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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. Juni 1900 Nr. 25 fanctiomert wurde. Die Ursache dieser langsam fortschreitenden Erkenntnis ist mehr psychologischer als sachlicher Natur und hat Analogien in fast allen größeren Bewegungen. Das Bedürfnis, sich gegen neue — nothwendig gewordene — Tendenzen abzuschließen, weil sie unbequem sind und scheinbar von außen in die Bewegung hineingetragen werden, hat sich schon bei vielen Parteien fühlbar gemacht, und seine Ueberwindung bedeutet die Ueberwindung eines gefährlichen todten Punktes. Bei entscheidenden Wendepunkten in der Entwicklung einer Partei sehen wir häufig die großangelegte Partei zur rückständigen, konservativen Clique werden, die lieber im warmen, geschützten Nestchen bleibt, als sich nochmals dem Kampfe mit Sturm und Wetter auszusetzen. Die Gefahr der Cliqnenbildung bestand auch für die zionistische Partei, deren Träger sich lange Zeit den dringend gewordenen Bedürfnissen »ach Ausweitung des engsten Programmes widersetzten. Allein eine jüdische Bewegung wird schon durch die Elemente, welche sie bilden, zu constantem Fortschreiten gezwungen, und jeder gewaltsanr erzwungene Stillstand hätte die Auflösung der ganzen Partei zur Folge. Der Zionismus hat nun die Gefahr einer Krise besiegt, er hat den Beweis seiner unverwüstlichen Lebenskraft erbracht. Wir wollen nur für die fernere Zukunft der Bewegung davor warnen, dass man sich aus Furcht vor dem „Neuen" den Forderungen der Zeit und der Entwicklung widersetzt. Eine weitere Gefahr für den Zionismus, wie für jede jüdische Bewegung überhaupt, liegt in dem allerdings ehrenvollen Widerwillen fast jedes einzelnen Juden gegen die Masse, gegen die compacte Majorität. Es werden Fractionen und Parteien oft nur zu dem Zwecke gegründet, um einigen Juden Gelegenheit zu geben, in der kämpfenden Minorität zu sein, möge auch die Majorität gar keine Fehler begangen haben. Der Begriff der Reform innerhalb der alten Partei existiert fast nicht für uns, da jede Kritik sofort zur Secession der Kritisierenden aus der Partei führt. Das Schutzjudenthum allein hat leider eine Ausnahme zur Bestätigung dieser Regel gemacht, doch bedeutet es ja keine selbständige Bethätigung der Juden. Wir wollen nicht unterlassen, an dieser Stelle zu betonen, dass für uns der Zionismus die Vereinigung der gesammten Judenheit bedeutet. Wer als Zionist unschlüssig ist bei Wahl zwischen Reform und Opposition, der ist noch nicht von dem Geiste jenes wahren Zionismus erfüllt, dem man freudig das Opfer zeitlicher Selbstüberwindung bringt. In diesem Sinne nun nehmen wir Stellung im Herzen der heutigen zionistischen Partei, nicht als regungsloser und willenloser Körper, sondern als unruhiges Gährungsserment. Wir sehen unsere Aufgabe in der constanten Anpassung der Idee an die Entwicklung, in der Verhinderung jeder gefährlichen Erstarrung der Bewegungsformen. Diese Aufgabe legt uns nun schon heute die Pflicht auf, ganz offen und unumwunden zu erklären, dass wir mit vielen Vorgängen und Zuständen in der Partei und ihrer Leitung nicht einverstanden sind. Vor allem behagt uns die von der Leitung gegenüber vielen zionistischen Bestrebungen geübte Todtschweige-Taktik ganz und gar nicht. Dieses Mittel erscheint uns für die Klärung von Begriffsverwirrungen und Meinungsdifferenzen sehr unglücklich gewählt, da es nicht nur die Fractionsbildung nicht unterdrückt, sondern sogar fördert. Die zionistische Partei, beziehungsweise deren Leitung hat nie den Willen und die Absicht gehabt, sich auf ein hohes Piedestal zu stellen und von da ans ernste und gutgemeinte Bestrebungen zu ignorieren; sie soll daher auch alles vermeiden, was den Schein einer solchen Absicht erzeugen könnte. Wie können wir der großen Masse der westeuropäischen Judenschaft ihren Jndifferentismus zum Vorwurfe machen, wenn wir uns gegen die geistigen Strömungen im eigenen zu verlassen. Sie sollen nur gleich weiterfahren. Ein bisschen Geld geben wir ihnen gern! Schandenhalber! Man gibt mit der Hand.. . aber das Herz? Das Herz in den Hosen — und die Hosen verloren .. . Aber ich will zu ihrer Rechtfertigung ein Geheimnis verrathen: „Kohl" musste berathen, welcher von den Vorstehern am zweiten Feiertag das „Ausheben" der Thora besorgen solle . . . und da jede Partei ihren principiellen Standpunkt hatte und man die Argumente für die Generaldebatte sammelte, hatte man keine Zeit für auswandernde rumänische Juden . . . Der Jnstanzenzug. . . Der Eisenbahnzug . .. .. . Und der Zug der Zeit! Rothschild wird in der Wiener Cultusgemeinde ein vielfaches Wahlrecht haben. Auch Gutmann. Sein Sohn nicht. Denn der gehört schon in die Pfarrgemeiude! Dafür aber wohl der junge Königswarter, wenn er, wie man munkelt, wieder einmal zum Judenthunk Übertritt. Und ebenso der Baron Springer, und ebenso der Edle von... ja, aber wozu noch Namen nennen? Lesen Sie doch im Rennkalender die Namen der Stallbesitzer — da haben Sie den ersten Wahlkörper der Cultusgemeinde. Wenn Königswarter das Derby gewinnt, kommt sein Porträt in den Sitzungssaal, vorausgesetzt, dass er bis dahin nicht wieder das Bedürfnis nach einer anderen Religion empfunden hat, die ihn allein selig macht ... Er mag dann eine Stiftung machen „ohne Unterschied der Confession". Das übrige wird schon Lueger besorgen. Und die Herren mit dem vielfachen Wahlrechte werden sich jetzt auch einen Cultusgemeinde - Kammerdiener halten müssen. „Johann, äh, bilden Sie sich do^ eine Meinung über den Favorit im Rabbinerrennen! Ich möchte auf Doctor Müller tippen! Ich glaube, Stall Breslau wird Sieger bleiben." Der Jnstanzenzug ... und der Eisenbahnzug . .. und der Zug der Zeit.. . Kohls Chochmes. II. Schomer. Die jüdische Schule. Bon Dr. M. Jung. (Schluss.) Sind aber wirklich Wissenschaft und Judenthum, Religiösität und Bildung schroffe Gegensätze? Wir gestehen es Bolkskörper gleichgiltig zeigen? Offene, ruhig-sachliche Polemik ist das beste Palliativmittel gegen zwecklose Parteibildungen; wir dürfen dieses Mittel nicht ohne Weiteres beiseite schieben. Sehr schmerzlich vermissen wir weiters den nothwendigen Contact zwischen der Partei und ihrer Leitung. Es gibt in der zionistischen Partei kein Oben und kein Unten, die Leitung darf nicht über, sie muss in der Partei stehen, vertraut mit all ihren Bedürfnissen und Wünschen. Dann wird auch den Schwierigkeiten der Leitung größeres Verständnis entgegengebracht und die Anerkennung ihrer großen Verdienste allgemeiner gewürdigt werden. Es soll in unserer Bewegung nicht der Schein der Weltfremde, der Erhabenheit über alles, „was Menschenbrnst bewegt", hineingetragen werden, denn dieser Schein könnte mit der Sache selbst verwechselt werden. Damit, meine Herren, wäre unsere kurze Erörterung über unsere Stellung im Zionismus'abgeschlossen. Sie in einem prägnanten Satze zu resümieren ist nicht möglich, da sie sich ja aus verschiedenen Ansichten in Specialfragen zusammensetzt. Eine Empfindung jedoch resultiert aus allen unseren Betrachtungen, eine große, eine beglückende Empfindung: die Empfindung der fühlbaren Entwicklung. Ja, der Zionismus hat sich mächtig entwickelt; vieles, was vor ganz kurzer Zeit noch als berghohes Hindernis uns den Weg verrammelte, es ist überwunden, und weiter, unaufhaltsam weiter geht der Weg, neuen Kämpfen, neuen Siegen, dem Ziele entgegen, das uns immer greifbarer vor Augen tritt. Was wir heute unsere Stellung im Zionismus nennen, nach einem Jahr, ja schon nach einigen Monaten, wird es überholt sein, und wir werden uns wieder in geänderten Verhältnissen zurechtfinden. Unsere diesjährige Betrachtung über unsere Stellung im Zionismus wollen wir gleich der vorjährigen damit schließen, dass wir ihren Grundgedanken zu erfassen suchen; jenen Grundgedanken, der in so vielen Erscheinungen Form gewinnt. Er ist nicht neu. nicht originell, aber er ist der Ausdruck einer tiefempfundenen Wahrheit, die sich mächtig Bahn bricht. Wir wollen diesen Gedanken, der ja nicht neu ist, auch nicht neu formulieren, sondern wir wollen ihn nur aussprechen in der Fassung, die ihm der große Jude Ferdinand Las falle in seinem „Sickingen" gab: „Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg, Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel, Dass eines sich stets ändert mit dem andern Und and'rer Weg auch and'res Ziel erzeugt." Vom Tage. Die liberale Presse muss nicht nur die Farbe, sondern auch die Linse wechseln können, sie ist kurzsichtig und weitschauend, je nach Bedarf. Wochttilange endete für sie die Welt und ihre Politik in den äußeren Wiener Bezirken, dort, wo die Barrierestöcke blühen. Den Kanonendonner, der vom Tugelaflusse herübertönte, wusste sie geschickt zu schwächen, damit er nicht das österreichische Völkerconcert, das die böhmischen Musikanten für den täglichen Hungerlohn von zehn Gulden per Instrument veranstalteten, ersticke. Die gegenwärtige Diagnose müsste auf hochgradige Weitsichtigkeit lauten. Boeren und Boxer füllen den Spalt, durch den bei normalen Leuten Licht ins Gehirn fällt. Das, was nahe liegt, ist nicht gut, darum sieht sie es nicht. Die Bahn brachte zu Hunderten arme, müde Menschen, aus deren scheuen Augen Roth und Furcht schauen. Wenn sie von dem Lande sprechen, das ihnen das Recht versagte, dann starrt uns heißer Hass entgegen. Haufenweise sind sie aufgebrochen, sie nahmen den Städten die Bewohner, dem offen ein, wäre dies der Fall, wäre die Pflege des einen ohne Preisgebung der anderen nicht möglich, würden wir vor der harten Alternative stehen, zwischen Judenthum und Bildung wählen zu müssen, wir würden keinen Moment zögern und uns für das Judenthum entscheiden. Ist nicht edle Gesittung die Blüte aller Cultur? Und müssen wir nicht eingestehen, dass das jüdische Leben selbst in den düstersten Zeiten herrliche Blüten der Gesittung getrieben hat? Waren unsere engen Ghettowohnungen nicht die Stätten edelster Menschlichkeit? Und war dies nicht die Frucht des Judenthums? Können wir nun dasselbe von der modernen Bildung sagen? Hat auch sie edle Früchte der Gesittung gezeitigt? Wahrlich, bei der Bilanz des 19. Jahrhunderts, das so herrlich begonnen, ergibt sich nur ein gewaltiges Culturdeficit! Wir werden immer mehr davon überzeugt, dass die Bildung des Herzens nicht gleichen Schritt halte mit der Bildung des Geistes, dass Geistesgröße selten mit Seelenadel harmonisch vereint ist. Die Bildung ist bloß ein Flittergold, das die Blößen der Menschen verdeckt, sie hat bloß eine dünne Kruste über die Herzen der Menschen gezogen, in deren Tiefe das Böse fortwnchert, ganz so, wie in der bildungsleeren Zeit. Nur einer leisen Berührung bedurfte es, die Kruste brach und das Böse steigt ans der Tiefe mit elementarer Kraft hervor, und umso stärker, je länger es künstlich zurückgedrängt wurde. Dies lehrt der Ausbruch des Antisemitismus in Frankreich unter den Franzosen, die den europäischen Völkern auf dem Gebiete der modernen Cultur bahnbrechend vorangehen. Wenn die Meister so tief gesunken sind, wie mag es erst im Herzen der Schüler aussehen? Ist es nun angesichts dieses traurigen Resultates der Cultur gerechtfertigt, wenn wir aus Liebe zu ihr mit unserem wandelnden Judenthum brechen wollten? Wie, wir wollten unser Judenthum, das eine solche edle Gesittung unter uns zur Reife gebracht, preisgebeu aus Liebe zu modernen Bildung, die im Jahrhundert des gewaltigen Fortschrittes mit einem Deficite endete? Das Judenthum ist die Quelle warhafter Cultur, wahrhafter Bildung! Denn die höchsten Güter der Menschheit, Liebe zur Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschheit, welche die moderne Cultur im Munde führt, sie sind dem Judenthum entnommen. Während sie aber innerhalb des Judenthums als liebliche Pflanzen gedeihen, verwelken und verdorren Boden den Bebauer, den Betrieben die Arbeiter. Nun sind sie bei uns, ungesehen von jenen jüdischen Zeitungsschreibern, deren Blicke im Süden und Osten weilen. Was des Antheils einer ganzen Welt wert, entbehrt der Oeffentlichkeit, dank einer verlegenen oder verlogenen Publicistik. Von den rumänischen Juden auf der Wander haben liberale Blätter nichts zu sagen. * * * Sie hätte, wenn sie weniger Pflicht- und ehrvergessen gewesen, dem Lande Rumänien überdies einen großen Dienst erwiesen; es wäre ihm der Besuch des Abgeordneten Schneider erspart geblieben. Herr Schneider war nämlich um das Schicksal seiner Gesiunuttgsgenossen in Rumänien besorgt, als er von dortigen Judenexcesse» las und die Juden für den excedierenden Theil hielt, was bei seiner bekannt falschen Auffassungsgabe ja erklärlich ist. Die erst in Bukarest gewonnene Anschanuttg, dass seine Brüder in Rumänien den jüdischen Feind nach hartem Ringen in die Flucht geschlagen hätten, wäre in Wien viel billiger zu haben gewesen; große Züge jüdischer Wanderer hätten ihn belehrt, dass der Antisemitismus in Rumänien auch ohne seine persönliche Mitwirkung blühe und Früchte trage. * * * „Tief drunten in der Walachai" mag es ja Vorkommen, dass die Habe und das Leben friedlicher Bürger bedroht werde von bösen Nachbarn, in Deutschland findet die Regierung derartigen Uebergriffen gegenüber stets das rechte Wort und die richtige Wehr. Freiherr v. R h e i n b a b e n sagt es wenigstens im preußischen Landtage: „Wir haben die Pflicht, zu zeigen, dass wir dem Janhagel gegenüber Herr im Hause sind, und dass wir jeden zu Boden werfen, der es wagte, der Majorität des Gesetzes entgegenzutreten." Um jeden Jrrthum rasch zu beseitigen, bemerke ich gleich, dass diese Rede mit der Konitzer Affaire nichts zu thun hat, sondern anlässlich des Strikes der Berliner Pferdebahnschaffner in der Landtagssitzung vom 21. Mai d. I. gehalten wurde. * * * Man gibt dem Mob möglichste Freiheit der Bewegung gegen die Inden und nimmt diesen nun auch die Freiheit in der Wissenschaft. Acht studentische Corporationen in Innsbruck beschlossen eine Resolution, die sich gegen die zunehmende Berjudung des Lehrkörpers und besonders die Ernennung eines einzelnen Professors und eines Assistenten, die beide Juden sind, richtet. Es sei unerfindlich, warum man an eine Universität, die unter 400 Hörern nur einen Juden ausweist, einen jüdischen Lehrer nach dem anderen berufe. Die Wissenschaft auf der Wander! Die Wiener Universität hat einen einzigen und wohl den letzten ordentlichen Professor jüdischer Confession. Neu-Ernennungen von Juden sind seit Jahren unterblieben. Wenn man lange genug in Wien assistiert oder privatim dociert hat, pocht mau bescheiden an die akademischen Thore von Prag, Graz oder Innsbruck. Die Antwort gaben die Studenten der letzten Stadt. Auch die Wissenschaft ist frei — vogelfrei. Der indische Andns aus Dummen. Bukarest. Juli 1900. Die Agitation, welche durch die Affaire Beck hervorge.rufen wurde, hält fortgesetzt an. Allerdings trifft auch diesbezüglich die größte Schuld den Rabbiner selbst, welcher mehrere Tage verstreichen ließ, ehe er den antisemitischen Behauptungen ein entschiedenes Dementi entgegenstellte. Als er sich aber endlich dazu aufraffte, da sielen seine Richtigstellungen sie auf fremdem Boden. Natürlich, man pflückte sie vom blütenreichen Baume des Judenthums, um die damalige Menschheit, die zu tief stand, als dass sie zum Gesammtgeiste des Judenthums sich erheben konnte, durch dies wenige der völligen Entartung zu entreißen. Verhängnisvoller Jrrthnm! Reißet die Blüten von dem Baume, der sie getrieben, und sie werden in Euren Händen verwelken. Und die Blüten des Judenthums sollten, abgerissen, fortblühen, duften und sogar zu schönen Früchten sich entfalten? Die edle Gesittung, wie das Judenthum sie lehrt, gedeiht nur an dem Baume, der fest im heimatlichen Boden wurzelt, sie hängt aufs innigste mit dem Gesammtgeiste des Judenthums zusammen, sie ist die Frucht jüdische» Denkens, jüdischen Fühlens und jüdischen Lebens. Versuchet nur, die jüdische Gesittung vom Judenthum zu trenuen, Ihr werdet sie gar bald völlig einbüßen». Wären also Judenthum und Wissenschaft, Religion und Cultur Gegensätze, dann müssten wir uns im Interesse unserer Veredelung für Judenthum und Religion entscheiden. Ist dies aber wirklich der Fall? Keineswegs! Freilich, versteht man unter Bildung ein freies, ungebundenes Leben, in dem die Willkür das Scepter führt, dann steht allenfalls diese „Bildung" mit dem Judenthum nicht im Einklänge. Dieser materialistischen Lebensrichtung der Menschen entgegenzutreten, ist ja der wesentliche Beruf des Judenthums. Bedeutet aber für »ms Bildung nichts anderes als eine ethische Durchdringung des Herzens, ein durch objective Wissenschaft, die nicht mit Hypothesen arbeitet, aufgeklärter Verstand und erweiterter Gesichtskreis, ist uns Bildung ein allem Rohen und Gemeinen abgewandter S'nn unb ein für alles Gute und Edle empfänglicher Geist, dann steht diese wahrhafte Bildung im schönsten Einklänge mit dem Judenthum, ja, sie wird vom Judenthum geradezu gefordert. Wenn dennoch Judenthum und Bildung als Gegensätze betrachtet werden, so liegt der Grund hierfür in.der traurigen Thatsache, dass die Pflegestätten der Bildung nicht auch Pflegestätten deS Jttdenthluus sind, weil unserer Jugend mit dem Eintritte in die höheren Schulen die Quelle des Judeuthums versiegt, während ihr die Schätze der modernen Bildung ununterbrochen zugeführt werden. Heute steht unsere Jugend vor der harten Wahl, sich Kenntnis der jüdischen Literatur neben Verzichtleistung auf die moderne Bildung und Wissenschaft oder

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