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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. Juni 1900 Nr. 26 Ausland. Berlin. Die erste jüdische Arbeiter colo nie bei Berlin! Nach einer Mittheilung des königl. Polizei- Präsidiums an den deutsch-israelitischen Gemeindebund ist die kölngliche Genehmigung zur Annahme der Rentier Ludwig M eye r'schen Terrainschenkung in Weißens e e ertheilt worden. Nunmehr sollen die Arbeiten zur Begründung der ersten jüdischen Arbeitercolonie daselbst ihren Fortgang nehmen. Berlin. Interessante Daten über die Massenaus- Wanderung rumänischer Juden berichtet der Corresvondent der „Bossischen Zeitung" : Nicht nur die Vertreibung aus Dörfern, sondern auch die Ausschließung der Inden aus allen höheren Berufen (selbst Makler dürfen sie nicht werden, und scholl plant man Gesetze, um ihnen die Laufbahn als Arzt und sogar das Handwerk unmöglich zu machen), der thatsächlich schon heute existierende Ausschluss der Juden vom Besuche der Staatsschulen und von der Aufnahme in die staatlichen Hospitäler, die Verordnung, dass in industriellen Unternehmungen nur eil. Viertel der Arbeiter Juden sein dürfen, die Unmöglichkeit, selbst in ganz klar liegenden Fällen vor den antisemitisch verhetzten oder bedrohten Richtern Recht fordern zu können, die fortwährenden Beschimpfungen auf der Straße, die folgenschwere Boycottierung der Kaufleute durch die sogenannte Culturliga, an deren Spitze der Minister I st r a t i steht, die Straßenexcesse in Bukarest vom 17. und 23. November 1898, sowie die Schreckenstage in Jassy vom Mai 1899, haben fast in der gesummten jüdischen Bevölkerung den Entschluss gereift, auszuwandern. Es sind durchaus nicht nur die ärmsten Classen, auch nicht vorzugsweise Bauhandwerker; alle Berufe und Classen sind von dem gleichen Drange beseelt, nur können natürlich Leute mit festliegendem Eigenthum dies nicht so schnell möglich machen. Ich traf beispielsweise vor kurzem in Constantinopel die Vertreter einer Bukarester Auswanderungs- Gesellschaft, deren 100 Mitglieder sämmtlich 1500 bis 50.000 Francs Vermögen besaßen. (Nach dem Berufe waren es 1 Arzt, 1 Apotheker, 8 Schiffsbauer, 6 Wasserbauer, 12 Landleute, 10 Maurer, 15 Klempner, 7 Tischler, 4- Zimmerleute, 2 Seifenfabrikanten, 3 Alkoholfabrikanten, 2 Mechaniker, 3 Schlosser, 2 Schmiede, 2 Buchhalter, 2 Schneider, 2 Schuhmacher und 8 Kaufleute.) Auch in Cypern und Kleinasien bin ich großen Gruppen von Auswanderern begegnet; in Cypern fanden meist Handwerker, aber auch Kutscher, Arbeiter, Commis Beschäftigung als Erdarbeiter bei den Stauwerken und Straßenbauten der englischen Regierung; obgleich sie nur 1 bis l'/2 Mark per Tag verdienten, waren sie doch alle glücklich, dem Lande der Bedrückung entronnen zu sein. Wird nur 100.000 Seelen die Auswanderung in die verschiedensten Länder ermöglicht, so ist es sicher, dass in einigen Jahren der Rest bis auf wenige Ausnahmen folgen wird, wenn nicht freiwillig, so doch durch den dann unvermeidlich eintretenden sinanzieüen Ruin des Landes gei'öthigt. Schon jetzt stehen viele Häuser in den Städten Rumäniens leer, viele Geschäfte haben ihre Kundschaft verloren, und der Handel leidet derart, dass die ernsteren Zeitungen schon beginnen, mit Sorge in die Zukunft zu sehen. Es ist aber fraglich, ob jetzt noch eine Rückstauung der Auswanderungsbewegung möglich ist, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Regierung sich zu den allein nur wirksamen Maßregeln entschließen wird, nämlich erstens der antisemitischen Verhetzung und Verrohung der Massen energisch entgegenzutreten und zweitens den Juden die Bürgerrechte zu gewähren. Berlin. (Ein jüdischer Lehrer) Sp. in einer südlichen Schule halte für sich das Steuerprivilegium der Beamten bei der Heranziehung zur Gemeinde-Einkommensteuer beansprucht. Nachdem der Magistrat den Einspruch abgewiesen hatte, erhob Sp. Klage im Berwaltungsstreitverfahren. Der Kreisausschuss und Bezirksausschuss entschieden jedoch 'zu ungunsten des Lehrers, indem angenommen wurde, dass das Steuerprivilegium nur den Lehrern an christlichen Schulen zukomme. Das Oberverwaltungsgericht vernichtete aber die Vorentscheidungen und wies die Sache an den Bezirksausschuss zur anderweiten Entscheidung zurück und inachte geltend, das Steuerprivilegium komme allen Lehrern an öffentlichen Schulen zn; demnach stehe auch dem Kläger das Steuerprivilegium zu, wenn er an einer jüdischen Elementarschule beschäftigt sei, die zu den öffentlichen Schulen gehöre. Der Bezirksausschuss erkannte darauf zugunsten des beregten Lehrers, und das Oberverwaltungsgericht wies die Revision des Magistrats als unbegründet ab. Berlin. (Jahresversammlung.) Der „Esra", Verein zur U ckerstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien, hielt kürzlich seme Jahresversammlung ab, in welcher das hiesige und die auswärtigen Zweig-Comites durch nahezu vierzig Delegierte vertreten waren. Der Vorsitzende, Herr M. Dorn, begrüßte die Erschienenen, widmete dem Heimgegangenen Mitglieds Dr. Israel Hildesheimer s. A. pietätvoll-herzliche Worte des Nachrufes und erstattete sodann den Bericht über die Entwicklung und die Wirksamkeit des Vereines im abgelaufeuen Jahre, welches abermals ein erfreuliches Wachsthum und dadurch eine Steigerung der Leistungen äufweist. Die Mitgliederzahl ist von 3200 auf 4005 gestiegen (zu denen im Jahre 1900 fernere 201 hinzukamen); die Jahreseinnahmen haben die Höhe von M. 16.213 erreicht. Der „Esra" ist nunmehr der größte jüdische Verein in Deutschland (seine Mitglieder vertheilen sich über 266 Gemeinden), ein wohlthuendes Zeugnis, dass die Colonisation Palästinas in immer weiteren Kreisen Gönner und Freunde findet. Verausgabt wurden M. 16.0,0, namentlich für die Colonie „Machanajim". daneben auch für die Arbeiteransiedlung „Esra" (bei Rechowoth). Nachdem sodann der Cassenbericht ini einzelnen zur Verlesung gelangt und dem Schatzmeister Decharge ertheilt worden, berichtete Professor Dr. Marburg über seine Wahrnehmungen in den kürzlich von ihn, besuchten palästinensischen Colonien, wobei er namentlich die überraschenden Erfolge in „Machanajim", den Fleiß und die Tüchtigkeit der dort Angesiedelten, wie das verheißungsvolle Gedeihen ihrer Arbeit rühmte. Hierauf referierte Dr. Hirsch Hildesheimer über die am 26. und 27. März in Frankfurt a. M. staltgehabte Eonserenz der Palästina-Vereine, ihre Veranlassung und chre Ergebnisse. Bei den sodann vorgenommenen Wahlen des Central-Comiws wurden die ausscheidenden Mitglieder, die Herren Moritz Dorn (Vorsitzender), N. I. Anders, Dr. Hirsch Hildesheimer und Professor Dr. Leopold Landau wieder-, Herr Dr. Moritz Sobernheim neugewählt, zu Revisoren die Herren M. Apolant und E. Philippsborn ernannt. Der vorgerückten Stunde wegen wurde die Berathung des veränderten Statuten-Entwurses vertagt und Hinnus die Versammlung geschlossen. — Ein außergewöhnlicher Erfolg war das Sommerfest, welches der Verein „Esra" am 7. Juni in dem großen Garten der Brauerei Friedrichshain veranstaltet hat. Vorzügliches Wetter, welches sich den ganzen Tag hielt, begünstigte das Fest (ganz gegen die Traditionen des „Esra") und lockte zahlreichen Besuch hinaus. Mehr als 2000 Personen mögen anwesend gewesen sein. Concert, Tanz, Kinderbelnstigungen rc. sorgten für die Unterhaltungen der Gäste, während diejenigen, die sich unterrichten wollten, in der von der Jmportgesellfchaft Palästina eingerichteten Ausstellung Gelegenheit fanden, die Erfolge der Colonien zu studieren, auch ihren Wein zu probieren. Bromberg. Gestern nachts ist in I a n o w i tz die Synagoge gewaltsam erbrochen worden. Die Verüber der Nnthat gelangten durch Einreißen der Außenfenster in das Innere, wo sie den Vorhang von der heiligen Lade herabrissen, die Bücher zerfetzten und allerlei sonstigen vandalischen Unfug trieben. Die Thäter sind bereits in den Personen des Arbeiters Theophil P i o z e k aus Janowitz und des Maurergesellen Stanislaus Broczynski aus Rakel ermittelt worden. Dieselben hatten es anscheinend einzig und allein auf eine Verwüstung des Gotteshanses abgesehen, denn ein Diebstahl liegt nicht vor. Aus Anlass dieses Vorkommnisses ermahnte der Propst Z y p n i e w s k i von der Kanzel herab, sich jeglicher Kundgebung gegen die jüdische Einwohnerschaft wegen des Konitzer Falles zu enthalten und die friedliche Eintracht unter den Confessionen nicht zn stören. Würden die Geistlichen in Könitz, Schlochau und Umgebung nach dem Beispiele dieses ihres Amtsgenossen gehandelt haben, dann hätten die Ausschreitungen in diesen Orten sicherlich nicht solche Dimensionen angenommen. Rummelsburg. Die scandalösen Ausschreitungen, welche gegen die hiesigen jüdischen Bewohner vor einiger Zeit gerichtet waren, haben sich leider am Mittwoch und Donnerstag abends voriger Woche in noch verstärktem Maße wiederholt. Bei zunehmender Dunkelheit wurden den meisten jüdischen Bewohnern d i e F e n st er mit Ster neneingeworfe n. Am Donnerstag abends erreichten die Lärmscenen jedoch den Höhepunkt. Die Polizeiorgane waren nicht mehr in der Lage, dieses Treibens Herr zu werden, weshalb, da die Menge den polizeilichen Aufforderungen, die Passage freizngeben und sich zu entfernen, nicht nachkam, von der flachen Klinge Gebrauch gemacht werden musste, wobei einige Verletzungen vorkamen. Auch ein Polizei-Seregant wurde thätlich angegriffen. Es wurde eine Arretierung vorgenommen. Wie weiter berichtet wird, ließ am Freitag mittags die Polizei ausklingeln, dass nicht mehr als drei Leute sich zusammen auf der Straße aufhalten dürfen; Nichterwachsene haben abends die Straßen zu meiden. Also ein Belagerungszustand en miniature. Kiew. (Wohlthätigkeits-Acte.) Die aus den Mitteln des Philanthropen Lazar B r o d s k y errichtete Abtheilung mit zehn Betten aw der Recoucherklinik wurde heute eingeweiht. Der Feier wohnte der Minister für Volksaufklärung Geheimrath Bogoljepoff bei. Derselbe besichtigte auch das bakteriologische Institut, welches ebenfalls der Mumficenz Brodskys sein Entstehen verdankt. Auch zum Zwecke der Errichtung eines Jnfectionsspitales steuerte dieser Menschenfreund 50.000 Rubel bei. Teheran. (D i e I u d e n i n P e r s i e n.) Nach den jüngsten Meldungen von allen Weltgegenden gereicht es uns zur besonderen Genugthuung, berichten zu können, dass die Lage unserer Glaubensgenossen sich zu bessern anfängt. Schon hat sich die Stimmung beruhigt und die Gewerbetreibenden können ihrem Erwerbe nachgehen. —. Die hiesige Alliance-Schule hat in Würdigung der Verhältnisse eine vielversprechende Neuerung eingeführt. Sie hat nämlich eine Werkstätte für Mützen-Fabrication errichtet, der sich in Bälde eine solche für Kupferschmied-Arbeiten anschließen soll, wodurch den Zöglingen dieser Anstalt die Möglichkeit geboten wird, den Kampf ums Dasein mit mehr Chancen auf Erfolg als bisher führen zu können. Constantinopel. (I u d e n a u s w a n d e r u n g.) Aus Constantinopel wird gemeldet: Die Commission für die Flüchtlinge hat, über die Israeliten, welche von Bulgarien nach der Türkei auswandern wollen, befragt, ihre Meinung dahin ausgesprochen, dass man ihnen gegenüber die Vorschriften beobachten soll, welche nur die Muselmanen allein ermächtigen, in die Türkei einzuwandern. Juden in China. London, im Juni 1900. Unlängst sprach Mr. Marcus N. Adler in der Universität von Queen Square House über die „Juden in China". Er entwarf in kurzen Zügen die Geschichte derselben von der Zeit an, als die jüdische Colonie in Kaifang-fu im Innern der Provinz Ho-nan vor ungefähr 300 Jahren von den römisch-katholischen Missionären entdeckt wurde. Es war eine sehr alte Colonie, die, wie man vermuthet. bis zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels zurückreichte. Sie zählte, als sie entdeckt wurde, viele Hunderte Einwohner, aber als die Stadt durch die Ueberschwemmungen des gelben Flusses arg mitgenommen wurde, verfiel auch die jüdische Gemeinde. Nach einigen Jahren wurden die Missionäre aus China verwiesen, und man hörte nichts mehr von der Colonie von Kai-fang-fu bis 1850. Da fand man das Volk gänzlich herabgekommen seine Religion vernachlässigt und den Tempel dem Einsturz nahe. Um ihrem Elend abzuhelfen, verkauften die Juden viele ihrer wertvollen Aufzeichnungen und Schriften den protestantischen Missionären, und die meisten dieser kostbaren Documente wurden im Museum der „Gesellschaft zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden" deponiert. Abschriften davon wurden dem „British Museum" und der Oxford University vorgelegt. Einige Jahre später stattete Dr. Martin aus Amerika der Colonie einen Besuch ab und sah. dass die Zahl der Juden bedeutend abgenommen hatte, Reisende, welche kürzlich Kai-fang-fu aufsuchten, erzählten, dass der Rest der dortigen Juden ihr Hebräisch und ihre religiösen Gebräuche vergessen hätten, dass ihre Lehrer gestorben und die Colonie im Erlöschen begriffen sei. Als dies die jüdische Gemeinde von Shanghai erfuhr, wurden sofort Schritte eingeleitet, die Colonie zu unterstützen. Dr. Adler, Oberrabbiner von England, erhielt erst vorige Woche durch einen Brief aus Shanghai, die Mittheilung dass eine Zusammenkunft mit den Religionsbrüdern in Kai-fang-fu stattgefunden, wobei man den letzteren das Anerbieten stellte, ihre Synagoge aufzubauen und ihnen Lehrer zu senden. Andernfalls wollte man sie in Shanghai aufnehmen und für sie sorgen. Die Studenten über die Konitzer Nst'aire. Uns geht eine von einigen Mitgliedern der jüdischen Verbindung „Rheno-Silesia" in Bonn veranlasste Kundgebung der an der Rheinischen Friedrich Wilhelms- Universität immatriculierten jüdischen Studenten zu: „Die jüdische Studentenschaft zu Bonn erklärt angesichts der schmachvollen Ereignisse zu Könitz: Wir halten es für tief unter unserer Würde, auf den nichtswürdigen Vorwurf des Ritnalmordes auch nur mit einem einzigen Worte einzugehen. Wir haben uns aber vereint, damit die ganze civilisierte Menschheit den Entrüstungsschrei der jüdischen Jugend Deutschlands vernehme, die es mit ansehen muss, wie man ihre Glaubensgenossen zu Könitz in ruchloser, an die schrecklichsten Zeiten mitttelalterlicher Roheit erinnernder Weise misshandelt, ihr Leben gefährdet, ihre wirtschaftliche Existenz vernichtet, sie seelisch an den Rand der Verzweiflung drängt. Schon der Gedanke an die bloße Möglichkeit solcher Schandthaten kränkt unser Ehrgefühl aufs bitterste; wir verwahren uns aufs schärfste dagegen, dass man uns unseres Glaubens und unserer Abstammung wegen die Anhänglichkeit an die deutsche Heimat gewaltsam zu rauben sucht. Unsere Glaubensgenossen rufen wir auf, daran^zu denken, dass, wenn auch die Staatsregierung pflichtgemäßerweise für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung Sorge trägt, sie der Nothwendigkeit nicht enthoben sind, selbst in "den schweren Kampf einzutreten für ihre heiligsten Menschenrechte. „Wenn ich mir selber nicht helfe, wer dann? Und wenn nicht heute, wann dann?!" Der Konitzer Gemeinde die Versicherung innigsten Mitgefühls, mögen ihre Mitglieder mit trotzigem Mnthe das bittere Geschick tragen, als Nachkommen eines der ältesten Culturvölker der Welt den Verheerungen der Uncultur ausgesetzt zu sein." Hungersnoth in Veffarabien. Trotz der eingetretenen warmen Witterung ist die Noth unserer Glaubensgenossen in Bessarabien noch immer unerträglich. Die Zahl der in drei Regierungskreisen respective Gemeinden lebenden Nothleidenden beläuft sich auf 30.000, die wohl bis zur Einbringung der nÄchsten Ernte, das heißt bis Ende August, unterstützt werden müssen. Dazu sind aber mindestens 500.000 Mk. erforderlich, welche in Russland allein kaum aufgebracht werden können. Dass unsere russischen Glaubensgenossen nicht lässig und keineswegs auf die Hilfe der westeuropäischen Judenheit warten, beweisen die in den jüdischen Blättern Russlands veröffentlichten Spenderlisten, die jede Woche viele lausende von Rubeln aufweisen. Die Hilfsleistung ist überaus sorgfältig organisirt und wird mit dem eingelaufenen Gelde ebenso sparsam wie planvoll gewirtschaftet. Hervorragenden Antheil bei der Organisation des großen Hilfswerkes nimmt der edle Dr. A l l e n st e i n aus Lowo. Ein organisatorisches Talent ersten Ranges, widmet er schon seit Monaten seine ganze Zeit unseren hungernden Glaubensgenossen. Er kam zuerst auf den Gedanken, Garküchen zu errichten, welche verschämten Armen das Essen auch ins Haus liefern. In kurzer Zeit hat er vier solcher Garküchen errichtet, aus denen täglich 700 Portionen geliefert werden. Im Kreise Ismail ist es dem Dr. A l l e n st e i n durch planvolle und rechtzeitige Hilfe gelungen, der Hungersnoth gleich am Anfänge ihren acuten Charakter zn nehmen. An Stelle der kleinen Unterstützungen in Geld und Nahrungsmitteln hat Dr. A l l e n st e i n seit kurzem begonnen, durch eine einmalige große Hilfe manche Nothleidende auf eigene Füße zu stellen. Der Fuhrmann erhält Pferd und Wagen, der Handwerker seine Instrumente und der Kleinhändler Waren zum Vertriebe. Im Durchschnitte kostet eine solche einmalige Unterstützung 25 Rubel, wofür die unterstützte Person auf die bis dabin erhaltene wöchentliche Unterstützung verzichtet und außerdem die Verpflichtung eingeht, die erhaltene Summe in Wochenraten von Rubel zurückzuzahlen. Auf diese Weise ist es bereits gelungen, zahlreiche vernichtete Existenzen wieder aufzurichten. Hilfswerke für Galizien und Rumänien. Auf Anregung der deutschen Logen des B'nei Brith- Ordens ist ein seit lange geplantes, weitausschauendes Hilfswerk für Galizien und Rumänien in Angriff genommen worden, von welchem im nachstehenden, soeben an die Mitglieder der jüdischen Gemeinden versandten Ausrufe Kenntnis gegeben wird: „Die trostlosen Nachrichten, die in letzter Zeit fast alltäglich aus Galizien und Rumänien zu uns gelangen, haben von neuem die allgemeine Aufmerksamkeit auf die unglückliche sociale Lage gelenkt, unter welcher die galizischen Glaubensgenossen leben. Von jeher hat die Mische Bevölkerung dieser Länder, fast VL Millionen Menschen, mit großer wirtschaftlicher Noth zu kämpfen gehabt. Durch Feindseligkeiten vielfacher Art und durch antisemitische Aufreizungen ist die Noth der an und für sich schon Armen aufs höchste gestiegen, so dass eine große Anzahl

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