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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Lrdartion: VIII/1, Kchlötzrlgaffr 11. Sprechsttnide« r 0n Wochentagm von 10 biS 12 Uhr vormittags; an Sonntagm von 11 biS 12 Uhr vormittags. paSadttfle: Jüdisches vo»«blatt, Wie«, >1111. Brschwrrdr« wegen veMäteter oder gar nicht erfolgter Llchellung erbitten wir uns dringend. — Mlanufertdte werde« nicht zmmckgestrvt« Postfparcaflm-Eonto »47637. In das Wonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrommisston. Jvserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukeS, Haascnstein & Bögler, Rudolf Moffe, V. Oppelik, M. Pozsonhi, L. Schalek in Wien, ferner alle Vnnonccn-Expedittonen im BuSlande. Einzel-Nummer in Wie« I« Heller. Administration: VIII/1, Schlvstelgastv H. AbounementSpreiS: Für Wie« «. Oesterreich-Ungarn iammt Francozustellung. Ganzjährig . . Kr. 8.— vierteljährig." 2.— Für daS gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig. Halbjährig . . . . , Vierteljährig .... Kr. „ 4.50 „ 2X5 Ur. 24 Wien. 15. Juni 1900. II. Jahrgang. Luegers Gegenfüßler. „So ist denn der vielumstrittene Entwurf einer Wahlreform für die Wiener isr. Cultusgemeinde endlich durchberathen und beschlossen — dank der unbeugsamen Energie, der Willensstärken Beharrlichkeit und Ausdauer, der beispielsvollen Opserwilligkeit des Präsidenten kaiserlichen Rathes H. K l i n g e r. Das Pluralitäts-Wahlrecht, welches bis heute nur im streng katholischen Belgien, im antisemitischen Wien und im Wahlgesetze des Grafen Baden: Platz gefunden, hat nunmehr zum erstenmale in ein jüdisches Cultusgemeindestatut seinen Einzug gehalten. Das reine Wahlgruppen-System wäre uns zweifellos ungleich sympathischer, hätte aber vermuthlich keine Majorität auf sich vereinigt. Man darf hinzufügen, dass ohne das hohe Ansehen, ohne die überragende Autorität des gegenwärtigen Präsidenten es kaum gelungen wäre, die sichtlich widerstrebende Mehrheit zusammenzuhalten und der Reform überhaupt gefügig zu machen. Ja, jener Theil des Entwurfes, der die Reform der inneren Administration behandelt, zerschellte noch in der letzten Minute an dem hartnäckigen Widerstande des Dr. Maximilian Steiner, und schweren Herzens musste der Präsident auf diesen Theil des Werkes vorläufig verzichten. Angesichts der vermehrten Anzahl der Vorstandsmitglieder dürste aber die Erledigung sämmtlicher Geschästsftücke durch das Plenum in gesteigertem Grade als schwer durchführbar sich erweisen." „Oest. Wochenschr." Man sieht förmlich, wie sich der officiöse Journalist unserer Machthaber in der Seitenstettengaffe gewunderr hat, um die bittere Pille, die er da schlucken sollte, hinunterzubringen. Deutsch oder ehrlich jüdisch würde die Einbegleitung dieses Gemeindebeschlusses also gelautet haben: „So ist denn dieser sachgetreue Abklatsch der Lueger'schen Wahlmogelei glücklich durchgepeitscht worden. Dank der Uebereinstimmung der zur Gemeindeleitung berufenen Bonzen und dem zielsicheren Commando des Herrn Präsidenten. Das Wahlrechts-Privilegium, das bislang auch auf die gehorsamen Gemeinderaths-Mitglieder ausgedehnt war, wird jetzt auf die »upper ton hunäorckvertheilt; wie das clericale Belgien und das antisemitische Wien macht auch die Wiener Cultusgemeinde ihre Wahlen nun, wie sie sie braucht, nicht, wie sie das Volk wünscht. Wir sind zwar gegen diese Missgeburt von „Wahlrecht", aber wir werden von der Cultusgemeinde mit Inseraten bedacht und müssen darum hübsch das Maul halten. Ein solches Wahlunrecht konnte nur ein Gemeindepascha wie Herr K l i n g e r durchbringen; ob die künstlich gemachte Majorität nicht bald auseinandergeht, ist noch nicht zu sagen, aber wir wollen es hoffen. Die Reform der inneren Administration hat der Pascha nicht durchgebracht, so weit giengen die gehorsamen Herren doch nicht mit. Je mehr nun von unseren Protzen im Rathe sitzen werden, desto schwerer wird es gehen; wenn's nur schon krachen würde." Leider gehört Fausts Zauberkäppchen immer noch zu den Utensilien der märchenumsponnenen Kinderstube; so müssen denn die schreibenden Diener der Gemeinde- Die jüdische Schule. Von Dr. M. Jung. (Fortsetzung.) Es wäre aber ein verhängnisvoller Jrrthum, wollten wir glauben, dass schon in dem geweckten jüdischen Bewusstsein an sich der volle Geist des Judenthmns zur Geltung komme. Wir dürfen uns von äußerem Glanze nicht blenden lassen. (Unsere Zeit ist noch lange nicht schön, sie ist bloß geeignet, dass in ihr Schönes geschaffen wird.) Das geweckte jüdische Selbstbewusstsein erhält seinen Wert erst von den Thaten, in welchen es sich äußert. Und gerade weil wir in unserer Zeit soviel schöne Worte über Judenthum, jüdische Nationalität und Zionismus hören, sind wir etwas misstrauisch geworden. Wenig sprechen und viel thun, war der Wahlspruch unserer Vorfahren. Glühende Begeisterung erfüllte ihr Herz für Zion, aber sie bewahrten sie wie keusche Liebe auf dem tiefen Grunde ihres Herzens, unerschütterliche Liebe empfanden sie für das ererbte Gut der Väter; aber sie verkündeten sie nicht mit lauttönender Stimme aller Welt; es war dies auch nicht nöthig, denn ihr ganzes Leben trug das Gepräge des Geistes, der auf Zion gelehrt wurde. Wo Thaten sprechen, kann man Worte entbehren. Das geweckte jüdische Selbstbewusstsein hingegen hat bis heute nur schöne Worte erzeugt. Wir verlangen lebensvolle, opferfreudige und opferreiche Thaten, und uns werden geboten: schöne Worte. Alle Zeiterscheinnngen, in welcher das geweckte jüdische Selbstbewusstsein zur Aeußerung gelangt, kranken an einenr Geburtsfehler. Sie verdanken ihr Dasein dem unreinen Sumpfe des Antisemitismus. Sie sind die braven Kinder eines lumpigen Vaters, die die Schwächen ihres Erzeugers nicht gänzlich abstreifen können. Dem gröbsten und rohesten Materialisnins entsprossen, ist auch die jüdische Bewegung unserer Zeit materialistisch gefärbt. Das Judenthum, stets vom Geiste des reinen Idealismus getragen, concentriert heute alle Vertretung das Unrecht dulden und es mit gewundenen Redensarten gutheißen. Diesen Herrn Oberfinanzrath Rappaport aber, der bei den letzten Wahlen alle Mittel des Servilismus anwendete, um in den Rath zu kommen, dem wird man ebenso wie dem „Volksmann- und Schuldirector Simon den Weg aus der .Rathsstube wieder hinauszeigen müssen. Was ihnen nicht in den Kram passte, haben sie brutal niedergestimmt. Selbst der zahme Antrag des Dr. Steiner auf Einschränkung des passiven Wahlrechtes in der Gruppe der Höchstbesteuerten auf die Mitglieder dieser Gruppe wurde ahgelehnt mit sechs gegen zwölf Stimmen; leider weiß man nicht, wer die muthigen sechs waren, da es einen Antrag auf namentliche Abstimmung in der jüdischen Gemeindestube nicht zu geben scheint. Wie jesuitisch man auf die unumschränkte Gewaltherrschaft losgeht, das beweist der § 28. Nach diesem Paragraphen wird man Bezirkscommissionen bilden, in denen natürlich nur die „Vertrauensmänner" der Gemeindevertretung Platz finden. Diese werden Anträge an die Gemeinde stellen. Wer brav ist, kriegt Geld, Tempelbeiträge rc.; wer nicht brav ist, kriegt nichts. Da die Hälfte der 200 Vertrauensmänner, aus denen diese Commissionen gebildet werden, vom Vorstande ernannt werden, kann man sich deren Zusammensetzung leicht vorstellen. Die Opposition wird darin die Rolle spielen, welche im Wiener Gemeinderathe der jetzigen Opposition zufallen dürfte. Auch Bethaus-Angelegenheiten, A' m-ps-, Schul- und Leichenwesen wird man den Commissionen züweisen. Wenn Herr K l i n g e r bei Dr. Lueger diese Wahlreform hätte durchsehen lassen, sie konnte nicht besser ausfallen. Natürlich wurde auch der Antrag, den sogenannten Jntelligenzwählern, Doctoren, Lehrern, Beamten re. das Wahlrecht ohne Rücksicht auf die Steuerleistung zu geben, nach dem Schlussworte des Herrn Finanzrath Rappaport abgelehnt. Dieser famose Staatsbeamte hat ja das Wahlrecht, was gehen ihn seine Standesgenossen an! Er hat sich so rasch in die Herrscherrolle eingelebt, dass ihm Standesinteressen ebenso gleichgiltig sind, wie Gerechtigkeit und Wahlmoral. Die Macht zu erlangen, wird selbst die Vernunft vergewaltigt. Denn das liegt doch klar zutage: Diese Wahlreform wird das jetzige Regime in der Judengemeinde ebensowenig grundbücherlich einverleiben, wie das christlichsociale ^Machwerk es dort imstande ist. Es wird eben dafür gesorgt werden müssen, dass möglichst viel Steuerberechtigte in die Liste kommen und allgemach die Gemeindepaschas auf ihren erblichen Mandaten sitzen seine Kräfte, geistige wie materielle, auf die Zurückweisung der feindlichen Angriffe, die nnsere jüdische Existenz bedrohen. Unsere Klagen über die rückschrittliche Zeitströmung wurden unseren Herzen weit mehr von unserer bedrohten Existenz erpresst, als von dem seelischen Schmerze, den wir darüber empfinden, dass in uns unser heiliges Judenthum herabgewürdigt wird. Die Waffen, welche wir gegen unsere Feinde führen, entnehmen wir dem Arsenale des bedrohten Materialismus und nicht dem des reinen Idealismus, dem Lebenselemente des Judenthums. Gewiss ist auch die Vertheidigung von außen nöthig, sie darf aber nicht unsere einzige That sein. Bei der Rückkehr aus dem babylonischem Exile hat wohl Nehemia die Mauern Jerusalems errichtet, nur Israel gegen äußere Angriffe zu schützen, aber im Innern wirkte Esra, an dessen feurigem jüdischem Geiste ein Flammenmeer im Herzen der Völker sich entzündet hat. Während wir aber gegen den äußeren Feind kämpfen, wagt es keiner, dem inneren Feinde, dem Jndifferentismus und dem Nationalismus, die an der Wurzel des idealen Judenthums nagen, mit einer rettenden energischen That entgegenzutreten. Der Nehemias gibt es gar viele, aber keinen einzigen Esra! Das heutige Judenthum mit seinen zahlreichen materialistischen Vertheidigern gleicht einer belagerten Festung, deren Mauerriffe ausgebessert werden, während die tapfere Mannschaft immer mehr sich verringert. Der Prvphet Ezechiel erzählt: „Es kam auf mich die Hand Gottes und er führte mich hinaus durch den Geist Gottes und ließ mich nieder in die Mitte der Ebene. Die aber war voller Gebeine. Und er führte mich über sie hin, ringsum, ringsum, und siehe, es waren unendlich viel auf der Fläche der Ebene, und siehe, sie waren unendlich dürr. Da sprach er zu mir: „Menschensohn, werden wohl diese Gebeine wieder lebendig?" Da antwortete ich: „Mein Herr, das weißt nur Du." Da sprach er zu mir: „Sprich im Namen Gottes über diese Gebeine, sprich zu ihnen: Dürre Gebeine, vernehmet das Wort Gottes! Also hat mein Herr zu diesen Gebeinen gesprochen: bleiben. Und solche Freiwillige werden sich finden. Denn die tiefe Verbitterung, welche bei den letzten Wahlen zum deutlichen Ausdrucke kam, ist durch diese Wahlresorm noch verstärkt worden; der Ruf nach einem gerechten und billigen Einflüsse auf die Gemeindeverwaltung ist ein so lauter, dass er die Scharen »"in Kampfe rufen wird. Es wäre ja auch erniedrigend für das Judenthum, wenn gerade in ihm, dem unentwegten Träger des gesunden demokratischen Gemeinsinns, jene Kernfäulnis sich zeigen würde, wie sie eine Vergewaltigung der Volksmeinung involviert. Wenn irgend ein Volk reif ist für das allgemeine, gleiche und d i r e c t e Wahlrecht, so ist es das jüdische, und eine Schande ist es darum, dieses Volk in die Reihen der reactionären „Barrierestöcke" eingliedern zu wollen. Das wird und kann sich das Wiener Judenthum nicht nachsagen lassen, und wenn diese Wahlreform zur Thatsache geworden ist, wird sie des Volkes Unwille Hinwegblasen. Wir Juden haben es nicht nothwendig, falschen Purpur auf den Thron zu heben. Ist er echt, erhält er sich ohne solche Mittel; ist er Theaterplunder, dann — herunter mit ihm! Unsere Stellung zum Zionismus. Referat, erstattet beim Jüdischen Handlugs- „. gehilfentage von EgvL e d s r c t-. Wenn wir an dieses schwere Problem herantreten, so geschieht es nicht aus Bedürfnis nach einem Ausbau der zionistischen Dialectik, nach einem neuen Terrain für den streitbaren Jntellect, es geschieht lediglich unter dem eisernen Zwange der Entwicklung: Der Zionismus — vor allem der österreichische — hat den schweren Fehler begangen, das jüdische Volk als undifferenzierte Einheit, als gleichschichtige Masse aufzufaffen und auch demgemäß zu organisieren. Das Baseler Programm, welches seinen Bekennern nur ein Ziel steckt, ihnen aber keine Direktive gibt, wie sie ihren geistigen und materiellen Besitzstand bis zur Erreichung dieses Zieles wahren sollen, dieses Programm ist für die Masse des jüdischen Volkes unzulänglich, wenn es nicht von den einzelnen Organisationen und Verbänden durch ein Gegenwartsprogramm ergänzt wird. Die Pflicht der Schekelzahlung allein kann keinen Juden vor dem Hungertode retten, die Hoffnung auf das kommende jüdische Volksthum allein kann der Geist und Charakter zersetzenden Diaspora nichts entgegenstellen. Es besteht also die Gefahr, dass das Menschenmaterial des Siehe, ich bringe Geist in Euch und Ihr lebet auf! Und Sehnen gebe ich an Euch und lasse Fleisch Euch anwachsen und webe Haut über Euch und gebe Geist in Euch, und Ihr lebet auf und werdet erkennen, dass ich — Gott bin." Und ich sprach im Namen Gottes, wie mir geboten war — da wurde es laut, indem ich sprach, und siehe, ein Erdbeben — und da nähertet Ihr Gebeine Euch einander, Gebein zu seinem Gebeine. Ich blickte hin, siehe, da waren bereits Sehnen an ihnen, und Fleisch hatte sie umwachsen — da webte er Haut noch über sie darüber, doch Geist war nicht in ihnen. Da sprach er zu mir: „Sprich im Namen Gottes zum Geiste! Sprich im Namen Gottes, Menschensohn, und rede zum Geiste: So hat mein Herr gesprochen. Bon vier Seiten komme, o Geist, und hauche in diese Erschlagenen, dass sie aufleben." Und ich sprach im Namen Gottes, wie er mir geboten. Da kam der Geist in sie und sie lebten auf und standen da auf ihren Füßen, ein unendlich, unendlich großes Heer!" Ist dies nicht ein ergreifend herrlichtrauriges Bild unseres Volkes in der Vergangenheit und in der Gegenwart? Gleicht es nicht ausgedörrten, zusammenhanglosen Gebeinen? Zerstreut über die ganze Erde, war aus ihm jeder jüdische Lebenssaft und jüdische Lebenskraft geschwunden. Angesichts der Treulosigkeit in unserer Mitte hatte man Israels Todtenschein längst ausgefertigt. Es sei im Niedergange begriffen, so lautete das allgemeine Urtheil, und nichts werde seine völlige Auflösung und sein Aufgehen in die Wolkenwelt aufhalten können! Sollten denn dürre Gebeine aufleben und eine schöne Zukunft haben? Nun, die göttliche Vorsehung bewirkte dieses Wunder. Es entstand ein Geräusch und die Gebeine näherten sich aneinander, Gebein zu seinem Gebeine. Dieses Geräusch ist das des Antisemitismus. Die Theile unserer Völker, die auseinander gerissen, ohne jeden Zusammenhang, ohne Gefühl der Zusammengehörigkeit über die ganze Erde zerstreut und zersprengt sind, sie näherten sich unter dem Ernste der Zeiten aneinander. Und die jüdisch-politischen, nationalen und zionistischen Verbände, sie bilden gleichsam die Sehnen, das

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