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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. Juni 1900 Nr. 26 Jakob Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohn (Fortsetzung.) „Das hast Du gut gemacht, mein lieber, armer Nevil," redete sie ihn an, indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte, „und ich freue mich, dass Du abermals so viel Bravour und Geschicklichkeit gezeigt. Ich habe immer gesagt, dass das Holz, welches Deinem väterlichen Stamme entwächst, zu allem Guten brauchbar ist, und es war immer Unser königlicher Vorsatz, etwas Tüchtiges daraus zu schnitzen." Ein melancholisches Lächeln breitete sich über das Antlitz des jungen Mannes aus, der für das Lob seiner Königin sehr empfänglich war, und den ihre eigenthümliche Nusdrucksweise angenehm berührte. „Du sollst Uns, mein junger Freund, zu gelegener Zeit alle Deine Abenteuer erzählen, vertraulich, am Kamin, wenn meine Hofdamen um mich sitzen, denn ich weiß, dass es Dir nicht gleichgiltig ist, wenn die schönen jungen Damen von Zeit zu Zeit von ihren Stickereien anfsehen und ihren bewundernden Blick auf den Helden werfen, der so vieles erlebt und es gut zu erzählen versteht. Doch es soll nicht bei bloßen Morten bleiben. Es macht mir Freude. Dir anzuzeigen, dass ich mich entschlossen, Dich in Deinem Range zu erhöhen und Dir Unseren Bathordcn in Gnaden zu verleihen." Der Herzog verneigte sich tief, aber Elisabeth war erstaut, als er sich wieder erhob, von seinem Angesicht das Lächeln und jedes Zeichen der Freude verschwunden zu sehen. Sie gewahrte jetzt erst, welche Veränderung mit dem schönen'Antlitz des jungen Mannes vorgegangen Bleich, schwermülhig, mit trübem Blicke sah er zu ihr ans, und fast erschrocken rief die Königin: „Mein Gott, Nevil, was ist Dir begegnet? Du siehst ja bei meiner Glücksbotschuft wie ein Leichenbilter aus? Und, ist es Dir denn so schlimm ergangen, dass Tu so schmal geworden und so trübselig dareinschauest?" Der Herzog ergriff endlich das Wort, zu welchem ihm die etwas heftige Begrüßung der Königin noch keinen Raum gelassen. „Ach, gnädige Königin, die Fülle Eurer Huld, mit der Ihr mich Unwürdigen überschüttet, erschwert es mir sehr, Eurer Majestät ein offenes Geständnis zu machen und drückt mich fast zu Boden." Elisabeth wurde ernster und sprach: „Wie, ich hoffe doch nicht, dass Du wieder schlimme Streiche gespielt? Diese müssten dich sehr im Geheimen rorgegargen sein, dass Uns niemand davon zu sprechen gewagt. Rur heraus damit ... Ich will alles hören!" „Nicht also, meine Königin. Ich bin mir nichts Böses bewusst. Aber ich zitiere vor dem Unwillen Cw. Majestät, wenn ich undankbar erscheinen muss, und die unverdienten Ehren ablehne, die mir Eure Gnade zugedacht; vielmehr zu den Füßen Eures Thrones das untcrlhänigste Gesuch nicderlcge, mich, wenn auch nur für einige Jahre, meines Dienstes zu entlassen." Tie Königin richtete sich hoch auf; aus ihren Hellen Augen fuhren blitzende Strahlen, welche einen aussteigenden Zorn verkündeten — und vor solchem Zorne zitterten die ältesten und bewährtesten ihrer Diener, denn sie war die Tochter Heinrichs VIII. .. '»^ ^n^mt rief sie mit hartem Tone, „was muss ich hören - Und was, Herzog von Tevonshire, treibt Euch zu diesem Verlangen? Mo wollt Ihr denn hin? Ist jetzt eine Zeit, sich wie ein Dachs in seinen Bau zu verkriechen? Wir brauchen Männer, und die aus diesen Namen Anspruch machen, dürfen sich nicht mit Kindereien abgeben. Wisst Ihr, dass Ihr so gut wie Felonie treibt? Wer in dem großen Kampfe der sich entspinnt, seinen Posten verlässt, der übtVerrath an seinem Vaterlande und seiner Königin! Sprecht!" ,,Meme huldreiche Königin! Ich erbitte von Ew. Majestät nichts, als mir einige Zeit Ruhe und Zurückgezogenheit zu gewähren. Sollte wirklich das Vaterland in Gefahr gerathen und der Dienst meiner Königin mich rufen, werde ich immer bereit sein, zn folgen." Die Königin schüttelte mit dem Haupte. „Na, was ist Dir denn, Kind?" erwiderte sie wieder freundlicher. „Spanne Uns nicht zu sehr auf die Folter der Neugierde; das könnte Dir doch schl mm ausfallcn." Und sie drohte ibm mit dem Finger. Sie harte ihn jetzt scharf fixiert und fügte hinzu : „So sah der Nevil gerade aus, als er einst als flatterhafter Page auf einem Liebeshandel ertappt worden . . . haha! Sieh, Unser königliches Auge rst noch nicht schwächer geworden, wenn es auch seitdem viel gesehen an Freuds und Leid und über den Pergamenten und Staatspapieren fast stumpf geworden. Die Röthe Deines Angesichtes verräth Uns, dass Wir in den schwarzen Punkt geschossen. E.^gut eine Herzensangelegenheit. Verschweige Deiner Königin urchts; schütte Dein Herz vor ihr aus. Ich will mich niedersetzen, denn die Geschichte fällt vielleicht etwas lang aus; aber ich verspreche Dir, gut zuzuhören." . « ^et überwältigt von Gefühlen, sich auf em Knie nieder, ergriff die Hand der Königin, die sich auf einen Sessel gesetzt, und küsste sie heftig. Sie blickte freundlich aus ihn Nieder, strich ihm mit der Linken über das braune Haupthaar und sagte: «Sprich, Nevil." Der junge Mann erhob sich, und mit wiedererlangter Fassung sprach er einfach und würdig: „Meine gnädige Königin, rch habe nur wenig zu sagen, und es soll alles sein, was ich im Herzen trage. Mit dem portugiesischen Prinzen kam eine junge Dame, eine Base desselben, auf Ew. Majestät Schiff hinüber. Kaum siebzehn Jahre alt, von strahlender Schönheit, von edelstem Herzen, von gebildetstem Geiste, voll Anmuth und Güte, weckte sie in mir, ohne dass sie es wusste, eine Neigung, die mich völlig überwand und meine ganze Seele erfüllte. Es ist keine Liebe, meine Königin, in flüchtiger Zeit geboren und in schnellem Rausche verschwunden. Ich fühle es, es ist eine Steigung für das ganze Leben, die niemals wieder in meinem Herzen erlöschen wird, und der ich unterthan sein werde, so lange ich lebe. Nein, nächst meiner Könrgin, ich gestehe es offen, ist sie das Weib, das ich am höchsten verehre, dem alle Fibern meines Herzens gehören .. Da der Herzog eine Pause machte, wie von seinen Gefühlen überwältigt, sprach die Königin: „Gut, gut. Und nun weiter, Nevil? Ich will doch hoffen, dass die kleine Närrin Dich wieder hebt?" Der junge Mann senkte das Haupt und führ nach einem Seufzer fort: „Nach langen Zögern gestand ich ihr meine Neigung — aber sie wies mich ab." , Wunder." fuhr Elisabeth auf. „und warum? Diese landfluchtige Portugiesin scheut sich doch etwa nicht, weil ein Tropfen königlichen Blutes in ihren Adern rollt, in das Haus der Devonshire einzutreten? Diesen Hochmuth wollten wir ihr schon vertreiben!" Die Königin rückte sich in ihrem Sessel behaglich zurecht. In ibr schien die alte Neigung fürs Hieratsstisten zu erwachen, ann suhlte sie sich immer in ihrem Elemente. Aber ihr Schützling erwiderte: „Nicht so, Majestät. Donna Marie Nunes ist nicht von königlichem Ursprung. Dom Antonios Mutter war ihre Verwandle, und Ihr erinnert Euch, dass dies gerade der Grund ist, aus welchem das Recht dieses Prinzen von vielen angesochten wird. Und darum lehnte sie meinen Antrag ab. Das Mädchen gehört emer ansehnlichen Familie an, aber einer Familie jener Marranos, welche von Juden abstammen, die, durch das Gesetz gewungen, ihren Glauben verließen. Marie Nunes i geboren und getauft. Aber in ihr ist ein unwiderstehliches Verlangen erwacht, den Glauben ihrer Väter vor aller Welt wieder offen zu bekennen. Darum ist sie aus Portugal geflohen und aus diesem Grunde hat sie meine Hand ausgeschlagen." „Unmöglich, unbegreiflich, sonderbar, was muss das für eine Thörin sein!" murmelte die Königin vor sich hin. „Und sie ist wirklich schön? . . . Doch nein, darüber will ich von Dir nichts mehr hören; ich kanne das: ich würde doch nur Worte der Bewunderung vernehmen, denn so einen Ausbund von Herrlichkeit gibt's doch nicht noch einmal — nicht wahr, mein armer Nevil . . . Doch lass es gut sein; die Sache interessiert mich, vielleicht können Wir Dir noch helfen, Ein Wort von königlichen Lippen dringt tief in das Herz eines unerfahrenen Mädchens. Ja, ja, wir vollen es versuchen. Wir sind neugierig, diese Jüdin zu sehen, die so schön ist, und die es ausschlügt, Herzogin von Devonshire zu werden. Geh' jetzt heim, lieber Junge, Du wirst müde sein von der langen Seefahrt und von all diesen traurigen Erlebnissen. Dann aber, wenn Du wieder erwachst, sei fröhlichen Herzens, und lass die Hoffnung noch einmal hinein ziehen. Deine Königin wird für Dich sorgen." Es war für den Herzog ein peinlicher Augenblick. Es drängte ihn, die Königin zu bitten, Marie Nunes zu verschonen, da er diese zu gut zu kennen glaubte, als dass sie ihren Entschluss auch auf die Schmeicheleien einer Königin ändern würde. Und wollte er denn die Einwilligung des Mädchens aus anderen Händen als ihren eigenen empfangen? Dazu war seine Leidenschaft zu rein. Aber er wusste, dass Elisabeth, wenn sie ihren Willen einmal ausgesprochen, keinen Spass verstand und sich durch nichts hindern lasse, wenn sie entschlossen war, sich in eine Angelegenheit zu mischen. Er musste schweigen und sie gewähren lassen. Er verbeugte sich und verließ das Gemach der Königin bekümmerter, als er es betreten. XVI. Graf Leicester beschäftigte sich bald allzuviel mit der schönen Portugiesin, um nicht daran zu denken, ihre Wünsche zu erfüllen und seinem Versprechen nachzukommen. Es ward ihm nicht schwer, den Aufenthaltsort Tirados zu erfahren, denn von vornherein musste er an ein Gefängnis in Tower denken. Dem Lord-Oberkammerer Grafen Leicester erschlossen sich selbst die Thore des Towers zu aller Zeit; er ließ sich dort die Register vorlegen, fand da schnell Jakob Tirado und bemerkte zu seiner^Verwunderung nicht sowohl, dass das Verbrechen, dessen der Gefangene angeschuldigt wäre, in der desfallsigen Rubrik fehle, sondern dass nicht einmal eine Untersuchung begonnen, ein Verhör geführt worden war. Hier konnte also nur eme Jntrigue vorliegen, deren Schuld er seinem Gegner Lord Burleigh zuschreiben musste, weil der ganze Vorgang ihm, dem Grasen Leicester, verborgen gehalten worden war. Denn dass die Königin davon unterrichtet sein musste, bewies ihm die Wahl des Gefängnisses, da die Thore des Towers für Gefangene sich nur auf königlichen Befehl öffneten. Darin lag für den Grafen ein unwiderstehliches Motiv mehr, dem Großsigelbewahrer das Spiel zu verderben und die Freiheit Tirados unter jeder Bedingung zu erlangen. Er befahl daher, den Gefangenen vor ihn zu bringen, und nach kurzer Zeit stand Tirado vor dem viel gefürchteten Grafen Leicester, dessen Einfluss auf Elisabeth in Europa allzu sehr überschätzt ward, da man Elisabeth noch immer mit dem Maßstabe des Weibes maß und ihrem Herzen eine Schwäche gegen den schönen Mann zutraute. In der That war eine solche wohl vorhanden und bethätigte stich in Gunstbezeugungen aller Art; niemals aber, wo das Interesse des Staates und ihrer königlichen Machtsülle in Betracht kam, gab sie ihrer Neigung nach, sondern handelte nach ihrer ernsthaften Erwägung, ohne Rücksicht und selbst ohne Schonung. Die Größe dieses Weibes, ihr erhabener, männlicher Sinn und Eharakter ward erst in den späteren Jahren ihrer Regierung ganz erkannt, aufgedeckt von den großartigsten Erfolgen, während sie sonst nicht einmal den Schein einer anderen Beurtheilung ängstlich vermied, da eine solche ihren diplomatischen Künsten hie und da nützlich sein konnte. „Ihr seid?" redete der Graf den Gefangenen an, nachdem er ihn einige Augenblicke fixirt hatte. „Jakob Tirado, Schiffscapitän im Dienste Sr. Majestät Antonio, des Königs von Portugal." „Also Befehlshaber des Schiffes, welches anfänglich diesen Prinzen an Bord hatte?" Tirado verbeugte sich. „Wessen seid Ihr angeschuldigt?" „Ist mir gänzlich unbekannt geblieben." Er erzählte mit wenigen Worten, wie er vom Hafencapitän zu Lord Burleigh gebracht, von diesem entlassen, sich zu Zoega begeben und von dort im Namen Lord Burleighs hierher geführt worden. „Und habt Ihr keine Muthmaßung, weshalb dies geschehen?" „Auch nicht die entfernteste, umsomehr da ich, von aller Welt abgeschlossen, nicht weiß, was seidem vorgegangen." „Habe Ihr noch anderweitige Beziehungen in irgend einem Theile Großbritanniens? Und wäret Ihr schon früher in diesem Lande?" „Außer mit dem Hause Zoega stehe ich in keiner Beziehung hierzulande und kenne nur wenige Personen; ich war zwar früher zweimal schon in London, aber nur um mein Eigenthum zu erheben, das in den Hände Zoegas gewesen." > „Es haben sich einige Personen für Euch bei mir verwendet,! und ich habe versprochen, für Eure Befreiung zu wirken. Ich kann dies aber nicht anders thun, als wenn Ihr mir die volle Wahrheit eingesteht." „So lieb mir meine Freiheit ist," rief Tirado lebhaft aus, „ich habe nicht ein Wörtchen hinzuzufügen und nicht das Geringste einzugestehen." „Gut, so werde ich mich für Euch bei der Königin verwenden." Schon wollte Leicester das Zeichen der Entlassung geben, als Tirado einen Schritt näher an ihn heran trat, und sprach: „Mylord, verzeihet mir, wenn ich noch eine Bitte, und zwar eine große und bedeutungsvolle, vor Euer Lordschaft ausspreche. Meine Freiheit ist mir theuer und wichtig; aber noch um vieles wichtiger ist es mir, und zwar nicht aus eigennützigen Gründen, das Glück zu haben, vor dem Angesichte der erhabenen Königin von England erscheinen zu dürfen ... Haltet mich nicht für vermessen, Mylord, aus dem Dunkel des Kerkers das Verlangen zu stellen, in das Licht zu schauen, das aus dem Angesichte der großen Herrscherin strahlt. Ich habe wichtige Enthüllungen zu machen, welche für das Heil dieses Staates unermesslich schwer wiegen. Ich will Euer Lordschaft nicht verhehlen, welcher Art diese sind. Bevor ich aus Seluval abfuhr, hatte ich Veranlassung, die meisten Häfen | Spaniens zu besuchen, und machte daselbst Wahrnehmungen, die mich bewogen, auf jede mögliche Weise weitere Erkundigungen einznziehen, sorgfältige Nachforschungen anzustellen. Eine außerordentliche Gefahr bedroht England, eine Gefahr, wie sie von solcher Größe wohl noch niemals über dieser glücklichen Insel geschwebt hat. Ich bin bereit, alles, was ich erfahren habe, vor Ihrer Majestät auszusprechen und, so weit ich es vermag, zu erweisen." Graf Leicester hatte aufmerksam zugehört. Die ganze Erscheinung Tirados zeigte dem erfahrenen Weltmanne, dass er es hier nicht mit einem Abenteurer zu thun habe, der jedes Mittel benütze, um sich an die Großen dieser Welt heranzudrängen und sich, wenn auch nur auf kurze Zeit, Geltung zu verschaffen. Die Worte Tirados machten auf ihn den vollen Eindruck der Wahrhaftigkeit, und er sah schnell ein, welcher Vortheil für ihn darin läge, hier den Vermittler abgeben zu können. Schnell stellte er daher die Frage: „Habt Ihr Lord Burleigh Mittheilung hiervon gemacht?" „Nein, Mylord, jener Herr ließ mir keine Zeit dazu," antwortete Tirado mit einiger Bitterkeit. „Ihr könnt daher ermessen, wie nnerträglich mir die Tage der Gefangenschaft wurden, da jeder derselben die Gefahr für Großbritannien vermehrt." „Wohlan," rief Leicester aus, „so macht mir Eure Enthüllungen, theilt mir Eure Kundschaft mit, ich will sie sofort der Königin vertragen, der Lohn soll Euch gewiss sein." „Gern, Mylord, würde ich dies thun, umsomehr, da ich auf keine Belohnung Anspruch mache. Aber die Statur dessen, was ich mitzutheilen' habe, erfordert, dass Ihre Majestät es unmittelbar aus meinem Munde vernehme, dass die Königin sich von der Wahrheit meiner Aussage selbst überzeuge und mit allen Einzelheiten vollständig vertraut werde." Graf Leicester machte eine finstere Miene und sprach: „Und wenn ich nun dennoch darauf beharrle, wenn ich es für bedenklich hielte, den ersten Besten, der es verlangt, vor meine Königin zu bringen, wenn ich den Preis Eurer Freiheit darauf setzte..." „So würde ich es vorziehen, noch länger im Tower zu bleiben und abzuwarten, bis es Lord Burleigh gefallen wird, mich vor sich zu berufen." Leicester biss sich auf die Lippe. Er sah ein, dass er es hier mit einem festen Charakter zu thun habe, und da immerhin die Chancen für ihn selbst günstig blieben, erwiderte er endlich: „Nun gut, so werde ich mit Ihrer Majestät sprechen." Am Abend desselben Tages stand die Königin Elisabeth in einem großen, gewölbten und hellerleuchteten Gemache ihres Palastes. Sie hatte, ihrer Gewohnheit gemäß, wenn sie jemandem eine besondere Audienz ertheilen wollte, dre eine Hand auf eine Tafel gestützt, neben welcher ein Thronsessel stand, die andere in die Hüfte gestemmt. So stand sie, so gerade aufgerichtet, wie das nahende Alter ihr gestattete, und mit erhobenem Haupte, in reicher Gewandung, an der die etwas bunten Farben' ausfielen, welche sie vorzog. Das grelle Kerzenlicht trug nicht dazu bei, ihr Antlitz schön erscheinen zu lassen, sondern hob die scharfen Züge und Linien ihres Gesichtes nur umsomehr durch die kleinen Schatten hervor, die es in die Furchen ihrer Stirn und Wangen warf, aber es verstärkte zugleich den Ausdruck des Geistes und des würdevollen Ernstes, der diesem Gesichte eigen war, und den Ausdruck der Herrschaft, welche sie über alle übte, die ihr nahten. Graf Leicester hatte ihr sofort Mittheilungen über alles gemacht, was er von Tirado erfahren. Freilich theilte er sich das Verdienst zu, die Einzelheiten für das Ohr seiner Monarchin aus dem Munde des Berichterstatters selbst aufgespart zu haben. Aber Elisabeth kannte ihren Günstling zu sehr, um diese kleine List nicht zu durchschauen, und wusste wohl, dass er, wenn er mehr erfahren, mehr berichtet hätte. Auch aus diesem, was sie von Leicester gehört, ahnte ihr schon die Furchtbarkeit der ganzen Nachricht, und sie hatte Zeit, um sich zu fassen und den Weg zu erkennen, den sie augenblicklich einzuschlagen habe. Sie wollte daher den portugiesischen Schiffscapitän ganz allein sprechen, und während sie Leicester anwies, den Gefangenen am folgenden Tage zu ihr zu bringen, sandte sie nach Einbruch der Nacht einige Männer nach dem Tower, um Tirado nach Whitehall zu bringen. Seine Ankunft war ihr jetzt gemeldet, und ihre Augen richteten sich nach der Thüre des Gemaches, durch welche er eintreten sollte. Alls Tirado erschienen war und sich von der üblichen Kniebeugung erhoben hatte, fixierte sie den jungen Mann mit der ganzen Schärfe ihres Blickes. Sie schien zufrieden mit dem Ergebnis dieser Prüfung, denn sie winkte ihm, einige Schritte näher zu treten, und redete ihn mit gemessener, aber nicht unfreundlicher Stimme an: „Ihr seid der Capitän, der Dom Antonio aus Portugal gerettet; wohin wolltet Ihr ihn bringen, bevor der Befehlshaber der Velocitas ihn Euch abnahm?" „In den Schutz Ew. königlichen Majestät; es war dies der. Wille des hohen Herrn und mein Rath." „Für diese Anmaßung, Mann, habt Ihr eine Mahnung im Tower erhalten. Und doch wolltet Ihr Uns wichtige Mittheilungen machen?" “ „Wenn Ew. Majestät mir ein geneigtes Ohr zu schenken geruhen. Ob ich einige Tage Haft im Tower zu erleiden gehabt,, ist mir gleichgiltig gegen das Glück, vor Ew. Majestät erscheinen zu dürfen. Die große Angelegenheit steht mir über meiner Person." „Nun gut, Wir wollen hören," erwiderte Elisabeth und ließ sich aus ihren Thronsessel nieder. „Ew. Majestät kann das vielverbreitete Gerücht nicht verborgen geblieben sein, dass der König von Spanien außerordentliche Zurüstungen zu einem großen Seekriege seit geraumer Zeit mache. Bald hieß es, er wolle damit die Ätiederlande erdrücken, bald, die Colonien in Amerika sichern, bald, einen neuen Feldzug gegen die Corsaren und Türken eröffnen. Alber alles dies schien für den Umfang der Rüstungen eine ungenügende Erklärung.. Bevor ich nun aus Setuval abfahren konnte, nahm ich die Gelegenheit wahr, nach Cadix, Barcelona und anderen spanischen Häfen mich zu begeben. Es war mit Gefahren verbunden; aber ich kannte mein ehemaliges Vaterland und die Art meiner Landsleute zu genau, um nicht mit genügender Vorsicht jenen entgehen zu können. Nun, königliche Majestät, was ich da sah und außerdem auf den verschiedensten Wegen auskundschaftete, übertraf alle meine Erwartungen. Es ward mir zur Gewissheit, dass der König Philipp sich mit einem so großen Plane trage, wie ihn selbst sein mächtiger Vater, Kaiser Karl V., niemals gefasst hat, und dass er alle Schätze Indiens und Amerikas aus diesen einen Gedanken verwende, dessen Ausführung alles übertreffen soll„ was jemals von den Wogen des Oceans getragen worden. (Fortsetzung folgt.) MK— 4°|o "W9 JV..111 SUII'I 1 II Die lc. k. priv. öst. Credit-Anstalt brachte im Vereine mit der k. k. priv. öst. Bodencreditanstnit und dom Bankhause S. M. v. Rothschild 50 Millionen Francs 4"/„ Südbahn-Prioritäten zum Course von 81) °;0 gleich 445 Francs (für die Obligation per 500 Francs Nominale) zur Emission. Es wurde der aufgelegte Emissionsbetrag hauptsächlich in Paris mehrfach überzeichnet. 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