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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. Juni 1900 Nr. 24 Zionismus vor Erreichung seines Zieles vollständig proletarisiert und seinem Volkscharakter entfremdet werde. Die zionistische Partei, die ja nicht nur nach ihrer Tendenz, sondern auch in allen ihren Lebensäußerungen den jüdischen Volkswillen zum Ausdrucke bringen soll, Muss allen Bedürfnissen des »Judenthums auf der Wanderung" gerecht werden. Sie darf es nicht zulassen, dass von einer Arbeitstheilung unter den Juden des palästinensischen und denen des Gegenwartsprogrammes gesprochen, dass eine »reinlicheScheidung" dieser sogenannten Gruppen beantragt werde. Das Judenthum, das sich wiedergefunden hat, darf sich in lebensfremdem, falsch aufgefasstem Idealismus nicht wieder verlieren. Dieser Gedankengang ist es, der uns die bisherige einseitige Organisationsform des Zionismus tadeln lässt. Die Masse der jüdischen Proletarier, vom Bettler bis zum Kleinkaufmann und Gewerbetreibenden, muss wirtschaftlich gekräftigt und vor partiellen oder totalen Katastrophen bewahrt werden. Wir haben es nicht nöthig, aus dem marxistischen Dogmenschatze eine variierte »Verelendungstheorie" hervorzuholen und, auf sie gestützt, zu erklären, dass unsere Bemühungen den Proletarisierungsprocess doch nicht aufhalten werden. Wenn es uns nur gelingt, diesen Process zu einer gewissen Stagnation zu bringen, so haben wir bereits die Möglichkeit geschaffen, dass die Masse unseres Proletariates dem erfüllten Zionismus erhalten bleibe — ein Ziel, das sich doch in erster Linie die zionistische Partei stecken sollte. Die zionistische Partei hat daher nach unserer Meinung die Pflicht, dem jüdischen Volke bei Etablierung wirtschaftlicher Organisationen behilflich zu sein und sich dadurch mit ihren elenden Volksgenossen zu identificieren. Sind wir uns dieser Pflicht bewusst geworden, dann fällt uns durch nothwendige Jdeenverhinderung sofort ein weiterer Fehler in der bisherigen zionistischen Praxis auf. Die zionistische Bourgeoisie hat sich von den jüdischen Wohlthätigkeits-Jnstituten zurückgezogen, weil sie Spenden und Geschenke für demoralisierend hält und davoll überzeugt ist, dass den jüdischen Armen nur mit Arbeitsgelegenheit gedient ist. Dieser Trugschluss ist sehr gefährlich, weil er bequem ist und leicht aus der bona fides, der er heute entspringt, in die mala iicies geleitet werden könnte. Es ist wahr, endgilig kann dem jüdischen Proletariate nur durch die große Arbeitsgelegenheit des Zionismus geholfen werden, doch vor Erreichung dieses »endgiltig" gilt es noch lange zu marschieren, und da ist jedes Mittel, das geeignet ist, Judenleben zu retten, z i o n i st i s ch. Wir hoffen daher, dass sich die zionistische Bourgeoisie mit ihren rein ethisch-zionistischen Vereinen an jüdischen Wohlthätigkeits-Actionen energisch betheiligt und ihre principielle Opposition gegen dieselben aufgibt. Selbstverständlich muss nach wie vor der Behanptung entgegengetreten werden, dass Wohlthätigkeit alten Stils und Zionismus sich gegenseitig ausschließen. Wenn Zionisten heute wohlthätig sind, so sind sie es für ihre Volksgenossen, welche sie lieben und mit denen sie gemeinsame Ziele haben. Die bisher betriebene Wohlthätigkeit unterscheidet sich hiervon mehr in der Form als in der Sache, denn der wohlthätige Assimilant kaufte sich durch seine Spenden vom Judenthum los, das ihn in Ruhe zu lassen hatte, während der zionistische Wohlthäter mit seinen Gaben seinen unglücklicheren Brüdern näherzukommen hofft. Bei Besprechung der wirtschaftlich-praktischen Bethätigung des Zionismus müssen wir uns selbstverständlich auch mit jenem „praktischen Zionismus" beschäftigen, der nach Palästina gravitiert und daselbst Kleincolonisation betreibt. Diese Bestrebungen werden heute, wie z. B. in Russland, von den politischen Zionisten thatkräflig unterstützt, und es vollzieht sich in dem genannten Lande ein langsamer Verschmelzungsprocess zwischen Fleisch und die Haut, welche die Zerstreuten und Zersprengten Israels zu einem organischen Körper gestalten wollen. Allein, auch wir rufen mit dem Propheten Ezechiel: Doch Geist ist nicht in ihnen! Der wahrhaft jüdische Geist, die einzige Lebensseele dieses Volkes ist in ihnen nicht. Jenem jüdischen Geiste, dem das Ideale das Höchste ist, der uns so mächtig bewegt, dass er nur zu selbstlosen, opferfreudigen Thaten drängt, diesen Geist vermissen wir .m heutigen Israel trotz aller Einheit, die es gewonnen hat. Woher sollten wir aber auch jenen jüdischen Geist, der allein nur Existenzberechtigung gibt, schöpfen, da wir den Jungbrunnen, aus welchem er strömen könnte, unsere Religionsurkunden, unsere Literatur unter uns verfallen lassen. Die künstlich oder durch das antisemitische »Geräusch" erzeugte Begeisterung wird sich, wenn die sie erzeugenden Ursachen geschwunden sind, verflüchtigen, aus dem unversiegbaren Born der Literatur aber strömt sie ununterbrochen fort. Der Acker ist gepflügt, der Boden erweicht, die Ernte könnte groß sein, allein, es werden nicht die Saatkörner der wahren jüdischen Geister in die Herzen gesenkt. Ueberall gährt es, Widerwillen erfüllt die Herzen gegen alles Bisherige und Sehnsucht nach Neuem, in mächtigem Wellenschläge zieht der Strom des geweckten jüdischen Selbstbewusstseins durch das Herz unserer Völker, allein, es fehlt nur ein Esra, der aller Begeisterung und allem Opfermuth die Richtung geben, der mit dem Propheten Ezechiel unserem Geiste zurufen möchte: Von vier Seiten komme, o Geist, und hauche in diese Erschlagenen, dass sie aufleben! Die Heimkehr des jüdischen Geistes thut uns noth. Auf allen Gebieten haben wir Großes geleistet, nur unser ureigenes, unsere Literatur lassen wir brach liegen. Alles Schöne und Herrliche auf dem Gebiete der allgemeinen Wissenschaft strömt unserer Jugend ununterbrochen zu, die Quellen aber, aus welchen sie die hohe Idealität des Judenthums und die weltgeschichtliche Mission des jüdischen Volkes schöpfen könnten, sind mit Schutt und Gerölle verdeckt! Von echt jüdischem Geiste beseelt, würde auch das heutige Israel als ein mächtige; Geistesheer dastehen. Die tiefere Kenntnis unserer Literatur gibt uns edles Selbstbewusstsein, Begeisterung und Opfermuth, sie ist aber auch die unversiegbare Quelle der unerreicht dastehenden Gesittung den sogenannten praktischen und den politischen Zionistengruppen. Die politischen Zionistkn hätten nach kvie vor die öffentlich rechtlich gesicherte Hekmstätte für die einzige Lösung der Fudenfrage, doch*'sehen stk in einer momentanen Kleincolonisation keinen Widerspruch zu diesem Programme, ja im Gegentheile, sie glauben, dass der politische Zionismus seinem Ziele näherkomme, je mehr Juden in Palästina leben, und je selbständiger die Colvnien werden. —-- Wir gehen nun auf die idealen Bestrebungen des Judenthums über, auf jene Imponderabilien durch deren Vernachlässigung schon oft die kühnsten Conceptionen nüchterner Realpolitiker durchkreuzt wurden. Wir haben bereits früher die Bemerkung fallen lassen, dass der Entnationaltsierungs-Process im westeuropäischen Judenthum trotz Zionismus Fortschritte machen könnte, wenn der Begriff des Nationalismus weiterhin so leichtfertig und schablonenhaft wie bisher aufgepasst werden sollte. Durch die von der zionistischen Partei als solcher bisher geübte Gleichgiltigkeit gegenüber weitgreifenden nationalen und culturellen Forderungen, durch Unterlassung der so nothwendigen Klärung verworrener Polemiken wurde es möglich, dass heute von Cultur- und von religiösen Zionisten gesprochen werden kann. Die Cultur-Zionisten sind mit ihren jüdisch-culturellen Forderungen nur dort berechtigt, wo der Begriff der jüdischen Cultur nicht schon an und für sich eine Anomalie ist. Gleich jeder anderen nationalen Cultur kann auch die jüdische nur aus dem Seelen- und Gedankenleben eines territorial abgegrenzten Volksganzen emporblühen, als die schönste Blüte nationaler Entwicklung. Ein Volk, das, in alle Richtungen der Windrose zerstreut, unter den verschiedensten Klimaten und Lebensverhältnissen sich entwickelt, kann vor seiner territorialen Zusammenfassung zu keiner einheit ichen Cultur gelangen. Die nationale Cultur des jüdischen Volkes beschränkt sich daher für die ganze Zeit der Diaspora auf die Massen des Ostens, deren Gemäths- und Geistesleben sich von Generation zu Generation vertieft und typisch ausgestaltet. Die westlichen Juden, welche durch das Bedürfnis und das Streben nach einer Renaissance des Judenthums zu Nationaljuden geworden sind, müssen sich darauf beschränken, durch nationale Erziehung der Jugend der jüdischen Cultur vorzuarbeiten. Wenn auch das bloße Studium der Literatur und Geschichte unseres Volkes keine jüdische Cultur in Westeuropa Hervorbringen kann, so ist es doch die selbstverständlichste Pflicht aller, die auf das Attribut »Jüdisch - national" Anspruch erheben, dafür zu sorgen, dass der jüdische Geist wieder auflebt in der kommenden Generation, die bereits als unmittelbares Object des Zionismus zu betrachten ist. Wer jedoch heute von den westeuropäischen Juden, die mitten im aufreibenden hastigen Existenzkämpfe, im Banne einer andersnationalen Cultur stehen, mehr als die Vorbereitung auf die Nationalcultur verlangt, wer in seiner Kurzsichtigkeit und terroristischen Dogmatik den westeuropäischen Volksgenossen Judenthum und Zionismus absprechen will, der hat eben keine Emfindung für das Werdende, der will das Ziel einer langen Entwicklung schon bei ihrem! Beginne erreicht sehen; doch die Zeit wird diese logischen Fehler bald überwinden und der Begriff Cultur-Zionismus wird als individueller Begriff keine Existenzberechtigung mehr besitzen. Dem Culturzionismus verwandt ist der religiöse Zionismus, der mit seinen Forderungen ebenfalls weit über das Ziel hinausschießt. Die jüdische Religion ist als bedeutendste Emanation des jüdischen Geistes das theuerste Palladium unseres Volkes. Doch ist wohl zu unterscheiden zwischen dem geistigen Gehalte der Religion und ihrem Formalismus der Confession. Der Geist der jüdischen Religion steht heute in keinem Widerspruche mit Wissenschaft und Philosophie. Im Gegentheil, der Monismus, die genetische Weltanschauung der Moderne sind bereits unseres Volkes. Welche Gefühle müssten die ewigen Verfolgungen, denen sie von Seiten der Völker ausgesetzt sind, in unseren Herzen wecken? Im natürlichen Wege die Gefühle des Hasses und der Verachtung gegen die uns grundlose verfolgende Menschheit. Vielleicht ist auch darin der Grund für die Verkennung zu finden, die uns noch immer trifft. Die Völker überschauen die Fülle unsäglicher Leiden, die sie uns zugefügt haben, und folgern dann psychologisch ganz richtig, dass wir sie nach alldem unmöglich lieben können. Und in der That ist die unerschütterliche Liebe zur Menschheit, die Israel, trotz aller traurigen Erfahrungen, die es mit den Völkern gemacht, selbst in den düstersten Zeiten sich bewahrt hat, das größte Wunder in der wunderreichen Geschichte dieses Volkes. Jahrhunderte hindurch sperrte mau uns in enge Ghetti, raubte uns alle Menschenrechte, vergällte uns alle Lebensfreude, hemmte die allseitige Ausbildung unserer Geistesanlagen und Verwertung unserer Geisteskräfte, überhäufte uns mit Hohn und Spott und tödtete unsere Kinder in unmenschlicher Weise. Und für all diese Leiden hatten wir nur ein inbrünstiges Gebet zum himmlischen Vater für die Erleuchtung und Veredelung der Verblendeten, die wir nie gehasst, sondern bloß wegen ihrer tiefen sittlichen Entartung von tiefster Seele bedauert haben. Dieses Wunder der jüdischen Nächstenliebe dem rohen nnd grausamen Feinde gegenüber vollbrachte unsere Literatur. Ihrem veredelnden Einflüsse verdankten wir jene hohe Gesittung, die sich stets bewährte, jene sittliche Kraft, die uns befähigte, unter allen Umständen den Völkern in der Bethätigung der Nächstenliebe voranzuleuchten. Hierin ist auch die Erklärung für die höchst auffallende Erscheinung zu finden, dass Shakespeare, der die Juden kaum kannte, in Shylock ein solch unwahres Charakterbild vom Juden entwerfen konnte. Shakespeare hörte von den Leiden der Juden, und er fragte sich, wie müsse der Charakter eines Volkes geartet sein, das Jahrhunderte hindurch verfolgt wird. Es müsse unbedingt, glaubte er, vom tiefsten Menschenhasse erfüllt fein und mit Schadenfreude jede Gelegenhit ergreifen, um blutige Rache an seinen Feinden zu nehmen. Dass dies natürlich war, darin hatte Shakespeare recht; er irrte sich aber dennoch, weil ihm die wunderbar veredelnde Kraft der jüdischen Literatur, unter deren Einfluss Israel stand, unbekannt in der jüdischen Geschichtsreligion symbolistisch niedergelegt. Die Tendenz der jüdischen Religion, das unablässige Streben nach der Erkenntnis Gottes, schließt die wissenschaftliche Forschung nicht aus. sondern begründet sie. Die jüdische Religion muss alS gewaltigstes Denkmal weitauSschauender jüdischer Geisteskraft jedem Juden heilig sein. Anders verhält es sich mit den confeffionellen Formen der jüdischen Religion, welche zwar als bewährte Präventivmittel gegen die Assimilation zu respectieren sind, deren Aufrechthaltung jedoch nicht wesentlich ist für den Bestand der Religion selbst. Der religiöse Zionismus begeht hier nun den schweren Fehler, seine Orthodoxie mit der Religion als solcher zu identificieren und, gedeckt durch die hierdurch entstandene Begriffsverwirrung, unbillige Forderungen zu stellen. Wir alle verurtheilen jenen flachköpfigen Rationalismus, der, influenziert durch die materialistische Geschichtsauffassung, alles verleugnet und verneint, was in das ideologische Gebiet hinübergreift; aber wir verurtheilen auch jenen uferlosen Orthodoxismus, der seinen Formenglauben allen aufdrängen will, denen nur der Inhalt, nicht aber das Gefäß heilig ist. Es ist sehr gefährlich, intolerant gegen solche zu sein, denen selbst das Recht zusteht, zu tolerieren. Mögen die religiösen Zionisten sich damit begnügen, dass wir alle die jüdische Religion, die uns mehr Geschichte als Dogmenlehre ist, Hochhalten, und möge sie es aufgeben, die confessionelle Bethätigung als conditio sine qua non aufzustellen. (Fortsetzung folgt.) Vom Tage. Der Konitzer Mord fährt nicht nur jäh in den Ruhetraum des schlafmützigen Micheljuden, der schweigende Verachtung für vorbehaltlose Gleichberechtigung nimmt, er entreißt auch jener Truppe judenschützende Worte, welche nicht gerne gelbe Farbe bekennt. Die »Arbeiter-Zeitung", angegähut von ihren leeren Spalten, die wochenlange die wirtschaftlichen Unthaten Luegers propagiert hatten, und genöthigt von der zeitlichen Ereignislosigkeit, entdeckt erst jetzt, dass Juden außerhalb der schwarz-gelben Pfähle seit Wochen in Habe und Leben bedroht und einer blutigen Schande beschuldigt werden. Sie empfindet diese Thatsache als entsetzlich und als demüthigend. Die Worte sind noch kaum ausgesprochen, und schon fürchtet sie, dass der »Jemand", den sie fürchtet, das „Deutsche Volksblatt", ihre Verjudung in alle Welt ausschreien könnte. Da muss natürlich gleich ein Riegel in Form des gewohnten Antise-Mittels vorgeschoben werden: »Man muss deshalb noch lange kein begeisterter Philosemit sein und in jedem »aufgeklärten" Börseaner vom Zuschnitte des Baron Hirsch ein Muster der Gattung „Mensch" sehen." Wir bedauern nur, dass diesen Worten nicht ein Bild des bekannten Harburger'schen Banquiers aus den „Fliegenden" folgte. Auch der minder subjective Leser wäre dann gleich hinter der Rede Sinn gekommen und hätte nicht erst unserer Aufklärung bedurft. * * * Das ist dasselbe Blatt, welches eine andere Gesinnung der Masse als die socialdemokratische als nicht existent betrachtet und in dem Ausfälle der Wiener Wahlen nur ein Product von Slimmschacherthum und Wahlmacherthum sieht. Es steht mit dieser Meinung nicht allein, auch die liberalen Blätter befinden sich zum größten Theile auf diesem Vogel Strauß-Niveau. In Regierungskreisen denkt man anders. Die preußisch-amtliche „Schlesische Zeitung", deren politische Mitarbeiter zumeist in den verschiedenen Ministerien zu suchen sind, beschäftigt sich an leitender Stelle mit den Ursachen des christlich-socialen Sieges und bemerkt, dass die einzig ruhige, richtige und aufrechte Haltung in war. Shakespeare schildert den Juden, wie er sich ohne Einfluss des Judenthums hätte entwickeln müssen, nicht aber wie er sich, dank diesem Einflüsse, in Wirklichkeit entwickelt hat. Das alte Ghetto ist wohl geschwunden, leben wir aber nicht in einem neuen Ghetto? Wäre cs nicht auch heute natürlich, wenn in uns Gefühle des Hasses und der Verachtung gegen unsere ewigen Bedrücker keimen möchten? In der Natürlichkeit der Entstehung dieser Gefühle liegt mehr Gefahr für uns als in der Bedrohung unserer irdischen Existenz durch den Antisemitismus. Wir würden dadurch unserer historischen Mission untreu werden und unsere Existenzberechtigung einbüßen. Damit dies nicht geschehe und wir auf der Höhe unserer Gesittung bleiben, bedürfen wir der Kenntnis unserer Literatur, die sich Jahrhunderte hindurch als unversiegbare Quelle edelster Gesittung bewährt hat. Unsere Zeit ist aber nicht bloß infolge der antisemitischen Strömung und des dadurch geweckten jüdischen Selbstbewusstseins besonders geeignet, Israel für seine idealen Güter zu begeistern; sie ist zugleich eine solche, die die Pflege unserer Literatur im Interesse des Fortbestandes des Judenthums als gebieterische Forderung erscheinen lässt. Die größte Gefahr droht dem Judenthum vom Zeitgeiste, von der »modernen Bildung" und »Wissenschaft". Die Erfahrung lehrt es, solange den Juden die Hallen der Wissenschaft und die Stätten der Bildung verschlossen waren, hiengen sie mit unerschütterlicher Liebe am Judenthum, an den ererbtern Gütern ihrer Väter. Da drang die Bildung in die jüdischen Häuser, wo sie eine liebevolle Pflegestätte fand. Denn zum Durste nach Wissen, der den Juden angeboren ist, gesellte sich noch der Reiz des Neuen, den die Bildung für die Kinder des Ghetto bot. Der Glanz des Neuen blendete aber gar bald die Augen der Juden. Der Zauber, den die Bildung verbreitete, nahm sie gefangen. Das Judenthum, das im Bewusstsein seiner Göttlichkeit und Wahrheit jeden äußeren Glanz entbehren zu können glaubte und darum in einfachem und bescheidenem Gewände auftrat, verlor immer mehr an Boden. Und bald entstand der verhängnisvolle Jrrthum, das Judenthum wäre gut genug für die mittelalterlichen Verhältnisse, nicht aber für die moderne Zeit. Das Judenthum hätte Leuchtkraft genug, um die dunklen Ghetto-

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