Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Juni 1900 Seite 3 ausgehend, dass vielleicht die Juden veranlasst werden könnten, das Blatt in den Kaffeehäusern zu verlangen, lässt der Herausgeber dieses wegen seiner Seltenheit der Beachtung der Bibliophilen empfohlenen Blattes neuestens einige antisemitische Schimpfereien los. Auf diesem Wege hofft er die gebratenen Abonnenten zu erlangen, die ihm bisher nicht zuqeflogen waren. Es soll uns im Interesse seiner bisherigen jüdischen Mitarbeiter, denen der neugebackene Antisemit das Honorar schuldig geblieben, freuen, wenn sich die frohe Hoffnung des neuen Vergani erfüllt. Interessant wäre es aber, zu wiffen, aus welchen Geldquellen der plötzlich hervorquellende antisemitische Wasserstrahl gespeist wird. Nur aus diesem Grunde nehmen wir Notiz von der Vermehrung der Tintenfische, die in dem Tümpel des Geschäftsantisemitismus ihre Nahrung suchen. Schönererianische Frechheit. In einer Besprechung der Leistungen der »Fliegenden Blätter" heißt es in den „Unverf. d. Worten" wörtlich: In der Beziehung sei auf das sonst treffliche Bild dieses Künstlers im Bande 98, S. 33 (Banquier Goldhermer) und S. 109 verwiesen, wo er, im letzteren Falle, ein zweifellos jüdisch sein sollendes Banquiers-Ehepaar (die Gattin heißt Rosalie, der Banqnier ist frisch geadelt) mit ebenmäßig menschlichen Zügen darstellt, anstatt mit jüdischen. Man muss den dicken, unförmigen Fettwanst, den Herr Schönerer darstellt, vor Augen haben, um die ganze brutale Gemeinheit dieser Auslassung zu begreifen. Ein Kerl, der sich mästet, wie ein —, spricht den Juden die menschlichen Züge ab. In der Besprechung heißt es, dass die jüdischen Züge schwer zu treffend sind. Allerdings, bei Herrn Schönerer hat's der Zeichner leichter: einen Kreis mit vier Striechen. Höchstens noch die Cognacflasche daneben. Nur eonseqnent. Das »Deutsche Volksblatt" findet plötzlich, dass die Bezeichnung „christlich" »stets" Katholiken wie Protestanten umfasst habe, und bloß den Gegensatz zu »jüdisch" kennzeichnen soll. Um aber den »Ostdeutschen" noch näher zu kommen, will es von jenen Christen nichts wiffen, welche durch die Taufe zwar zu solchen gemacht wurden, ihrer Rasse nach aber stets Juden bleiben. Wie ist es nun mit Dr. P o r z e r? Erstreckt sich in diesem Falle die Taufe auch auf die Rasse? Herr Dr. G e ß m a n u wird uns sicherlich auf diese Frage Bescheid geben. Der Dienftmännertempel und Herr K. H. Wolf. Die Wiener Dienstmänner haben sich aus eigenen Mitteln einen Tempel gebaut. Jeder unbefangene und verständige Christ wird diese Opferwilligkeit armer Leute als sehr achtenswert bezeichnen. Nicht so Herr K. H. Wolf. Er findet es lächerlich, dass eine besondere Standesgruppe sich einen eigenen Tempel errichtet, und heißt jene Christen dumm, welche in ihm etwas anderes als ein »nationalpolitisches Casino" sehen, dem der Gottesdienst bloß die äußere Form gebe. Dass eine solche Verspottung gesetzlich anerkannter religiöser Einrichtungen unbeanständet erscheinen darf, wollen wir dem Herrn Staatsanwalte keineswegs zum Vorwurke machen. Es wäre uns sonst unmöglich gewesen, sie niedriger zu hängen. Jedenfalls haben die Herren Mittler und B r u n n e r alle Ursache, auf ihren ehrenwerten Bundesgenossen im Wiener Wahlkampfe stolz zu sein. Parlament. Die Völker Oesterreichs im allgemeinen und das jüdische Volk im besonderen stehen kühl bis ans Herz dem ewigen Schaukelspiele zwischen Schein Parlament und kein Parlament gegenüber. Unsere nationalen und ökonomischen Interessen haben bisher keine Berücksichtigung gefunden, im Wechsel und Wandel der Regierungen und Majoritäten bildete das jüdische Volk den Sündenbock für die Missgriffe der verschiedenen Cabinette, für die Thaten und Unterlassungssünden der sogenannten Volksvertretung. Wenn jetzt anlässlich des Zusammentrittes des Reichsrathes und des Wiedererwachens der Obstruction und des Nationalitätenhaders neuerlich die Judeu von antisemitischer Seite als deren Urheber hingestellt werden, so erheben wir im Namen unserer Volksgenossen feierlichst Protest dagegen. Die großen Massen unseres jüdischen Volkes lechzen förmlich nach wirtschaftlichen Maßnahmen zur wenigstens theilweisen Linderung ihrer wirtschaftlichen Noth, und sie stehen an der Spitze derjenigen, welche die Beendigung des Nation a litäte n haders fordern, der auf ihrem Rücken ausgefochten wird und nahezu immer in dem Rassen- Antisemitismus mündet. Chronik des Judenthums. Inland. Polna. (Zum Mädchenmord.) In Czernowitz bei Kamenitz a. L. beschlossen einige dortige Insassen, wie »Pravo Lidu" berichtet, Leopold Hülsner in et'ügie hinzu r i ch t e n. Es wurde ein Galgen errichtet, und an einem Burschen, der den Hülsner vorstellte, die scheinbare Strangulations-Procedur so wahrheitsgetreu vollzogen, dass der Bursche mehrere Stunden lang bewusstlos war und noch heute nicht sprechen kann, weil der Kehlkopf verletzt ist. Der „Scharfrichter" büßt sein Werk mit viermonatlichem Kerker wegen schwerer körperlicher Beschädigung. Haliez. (Politische Volksversammlung.) Am 22. v. M. hielten die Ruthenen Ostgaliziens eine politische Volksversammlung unter freiem Himmel auf dem historischen Berge von Halicz ab. Vorträge und Besprechungen über die ruthenische Lage, darauf basierte die Tagesordnung. Eine ruthenische Versammlung in einer jüdischen Zeitung zu besprechen, klingt höchst fremd, doch wenn auch wir mit dieser nichts gemein haben, so hat sie mit uns indirect zu thun. Circa 2000 Ruthenen ans weiter Umgebung fanden sich ein, und eine Anzahl Redner stellte der Clerus zur Disposition. Zwei ruthenische Landtags-Abgeordnete waren auch anwesend. Der erste Redner, ein kräftiger und redegewandter Geistlicher, sprach über die Lage Oesterreichs und die unheilvollen Zustände des Parlamentes im allgemeinen, und die Lage Galiziens mit den Vorgängen im Landtage insbesondere. Er geißelte dabei tüchtig die Polen, redete den Zuhörern zu, bei einer Wahl den Stimmzettel auszunützen, sich nicht von anderen zur Urne führen zu lasten, und eigene Vertreter aus ihrer Mitte zu entsenden, die im Parlamente zugunsten des ruthenischen Kleinbauern im gesetzgebenden Körper einwirken, und dass im Landtage die veranschlagten Ausgaben — Budget — welche von den Gesammtsteuern des Landes aufgebracht werden, auch für ruthenische Zweckt so gnt wie für polnische verausgabt werden sollen rc. Schließlich wollte er die Theilung von Ost- und Westgalizien, das eine mit einem ruthenischen Landtage in Lemberg, das zweite mit einem polnischen in Krakau. Auch andere Geistliche ließen sich in langen ans Herz des Volkes appellierenden Reden aus. Der eine entwarf ein Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse der Rnthenen, wobei er Vorschläge zur Verbessernug machte, darunter auch die Propagierung für Errichtung von Creditinstituten in jedem Dorfe, »wo der Bauer gegen geringen Zins Geld bekommt, und hierdurch dem Ausbeuten der Inden — denn nach seinen Angaben sollen Sl°/0 jüdische Institute bestehen — entgehen wird." Der zweite entwarf ein culturelles Bild, wobei die populär gewordene »Sprachenfrage" das Thema bildete. Resolutionen wurden abgefasst etwa in folgendem Sinne: Mmi wirke dahin, die Dorfschulen in vierclassige nach städtischem Muster zu erweitern, die Errichtung eines ruthenischen Gymnasiums in Stanislau durchzusetzen, die volle Emancipierung der ruthenischen Sprache in allen k. k. Aemtern durchzuführen, und für die Besetzung derselben mit tüchtigen Ruthenen zu agitiere« rc. — Nun, wir Juden haben zwar kein Interesse an dem allen, wir sollen aber eine gute Lehre daraus ziehen für die Zukunft. Wenn unsere »Repräsentanten" sich als Polen fühlen, wenn sie, um einen »Pollak" bei den Wahlen durchzubringen, alles einsetzen, und die polnische Sprache als interne jüdische Amtssprache stempeln, so können mit Recht auch die Ruthenen sich ihres Volksthums entäußern und Polenpolitik treiben. Doch sie sind klüger, sie bauen auf die Kraft ihrer Nation, die in stetem Wachsen begriffen ist. Was aber die jüdischen Polen zu gewärtigen haben, wenn die Ruthenen die Oberhand gewinnen, das konnte man in dieser Versammlung beobachten. Für einen Augenblick stellte ein Geistlicher die Begeiferung der Polen ein und schlug ein Bündnis mit ihnen vor, denn »während wir streiten und zanken, kommt der Jude und eignet sich alles an." Das ist also die Parole dieser beiden Nationalitäten Galiziens: „Getrennt marschieren und vereint die Juden schlagen . .." Lemberg. (Eine neue demokratische Partei) soll demnächst in Galizien von den Polen gegründet werden. Die Gründer desselben sollen nach dem »Ruch Katolicky" der Stadtpräsident von Lemberg Dr. Malachowski, der Landtags-Abgeordnete und Redacteur des liberalen Blattes »Slowo Polskie" Thaddens Romanowicz, sowie der Advocat Dr. NathanLöwenstein sein. Sie will bei den nächsten Wahlen ihre eigenen Wege gehen und alle Bande mit dem die Landtags-Majorität und den Polen-Club repräsentierenden Central-Wahlcomite zerreißen, das heißt, eine Kampfstellung dem Polen-Club gegenüber einnehmen. Ausland. Die rumänische Hnngersnoth und die rumänische Regierung. Rumänien, dessen Lebenskraft ausschließlich aus den Erträgnissen der Landwirtschaft strömt, kann die Missernte des vorigen Jahres nur schwer überwinden. Alle Schichten der Bevölkerung sind hart getroffen. Die rumänische Regierung aber sorgt in väterlicher Weise für die Bevölkerung, indem sie den Nothleidenden Arbeit verschafft und bei den Nothstandsbauten, bei der Anlage von Tramways in verschiedenen Städten, beim Straßenbau auf dem flachen Lande viele Leute beschäftigt. Auch wurden seitens der Regierung unter die Bauern Nahrungsmittel und die zur Aussaat nöthigen Bodenfrüchte, wie Gerste, Hafer und Mais in riesigen Mengen vertheilt. Nur e i n Theil der Bevölkerung seufzt unter den Folgen der Missernte, ohne jegliche Hilfe seitens der Regierung erhalten zu haben. Die Juden in Rumänien sind es, die in dieser traurigen Zeit des Misswachses am meisten leiden. Grauenhaftes Elend herrscht unter ihnen; im verflossenen Winter erfroren Säuglinge in jüdischen Häusern, bettelten anständige Männer, die bessere Tage gesehen, nur trockenes Brot für ihre Kinder. Ja, man erzählt auch von Brotdiebstählen aus Noth. Viele dieser Unglücklichen fliehen plan- und ziellos in die Fremde, ihre Familien ohne Stütze in der Heimat zurücklassend. Täglich wandern Hunderte aus, und die Abschiedsscenen, die sich auf den Bahnhöfen abspielen, spotten geradezu jeder Beschreibung. Warum aber wandern gerade die Juden aus? Weshalb können diese am wenigsten die Nothlage ertragen? Derjenige, der die Lage der Juden in Rumänien kennt, dürfte sich darüber nicht wundern. Mehr als eine Viertelniillion Juden zählt Rumänien, und nur etwa 200 haben seit 1878 durch das rumänische Parlament die politisch-bürgerlichen Rechte erhalten. Alle anderen Juden sind, trotzdem sie, selbst nach den Zugeständnissen christlich autoritativerHistoriker, schon seit alten Zeiten im Lande weilen, dem Gesetz nach Fremde und werden durch legislative Bestimmungen, administrative Verordnungen, durch launenhafte Beamtenwillkür hart bedrängt. Der Zutritt zu den öffentlichen Schulen wird den jüdischen Kindern erschwert. Nur wenn die n i ch t j ü d is ch e n Schulen nicht alle Plätze besetzt haben, werden die jüdischen gegen Entrichtung der F r e m d e n g e b ü r zugelassen. 30 Frcs. für Elementarschulen, 60 Frcs. fürs Untergymnasium, 90 Frcs. fürs Obergymnasium, 90 Frcs. für die Elementar- Handelsschule, 160 Frcs. für die höhere Abtheilung der Handelsschule, 300 Frcs. für die Besucher der medicinischen Facultät jährlich! Es hängt von der jeweiligen Laune des Schuldirectors ab, ob die jüdischen Kinder Aufnahme in den öffentlichen Schulen finden. Man darf fast behaupten, dass nur solche jüdische Schüler in den staatlichen Lehranstalten zurückgeblieben sind, deren Eltern sich einer besonderen Fürsprache erfreuen. Die jüdischen Gemeinden, die übrigens seitens des Staates nicht anerkannt werden und infolge dessen um ihre Erhaltung schwer ringen müssen, sahen sich auch gezwungen, aus eigenen Mitteln Schulen zu gründen, die natürlich kein eigentliches Oeffentlichkeitsrecht haben, doch umsomehr durch mannigfache Regiernngsverfügungen in ihrer Entwicklung gehindert werden. Wirtschaftlich sind die rumänischen Juden geschwächt. Ans den Dörfern werden sie mitleidslos verbannt. Das Hculsierverbot wird ihnen gegenüber besonders stark in Anwendung gebracht. Producte«- und Effectenmakler dürfen sie nicht sein. Zu den höheren Berufen, zum Beispiel Advocatur rc., werden sie selbstverständlich nicht zugelassen; selbst Apotheker können sie nicht sein. Als Aerzte werden sie nicht in den öffentlichen Krankenhäusern beschäftigt. Die Monopolisierung der Tabak-, Zündhölzer- und Cigarettenpapier-Fabrication hat sie geschädigt, insofern als sie nicht irgendwie als Beamte verwendet werden. In industriellen Unternehmungen dürfen sie als Fremde nicht mehr als den vierten Theil der Arbeiterschüft ausmachen. Es ist also leicht verständlich, wenn sie im Kampfe ums Dasein unterzugehen fürchten und in die unbekannte Fremde flüchten. Zu diesen staatlichen Drangsalierungen kommt für die Lage der armen, gedrückten rumänischen Juden verschlimmernd der entsetzliche Lärm-Antisemitismus hinzu, der von theilweise sehr hochgestellten Beamten, bis in die Ministerialbüreaux hinein, mit allen erdenklichen Mitteln »moralisch" unterstützt und gefördert wird. Das offenkundige Ziel dieser Antisemiten ist ganz einfach, die rumänischen Inden durch neue „Fremdengesetze", in Wahrheit „Judengesetze", zum Lande hinauszutreiben. Und zu all diesen wahrhaft barbarischen Absichten sagt die Regierung unter König Carol Ja und Amen! (Berl. Tgbl.) * Aus Bukarest wird uns geschrieben: Wie es scheint, geschehen wieder Wunder am Anfänge des 20. Jahrhunderts. Unser Cultusminister, der berühmte Spiritist und Antisemit Dr. J str at i, der Begründer und Organisator der antisemitischen Liga, ist, wenigstens dem Anscheine nach, judenfreundlich geworden. Er hat nämlich den Bukarester Rabbiner Herrn Dr. B e ck zu sich geladen, um sich über die Lage des jüdischen Clerus zu informieren. Der Herr Minister war sehr erstaunt, zu erfahren, dass in ganz Rumänien nur zwei graduierte jüdische Rabbiner ihres Amtes walten. Dies gienge nicht, meinte Herr I st r a t i, da müsse und wolle er Abhilfe schaffen. Er forderte also Herrn Beck auf, ein Memorandum auszuarbeiten, damit der rumänische Staat ein rabbinisches Seminar schaffen könne. Diese große Judenfreundlichkeit des Herrn Dr. Jstrati stieß aber bei den Juden aus großes Misstrauen, und bald nach dieser Audienz verbreitete sich denn auch die Nachricht, dass auf Herrn Dr. Beck ein gelinder Druck ausgeübt wurde, damit er eine Erklärung abgäbe, die rumänischen Juden seien nicht vor den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt, auf der Flucht, sondern verließen ausschließlich der ökonomischen Krisis wegen das Land. Herr Dr. Beck, welcher sich niemals den Anmaßungen der rumänischen Regierungen gegenüber besonders hart erwiesen hat. soll auch wirklich die genannte Erklärung unterfertigt haben. Diese Nachricht rief in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung hervor, und es fehlte nicht viel, dass die Entrüstung der Massen sich in Thaten äußerte. Was nun folgte, war nur geeignet, die öffentliche Meinung über Herrn B e ck zu bestätigen. Als nämlich die Polizei von den Vorgängen in den jüdischen Stadtvierteln erfuhr, setzte sie eine Unzahl geheimer Agenten in Bewegung, welche sämmtliche Vorsteher der Auswanderergruppen, Agitatoren und Organisatoren der jüdischen Volksclasse verhafteten. Die Inhaftierten wurden einem Verhöre unterworfen erstens vom Chef der Sicherheitspolizei, dann vom Polizeipräfecten. Letzteres verdient verewigt zu werden: Der Polizeipräfect fragte: Weshalb beruhigt Ihr Euch nicht? Weshalb lärmt Ihr und geht nicht Euren Geschäften nach? Ich werde Euch ausweisen! Der Auswanderer antwortete: Es ist nicht nöthig, dass Sie uns ausweisen, wir gehen selbst. Der Polizeipräfect: Wer treibt Euch denn von hier fort? Ihr könnt auch hier Euren Unterhalt verdienen. Seht, Raps haben wir genug in diesem Jahre, Weizen werden wir ebenfalls viel haben, — und die Geschäftslage wird sich gewiss bessern. Der Auswanderer: Alles gut, aber wir ziehen es vor, auszuwandern. Es ist nicht nur die ökonomische Krisis, welche uns veranlasst, das Land zu verlassen, sondern auch die sonstige Lage, welche uns geschaffen wurde, die wir Militärdienst geleistet haben und dennoch verfolgt werden. Der Polizeipräfect: Also, Ihr behauptet, dass Ihr verfolgt werdet? Nun gut, fahret, niemand hält Euch zurück! Geht, aber nicht zu Fuß, denn sonst lasse ich Euch alle einsperren. Der Auswanderer: Viele von uns haben aber kein Reisegeld. Der Polizeipräfect: Ich stelle Euch einen Eisenbahnzug gratis zur Verfügung bis zur Grenze. Aber zu Fuß geht's nicht, ich warne Euch, ich werde Euch in Ketten zurückschieben lassen. Alle Diebstähle, welche Vorkommen könnten, würden auf Eure Schultern gewälzt werden. Der Auswanderer: Zu Befehl! Mittlerweile wächst die Entrüstung gegen den Rabbiner Dr. Beck ins ungeheure. Einige jüdische Studenten, welche diesmal nicht dulden wollten, dass Dr. Beck die gerechte Sache der Juden compromittiere durch Liebesdienste gegenüber der Regierung, haben Protestversammlungen einberufen, und sind auf die Polizei berufen worden, wo für sie die Ausweisungsbefehle vorbereitet sind. -i-