete es und überreichte es mit leuchtenden Augen der Königin. Es war ein gewichtiges Wort des Prinzen von Oranien über die Treue und Hingebung Tirados für die Sache des guten Rechtes, mit welchem er ihn allen empfahl, die zu seinen, des Prinzen, Freunden und Gönnern gehörten. Die Königin las es mit Bedacht und reichte es ihm dann mit freundlicher Miene wieder zurück. „Wir finden Uns völlig befriedigt," sprach sie, „und nun rasch zum Werke. Höret wohl aus meine Befehle. Ihr begebt Euch sofort auf Eure Caravalle zurück und macht sie segelfertig. Gegen Morgen werden Wir Euch versiegelte Briefe an Unseren Admiral Sir Francis Drake zukommen lassen, und Ihr fahret damit nach Spithead, woselbst er mit seiner Flotille verweilt. Er wird Euch derselben einreihen. Ihr segelt dann alsbald mit ihm dahin ab, wohin die versigelten Ordres ihn befehligen. Wir wollen es Euch sagen: es gehet nach den spanischen Küsten um alles noch einmal zu erkunden, was Ihr berichtet habt, und wie weit es seit Eurer Abfahrt von Seruval gediehen ist, dabei auch alles zu vernichten und zu zerstören, was er von jener furchtbaren Armada erreichen kann. Ihr könnt hier Probestücke Eurer Treue und Klugheit genug abgeben. Ihr sehet. Wir schenken Euch volles Vertrauen, und Ihr werdet demselben zunächst entsprechen, wenn Ihr niemandem, hört Ihr, niemandem, von Unserer Unterredung und Unserem Aufträge, auch nicht das geringste Wort verrathet. Wenn morgen die Sonne ausgeht, muss die Stelle leer sein, an welcher Euer Schiff gelegen." Tirado war von diesen Befehlen sehr betroffen, und nur mit Mühe entrangen sich seinen Lippen die Worte: „Zu Gnaden, erlauchte Königin, dürfte ich meine Freunde, die um mich in Sorgen und Aengsten sind, da ich ganz vor ihnen verschwunden bin, nicht mit einigen Worten . . ." „Nicht mit einem einzigen," fuhr Elisabeth heftig auf.. . «Da gibt es alte Männer und Weiber, und wissen die ein Wort, so weiß bald die ganze Welt deren hundert... Nun, Tirado, fügte sie freundlicher hinzu, „in der Schule des schweigsamen Oraniers müsset Ihr schweigen gelernt haben. Ich selbst übernehme es, Dom Antonio mit eintgen Andeutungen zu beruhigen, und das wird für Eure Freunde genügen. Lebt wohl, wenn Wir Euch Wiedersehen, werdet Ihr Uns frohere Kunde zu bringen haben. Noch eines, vergesset nicht, dem Boten, der Euch die Briefschaften überbringen wird, den speciellen Bericht über alles, was Ihr wisset, kurz und bestimmt, wie Ihr hier gesprochen, versiegelt einzuhändigen." Eine Handbewegung, Tirado zog sich zurück und verließ das Gemach. _ XVII. Sobald Elisabeth Nachricht von der Abfahrt des tapferen Sir Francis Drake mit seiner kleinen Flotte hatte, erließ sie, immer noch unter dem Schleier des Geheimnisses, Befehle, die Zurüstungen zu dem Kriege so vorzuberelten, als wenn alle Mittheilungen, die Tirado gemacht, schon vollständig bestätigt worden wären. Mit der Rückkehr Drakes sollten dann mit der höchsten Anspannung aller Nationalkräfte die Vorkehrungen zum Kriege getroffen werden. Die Seemacht Elisabeths belief sich auf nicht mehr als dreißig größere und kleinere Schiffe. Diese sollten unterdes kampffähig gemacht werden. Außerdem gab sie Befehl, die Befestigungen der Häfen zu untersuchen und, wo es noththat, auszubessern und zu vermehren. Sie war sich wohl bewusst, dass die kolossalen Rüstungen Spaniens für England einen Kampf um die Existenz gelten; und je klarer ihr Geist die Machtverhältnisse und Kriegsmittel auf beiden Seiten erwog, desto größer war ihre Beunruhigung über den Ausgang des Kampfes und das Schicksal ihres Thrones und ihres Landes. Sie hatte seit Jahrzehnten rastlos gebaut und geschaffen, ohne Unterlass gesäet und gepflegt, und alle ihre Arbeiten waren mit sichtlichen Erfolgen gesegnet; noch niemals während seiner langen Geschichte bot England das Bild eines so reichen Aufblühens, eines so mächtlgen Aufschwunges wie unter ihrer Regierung — und nun sollte ein Kampf ohne Beispiel, ein blutiges Ringen mit einem Koloss alle diese Erzeugnisse des Friedens zerstören und verschlingen und vielleicht die losgelaffenen Banden eines wilden und grausamen Feindes alle diese lachenden Fluren zerstampfen, alle diese wachsenden Städte zertrümmern und veröden! ... Ihre Stimmung wechselte rasch; oft flammte ihr Muth in der Hoffnung gewissen Triumphes hoch auf, und sie gedachte, ihre segensreiche Regierung mit einem unermesslichen Siege zu krönen; bald wieder drang eine schwermüthige Verzagtheit in ihr Herz ein, dass müde und ermattet ihr Haupt ihr auf die Brust sank. . . doch sie kannte sich; sie wusste, wäre erst die Stunde energischen Handelns gekommen, konnte sie vor ihren Rath und ihr Volk treten und den ganzen Umfang der drohenden Gefahr aufdecken, ja, nahte erst der unvermeidliche Kampf selbst, so würden alle diese Schwankungen weichen und sie, wie ein echter Held, mit wahrer Lust alle Muhen übernehinen, in alle Wagnisse eingehen. Unterdes nahm sie sich vor, die Welt und insonders ihren Gegner durch den Schein des Frohsinns und heiterer Stimmung, durch eine Reihe von Hoffesten und glänzenden Vergnügungen zu täuschen. Zunächst bestimmte sie den folgenden Tag zur feierlichen Ansfahrt bei Dom Antonio, dem sie diesen Besuch zur Begrüßung schuldig war. In ihrem prächtigsten Staatswagen legte sie den weiten Weg von Whitehall zum Montaguehouse mitten durch die belebtesten Straßen Londons zurück. Es war ein glänzendes Schauspiel, das sie hierdurch ihren treuen Unterthanen gab, welche sich umsomehr davon angezogen fühlten, je seltener es vorkam. Nach den: Geiste der damaligen Zeit stellte der Wagen in allegorischer Weise den höchsten Gipfel des Olymps vor, auf welchem die Königin als die Göttin dieses Landes ruhte. Der Sitz war von goldenen und purpurnen Wolken umgeben, und Götter und Genien waren im feinsten Schnitzwerk mit großer Ueberladung an allen Theilen der Carosse angebracht. Zwölf edle Zelter zogen sie, und eine Abtheilung der prächtig gekleideten Leibgarde gieng voran. Zu beiden Seiten des Wagens ritten der Lord-Stallmeister und der Lord-Kämmerer, und nun folgten in langen Reihen die höchsten Würdenträger und alle Chargen des Hofes. Herren und Damen, sämmtlich zn Ross und von vielen Dienern begleitet. Die Behörden der City kamen in ihrem mittelalterlichen Pomp der Königin zur Begrüßung entgegen, die Zünfte mit ihren Fahnen und Emblemen bildeten Spalier, das Volk in dichtgedrängten Haufen den Hintergrund. Von Raum zu Raum waren Musikbanden aufgestellt, deren Fanfaren von dem Jubel des Volkes noch übertönt wurden. Wohl kaum eine Stadt dieses Erdballes konnte zu jener Zeit einen Anblick solchen Reichthums bieten, der nicht allein von den Großen des Landes, sondern auch von allen Schichten des Volkes zur Schau getragen wurde; noch weniger aber war irgendwo ein solches Einverständnis zwischen Thxon und Volk, eine solche Liebe zur Person des Monarchen zu finden. Der portugiesische Flüchting wusste diese Ehre, die einem regierenden Herrscher nicht größer bezeugt werden konnte, wohl zu schätzen. Schien doch darin die Anerkennung seiner Rechte und die Verheißung kräftiger Unterstützung zu liegen. Elisabeth war die Liebenswürdigkeit selbst, und, freilich ohne durch irgend eine wirkliche Zusage sich zu binden, forderte sie Dom Antonio auf, so lange, wie es ihm räthlich erschiene, in ihrem Staate als Gast zu verweilen, und richtete ihn mit den wärmsten Ausdrücken der Theilnahme und mit den schönsten Hoffnungen für die Zukunft, welche dem Rechte den Sieg nicht vorenthallen werde, auf. Alsdann ließ sie sich auch Marie Nunes, als Base des Königs, vorstellen. Ihr prüfender Blick weilte aus der ihr gerühmten Schönheit des Mädchens, und sie gestand sich, dass sie eine vollendetere noch nicht gesehen. In ihrer Erinnerung stieg unwillkürlich zur Vergleichung das Bild jener unglücklichen Königin auf, deren Todesurtheil sie selbst mit fester Hand unterschrieben hatte. Sie glaubte einige Aehnlichkeiten in ihr zu entdecken, aber die Reinheit der Unschuld und die Frische der Jugend, welche aus Antlitz und Gestalt Mariens leuchteten, ließen jenes Bild einer durch Unglück getrübten und bereits durch die Jahre veränderten Schönheit weit hinter sich, so dass es schnell wieder in die Schatten der Vergessenheit zurückwich. Elisabeth fühlte sich durch diesen Eindruck in ihrem kleinen geheimen Plane bestärkt und fasste schnell den Entschluss, Marie Nunes an ihren Hof zu verpflanzen und ihrer Person näher zu bringen. Sie erwies dem jungen Mädchen eine fast mütterliche Zärtlichkeit, befragte sie nach ihrem Heimatlande, ihren Eltern, ihrer Reise, und wandte sich dann zu Dom Antonio, dem sie scherzend vorwars, eine so junge Dame ohne mütterliche Obhut und ohne weiblichen Umgang bevormunden zu wollen, und ersuchie ihn, seine Schutzbefohlene ihrer Fürsorge zu überlassen. „Wir gestehen Euch gern, Dom Antonio," fügte sie hinzu, .dass hierbei auch einiger Eigennutz einfließt. Wir lieben es. wenn Wir von den Beschwerden und Mühsalen der Negierung ermüdet und erschöpft sind, den ganzen Ballast abzuwerfen und einige Augenblicke im Kreise der Jugend und Schönheit die "muntere Laune wieder zu gewinnen, die Uns in früheren, schöneren Tagen niemals verließ. Also ich nehme meine Bitte als gewährt an. Es wird Dir, mein Kind, schon bei Uns zumuthen. Herzog von Devonshire!" wandte sie sich an den Kreis der Höflinge, „Ihr werdet die Sorge übernehmen, Donna Marie Nunes ihrem Befehle zufolge einen der nächsten Tage nach Whitehall zu bringen. Ihr habet das Fräulen nach London geführt, und haben Wir als Dank Euch dieses angenehme Geschäft zu übertragen." Diese letztere Bemerkung der Königin beseitigte schnell in Marie Nunes die Auffälligkeit, dass gerade dieser Mann zu ihrer Begleitung und damit gewissermaßen zn ihrem bleibenden Cavaliere ausersehen worden. Sie war überhaupt noch zu unerfahren, um in dem Benehmen Elisabeths irgend etivas anderes als einfache und natürliche Motive zu suchen und gab sich willig dem Zauber hin, den die Schmeicheleien der großen Königin auf sie übten. Die Befriedigung der Eitelkeit und die Aussicht, in einem ihr so neuen, hohen und großartigen Kreise viel des Neuen und Großartigen zu erleben, machten sie glücklich und ganz bereit, das zwar prächtige, aber stille und ernste Montague- E" ouse mit dem glänzenden Whitehall zu vertauschen. Bevor sich lisabeth verabschiedete, theilte sie Dom Antonio, ungehört von den Anwesenden, emige Andeutungen über das Schicksal Tirados mit. die jener selbstverständlich alsbald auch Marien kundgab. Sie erfuhr, dass Tirado seiner Hast entlassen und augenblicklich von der Königin selbst in geheuner Mission entsendet worden. Ein stechender Schmerz durchfuhr Marie bei dieser Nachricht, denn groß war ihr Verlangen, den ihr so theuren Freund wiederzusehen, und die Aussicht, dass die Erfüllung ihrer Sehnsucht in eine ungewisse Ferne hinausgeschoben sei, drückte sie schwer. Trotzdem gab die Gewissheit, dass er frei und sicherlich bei der Königin zu Ehren gekommen sei, ihr eine große Beruhigung; sie musste sich ins Unabänderliche fügen und vermochte dies umso eher, als die dunklen Wolken, die sich um sein Geschick zu lagern geschienen, so schnell wieder zerstreut waren. (Fortsetzung folgt.) Magnetische Behandlung naturgemiiaes Heilverfahren, vorzüglich bewilhrt gegen acute und chronische selbst veraltote Krankheiten, insbesondere Gicht, Rheumatismus, _ Neurasthenie, Nervosität, Nervenschmerz, Lähmungen, Kr.'impfe, Kopfschmerz, Migräne, Schlafosigkeit, Here-, Magen, Darin-, Lungen- und Frauenkrankheiten, Geschwüre und Drüsenschweliungen, sowie Entkrüftungszuntände aller Art, in der Ordinations-Anstalt des Or. Robert Schmidt Ordination: 10—12 und 2—5 Uhr, IX., Nussdorferstrasse 16.

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