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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. Juni 1900 Seite 5 buchstäblich Hunger leidet und schweren Krankheiten erliegt. Es dürfte sich erübrigen, eine ins Specielle gehende Schilderung der dortigen Zustände zu geben, da sie hinlänglich bekannt und durch die jüngsten Nothschreie aus jenen Gegenden grell genug beleuchtet sind. Gleichzeitig herrscht dort bei dem allergrößten Theile der Juden eine Geistesarmut und ein cultureller Rückstand, der wahrhaft erschreckend ist und die Bevölkerung in eine stumpfe Resignation gebracht hat, so dass sie apathisch alles über sich ergehen ließ. Soll sich dieses materielle und geistige Elend verewigen? Sollen unsere dortigen Glaubensgenossen in Noth umkommen, in geistiger Nacht unrettbar verloren gehen? Wir dürfen uns der Wahrnehmung nicht verschließen, dass in dem permanenten osteuropäischen Judenelend auch eine große Gefahr für die Gesammtjudenheit, namentlich aber für die Nachbarländer liegt. Sollte es nicht möglich sein, die bedürfnislosen, arbeitsamen und begabten Menschen aus dieser unendlich traurigen Lage zu befreien, aus der dumpfen Verzweiflung herauszureißen? Freilich sind schon vor 10—in Jahren manche Ansätze gemacht worden, um dieser hart bedrängten Bevölkerung Rettung zu bringen. Sie sind gescheitert, weil sie sich entweder nur auf einzelne Theile der Länder erstreckten oder auf einzelne Zweige beschränkten. Sie find gescheitert, weil die Mittel und Wege zur Rettung von Gesichtspunkten ausgiengen, die sich nicht verwirklichen ließen, und weil Versuche gemacht wurden, die bei dem Unverstand und den Vorurtheilen, die dort herrschen, scheitern mussten. Jetzt macht sich and) menqjtenS in Galizien ein Zug nach kulturellem Fortschritt in allen Schichten der Bevölkerung geltend, und es steht zu erwarten, dass, wenn man sich der galizischen und rumänischen Juden in richtiger, sachgemäßer Weise annimmt, es gelingen muss, sie wirtschaftlich und geistig einer besseren Lage entgegenzuführen. Bon dieser begründeten Voraussetzung ausgehend, haben die reichsdeutschen und österreichischen Glaubensgenossen, veranlasst durch die deutschen Bnei Brith-Logen und die österreichischen Humanitätsvereine, vorzweiJahren ein Rettungswerk angeregt und die voll),vendigen statistischen Vorarbeiten und Unterlagen zur Prüfung der Sachlage zunächst in Galizien gemacht. Daraufhin ist in Oesterreich zu Anfang dieses Jahres ein Landesverein gegründet worden, der die Hilfsaction für Galizien organisiert und leitet. Es sollen praktische, gut durchführbare Vorschläge ins Werk gesetzt werden. In allererster Reihe gilt das Interesse natürlich der Heranwachsenden Jugend. Es wird geplant. Handwerkerschulen, Lehrlingsheim, Handels- und Ackerbauscbulen zu errichten, an der Hand der früher gemachten Erfahrungen die Jugend zum Handwerk und Ackerbau zu erziehen. Ferner empfiehlt sich die Schaffung von Arbeit und Erwerb für die jüdische Bevölkerung, Errichtung von Hausindustrien mit gesichertem Absätze, sowie von Central-Verkaufsstellen für gewerbliche und landwirtschaftliche Erzeugnisse, Einrichtung von Vorschusscassen zur Beschaffung eines billigen und leichten Credits, Organisierung und Einrichtung von Genossenschaften in Gewerbe und Handel. Für Rumänien dürfte es sich außer dieser Aufgabe vornehmlich um eine planmäßig geleitete Auswanderung handeln. Freilich ist das alles nicht in kurzer Zeit zu erreichen, vrelmehr bedarf es unausgesetzter Arbeit durch ein Menschenalter, sollen die galizischen und rumänischen Juden zu selbstdenkenden, selbstthätigen Menschen herangebildet werden; denn das soll das Endziel der Rettungsaction sein: die culturelle und sittliche Hebung dieser hilflosen, geistig verarmten Menschen zu bewerkstelligen, damit sie aus eigener Kraft dem Fortschritte in allen Berufen sich zuwenden können. Für dieses groß angelegte Werk reichen die Kräfte der Juden eines Landes nicht aus. Die gesammte Judenheit aller Culturländer muss für dieses Rettungswerk ausgerusen werden. Auch unsere deutschen Juden werden sicher nicht zurückstehen; sie haben die unabweisliche Pflicht, ihren unglücklichen Glaubensbrüdern die Hand zur Hilfe reichen. Es soll nun ein ganz Deutschland umfassendes Cvmitö gebildet werden, das Sammlungen von Geldmitteln in weitem Umfange veranstaltet und gleichzeitig in Anlehnung an die bestehenden israelitischen Hilfsvereine für Osteuropa das Rettungswerk in systematischer Weise in die Wege leitet. In Amerika, England und Frankreich ffind gleiche Veranstaltungen für dieses große Rettungswerk von den dortigen großen jüdischen Vereinigungen in Bälde zu erwarten. Wir fordert! jeden edeldenkenden Inden auf, sich an diesem humanen Werke zu betheiligen, und sind überzeugt, daß dieser Appell kein vergebckcher sein werde. Es gilt, ein und eine halbe Million arbeitsamer und unglücklicher Menschen aus geistigem Elend und materieller Noth zu befreien. Wer wollte da Zurückbleiben?" Ukttilis- und NkchMlungslmichtk. (Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender.) Am 23. d. M. die diesjährige General- Versammlung des Vereines zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender statt. Dem vom Obmanne Herrn F. Schneid erstatteten Jahresberichte entnehmen wir, dass der Verein im abgelaufenen Jahre an Krankenunterstützungen die Sunnne von 3105 Kr. verausgabt, an Unterstützungen in anderen Unglücksfällen 2224 Kr. verabreicht und, was das W.chtigste ist, an Darlehen für seine Mitglieder circa 0000 Kr. ausgegeben habe. Wenn man bedenkt, dass der Verein sich meistentheils aus .armen, dem niedersten Arbeiterstande angehörigen Juden recrutiert und dass er leider von unseren besitzenden Eonnarionalen nicht in der Weise unterstützt wird als andere Vereine, die bedeutend weniger leisten, so muss man der gegenwärtigen Vereinsleitung 'das Zeugnis ausstellen, dass sie mit diesen geringen Mitteln Großes geleistet hat. Der Vorschlag des Obmannes, Herrn Richard Rappaport zum Ehrenpräsidenten des Vereines zu ernennen, wurde mit einstimmiger Freude zuni Beschlüsse erhoben, und mit einigen kurzen Dankesworten überuaym sooann Herr Rappaport sofort den Vorsitz, um die Verinmmlung weiter zu leiten. Anlässlich Punkt 4, „Wahl eines neuen Aus>chusscs", traten wohl einige Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Mitgliedern hervor, die sich jedoch zum Schluffe in vollständiger Harmonie lösten. In den Vorstand wurden gewählt: die Herren Back I. M., Biber Adolf, Ehrlich Bernhard, Eifermann Sigmund, Fischet Julius, Grünberger San», Holzapfel Alexander, Klausner Saul, Korkes David, Pilpel Moriz und Schneid Friedrich. Als Ersatzmänner die Herren: Bels Isidor, Fische! Adolf, G u t t e nberg Schaja, Horn Leon, Kaiser Berthold und Schlinger Michael. Nach Schluss der General-Versammlung blieben die Mitglieder noch in heiterer Gesellschaft längere Zeit beisammen, wobei dem neugewählten Ehrenpräsidenten, sowie auch dem neuen Gesammtvorstande mehrfache Ovationen dargebracht wurden. Eingesendel. (Für diese Rubrik übernimmt die Redaction keine Verantwortung als jene gegenüber dem Gesetze.) Auswanderung rumänischer Juden! Der Durchzug rumänischer Jude» durch Wien hält an. In den letzten Tagen nahm er besonders große Dimensionen an. In den letzten vier Wochen (bis zum 27. Juni) beförderte die Israelitische Allianz zu Wien mehr als 600 solcher Answanderer, von denen die nieisteu auf ihren Pässen den Vermerk haben, dass die Inhaber heimatslvs geworden sind. Wegen der bedeutenden Mittel, welche zur Weiterführung der Hilfsaetion erforderlich sind, hat sich die Israelitische Allianz an die Cultusgemeinden in Oesterreich-Ungarn gewendet, damit sie zugunsten der Unglücklichen ehebald Sammlungen veranstalten mögen. Spenden übernimmt das Bureau der Israelitischen Allianz zu Wien, I., Weihburggasse 10. Möge jeder nach besten Kräften zu dem Hilfswerke des Judenthums beitragen. Auch die kleinste Gabe kann Thränen und unsägliches Leid lindern helfen. Mittheilimgerr aus dem Publicum. (Moderne Zahntechnik.) Im Atelier Bitus Nuki in Döbling, Hauptstraße (Posthaus) werden Zähne und Gebisse mit und ohne Goldausstattnna, Adhäsionsstücke, Kronen und Brücken verfertigt, worin Dentist Nuki das denkbar Beste bietet. Hierbei muss bemerkt werden, dass er die neuesten Methoden und Systeme beherrscht und das Geeignete auf Grund seiner langjährigen Praxis im In- und Auslände nur dort anwendet, wo es am zweckentsprechendsten erscheint." Nachtrag. Der österreichische Gesandte in Bukarest. Eine sehr befremdende Meldung kommt aus Bukarest: Der österreichisch-ungarische Gesandte hat die rumänische Regierung verständigt, dass alle jüdischen Auswanderer, die keine directen Fahrkarten nach Hamburg, Paris oder London besitzen, an der Grenze zurückgewiesen werden würden. Hepp! Hepp! (Skizze.) Könitz, den 18. Juui 1900. Der verwüsteten Synagoge gegenüber liegt die Loge. Ich weiß nicht, wie sie heißt; vielleicht: Hurnanitas. Das Logengebäude ist ein kleines Landhäuschen, das sich in einem tiefen, grünen Garten versteckt. Dort versammeln sich die Brüder; es sind siebzig, achtzig Mann, Kaufleute, Beamte, Rechtsanwälte, ein paar Großgrundbesitzer aus der Umgegend, ein paar Handwerker. Juden werden zwar nicht ausgenommen, drei haben sich aber doch Zutritt verschafft: sie sind in anderen Städten Logenmitglieder eworden und werden nun auch hier als Brüder geduldet. Die oge ist der vornehmste Vergnügungsverein der Stadt. An schönen Nachmittagen spazieren die Frauen und Töchter der Mitglieder im Garten umher, und die Kinder spielen auf dem Spielplätze. Von sonstigen Thaten der Loge weiß ich nichts zu vermelden, sie interessierte mich auch weniger, als der Zaun, der ihren Garten von der Straße absperrt. Dieser Zaun ist sozusagen ein historisches Document. Auf ihm hat sich die Kinderseele von Könitz und auch die Seele vieler Erwachsener in zahllosen Inschriften niedergelegt, die zur Beurtheilung der Geistes- und Gemüthsverfassung des Städtchens nicht wertlos sind. Auch aus den Inschriften ist noch die Zeit zu erkennen, wo Könitz friedlich und harmlos dahinlebte. Die Buchstaben und Zeichnungen der Vergangenheit sind freilich schon arg verwischt und überschrieben, aber noch kann man lesen, dass „Kasimir verrickt ist", dass „Bruno" eine Vorliebe für Rahmkäse an den Tag legt, dass. „Anna" dies und jenes gethan hat. Die Beschäftigung mit solchen Nichtigkeiten ist nun vorbei. Die Konitzer Kinder haben heute etwas anderes zu schreiben. Ich habe die „Hepp Hepp", die an den Bretterzaun geschrieben sind, nicht gezählt, aber einige funfzigmal kehrt das Wort wieder. Noch schwankt die Orthographie dieses Schlachtgeheules der westpreußischen „Irokesen", wie Friedrich II. in seinen Privatbriefen die frisch erbeuteten Landeskinder zu benennen pflegte. Aber erfahrene Männer bernühen sich, dem Mangel abzuhelfen. In Manneshöhe ist an einzelnen Stellen des Zaunes in deutlichen, schönen lateinischen Buchstaben das Wort vorgeschrieben, das ungeschickte Kinderhände dann unten nachgekrahlt haben. Die öffentliche Erziehung der Jugend wird also nicht vernachlässigt. „Hepp Hepp" bildet den Grundaccord. Aber man beschränkt sich nicht auf blasse Allgemeinheiten; man spr cht sich in den Inschriften deutlich aus. Ich gebe ein paar Proben. Da liest man: „Die Juden haben den Ernst Winter geschlachtet." „Jud Levy hat's gethan." „Hepp Hepp, es ist bekannt gemacht, „Die Juden haben ein' Christ geschlacht." Der Vers ist nicht sehr schön, aber die antisemitische Gesinnung ist vortrefflich. Ein anderer Dichter wagt folgende Conjectur, die merkwürdigerweise noch nicht in der „Staatsbürger-Zeitung" gestanden hat: „Der Juden-Doctor ist ein guter Mann, Weil er die Christen schlachten kann." Unter den sechs Aerzten, die Könitz hat, befindet sich allerdings kein Jude. Nur ein jüdischer Zahnarzt ist vorhanden, der natürlich auch einmal der That beschuldigt worden ist. Dagegen sitzen vier jüdische Juristen in der Stadt: zwei Rechtsanwälte unter acht christlichen College« und zwei Landrichter. Die Jnschriftenschreiber ziehen muthig auch die nothwendigen Folgerungen aus ihrem Wissen. Das „Juden 'raus!" tritt auch specialisiert in dem Wunsche aus: „Die Juden müssen nach Palästina." Am besten aber hat den Sinn der antisemitischen Bewegung folgende Inschrift zusammengefaßt: „Die Juden müssen lebendig begraben werden." Es ist ja nicht nur bei der Bestialität in Worten geblieben. Die Zerstörung von Fensterscheiben ist noch das Harmloseste. Böser ist schon der offenbare Versuch, die Synagoge in Brand zu stecken, und^die Demolierung ihrer inneren Einrichtung. Zwar nicht in Könitz, wohl aber in dem benachbarten Tuchel sind auch die Schaufenster einiger jüdischen Cigarren- und Kurzwarenhändler geplündert worden. In Tuchel, das einen jüdischen Bürgermeister hat und bei 3500 Einwohnern fast ebensoviel Juden zählt, wie Könitz, wlrd der angerichtete Schaden auf etwa 6000 M. beziffert. Am schlimmsten sind die indischen Proletarier, die Hausierer, daran, die mit dem Päckchen auf dem Rücken über Land ziehen. Die meisten haben ihr Geschäft einstellen müsseu. An einzelnen Gehöften klebt ein Verbot, das jüdischen Hausierern das Betreten des Grundstückes untersagt. Und das Schicksal eines jüdischen Hausierers, der zwölf Kilometer vor Könitz zwischen Görsdorf und Melanenhos bewusstlos und übel zugerichtet aufgefunden wurde, zeigte, dass man auch vor Verbrechen nicht zurückschreckt. Der Mann ist zwar nicht todtgeschlagen, wie es zuerst hieß, aber der A r m ist i h m zweimal gebrochen und der Schädel e i n g e h a u e n worden. Er liegt jetzt im katholischen Krankenhause, im Borromäus-Stift zu Konrtz. Solche Vorgänge sind nur aus der tiefen Unwissenheit und der niedrigen Culturstufe der Bevölkerung erklärlich. Eine große Rolle spielt der naive Glaube utt die Wahrheit des gedruckten Wortes. „Die Zeitung schriewt es doch", die ihre eifrigen Apostel hat — in Komtz stehen sie unter der Leitung des bekannten Agitators Werner aus Landsberg a. d. W. — schreibt ja sehr viel. Neben ihr ist das „Konitzer Tageblatt" thätig, das mit dem amtlichen Kreisblatt in demselben Berlage erscheint. Der Geldgeber soll ein Baron v. Eckardstein auf Krojanten sein, ein Abkömmling des Armee-Lieferanten Eckardstein in Berlin, der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts seiner Verdienste wegen geadelt wurde. Der Sprössling gab bei der jüngsten Landtagswahl im Kreise seine Stiinme für Liebermann v. Sonnenberg ab. Von der geistigen Dürftigkeit des Konitzer Wurstblattes, das sich in seiner letzten Abonnements-Einladung „ein kerndeutsches Blatt am Baum der deutschen Journalistik" nennt, kann man sich schwer eine Vorstellung machen. Ich blätterte die letzten Nummern durch. Die Politik wird grundsätzlich auf der ersten Seile abethan. Reichstags- und Landtagsberichte werden in zwanzig bis reißig Petitzeilen erledigt, die Leitartikel sind entweder Schnitt, oder sie stammen aus einer Berliner offieiösen Fabrik, wie aus einigen Bemerkungen über die „Umsturzparteien" hervorgeht. Die Soeialdemokratie ist in dem Kreise so gut wie nicht vorhanden; sie hat es bei der letzten Reichstagswahl auf 97 Stimmen, glaube ich, gebracht. Locales und Provinzielles nimmt den Hauptplatz ein. Die Nachrichten über die Mordaffaire sind dazu bestimmt, den Glauben zu nähren, dass nur Juden das Verbrechen begangen haben können. Gegenwärtig schwanken die Gelehrten des .Konitzer Tageblatt" nur, ob es sich um einen Ritnalmord oder um einen Sühnemord gehandelt hat. Für beide Annahmen werden die wundervollsten Gründe angegeben. Nicht so offen, wie die „Staatsbürger-Zeitung", aber doch noch deutlich genug, wird angedeutet, dass die die Untersuchung führenden Behörden mit den Juden unter einer Decke spielen. Im Gespräche der Konitzer hat sich dies zu der stereotypen Wendung verdichtet: „Sie nehmen ja nichts gegen die Juden an." All diese Notizen sind in einem unglaublichen Mießnick-Stile geschrieben. Ich setze eine Probe aus einem harmlosen Berichte des Blättchens über den zeitgemäßen Brandmeister- (Feuerwehr)- Tag, der gestern und vorgestern hier stattfand, her: „Wir aber rufen den braven Feuerwehrleuten, den selbstlosen und unerschrockenen Vertheidigern unserer Heimstätten gegen gierige Feuerzungen ein einfach und doch so inhaltschweres Wort zu: „Gut Schlauch!" Auch im Annoneentheile blüht jetzt die antisemitische Propaganda. So künder dort die Deutschnationale Buchhandlung und Verlagsanstalt in Berlin folgende Schriften an: Räthselhafte Blutmorde. Flugschrift. 5 Pf. Die Juden und das Christenblut. 40 Pf. Das Menschenopfer des Rabbinismus. 00 Pf. Die jüdischen Blnt-Mysterien. 50 Pf. Der Mord in Sturz vor Gericht. 60 Pf. Der bewiesene Blutmord in Polna. Flugschrift. 100 St. 1 M. Zur Blutopferfrage. 1 M. Moses und Gittel oder: Dreimal zum Strang verurthrilt und doch nicht gehängt. 69 Pf. Das Blutgeheimnis. Politischer Bilderbogen. 30 Pf. Dieser politische Bilderbogen mit: seinen unglaublich dum men und rohen Bildern ist jetzt ein starker Handelsartikel in K onitz und Umgegend geworden. Zwei Buchhandlungen hat der Ort; in der einen liegt er zusammengektappt im Fenster. Die and ere begnügt sich damit, neben Schulbüchern die Schrift des Herrn von Langen: „Das jüdische Aeheimgesetz" in unmittelbarer Nachbarschaft eines Büchleins: „Die Sympathie als Heilmittel oder 436 bewährte Recepter" ausznlegen. Die geistigen Träger des Konitzer Antisemitismus sind offenbar Beamte. Könitz, das keine nennenswerte Industrie hat — nur drei Brennereien, drei Brauereien und eine Gettreidemühle sind vorhanden — ist der Sitz vieler Behörden und einer großen Beamten schar. Da ist das Landgericht, das Gymnasinm, die Post, das Landrathsamt, das Hauptteuer- und Katasteramt, das Eisenbahn-Betriebsanlt und so fort. Die Einkommrn der mittleren Beamten sind mäßig und reichen schwer aus, die Familien auf dem ursprünglichen socialen Niveau zu erhalten. An ein Weiterkommen ist nicht zu denken. Anders steht es mit den jüdische n Kausleuten. Ihre Geschäfte gehen gut, sie machen Geld, sie können ihre Kinder fast ausnahmslos anfs Gymnasium schicken. Unter den 300 Schülern der staatlichen höheren Lehranstalt befinden sich fast 100 jüdische Kinder. Das muss zu bitteren Vergleichen auregen. Unter den jüngeren akademisch gebildeten Beamten mögen viele aus der deutsch-nationalen Studentenbewegung hervorgegangen sein. Alle diese Stimmungen blieben lange isoliert. Uebereinstimmend wird versichert, dass bis zu diesem Frühjahre das beste Einvernehmen zwischen den einzelnen Bevölkerungselaffen und Confeffionen geherrscht hat. Das grauenhafte Verbrechen an dem jungen Ernst Winter brachte die stille antisemitische Strömung ans Licht. Schon au dein Abend des Tages, wo der zerstückelte Rumpf des Gemordeten gefunden wurde, soll von Ritnalmord gesprochen worden sein. Heute wird Herr Liebermann von Sonnenberg wohl recht haben, wenn er "sagt, dass viele akademisch gebildete Kreise in Könitz an den Blutmord glauben. Inzwischen hat die antisemitische Presse ja auch trefflich gearbeitet. Der Fensterscheibensturm wurde von den sogenannten besseren Bürgern als ein unterhaltendes Schauspiel betrachtet. Man ging auf der Straße spazieren und sah zu, wie sich halbwüchsige Burschen und Lehrlinge, Handwerker und Knechte aus der Umgegend zusammenrotteten und Hepp! Hepp! schrieen. Der eine oder andere der Honoratioren schrie vielleicht auch mit. Dann fand der Haufe, um mit Herwegh zu reden: „. . . den Stein der Weisen und warf Fenster ein". Das war doch wenigstens ein Ereignis. Sonst ist es so langweilig in Könitz. Man kann in den stillen Hinlerstübchen der Colonialwarenhändler, die hier alle nebenbei das Gaftwirtsgewerbe treiben, doch nicht fortwährend „Schieberamsch" um ein „Schäumchen", so heißt hier die Flasche Sect, spielen. Es wird tüchtig gezecht in Könitz. Die Culturöde und der Stumpfsinn des ganzen Lebens, das in diesen westpreußischeir Landstädtchen geführt wird, bedingt eine hohe Eatwicklung der Trinksitten. An den langen, schmutzigen und ewig schnapsfeuchten Ladentischen drängen sich die Trinker, um ihr „Dittchen" (zehn Pfennig) in „Kornns" anzulegen. Ec ist nicht thener: ein „Achtelchen" des Fusels, der in eine breite flachs Flasche eingemesseu wird, kostet 15 Pf. Die Produetionsstätten sind ja auch ganz in der Nähe. Im Jahre 1894 hatte Westpreußen 246 Brennerein; 62 davon waren in adeligen Händen. Seitdem werden es noch mehr geworden sein. An den Tagen, wenn die Landbevölkerung in die Stadt kommt, herrscht fürchterliches Gedränge in den Schankstuben der Kauflente. Die Landessitte will, dass jeder Kauf begossen wird. Für die „Vornehmen" sind die Hinterstübchen da. Vormittags zwischen elf und zwei und abends nach sieben wird dort bei Bler, und wenn es zu machen ist, bei Sect die Zeit mit halben und ganzen Hazardspielen todtgeschlagen. Ein ansgebreitetes Pumpsystem kommt dieser anständigen Liederlichkeit zugute. In diesen alkoholfeuchten Boden hat der Antisemitismus seine Samenkörner geworfen. Nun steht die Saat in Blüte . . . Gestern sah ich mir das Kriegersest in Tuchel an. Es war der übliche Klimbim. Gutsbesitzer, Beamte und Handwerksmeister stellten das Contingent der Veteranen. Als der Zug nach Könitz zurücksuhr, steckten einige muthige Krieger die Köpfe zu den Coupöfenstern heraus und schrieen aus Leibeskräften: Hepp! Hepp! Hurra! Hepp! Heps»! Hurra! klang es begeistert aus den bierfeuchten Kehlen der zurückgebliebenen Kameraden zurück, die den Abfahrenden das Geleite bis zum Bahnhof gegeben hatten. Es war ein erhebender Moment: patriotische Flottenbegeisterung und Judenhetze in innigster Umarmung. („Vorwärts."-

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