Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432811-2432837--0585-2434250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 26 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. Juni 1900 Seite 8 >es es- :et ckbit lle lch nt. >at!sin en rbe en tir ne m le, Ü re. ir h, m r- :r e, s e r r n r r. s ) r r e ir l f l werden, das heißt mit anderen Worten, die Verfolgungen sollen nicht aufhören, aber das letzte Mittel soll den Juden geraubt werden, sich denselben zu entziehen. ES werden nicht nnr, wie schon angekündigt, Hunderte von Leuten verhaftet, nach ihren Geburtsorten abgeschoben oder des Landes verwiesen, nein, es wird einfach die brutale Gewalt gebraucht. Leibo M o s k u ist ein Jude, welcher am Kriege gegen die Türkei theilgenommen hat, und sich infolge dessen der Bürgerrechte erfreut. Dies hinderte nicht, dass er ebenso wie seine Brüder administrativ und polizeilich verfolgt, und ökonomisch chicaniert wurde. Nicht in der Lage, sich Und seine Familie zu ernähren, entschloss er sich auszuwandern. Als er aber zur Polizei kam, um sich einen Pass zu verschaffen, wurde er in einer solchen Weise gefoltert, dass er einige Tage darnach, als er sich an mehrere demokratische Blätter um Hilfe wandte, noch die Spuren der erduldeten Marter am Leibe trug. Der Protest der Blätter, sowie eine Klage, welche an die Staatsanwaltschaft gerichtet wurde, sind bis nun erfolglos geblieben. Daraus ist zu ersehen, dass die Regierung sich noch überzeugen will, ob nicht dennoch mit Gewalt und Brntalität die Juden zurückgehalten werden können. Es ist mit Bestimmtheit voranszusagen, dass dieses Vorgehen der Negierung die Juden noch mehr zum Auswandern ermunrern wird, denn ein jeder wird sich sagen: Wenn man unser bedarf, werden wir so behandelt, wie noch, wenn unsere Agitation erlahmen würde? Die autisemitische Regierung mag sich winden, wie sie will, es war i h r gegeben — so wollte es die Ironie des Schicksals — dass sie den Beweis liefere, wie srhr das Land der Juden bedarf, und es wird sicherlich auch eine Negierung ehemaliger Antisemiten sein, welche den Juden ihre guten Rechte wird zugestehen nküsseu, falls nicht eine Entvölkerungskrisis das von der ökonomischen Krisis hart mitgenommene Land ganz zugrunde richten soll. —yz. Chronik des Jndenthums. Inland. Wien. (Aus der Sitzung des Vorstandes der israelischen Cultusgemeinde am 25. Juni 1900 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath K l i n g e r. Beginn 5 Uhr abends.) An Spenden sind eingelaufen : Anonym von G. N. und Th. K. für das israelitische Tnubstikwrneninstitut Kr. 30.—, für das israelitische Blindeninstitut Kr. 20.— für das israelitische Waisenhaus Kr. 20.—, für das israel. Altersversorgungshaus Kr. 20.—. Als Legat des Herrn Leopold M i t t l e r für den Erhaltungsfond des israelitischen Alterversorgungshauses Kr. 200.—. Der Vorsitzende lässt aus den Einläufen unter anderem eine Eingabe der „Oesterr. Israel. Union" in Angelegenhenheit der jüngst gefassten Beschlüsse des Vorstandes wegen Abänderung einzelner Paragraphen des Statutes derl isr. Cultusgemeinde in Wien zur Verlesung bringen, weiters eine Zuschrift eines Mitgliedes der Gemeinde, welches im Namen vieler Cultusgemeinde-Mitglieder gegen eine in einer Versammlung des „Jüdischen Volsvereines" in Ottakring in Angelegenheit der Wahlreform des Cultusvorstandes gefasste Resolution Verwahrung einlegt, mit dem Hinweise darauf, dass in dieser Versammlung höchstens 20 Cultusgemeinde-Mitglieder des XVI. und XVII. Bezirkes anwesend gewesen sein sollen; endlich eine schriftliche Anregung eines Gemeindemitgliedes, betreffend die Abhaltung einer Feier anlässlich des 75jährigen Bestandes des Tempels in der Seitenstettengasse im März des Jahres 1901. Sämmtliche Eingaben werden der geschäftsordnungsmäßigen Behandlung zugeführt. Im Präsidial-Berichte macht der Vorsitzende die Mittheilung, dass er entsprechend dem ihm in der Plenarsitzung vom 12. Juni 1900 übertragenen Mandate den Obercantor-Stellvertreter Bala Gutmann in Budapest und zwar mit provisorischem Charakter auf ein Jahr als Obercantor der Cultusgemeinde mit der Anwartschast auf die Obercantor-Stelle in der Leopoldstadt ab 1. August 1900 angestellt habe, und dass des weiteren die Verhandlungen mit Herrn Don Fuchs, welcher gleichfalls für eine Erste Cantor-Stelle der Cultusgemeinde in Aussicht genommen ist, demnächst zum Abschlüsse gelangen werden. Bei diesem Anlasse wird betont, dass die vom Vorstande für die Frage der Besetzung der Obercantor-Stelle eingesetzte Fach-Jury eine ganze Reihe von Cantoren, welche Probevorträge abgehalten haben, als besonders befähigt erklärt hat, jedoch die genannten zwei Herren fast übereinstimmend in erster Linie in Vorschlag gebracht worden sind, welche Gutachten, wie der Präsident bemerkt, auf die Beschlüsse des Vorstandes wesentlich bestimmend eingewirkt haben. Namens des Vertreter-Collegiums referiert Herr Baurath kann es ein Nachschlagetrichter werden, der ihn in kurzer Zeit antisemitische Anwürfe widerlegen lehrt. Spricht man von jüdischer Feigheit, so schlage er nach und er findet das Gegentheil gebucht: Alexej P e t r o w i t s ch, General der! Artillerie: „Das jüdische Bataillon hat die Vorstadt Praga mit wahrer Tollkühnheit vertheidigt. (Am 24. October 1794 bei der Einnahme Warschaus durch Suwarow.)" Dann weiter: Alexej K u r o p a t k i n, Kriegsminister: „In der überwiegenden Mehrzahl haben Juden ebenso heldenmüthig zu kämpfen und zu sterben gewusst, wie die übrigen russischen Soldaten und werden es m Hinkunft ebenso halten." Zum Punkte „Jüdische Käuflichkeit" lese man weiter unten : Denis W a s s i l j e w i t s ch, Chef eines Freiwilligen-Corps im Jahre 1812: „Alle in Polen sesshaften Juden waren uns so ergeben, dass sie bei all ihrer Erwerbssucht während der ganzen Zeit dem Gegner Napoleon nicht als Spione dienen wollten." Ad „Judenausweisung" : Fürst Jllarion Wassiltschikow, General-Gouverneur von Podolien und Wolhynien: „Die Entfernung der Juden aus Kiew hat lediglich den Handel der Stadt gehemmt, dieser jedoch gar keinen Stutzen gebracht." Ad „Gleichberechtigung": Bericht des „dirigierenden Senates" anlässlich einer Bittschrift der in den Städten des weißrussischen Gouvernements wohnenden Juden an die Kaiserin Katharina II. vom Jahre 1794: „Bei der Wahl für die städtischen Aemter soll den Gesetzen gemäß verfahren, das heißt kein Unterschied der Abstammung und des Glaubens gernacht werden." Ad „Judenverfolgungen": Erzbischof Nikanor von Cherson und Odessa: „Exeesse gegen Andersgläubige zu verüben, ist dem Geiste und dem Sinne der Lehre Christi völlig zurvider. Wer nur für die Seinigen, für die ihm im Glauben Nahestehenden Sorge trägt, der steht, selbst wenn er darin seine Schuldigkeit thut, doch auf einer sehr nredrigen Stufe christlicher Vollkommenheit. Eine weit höhere Stufe ist es, wenn jemand nicht nur die Glaubensgenossen in seine Liebe einschließt, sondern auch die Andersgläubigen und Fremden. Der barmherzige S t i a ß n y über die Graberhaltungs-Widmung nach Dr. Bernh. W ö l f l e r, Therese S ch e f t e l e s und Anton S ch e y gen. Desgleichen namens der VI. Section Herr Ober-Ingenieur von Mises über die Annahme der Isidor und Cäcilie K u l k aschen Graberhaltungs-Widmung. Die Anträge werden angenommen. Die Wolf Jsak N a s s a u'sche Künstler-Stiftung gelangt pro 1900 im Betrage von 84 Kr. im Sinne des Referates des Vicepräsidenten Dr. K o h n entsprechend dem Sectionsantrage zur Verleihung. Herr Direktor Simon erstattet namens der Rechtssection das Referat über Austrittsanzeigen aus dem Judenthum. Hierüber entspinnt sich eine längere Debatte, an welcher sich die Herren Reg.-Rath. Dr. Sieger, Baurath von Goldschmidt, Vicepräsident Dr. K o h n, kais. Rath Hirsch, Dr. Berger und Dr. Steiner betheiligen, und wobei der Präsident zur Richtigstellung der vielfach gebrachten Version von „massenhaftem" Glaubenswechsel in diesem Jahre aus den Acten richtigstellen lässt, dass vom Beginne dieses Jahres bis zum heutigen Tage gegen die gleiche Zeit des Vorjahres im ganzen ein — immerhin bedauerliches — Plus von neun Austritten sich ergibt. Die dies betreffenden, durch Herrn Director Simon motivierten Anträge der Rechtssection lauten: 1. Die Rechtssection bestellt aus ihrer Mitte einen ständigen Referenten, dem alle Austrittserklärungen behufs Aufstellung einer Statistik und möglichster Eruierung der wahrscheinlichen Ursache und der begleitenden Umstände zuzuweisen sind, und welcher nach seinem Ermessen über die gemachten Wahrnehmungen berichtet. 2. Die Section schlägt dem Plenum vor, zu erklären, dass der Vorstand die Belehrung der gebildeten Kreise über die Geschichte des Judenthums, über die ethische Bedeutung unserer Satzungen lebhaft wünsche und auf jede Weise zu fördern bereit ist. Es sei vom Vorstande ein Preis auszuschreiben für die Abfassung eines Werkes, welches über die Geschichte des Judenthums, über die Ethik, dessen Religion, Belehrung und Aufklärung gibt. Die Anträge 1 und 2 werden angenommen, desgleichen principiell der Antrag 3, doch wird derselbe behufs Ergänzung und Ausarbeitung detaillierter Vorschläge an die Rechtssection rückgeleitet. Bei diesem Anlasse wird auch über Antrag der I.. Section beschlossen, sämmtliche Prediger und Vereins-Rabbiner zu ersuchen, bei allen sich darbielenden Anlässen, insbesondere beim Verkehre mit der israelitischen Jugend, in der bisherigen Gepflogenheit, womöglich aber mit verstärktein Nachdrucke, auf das Festhalten an dem angestammten Glauben hinzuwirken. Ueber Antrag der III. Section (Referent Herr Ober- Ingenieur von Mises) erfolgt die Ausnahme einer Reihe von Personen, beziehungsweise die Vormerkung derselben zur Aufnahme in das Alters-Versorgungshaus. Die Anträge der V. Section, betreffend die Racheline G o ld b erg er'sche Armen-Stiftung, werden im Sinne des Referates des Herrn Ober-Finanzrathes Dr. Nappaport angenommen. Herr Director Simon referiert über die von der II. Section beschlossenen Aenderungen des Lehrplanes für Volks¬ und Bürgerschulen. Es wird beschlossen, in dieser Angelegenheit vorerst noch mit dem Rabbinate das Einvernehmen zu pflegen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 8'/, Uhr abends geschlossen. Wien. (Israelitische Cultusgemeinde.) Anlässlich des 70. Geburtstagsfestes Sr. Majestät des Kaisers wird am 30. Juni im Stadt-, Leopoldstädter und Fünfhauser Tempel um 3 Uhr 30 Minuten ein Festgottesdienst für die Schuljugend an Mittelschulen stattfinden. Wien. (G a st p r e d i g t.) Im Bethause „Marpe Lanefesch", II., Glockengasse 4, wird Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Simon Schreiber ans Erlau Samstag den 30. Juni eine Gastpredigt abhalten. Wien. Wie uns mitgetheilt wird, beabsichtigt der Cultusvorstand, den Rabbiner von Nikolsburg Dr. Feuchtw ang alsRabbinats-Assessor und Stellvertreter des Oberrabbiners Dr, G ü d e m a n n nach Wien zu berufen. Leipnik. (VereitelteantisemitischeWähler- Versammlung.) Sonntag den 17. d. M. wollte der deutschnationale Reichsraths-Abgeordnete F o ch l e r in Leipnik eine Wählerversammlung abhalten, um für seine Partei Propaganda zu machen, trotzdem er seinerzeit hier nur durch die Czechen gegen den liberalen Candidaten Landtags-Abgeordneter Dr. P l a ch k y siegte. Die Czechen rächten sich nämlich an den Juden dafür, dass diese nicht slavisch wählen wollten. Den Bemühungen des hiesigen neugewählten Cultusvorstehers, Herrn k. k. Notars Dr. R o k o t n i tz, gelang es nun, die Abhaltung der Versammlung zu vereiteln, indem er von der Samariter ist in dieser Hinsicht das christliche Ideal. Diesen Samariter hat Christus selbst als nachahmenswertes Vorbild hingestellt." Vater Simeon Podgorski: „Die Plünderer rechtfertigen ihre Unthaten damit, dass sie sagen, die Juden hätten sich des Bodens, des Handels und des Capitals bemächtigt. Wenn aber die Juden reicher geworden sind als die Russen — wer ist daran schuld? Findet man unter den Juden so viele Säufer und Müßiggänger, so viele, die gänzlich ohne Beschäftigung sind, wie unter den Russen? Trägt etwa der Jude die Schuld, wenn die Russen infolge ihrer Trägheit und Trunksucht arm sind? Jener arbeitet, spart und besitzt etwas, diese sind unmäßig und träge und besitzen darum auch nichts." Kurz, es gibt ut dem ganzen Complex von Einwänden, den die Judenfrage darstellt, nicht einen, der nicht hier seinen Gegenbeweis fände. Mit der Herausgabe einer Taschen-Ausgabe dieses Buches, das die Judenschlag-Worte in alphabetischer Weise registriert, wäre der Assimilation ein Dienst erwiesen. Für uns, die wir weit entfernt sind, die Aussprüche Großer oder Gerechter für unser Recht zu reclamieren, für uns hat das Buch ein historisches und darum nicht minder bedeutsames Interesse. Uns bildet es zudem einen wertvollen Beleg für den Bankerott der Assimilation. Alle, ob General' oder Vicar, Poet oder Diplomat, sprechen von der Nothwendigkeit der vollständigen Verschmelzung des Judenthums mit der russischen Nationalität, und zeigen die Wege, die gegangen werden müssten, um dies Ziel zu erreichen. Es liegt ferner denn je, und mit dem Wege hat sich auch das Ziel geändert. Und an seinem Ende steht dann der rückschauende Weise der künftigen Zeit und nennt jene Männer, welche ivohl nicht ahnten, dass ihre Worte, zu einem mächtigen J’accuse vereint, in einer drangvollen Zeit die Völker mahnen werde ans Recht, ans stets gebeugte oder gebrochene Recht der Juden. LI. Alois. . Stadtvertretung erwirkte, dass dem Abgeordneten F o ch l e r kein Local zu dem genannten Zwecke überlasten wurde. So | sah sich dieser gezwungen, mit seinem Stabe, den er aus Weißkirchen mitgebracht hatte und der durch einige hiesige Antisemiten verstärkt worden war, unverrichteter Dinge [ wieder abzuziehen. — Die Herren in Leipnik scheinen bei den! letzten Wahlen nichts gelernt zu haben. Przemysl. (P e r s o n a l n a ch r i ch t.) Am Freitag 1 den 6. Juli l. I. findet die Trauung unseres Gesinunngs- . genossen Herrn S. M e i s e l s mit Fräulein Etka R a p p a- I Port in Tarnopol statt.; Lemberg (Wohlthätigkeitsfest.) Der hiesige Handelsgehilfenverein „Jvri" zusammen mit dem akademischen Vereine „Zion" veranstalten am 1. Juli zugunsteu der rumänischen Emigranten ein Fest in dem naheliegenden Sommeraufenthaltsorte „Zimna-Woda". Budapest. Am 23. d. M. verschied der gelehrte Oberrabbiner der isr. Gemeinde Dr. Rafael Goldberg im Alter von 58 Jahren. Seine am 25. d. M. erfolgte Beisetzung in dem Wolfsthaler Friedhofe gestaltete sich zu einer pomphaften. Das Leichenbegängnis fand vom isr. Tempel aus um 9'/z Uhr unter Betheiligung zahlreicher, den Tempcl bis zum letzten Platz füllender Leidtragender. Der Trauerfeier wohnten an: Honved-General-Jutendant Karl Kerekes, Reichstag-Abgeordneter Dr. M a x F a l k, der Präsident der isr. Religionsgemeinde Sigmund K o h n e r, königl. Rath Advocat Ludwig Pollak, der Präsident der Ofner isr. Religionsgemeinde Dr. Isidor Szobolcsi, Stadtrepräsentant und Präsident der Chewra Kadischa Dr. M o r i z E r n j e i, die Rabbiner Dr. K a y s e r l i n g, Pest; Dr. Adler, Alt-Ofen; Dr. L u d. V e n e t i a n e r, Uj-Pest; Dr. Eisler, Klausenburg; Dr. Elfer, Heves; der Ofner res. Geistliche B e u j a m i u Hajpal, der Präsident der Pester Chewra Kadischa M o s e s E hr l i ch, Dr. Jg. Goldzieher, Secretär der isr. Religionsgemeinde Budapest, die Vorstehungen der Gemeinden von Alt-Ofen und Uj-Pest, zahlreiche Wohlthätigkeitsvereine unter ihren Fahnen. Um 9^ Uhr wurde der Sarg in einem sechsspännigen Trauerwagen zum Tempel gebracht, von Mitgliedern der Gemeinde in den Tempel getragen und vor dem Allerheiligsten aufgestellt. Dem Sarge folgten die in tiefe Trauer gekleidete Witwe und die Kinder des Verblichenen. Nach dem Absingen eines Trauerchorals hielt der Rabbiner von Alt-Ofen Dr. Elias Adler eine ergreifende Rede, in der er das heilsame Wirken und die segensreiche Thätigkeit des Verblichenen schilderte. Der Rabbiner der Pester Gemeinde Dr. Kayserling hielt hierauf eine deutsche Trauerrede. Von tiefem Schmerze ergriffen, skizierte Redner die entbehrungsvolle Jugend und das arbeitsreiche Leben des verblichenen Seelenhirten. Obercantor Eduard Weiß sprach sodann das Seelengebet. Im Namen der einstigen Schüler des Verblichenen verabschiedete sich der Rabbiner von Klausenburg Dr. Mathias Eisler von dem verstorbenen Lehrer. Der Sarg wurdehierauf nach dem Friedhofe in Wolfsthal überführt. Am offenen Grabe gab der Präsident der Ofener isr. Religionsgemeinde im Namen der Gläubigen dem Schmerze über den Verlust des Verstorbenen Ausdruck, der 30 Jahre hindurch ein treuer Seelenhirt seiner Gemeinde gewesen. Stadtrepräsentant Dr. M o r i z E r n y e i vernbschiedete sich im Namen der Ofener Chewra Kadischa. Schließlich widmete Secretär Dr. W e i ß m a n n in Namen der Ofueer isr. Religionsgemeinde dem Verblichenen einen warmen Nachruf, kl. W. Temesvar. (Judenauswanderung aus Rumänien.) Unter der Leitung eines „Partieführers" machte sich vor einigen Tagen eine aus 60 Männern im Alter von 20—25 Jahren bestehende Gruppe auf die Reise und legte den Weg von Galatz bis Orsova unter großen Mühen binnen dreier Tage zu Fuß zurück. In Orsova ' meldeten sie sich beim Präsidenten der israelitischen Gemeinde, der durch diesen unerwarteten Besuch in die größte Verlegenheit gerieth. Sie baten um etwas Speise und um Geldunterstützung zur Bahnreise nach Wien. Da die Orsovaer Judengemeinde sehr klein ist und über keine Mittel verfügt, wendete sich die Vorstehung telegraphisch um Hilfe nach Karansebes, Lugos und Weißkirchen und avisierte gleichzeitig den Districtspräsidenten in Temesvar, Salomon Sternthal, von der Ankunft dieser „irregulären" Auswanderergruppe. Die erstgenannten drei Gemeinden sandten sofort telegraphisch einen Betrag von 700 Kronen, welcher ausreichte, um für die Leute Eisenbahnkarten bis nach Wien zu lösen. Inzwischen ward die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden auf die Ankömmlinge gelenkt, und man wendete sich an das Ministerium des Innern um Instructionen. Als die Leute bereits einwaggoniert und die israelitischen Gemeinden in Temesvar und Budapest wegen Alimentierung der Auswanderer avisiert waren, traf die Ordre aus Budapest ein, dass die Beförderung der passlosen Fremden auf dem Bahnwege nicht^gestaltet sei. Nun kam nach Temesvar, wo bereits für die Ankömmlinge im Wartesaal III. Classe ein Nachtmahl bereit stand, die telegraphische Absage, welche das israelitische Districtspräsidium veranlasste, den Secretär Armin Kümmelheim nach Orsova zu entsenden und im Interesse der Unglücklichen das NÜthige zu verfügen. Die Behörde hielt die Auswanderer förmlich in Quarantaine, und erst am nächsten Tage gelang es, die Bewilligung der Regierung zu erwirken, dass die sechzig jüdischen Handwerker mit dem stündlich erwarteten Separatschiffe für die zionistischen Auswanderer nach Wien abgehen dürfen. Dieses Schiff traf denn auch alsbald in Orsova ein, und so wurden die „Irregulären" unter behördlicher Aufsicht sofort an Bord gebracht. Während des Aufenthaltes zogen Gendarmen um den Landungssteg einen Cordon, und es war keinem der Schiffsinsassen gestattet, auch nur zu einer kurzen Promenade das Ufer zu betreten. Nach einstündigem Aufenthalte setzte das Schiff seine Fahrt nach Semlin fort.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.