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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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♦- I—"■ Äct.nction: Ylll/l, Schlöstrlgastr 11. Sprechstunden:?ln Mochenta^m van 10 bis 12 Uhr vormittags; an Sonntagen von II bis 12 Ukr vormittags, popcbrefte: Jüdisches «„»«blatt, Wien, VIipl. Vrsstrwerden wegm verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir unS dringend. — Mannscrtvte werden nicht zrrrütkgestellt. Postspareasien-Conto 847037. In daS Abonnement kann man täglich eintretcn. EMM jedkn ftfitnsi unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefscommisfton. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, L". Duleö, Haascnftein k Bögler, Rudolf Masse, 71. Cppelif, M. Pozsonyi, 81. Schalel in Wien, ferner alle Annoncen-Expedilionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 16 Heller. Administration: VlII/1, Schlöhelgassc Jl. Abonnementspreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn | Für das gesmnmte Ausland sammt Francozustellung.! lammt Fraucoziistelluiig. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.— Gunzjährig.Kr. U.— „ -4.— Halbjährig 4.50 „ 2.— | Vierteljährig.„ 2.25 Mien, 22. Juni 1900. 11. Jahrgang. Kr. 25 '«>iswwwmi»--irirr i m mi i i n r ,l, ,,, Mön Peking nach Bukarest. Europa befindet sich in Aufregung. Die nationalen Fanatiker in China sind gegen die Fremden und Andersgläubigen ihres Reiches aufgetreten. Und das „civilisierte" Europa verträgt so etwas nicht; es kann den nationalen und religiösen Fanatismus anderswo nicht dulden, und mit Wasfeumacht tritt es dagegen auf. Mit Sturm und Feuer, mit Kanonen und Bajonnetten gehen alle Mächte daran, die Fremden gegen einheimische Fanatiker in China zu schützen. Ja, nur in Chi n a, nur anderswo duldet Europa keinen religiösen und nationalen Fanatismus; nur a n d e r s w o tritt es auf zum Schutze der verfolgten Andersgläubigen und Angehörigen fremder Nationalität — aber zuhause sind ja derartige Verfolgungen tägliche Vorkommnisse, und niemand schert sich um sie; Religionshass und Nationalitätenkämpfe sind ja hier stets auf der Tagesordnung, und wem fällt es jemals ein, auch nur ein gutes Wort für die heimischen Verfolgten einzulegen! Wer kennt die Lage der Juden in Mitteleuropa nicht? Wer weiß es nicht, dass sie da nur aus religiösem und nationalem Fanatismus verfolgt und bedrückt Dverden? Und siehe da! Russland, wo dieser Fanatismus 57ftcf) am crassesten zeigt, wo Andersgläubige und Angehörige /anderer Nationalitäten sogar gesetzlich in ihren » bürgerlichen und politischen Rechten verkürzt werden, I gerade dieses Russland stellt sich an die Spitze des > Kampfes gegen die Boxer. Aber Russland bildet eine Großmacht, und in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes mengt sich Europa nicht. .. Aber tiefe Empörung und Erbitterung muss jeden anständigen Menschen erfassen, wenn er einen Blick von Peking nach Bukarest wirft, wenn er sieht, wie dieses kleine Ländchen Rumänien mit seinen alten Bürgern jüdischer Confession umzuspringen wagt. Der religiöse und nationale Fanatismus ist dort zur rohesten Barbarei geworden. Die Juden, die so lange im Lande lebten. werden für vogelfrei erklärt. Sämmtliche Nahrungszweige werden ihnen abgeschnitten, sämmtliche Menschenrechte (von politischen und bürgerlichen schon gar nicht zu reden) geraubt. Das Gesetz gilt für sie nicht, und der Staat schützt sie nicht vor Plünderung und Raub. Mehr als eine halbe Million Menschen sind I schütz- und rechtlos! — Und dies geschieht in der Mitte Europas, und niemand erhebt seine Stimme dagegen, und keine einzige Macht ruft Rumänien „Halt!" zu... „Europa mengt sich in innere Angelegenheiten fremder Staaten nicht." — Aber ist das nicht dasselbe Europa, das anderswo zum Schutze der Fremden sogar Kriege führt? Ist das nicht dasselbe Europa, das beim Congresse in Berlin im Jahre 1878 Rumänien die Gleichberechtigung aller seiner Einwohner, welcher Nationalität und Confession sie auch immer angehören mögen, dictiert hat? Die Balkanstaaten sind ja nur unter dieser Bedingung selbständig erklärt worden; Serbien und Bulgarien haben die Bedingung auch thatsächlich eingehalten, nur Rumänien nicht. B r a t i a n u und R u s s e t i äußerten damals: „Rumänien wird die Gleichberechtigung der Juden allmählich durchführen." Europa glaubte dies, und stillschweigend wurde die Selbständigkeit Rumäniens bestätigt. Und nun schweigt Europa, trotzdem diese von den Mächten Europas gestellte Bedingung von Rumänien geradezu mit Füßen getreten wird, trotzdem diese „allmähliche Durchführung", in Rechtlosigkeit, in Plünderung und quasi in Vernichtung der Juden geendet hat! Von Peking nach Bukarest muss Europa gehen, wenn es ernstlich humanitäre und culturelle Zwecke verfolgt. Von China nach Rumänien muss Europa seine Aufmerksamkeit wenden, wenn man noch an seine Humanität und Cultur glauben, wenn Gerechtigkeit nicht bloß zu einer leeren Phrase herabgesunken sein soll. . . Und hier würde ja nur einW o rt genügen! Zu Rumänien brauchte Europa keine Militärmacht, keine Kriegsschiffe, keine Kanonen und kein Pulver! Ein Wort der Mächte Europas würde genügen, um dem Elend ein Ende zu bereiten, eine Erinnerung an das gegebene Versprechen wäre hinreichend, um mehr als eine halbe Million Unglücklicher zu retten. Und'^selbst dieses eine Wort spricht Europa nicht... Es sind ja nur Juden! Und diese habe ja auch anderswo nicht gar so viele Rechte. Die Juden sind ja leider der Sündenbock aller Völker und Nationen geworden, sie sind ja fast überall Plünderungen und Verfolgungen ausgesetzt, von Petersburg bis Berlin, von Bukarest bis Wien. . . Europa befindet sich in Aufregung. Vor den Thoren von Peking predigt es Humanität und Cultur, möge die Predigt auch in Bukarest gehört werden, möge die Aufregung auch für Rumänien gelten, und möge Europa einmal auch da ein Wort sprechen, ein Wort zum Heile unseres armen, bedrückten Volkes! Unsere Stellung im AnnimnsZ Von Egon Lederer. (Schluss.) Wir kehren nach unserem kurzen Nundgange durch die zionistischen Heerlager in das Hauptquartier, zum politische» Zionismus, zurück. Unsere Stellung innerhalb dieses politischen Zionismus erscheint schon durch die bisherige Ausführung präcisiert. t Wir wollen im Nahmen des palästinensischen Programmes eine kräftige, den localen Bedürfnissen angepasste Realpolitik. Diese Realpolitik ist ausschließlich Sache der Landesorganisationen und fällt nicht in die Competenz der zionistischen Centralstelle des Baseler Cvngresses und des Actions-Comites, die hier nur fördernd und belebend, nicht aber richtnnggebend einzugreifen haben. Wirtschaftliche Realpolitik ist für, beziehungsweise mit den nothleidenden Massen des Judenthnms zu betreiben; rein politische Organisationen sind überall dort ins Leben zu rufen, wo ein jüdisch-politischer Kampf nach den localen Verhältnissen Aussicht auf Erfolg hat. Den bürgerlichen Zionsvereinen ist die Unterstützung beziehungsweise Neugründung von jüdischenWohlthätigkeits- Vereinen dringend ans Herz zu legen. Neben dieser Realpolitik ist es Aufgabe aller organisierten und Nichtorganisierten Zionisten, den jüdischen Geist mit aller Kraft zu hegen und zu pflegen. Es muss eine gründliche Reformation des Religionsunterrichtes angestrebt und die Gründüng jüdischer Bildungsvereine gefördert werden. Wir gehen nun vom objectiven Zionismus auf den subjectiven über und wollen kurz das heutige Meuschenmaterial des Zionismus in seinen typischesten Erscheinungen behandeln. Wenn wir hier vielleicht allzu freimüthig und vffenherzig sprechen, so möge uns zugute gehalten werden, dass wir trotz unserer Kritik immer im Nahmen der Bewegung bleiben. Ja, die unumwundene Selbstkritik, die wir uns immer zur Pflicht machen, ist ein Beweis für die Reife und Widerstandskraft unserer Idee, die nicht erst durch einen Zaun unantastbarer Dogmen geschützt werden muss. Der Zionismus Westösterreichs wird heute fast ausschließlich durch Studenten und Bürgervereine vertreten, und diese Studenten und Vürgervereine haben allen Lebensäußerungen der zionistischen Idee ihren Stempel ausgeprägt. Dieser Umstand führte zu der allgemeinen Annahme, die hyperidealistische Form zionistischer Bethätiguug verweise die Bewegung in die Grenzen der jüdischen Bourgeoisie und verhindere ihren Uebergang in die wirtschaftlich kämpfenden Volksschichten. Erst durch Etablierung wirtschaftlich-zionistischer Organisationen von Seiten jüdischer Proletarier wurde die Haltlosigkeit dieser Annahme bewiesen. Es muss jedoch bei dieser Gelegenheit gesagt werden, dass in den Kreisen der zionistischen Bürgerschaft ein gewisses Unverständnis für die Bedeutung wirtschaftlicher Realpolitik lange Zeit geherrscht hat und theilweise noch herrscht, so dass sich die zionistischen Gewerkschaften erst aus eigener Kraft unter großen Schwierigkeiten durchsetzen mussten, ehe ihr Princip selbst *) Wir bringen das in mancher Hinsicht interessante Referat vom jüdischen Handlungsgehilfentage, ohne mit' demselben in allen Punkten einverstanden zu sein. Kohls Chochmes. Capriccio. Man wird es kaum glauben, wie lange man oft suchen muss, um Worte von so zweifelhaftem Werte zu finden, wie Kohls Chochmes. Als ich schreiben ivollte „Cultusvorstand...", da führte mir ein ironischer Druckfehlerteufel die Feder, und es stand vor meinen erstaunten Augen: „Cultusverftand .. ." Mein Gott — wenn das dem Setzer passierte, könnte es am Ende jemand für Ernst nehmen! Und ich strich die verhängnisvolle Ueberschrift mit dicken Strichen und unternahm für diese Zeilen einen neuen Titel. „Cultusgemeinde. . sollte das Wort heißen, und wie ich's anschaue, steht „Culturgemeinde .. ." da. Jetzt sah ich's. Der Druckfehlerteufel — im Grunde eine Pressbestie lute viele andere — war offenbar von den Herren da oben bestochen und ivollte mich zwingen, so zu schreiben, wie es seinen Auftraggebern genehm war ... Ich wurde schwach und gab schon nach. „Borstandsweisheit" schien mir vermitteld. Doch als ich den zweiten Theil des Wortes au den ersten fügen wollte, da sträubte sich mit aller Kraft der Bindestrich, eine so unnatürliche Verbindung herzustellen. Und dann musste ich auch wieder au den Druckfehlerteufel denken. Es ist ja kein Zweifel, dass er mit all den Druckzeichen in einem geheimen Einverständnisse lebt. Er ist der Tanzmeister, der sie ewig „Plätze wechseln!" heißt. Und sie verstehen sein Cvmmaudo! Wie wäre es sonst möglich, dass sie unsere schönsten Gedanken planmäßig verstümmeln? Und weil» ich dem Bindestrich Gewalt anthue, so verabredet er sich am Ende mit seinem Bruder, dem Fragezeichen, das sich daun breit mitten in das schöne Wort hinstellt und mich höhnt: „Vorstands? Weisheit". Dir muss ich also jüdisch kommen, verehrter Cnltnsvvrstaud, und schreibe: Kohls Chochmes. Wisst Ihr, was das heißt? Uebersetzen kann man's einmal nicht, das steht fest. Ich will durchaus nicht den „Chochmes" durch das „Kohl" eine fatale Nebenbedeutung geben! Aber es gibt eine Betonung des Wortes „Chochmes", die seinen Sinn in das Gegentheil verkehrt. So, als wollte einer sagen: „Kann mir gestohlen werden!" (Nota bene: Wer sie stiehlt, Kohls Chochmes, hat nicht einmal ein Verbrechen begangen. Höchstens eine Uebertretuug. Denn das Verbrechen des Diebstahles beginnt nach österreichischem Recht, wenn der Gegenstand einen Wert von 25 fl. hat. Und so hoch wird sie kein Schätzmeister veranschlagen.) So jetzt wisst Ihr, wie Ihr den Titel lesen sollt. * * * * „Kohl" ist männlich, „K'lülle" weiblich, „Kohl" ist der Herr im Hause und soll regieren. „Kohl" hat deshalb die Weisheit mit Löffeln gegessen. Jede halbe Stunde einen Esslöffel. Und selbst das scheint er nicht recht zu verdauen. Deshalb lässt sich auch die „K'hille" nichts vorschreiben vom „Kohl". Und wo die Frau die Hosen anhat, muss sie der Mann zuerst verloren haben. Und dass Kohl die Hosen verloren hatte, war ein besonderes Malheur: Denn es war ihm vorher das Herz in die Hosen gefallen. Das ist überall so! Oder hat vielleicht gar jemand geglaubt, dass da von Wien die Rede ist? Ja, wie konnten Sie nur auf den Gedanken kommen? Nein, ich dachte an Berlin. - Der Breslauer Verein „Graetz" wollte eine Versammlung veranstalten, in der gegegen die Kvnitzer Vorgänge protestiert werden sollte. Christliche Professoren standen an der Spitze der Bewegung, und der Berliner Theologie-Professor Strack sollte den Leuten laut die Stimme der Wahrheit und der Wissenschaft künden. Da kommt plötzlich durch den Breslauer Cultnsvorstand die Mahnung, man solle doch von dem Beginnen lassen. Und der Grund: die Berliner Cultusgemeinde wünsche nicht, dass die Frage öffentlich besprochen werde. Wollte jetzt jemand hinzufügen: „Wer's nicht glaubt, zahlt einen Thaler", so könnte der leicht ein reicher Mann werden. Denn es ist in der That kaum glaublich: Wohnhäuser werden demoliert und ein Tempel wird in Brand gesteckt — und man soll gefälligst nicht davon reden! Man soll doch kein Aufhebens von ein paar hundert bedrohten Menschenleben machen, die nur durch starrende Bajonnette und aufgepflanzte Kanonen vor den liebenswürdigen Handgreiflichkeiten und blutigen Schmeicheleien einer mit Heugabeln und Dreschflegeln reichlich ausgestatteten Mente bewahrt werden können, welche ihr christliches Gefühl dadurch bethätigen möchte, dass sie ein Vaterunser für ihre jüdischen Nachbarn — an deren Grabe betete. Am liebsten würden die Herren vielleicht über die Leiden ihrer armen Stammesgenossen den Schleier des Amtsgeheimnisses breiten und die Kvnitzer Unruhen — einer Commission znweisen. Mit Pflastersteinen haben ostprenßische Bauern den Juden ihre Meinung ad oculos demonstriert, aber der Berliner Cultusvorstand weiß ein gutes Hausmittel gegen blutige Köpfe — den Jnstanzenzug. Der Jnstanzenzug ist der Zug seines Herzens. Und das Mittel ist probat: wenn der einmal zu Ende ist, sind die Wunden geheilt. Oder der Patient ist gestorben und ruht sanft im Archiv. Möge ihm der Actenstanb leicht sein! Wer wird denn über Jndennoth reden lassen?! Diese jungen Leute haben am Ende gar in dem Lebenswerke des Mannes gelesen, dessen Namen ihre Vereinigung trägt. Und haben auf traurigen Blättern jüdischer Geschichte viel von jüdischen Wunden und jüdischen Qualen gefunden. Die Herren in Berlin aber haben den Graetz nicht gelesen. Und ihr Judenthnm macht ihnen einzig und allein die Sorge, dass sie es nicht schnell genug los werden können . . . Das Herz in den Hosen! Und die Hosen verloren! Kohls Chochmes! Der S t a n i s l a u e r Cultusvorstand hat den Bezirkshanptlnann gebeten, er möge den durchreisenden rumänischen Answanderern nicht erlauben, den Eisenbahnzug

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