Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 15. Juni 1900 Nr. 24 zur Aufgabe gemacht haben, das Land zu Fuß zu verlassen. Ihr Plan ging dahin, zu Fuß bis Hamburg zu marschieren, um von dort aus mittelst Schiffes nach Amerika auszuwandern. Der Verein zählte bei der Gründung genau 100 Mitglieder, die je 20 Francs zur Vereinseaffa zahlten. Sie waren auch gehörig organisiert, indem sie einen Präses, einen Seeretär und einen Cassier besaßen. Und nun schritten sie (im buchstäblichen Sinne des Wortes) zur Ausführung .ihres Planes. Während ihrer Wanderung durch Rumänien schlossen sich ihnen noch weitere 18 Männer an, so dass die Emigrantentruppe nun 118 Mitglieder zählte. In dieser Stärke langten sie am 27. v. M. an der öfter« reischen Grenze bei S ereth an. Sie wurden von den Behörden unbehelltgt gelassen und kamen anstandslos bis nach Czernow i tz. Hier gab man ihnen jedoch zu verstehen, dass es sich nicht schicke, durch kleine galizische Städte und Dörfer zu Fuß zu marschieren, und man löste ihnen Karten zur Eisenbahnfahrt bis nach K o l o m e a. In dieser Weise fuhren sie von Stadt zu Stadt, bis sie am 8. d. M. bei O s w i e c z i m den österreichischen Boden verlassen haben, um direct nach Hamburg zu fahren, j In sämmtlichen Ortschaften, die sie auf ihrer Wanderung passiert haben, wurden sie mit warmer brüderlicher Gastfreundschaft empfangen. Sie wurden überall mit Kost und Logis versorgt, und in den meisten Gemeinden wurden auch Collecten veranstaltet, um ihnen die nöthigen Spesen zur eventuellen Weiterfahrt zu verschaffen. Hierin hat bloß eine einzige Stadt eine Ausnahme gemacht, nämlich die Stadt S t a n i s l a u. Der Vorstand der jüdischen CultuSgemeinde dieser Stadt selbst wandte sich an die Behörde mit dem Ersuchen, „die Bettler aus Rumänien" am Verlassen des Eisenbahnzuges zu verhindern, um ihren Einzug in die Stadt hintanzuhalten. Und so geschah es auch. Als nämlich der Zug, der die Emigranten führte, in Stanislau eintraf, standen dortselbst bereits sechs Gendarmen und zehn Polizisten, die den Emigranten verboten, selbst auch nur auf den Perron zu kommen. — Und so mussten die wandernden Brüder weiterziehen. — Die Nachricht von dem, gelinde gesagt, seltsamen Vorgehen des Cultusvorstandes hat sich noch am selben Tage in Stanislau wie ein Lauffeuer verbreitet und hat bei den dortigen Glaubensgenossen allgemeine Erbitterung heroorgerufen. Es kam zu stürmischen Demonstrationen gegen die Cultusvorfteher. Einigen wurden sogar die Fenster eingeschlagen. Sie wurden „Dennncianten" geschimpft, und in einer einberufenen Volksversammlung wurde den Vorstehern die entschiedenste Missbilligung wegen ihres Vorgehens ausgesprochen und gleichzeitig der Wunsch nach Neuwahlen geäußert. Die Idee selbst, zu Fuß aus Rumänien auszuwandern, hat dortselbst allgemein Anklang gefunden. Wie man uns nämlich aus Rumänien mittheilt, haben sich bis heute bereits zwanzig solcher Vereine, die je 100 bis 500 Mitglieder zählen, in verschiedenen Städten Rumäniens gebildet. Dieser Umstand verursacht zwar einige Aufregung im Lande, aber die triste Lage der Juden in Rumänien zwingt diese, solche Mittel anzuwenden. Ausland. München. (Verein jüdischerStudenten.) Das in unserer Jugend neuerwachte Nationalgefühl, der Kampf für unser Volksthum hat nun auch in München jüdische Studenten zur Organisation und Vereinigung zusammengeführt. Donnerstag den 31. Mai feierte der neugegründete „Verein jüdischer Studenten in München" unter lebhafter Betheiligung der jüdischen Finkenschaft im Kaimsaale seinen Gründungscommers. Unter den Anwesenden bemerkte man nebst Vertretern der Brudervereine in Berlin und Breslau Vertreter der Cultusgemeinde München: aus Wien waren Delegierte der jüdisch-akademischen Verbindung „U n i t a s" erschienen. Nachdem der Zweitchargierte stuck. Friedländer mit herzlichen Worten die Gäste begrüßt und besonders betont hatte, wie sehr ein Zusammenwirken aller jüdischen Studentenvereine noththue, ergriff der Präses des Vereines stuck, insck. Julius Citron das Wort zur Tendenzrede. In formvollendeter, wiederholt von Beifall unterbrochener Rede setzte er die Ziele des Vereines auseinander. Derselbe wolle in den jüdischen Studenten das Nationalbewusstsein heben durch Pflege jüdischer Geschichte und Literatur, er wolle seine Mitglieder zu gesinnungstüchtigen und treuen Söhnen des jüdischen Volkes machen. Im Namen der jüdischen Bürgerschaft Münchens begrüßte Rabbiner Dr. Werner in warmen Worten die Gründung des neuen Vereines und versprach, demselben in seinen Bestrebungen volle Unterstützung angedeihen zu lassen. Der Delegierte der Verbindung „Unitas" Nied. I. Wolf überbrachte den Münchener jüdischen Commilitonen die Grüße ihrer Wiener Stammesgenossen une wünschte dem Brudervereine ein kräftiges Gedeihen. Nachdem noch Delegierter ennck. phil. Fischer (Wien) unter lebhaftem Beifall über Zionismus' gesprochen hatte, schloss der osficielle Theil des Commerses. Diesem folgte eine gemüthliche Exkneipe, welche die Theilnehmer bis über Mitternacht vereinigte. Im Interesse der Organisation unserer gesummten jüdisch-nationalen Studentenschaft ist der neue Verein auf das herzlichste zu begrüßen und wir wollen dem Wunsche Ausdruck geben, es mögen sich den nun in vier Städten Deutschlands : Berlin, Leipzig, Breslau und München bestehenden „Vereinigungen jüdischer Studenten" bald solche in anderen Städten anschließen. Königshütte. (Das Ritualmord-Gespenst in O b e r s chl e s i e n.) Eiue aufregende Scene spielte sich am Dienstag Nachmittag auf der Bergfreiheitstraße ab. Ein polnischer Jude passierte in der fünften Stunde, sein etwa 5 Jahr altes Töchterchen an der Hand führend, die genauute Straße, um sich zum Professor Dr. Wagner zu begeben, da das kleine Mädchen an einem Beinschaden litt. Eine dem Arbeiterstande angehörende Frauensperson verbreitete das Gerücht, der Geschäftsmann sei ein Entführer und habe das Kind gerailbt. Kaum hatte sich der Mann umgesehen, als über 100 Personen über den Bedauernswerten herfielen. Männer und Weiber versuchten demselben das Kind zu entreißen und schlugen auf ihn mit Stöcken und Fäusten, so dass derselbe halb ermattend die Leute um Schonung bat, indem er erklärte, dass daS Kind das seinige sei. Auch das kleine Mädchen bezeugte dies in russischer Sprache. Aber trotzdem setzte die Menge ihre Misshandlung weiter fort, und erst dann erreichte das Schauspiel sein Ende, als die Polizei erschien und den Bedauernswerten aus seiner gefährlichen Lage befreite. Vater und Kind erhielten mehrfache Verletzungen. Mehrere der Betheiligten an der Misshandlung sind zur Anzeige gebracht worden. Bütow i. P (Judenexcesse) Ein bedeutender Krawall fand letzter Tage in Bütow i. P. statt. Gegen 9 Uhr sammelten sich große Menschenmassen auf dem Markt und in der Langen Straße an, und bald begann ein Steinbömbardement auf die Geschäfte von Einwohnern jüdischer Confession, die größtentheils schon ihre Läden vorher geschlossen hatten. Bei vielen Juden wurden die Scheiben mit großen Feldsteinen eingeworfen. Die Synagoge soll vollständig demoliert sein. Auf Anordnung des Bürgermeisters mussten bald alle Geschäfte geschlossen werden. Erst gegen 11 Uhr trat wieder Ruhe ein. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. Die „Ostsee-Zeitung" berichtet noch darüber: „Der angerichtete Schaden bei dem gestrigen Krawall in Bütow, über den wir bereits berichtet haben, dürfte sich leider doch noch höher stellen, als man in der Nacht beurtheilen konnte. Die Synagoge sieht schrecklich aus, etwa sechzigScheiben sind zertrü mmert, sogar Fensterkreuze, doch soll der neue Gas-Kronleuchter unbeschädigt sein. Menschen sind durch die Steine nicht verletzt worden. Der Herr Bürgermeister beschwichtigte persönlich fortwährend die aufgeregten Massen; dieses hals mehr, als wenn man Gewalt angewendet Hütte. Die Gendarmen giengen energisch vor und es wurden insgesammt 8 Verhaftungen vorgenommen. Noch gegen 12 Uhr traf der Nachtwächter drei Personen, die Scheiben einwarfen, und brachte dieselben zur Anzeige. Bedauert wurde allseits, dass die Straßen in vollständiges Dunkel gehüllt waren, weil die Gaslampen im Sommer nicht brennen! — Morgens bedeckten das Trottoir überall Glasscherben. — Die Polizeiverwaltung ließ ausklingeln, dass von 8 Uhr ab alle Schankstätten, deren es in Bütow über 30 gibt, geschlossen werden müssen; auch wurden die Meister aufgefordert, ihre Leute, und die Herrschaften, ihre Mädchen zuhause zu behalten. Herford, Westfalen. (Vortrag.) Am zweiten Tage des Wochenfestes hielt über Einladung des hiesigen Vereines „B'ne Zion" der bekannte österreichische Gelehrte Doctor I S. K u l k a einen Vortrag über Josephus Flavins. Der Vortragende verstand es, durch seine geistvolle Rede die Hörer zwei Stunden lang zu fesseln. Rauschender Beifall folgte seinen Ausführungen, und allgemein wurde der Wunsch laut, den greisen Gelehrten bald wieder begrüßen zu können. Paris. (P a l ä ftfjt-a auf der Weltausstellung.) Im oberen Stockwerke Ses türkischen Baues öffnet sich uns ein sehrsehenswerthesPanorama von Jerusalem; eigentlich eine sinnreiche Vereinigung von Panorama und Nachbildung. Der Besucher wandelt selbst durch die engen, winkeligen Straßen der Heiligen Stadt mit ihren geheimnisvoll verschlossenen hohen Häusern, hinter deren Muscharabiehs farbige Gläser von innen erhellt werden. Er kommt an der Klagemauer vorbei, dem Neste des von Titus zerstörten Tempels, wo fromme Juden jeden Freitag den Untergang des Staates und die Zerstreuung ihres Volkes beweinen, und gelangt zuletzt auf einen Platz, wo er einen Ueberblick über ganz Jerusalem mit der Grabeskirche, dem Oelberg, der großen Moschee, der Straße nach Bethlehem gewinnt. Das Bild in Abendbeleuchtung ist packend. Man hat Mühe, sich davon loszureißen. In unmittelbarer Nähe von Jerusalem, wie sich's gebürt, stellen die jüdischen Colonien von Palästina ihre Erzeugnisse aus. Den Hauptplatz nimmt hier die Siedelung Rifchon le Zion ein, die bloß Wein- und Obstbau treibt. Man kostet süße und herbe Weiß- und Rothweine, diedenkö st lich st en Gewächsen von Bordeaux und Jerez nichts nachgeben, und Cognac, von dem glaubwürdig bezeugt ist, dass er bloß aus Traubensaft hergestellt wird, nicht aus Rüben- oder Kartoffelschnaps und gebranntem Zucker, wie der meiste marktgängige Franzbrantwein, auch wenn er die echtesten Marken trägt. An eingemachten Früchten konnten wir nur die Angen letzen. Die zum Kosten bestimmten Vorräthe, bei denen auch der Gaumen seine Rechnung finden soll, sind noch nicht eingetroffen. Petersburg. (Rabbiner - V e r s a m m l u n g.) Wie schon vor einiger Zeit gemeldet worden, beabsichtigen die russischen Rabbiner zu einem Congress zusammenzutreten, als dessen Vorsitzender der Oberrabbiner von Cherson, Dr. M. Kreps, fungieren soll. Eine Vorversammlung soll demnächst in Nikolajeff stattfinden. Da nur Gouvernements- und sonstige Rabbiner zu den Berathungen zugelassen werden sollen, hat Dr. Kreps den Rabbinern folgenden Fragebogen gestellt: 1. Sollen zum Nabbiner-Congress sämmtliche Rabbiner eingeladen werden oder soll jedes Gouvernement nur einen in einer Gournements- Versammlung zu wählenden Rabbiner entsenden? 2. Ist es erwünscht, dass Districtsversammlungen abgehalten werden, um von Zeit zu Zeit die den District betreffenden jüdischen Angelegenheiten zu berathen? 3. Welche Tagesordnung ist für den Congress festzusetzen? 4. Welche sind die Fragen, die der versammelten Geistlichkeit vorzulegen sind in Berücksichtigung der Thatsache, dass in der Religionsabtheilung des Ministeriums bereits eine Rabbiner-Commission vorhanden ist? — Alle auf diese Fragen eingehenden Antworten sollen dem Minister des Innern unterbreitet werden. Petersburg. (Russischer A n t i s e m i t i s m u s.) In Russland werden jüdische Advocaten nur bei den sogenannten „Friedensgerichten" als Vertreter zugelassen; es ist dies die erste, bezw. niedrigste richterliche Instanz; und es handelt sich dort um Bagatellen bis zur Höhe von 300 Rubeln, sowie Bagatell-Strafsachen, die mit kleinen Arrestfirasen geahndet werden. Man kann I diese Friedensgerichte höchstens mit den hiesigen Bezirksgerichten! vergleichen. Alle Rechtssachen über 300 Rubel, sowie Strafsachen j von Bedeutung, bei denen es sich um mehrmonatliche Freiheitsstrafen oder Kerker handelt, müffen vor das Kreis- (bezw. Schwur-) geeicht, und von dieser Instanz angefangen ist jüdischen Advocaten eine Vertretung absolut nicht gestattet. Tomsk (Russland). 52 jüdische Familien des Diftrictes Elisabetgrad sind um die Erlaubnis eingekommen, sich als Landwirte in Tomsk (Sibirien) niederlassen zu dürfen. Brüssel. (Jüdische Deputierte.) Bei den letzten Wahlen sind der frühere Deputierte Montefiore-Leor in Löwen und S. Wiener in Brüssel in den Senat gewählt worden. New-Uork. (Einwanderungs-Statistik.) Die letzte Statistik weist noch eine Einwanderung von 37.415 Juden, und zwar 21.153 Männer und 16.262 Frauen aus. Hiervon entfallen: aus Russland 24.275, aus O e st e r r e i ch- Ungarn 11.071, aus Rumänien 1343, aus Deutschland 405, aus England 174, ans der Türkei 81. Die Rückschlüsse aus diesen Zahlen auf das Verhalten der einzelnen Sauber den Juden gegenüber sind nicht uninteressant. San Francisco. (Aus der Leibeigenschaft l o s g e k a u f t.) Der Rabbiner Rev. L e v y hat bei seiner Reise auf Hawai in der Hauptstadt Honolulu einen Inden aus Böhmen namens Jacob T e p p e r und 24 Christen aus Galizien aus der Leibeigenschaft losgekauft. Diese Leute wurden mit zahlreichen anderen von. gewissenlosen Agenten, welche den Unglücklichen gegen ein kleines Entgelt ausgedehnte Ländereien in Aussicht stellten, nach Hawai gelockt. Als sie nun dort ankamen, wurden sie zwangsweise zu eimgen Farmern gebracht und zu schwerer Feldarbeit angehalten, ohne dass ihnen die mindeste Entlohnung geboten worden wäre. Dem Juden T e p p e r gelang es jedoch, mit 24 christlichen Leidensgenossen nach Honolulu zu entkommen. Die Farmer setzten ihnen mit Jagdhunden nach, und obwohl sie die Entsprungenen nicht erreichen konnten, wären diese ihren „Herren" wieder auegeliefert worden, da man den Unglücklichen einen schriftlichen „Vertrag" erpresst hatte, der sie direct zu Leibeigenen der Farmer machte. Glücklicherweise erfuhr der durchreisende Rev. L e v i von der Sache, und durch Beihilfe einiger Menschenfreunde gelang es ihm, Die Leute mit einer hohen Geldsumme loszukaufen. Die IndrnÄUSivanderung aus Rumänien. Bukarest. (Amtliche Förderung der Judenausw ander unge n.) Wir haben vor einigen Tagen gemeldet, dass der Polizeipräsect General Algin versprochen hat, einer Gruppe von 60 Israeliten, die von Bukarest zu Fuß nach Hamburg wandern und sich dort für Amerika einschiffen wollen, freie Eisenbahnfahrt bis zur Grenze zu verschaffen. Diese Meldung wird jetzt durch die halbofficiöse „Roumanie" bestätigt. Das genannte Blatt schreibt: „Eine Gruppe Israeliten, die den Beschluss gefasst haben, nach Amerika auszuwandern und den Weg von Bukarest nach Hamburg zurückzulegen, hat den Polizeipräfecten General Algiu um die Ermächtigung ersucht, in Bukarest eine Gelegenheitszeitung mit dem Titel „Emigrantzi" verkaufen zu dürfen. Die nachgesuchte Ermächtigung wurde ihnen ertheilt und hat ihnen der General Algiu bekanntgegeben, dass er Billette zur freien Eisenbahnfahrt bis zur Grenze ju ihrer Verfügung stelle." — Vorgestern abends sind von Galatz 32 Israeliten mit einem Dampfer der österr.-ungar. Donau-Dampsschiffahrts-Geseüschaft nach Wien abgereist, um sich von dort nach Antwerpen zu begeben und sich da für die Vereinigten Staaten einzuschiffen. 21 der jüdischen Auswanderer wollen sich nach Newyork und die anderen nach Philadelphia begeben. Czernowitz. Am Dienstag den 20. v. M. trafen in Czernowitz 111 rumänische Juden, darunter etwa 40 Familienväter, aus Verlad über Sereth zu Fuß kommend ein. Und diese Juden — es find dies durchwegs kräftige Handwerker verschiedenster Kategorien — mussten, da ihnen jeder Erwerbsquell genommen ist, ihr Vaterland, ihren Geburtsort, ja sogar ihr Theuerstes — ich meine ihre Familie — verlassen. Und wer weiß, ob sie diese re Wiedersehen werden. Wie ich nun diese Juden betrachtete, da stieg in mir unwillkürlich die Erinnerung an jene unglücklichen Tage in Russland auf, wo so vielen Familien geliebte Kinder im zartesten Alter entführt>wurden, um sie ihrer Religion, ihren Eltern, ihrer Nation zu entfremden — fast für immer entführt wurden. Und ist es nicht im großen und ganzen dasselbe, nur mit dem Unterschiede, dass dort die Kinder den Eltern, hier aber die Väter, die Brotgeber der Familie, dieser entrissen werden. Dieser Unterschied aber ist ein schwerwiegender, fast möchte ich sagen ein himmelweiter. Damals konnten sich die Eltern noch trösten und sich der Hoffnung hingeben, dass sie doch einst die Kinder sehen werden, und die Zeit, die Heilkraft aller Uebel, machte bald die Erinnerungen schwinden und vergessen; hier aber, wer kann diese in Noth und Elend zurückgebliebenen Familien trösten, ihnen Aussicht auf bessere Tage stellen, oder ihnen überhaupt den nöthigen Unterhalt jetzt geben? Diese 111 Juden nun beschlossen, da ihnen das nöthige Geld zur Reise fehlt, den Weg bis nach Hamburg zu Fuß zurückzulegen. Und so ziehen sie von Stadt zu Stadt, rasten in jeder ein oder zwei Tage und setzen dann unermüdlich den Weg fort. Man möchte glauben, von diesen Unglücklichen, die durch einen unerbittlichen Schickfalsspruch getroffen sind, oft Jammertöne, Ausbrüche des Schmerzes und der Verzweiflung, Verwünschungen ihres jammervollen Lebens zu vernehmen. Nichts von alldem. Wieder zeigt sich die starke Mische Ausdauer, die jüdische Zähigkeit tritt hier deutlich zutage. Und wie mir einerseits das Elend dieser Unglücklichen zu Herzen stieg und ich mich beim Anblicke derselben der Thränen nicht enthalten konnte, so empfand ich es andererseits mit Genugthnung, ja, ich möchte fast sagen, es gereichte mir zur größten Freude, als ich diese kräftigen, arbeitsfähigen Männer sah, auf die wir wahrlich stolz sem können. Bei ihrer Ankunft in Czernowitz wurden sie von unsere»» Glaubensgenossen, dein allverehrten Reichsraths-Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r in den geräumigen Bauyandwerkersaal geführt, wo sie mit Speise und Trank gestärkt wurden. Dr. S t r a u ch er im Vereine mit anderen hochangesehenen Glaubensgenossen veranstaltete sofort eine Collecte, die eine beträchtliche Summe ergab. Die Israelitische Allianz in Wien sandte 1000 Kronen. Am Donnerstag, d. i. am 31. v. M., verließen sie unsere Stadt und begaben sich nach Kvlomea.