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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. Juni 1900 Nr. 23 dass sämmtliche Juden, welche Auswanderungspässe erhalten, auch wirklich die Grenze überschritten haben. Wohin ziehen diese tausende von Juden? Was erhoffen sie in der Fremde zu erreichen? Fliehen sie den immer mehr anwachsenden Antiseniitismus? Entführen sie dem Lande, wie die Antisemiten behaupten möchten, das dort erworbene Vermögen? — Dies sind nur einzelne der Fragen, welche sich jeder denkende Mensch in Rumänien vorlegt und verschieden beantwortet. In Folgendem soll auf sie, wie noch auf manche andere eine Antwort ertheilt werden. Zunächst wäre es falsch, anzunehmen, dass der stärker hervortretende Antisemitismus der wichtigste Grund für die Judenauswanderungen ist. Seitdem Rumänien als Staat besteht, war der Antisemitismus das herrschende Regierungsprincip. Wenn früher keine antisemitische Partei bestand, und auch trotz aller Versuche nicht entstehen konnte, so ist dies leicht zu erklären, wenn man bedenkt, dass die zwei herrschenden politischen Parteien Rumäniens, die Conservativen und die Liberalen, so sehr sie sonst einander in den Haaren lagen, sich stets in gemeinsamer Feindschaft gegen die Juden zusammenfanden. Es ist in den letzten vierzig Jahren kein wichtiges Gesetz in Rumänien zustande gekommen, welches nicht mehr oder minder eine antisemitische Spitze gehabt hätte. Es hat in den letzten vierzig Jahren in Rumänien fast kein Ministerium gegeben, welches nicht auf dem Verordnungswege die Juden in ihren materiellen oder moralischen Interessen zu treffen versucht und leider mit Erfolg getroffen hätte. Wenn aber der Antisemitismus in dieser Weise zu einem Staats- und Regierungsprincipe erhoben wird, was bleibt denn einer antisemitischen Partei noch zu thun übrig? Nun hat sich aber eine antisemitische Partei gebildet, eine Art „Freimaurers-Gesellschaft, deren „geheimes" Statut von einem jüdischen Blatte veröffentlicht werden konnte und in deren Oberstem Rathe einer der jetzigen Minister, der berühmte Spiritist und Tischdreher Doctor Jstrati, sitzt. Auch sollen diesem Rathe der Bukarester Bürgermeister Barbu Delavrancea angehören und andere Persönlichkeiten, die hohe Stellungen im politischen Leben Rumäniens einnehmen. Diese antisemitische Liga versucht die Juden ökonomisch zu bekämpfen, durch Boykotts, Arbeitsausschließungen, Neugründungen von Handels-, Finanz- und Industrie-Instituten. Sie versucht weiters, den Juden den Aufenthalt unmöglich zu machen durch systematisch organisierte Hetzen in Versammlungen und in der Presse, durch Herbeiführung judenfeindlicher Gesetze und Verhinderung solcher, welche den Juden zustatten kommen könnten rc. rc. Nun wäre es lächerlich zu behaupten, dass diese Aufwiegelungen den Juden gar nichts schaden. In den Städten der Moldau, wo die jüdische Bevölkerung die Majorität bildet, ist ein ökonomischer Boycott wirkungslos, desgleichen ein Arbeiterausschluss. In den Städten der Wallachei aber, Bukarest und Braila ausgenommen, könnte ein solcher Boycott gefährlich werden, denn dort bilden die Juden eine verschwindende Minorität von Kaufleuten und Handwerkern, welche fast ausschließlich auf rumänische Consumenten angewiesen sind. In den von Juden stark bevölkerten Städten der Moldau kann ein antisemitischer Krawall — wie Jassy und Verlad beweisen — auch für die Antisemiten sehr unangenehme Folgen haben, dagegen sind die Juden in den Städten der Wallachei der Brutalität des aufgehetzten Pöbels ausgeliefert. So berichtet z. B. eines der angesehensten Bukarester Blätter, die „JndependanceRoumaine", Folgendes: „Die antisemitischen Ausschreitungen in Giurgewo, ermuthigt durch die Toleranz der Behörde, sind in Verbrechen ausgeartet. Es wird uns gemeldet, dass in der letzten Nacht zwei maskierte Individuen ins „Hotel Alexandria" kamen und von dessen Pächter Bachur Eskenasy ein Zimmer verlangten. Der Unternehmer, misstrauisch gemacht durch das mysteriöse Aussehen der zwei Unbekannten, lehnte ab. Darauf zog einer von ihnen einen Revolver hervor und feuerte Charakter ab, als wäre er ein entweihender Staub. Und wenn auch die Völker Euren Betheuerungen wenig Glauben schenken, in der Verachtung des Judenthums, die Ihr öffentlich zur Schau tragt, stimmen sie mit Euch überein. Darin, sagen sie, habet Ihr recht, und ihre Verachtung trifft das Judenthum und auch Euch. Wären aber Eure Sprossen im jüdischen Geiste herangebildet worden, möchten ihre Schöpfungen im Reiche der Töne, der Wissenschaft u. s. w. das Gepräge des Judenthums an sich tragen, würden sie in ihrer Gesammtthätigkeit den jüdischen Geist zur Anschauung bringen, würden sie die Erzeugnisse ihres schaffenden und künstlerischen Geistes als Kranz der Verherrlichung auf den Altar des Judenthums niederlegen, dann möchte man in ihren genialsten Schöpfungen den Geist des Judenthums bewundern und sie achten nicht, obgleich sie Juden sind, sondern weil sie Juden sind, weil sie mit all ihren Schöpfungen im Judenthum wurzeln. Diese Stimme vernehmen wir aus dem lärmvollen Treiben des Antisemitismus. Und wenn auch die flammenden Worte der großen Propheten oft wirkungslos verhallt sind, die Stimme des Antisemitismus wirkt erschütternd und veredelnd auf unsere Herzen. So oft sie ertönt, erzeugt sie eine Ernüchterung der jüdischen Geister, weckt stolzes Selbstgefühl in unserem Herzen und hat ein engeres Zusammengehen der zerstreuten Theile unseres Volkes zur Folge. So war es stets und so ist es auch beute. Die Assimilationssucht ist aus uns geschwunden, man schämt sich nicht mehr seines Judenthums, und selbst solche, die früher eines arischen Händedruckes wegen imstande waren, ihr Judenthum zu verleugnen, bekennen sich stolz zum Judenthume. Und ist der Antisemitismus nicht der Quell aller politischen, nationalen, und Literatur-Vereine, deren wir eine ganze Menge besitzen, und deren Zweck es ist, das jüdische Selbstbewusstsein zu wecken und wach zu erhalten? Wahrlich, am Antisemitismus erfüllte sich das Wort des hebräischen Dichters: „Wer lässt aus Unreinem Reines entstehen, nicht der Einzige?" Dass aus dem unreinen Sumpfe des Antisemitismus die liebliche Pflanze des geweckten jüdischen Selbstbewusstseins hervorgeblüht ist, dies ist ein glänzender Beweis dafür, dass die göttliche Vorsehung über uns wacht! (Fortsetzung folgt.) auf ihn einen tödtlichen Schuss ab. Der Mörder und sein Helfer, welche, wie behauptet wird, der Polizei bekannt sind, befinden sich in Freiheit." Natürlich bleiben solche, glücklicherweise vereinzelte Fälle nicht ohne Einfluss. Sie veranlassen manchem zur Auswanderung, der sonst an Ort und Stelle bleiben würde. Aber im großen und ganzen sind die Auswanderungen doch weniger eine Folge des wachsenden Antisemitismus, als vielmehr der ungeheuren ökonomischen Krisis, welche Rumänien in einer Weise heiingesucht hat, wie dies seit Menschengedenken nicht der Fall war. Weiters war Rumänien, welches sich seit jeher streng nach der Mode gerichtet hat, stets auch in geistiger Richtung modern. Man hat mit dem liberalen Gedanken kokettiert, man war auch socialistisch der Mode gemäß, man hat in Atheismus gemacht, als Paris atheistisch war, und seit der famosen Schwenkung des Herrn Brünettere und des großen Voltairianers Jules Lemaitre ist man in solchem Maße antisemitisch und clerical geworden, dass selbst ein Bischof, derjenige der Eparchie Huschi, sich veranlasst sah, dagegen Stellung zu nehmen. Die schärfere Form, welche in letzter Zeit der Antisemitismus angenommen, hat also seine besonderen specifischen Gründe, da er ja an sich, wie schon angedeutet und wie mannigfache Gesetze und Verordnungen beweisen, keine neue Erscheinung ist. Einen entschiedenen Einfluss hat nach dieser Richtung hin das ökonomische Moment mit ausgeübt. Bis vor Ausbruch der jetzigen Krisis war es das Bestreben eines jeden Rumänen, sich eine Staatsstellung zu ergattern. Da die Staatsorganisation verhältnismäßig jung ist, so war die Anzahl der zu besetzenden Posten eine sehr große. Nun sind aber heute sämmtliche Staatsstellungen besetzt, die diesjährige Krisis hat die Entlassung unzähliger Beamten zur Folge gehabt, und diejenigen Rumänen, welche sonst nichts als ein Amt erstrebten, sehen sich veranlasst, im Handel und in den freien Gewerben unterzukommen. Hier stoßen sie aber auf den verhassten Juden, der gerade, weil er auf kein Amt hoffen konnte und fast von allen freien Berufen ausgeschlossen war, sich dem Handel und der Industrie widmete. Sie stoßen auf ihn, den eine langjährige Erfahrung und specifische Veranlagung für den Concurrenzkampf wappneten — und so führen auch ökonomische Gründe mit zwingender Gewalt zu jenem Antisemitismus, welcher sich darin äußert, dass die rumänische Bourgeoisie, seit jeher gewöhnt, alles von der Hilfe des Staates zu erwarten, nach neuen Ausnahmegesetzen ruft, um den Juden die Stirne bieten zu können. Nun passt es der rumänischen Regierung, heute, wo sie das Geld jüdischer Finanzleute braucht, zwar nicht, antisemitische Gesetze durchzuführen, umsomehr wird aber durch Beamtenwillkür den Juden das Leben sauer gemacht. Da die heurige Krisis, wie an dieser Stelle ausgeführt wurde, selbst in der krisenreichen Geschichte Rumäniens kaum ihresgleichen finden dürfte, ist es nur selbstverständlich, dass die Juden zu hunderten, ja tausenden auswandern. .. - Das ist nun zu einer wirklichen Epidemie geworden. Es genügte, dass sich ein Verein von hundert Juden bildete, der zu Fuß den Weg nach Hamburg zurücklegen will, um von dort aus nach dem neuen Continente hinüberzusahren, und schon entstanden Hunderte solcher Vereine, deren Mitglieder sich die größten Entbehrungen auferlegen wollen, nur um dem Lande zu entkommen, in welchem Hunger und Verfolgung der Lohn derselben Juden sind, die in den Städten das einzige arbeitsame Element bilden und die während der ganzen schwierigen Krisis den allein productiven, den Staat vor sicherem Bankerott bewahrenden Theil der Bevölkerung darstellen. So ist es nicht allein der Antisemitismus, nicht allein die ökonomische Noth, welche die Auswanderungen Hervorrufen, sondern es ist auch ein edles Gefühl der Empörung, welches die Juden aus dem Lande treibt. Es sind meist die fähigsten und unternehmungslustigsten Juden, welche emigrieren, solche, die eine dem Lande nützliche Arbeit verrichteten und an deren Stelle jetzt Hunderte deutscher, ungarischer und italienischer Arbeiter auswandern. Vielleicht erkennt die rumänische Regierung zu spät, welch' doppelte Gefahr in dem Verluste der einen und in dem Gewinne der anderen liegt. —yz. Luegers Gegenfüßler. Die Vertretung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde hat schwerwiegende Beschlüsse gefasst. In zwei Sitzungen wurde der Gemeinde eine neue Wahlreform octroyiert. In Hinkunft werden anstatt 24 Gemeindevertreter wie bisher, 36 gewählt werden; das Wahlrecht wird auch auf die Fünfgulden-Männer ausgedehnt und eine neue Curie von zwölf Mandaten für jene Steuerträger geschaffen, welche mehr als 100 fl. Steuer tragen. Also eine Curie der Patrizier, mit einem Privilegium ausgestattet. Man hat in der Gemeindevertretung in schönen Worten die Gründe für die Errichtung dieser Curie geltend gemacht. Angeblich will man mit diesem Privilegium den Begüterten des Volkes eine Entschädigung für ihre Steuereistung geben und dadurch ihr Interesse für die Cultusangelegenheiten wecken. Solche Märchen sind aber schwer glaublich. Die Rothschilds, Guttmanns und Königswarter werden 1000 fl. Steuer mehr auch nicht zur Gemeindestube führen. Dagegen ist diese Wahlreform wohlgeeignet, die Verbitterung der kleinen Leure zu erhöhen und sie für das Judenthum noch gleichgiltiger zu machen. Die schönen Worte der „Bolksmänner" k. k. Finanzrath Rappaport und Director Simon von der Milde gegenüber dem kleinen Steuerträger ind sehr verdächtig. Der kleine Mann verschmäht diese „Milde". Lr w i l l zahlen, was er zu zahlen hat, er will aber auch ein gleiches Recht, will seinen gleichen Einfluss auf die Führung der Gemeinde. Immer, wenn die Herren bei einer Berathung beisammen sitzen, kann man ihre Betheuerungen hören, welche schwere Pflicht sie mit der Ausübung ihres Mandates erfüllen, welche Last sie sich damit aufbürden. Ja, wer zwingt sie denn dazu, das Mandat anzunehmen? Bei den letzten Wahlen wurden alle Mittel der Wahlpraktik angeweudet, um den officiellen Candidateu die Mandate zuzuschanzen; diese „Opferfreudigkeit", mit der die Herren um die Mandate kämpfen, ist wirklich rührend! Und nun vergrößern sie diese Opfer. Sie sichern sich die Majorität der Wähler auf unendliche Zeit. Die Wahl der 100 fl.-Curie wird selbstverständlich zwölf Mandate für die jetzige Gemeindeherrschaft liefern, daun braucht man nur noch sechs Mandate von den anderen Wahlkörperu, um mit dem Vorsitzenden die erforderliche Majorität zu haben. Dann ist eine ernstliche Opposition für alle Zeit mundtodt gemacht und die Gemeindeherrschaft kann nach ihrem Gutdünken regieren. Wenn das Gemeindevorstands-Mandat solche „Opfer" auferlegt, wenn es solch eine „Last" ist, wie die Herren immer betonen, woher denn dann diese rührende Sorge um die grundbücherliche Einverleibung der Majorität, die mit der Errichtung der Millionär-Curie für alle Zeit erledigt werden soll? Diese Wahlreform ist ein Schlag ins Gesicht des Judenthums. Das Judenthum ist in seinem Wesen demokratisch und hat Standesunterschiede stets perhorresciert. Moderner Geist hat diese Anschauung ins Judenthum getragen und seine angeblich berufenen Vertreter haben diesem Geiste mit ihrer Wahlreform officielle Anerkennung verliehen. Das wird sich das Judenthuin merken müssen! Da die Sitzungen, in welchen über die Wahlreform berathen wurde, förmlich vertraulich abgehalten wurden und man nur die „verlässlichsten" Pressvertreter zu diesen Sitzungen einlud, müssen wir erst die Protokolle, welche man zur Veröffentlichung für gut findet, abwarten, um dieses wichtige Thema eingehender behandeln zu können. Soviel aber kann man wohl heute schon sagen: Den Gemeindemitgliedern wird man mit den Commentaren der mehr oder weniger b ezahlten Presse kein X für ein U vormachen. Sie werden an die „Uneigennützigkeit" und „Opferfreudigkeil" der Gemeinde- Herrscher, die so besorgt um diese Herrschaft sind, nicht unbedingt glauben, sie werden vielmehr in ihrem Misstrauen nur bestärkt werden. Wie man aber im Volke selbst, draußen im Volke, wo directe Interessen gar nicht in Betracht kommen, sondern nur das moralische Empfinden ieiu Urtheil abgibt, über diese Wahlreform denkt, das bezeugt ein Brief deutlich, der uns vorliegt und dessen Original wir den Herren von der Gemeindevertretung gerne zur Verfügung stellen. Darin heißt es: „.Die Wiener Israelitische Cultusgemeinde leidet an einem chronischen Deficit. Um dieses zu beseitigen, erbietet sich eine große Zahl von Contribuenten „freiwillig" zu einer erhöhten Steuerleistung. „Dafür" aber fordern sie eine erhöhte Einflussnahme auf die Verwaltung, angeblich ein gerechtes Begehren. In die deutsche Sprache übersetzt, heißt das: die gewissen Contribuenten kaufen von der derzeitigen Majorität der Wiener Cultusgemeinde, deren Nothlage benützend, eine erhöhte Einflussnahme. Diese erhöhte Einflussnahme muss aber auf der anderen Seite eine verminderte Einflussnahme zur Folge haben, und wir können daher sagen: die derzeitige Majorität der Wiener Cultusgemeinde verkauft einen Theil der Rechte von Cultusgemeinde- Mitgliedern an die „Höchstbesteuerten". Die Höhe des Deficits ist der Preis dieser Rechte, der Judaslohn, um den das jüdische Volk verrathen wird. Wenn man grob wäre, würde man die ganze Sache politischen Wucher nennen. Wir sind aber gut erzogen, und sagen daher: die reichen Juden wollen wohlthätig sein, „dafür" aber u. s. w. Man will doch für die Wohlthätigkeit etwas haben." Und weiter: „Mit der Wiener Cultusgemeinde mag es schlecht stehen. Aber wenn es noch hundertmal schlechter stünde, Herr Oberfinanzrath Dr. Rappaport, „dieses Begehren" ist kein gerechtes, es ist ein niederträchtiges, eine zum Himmel schreiende Versündigung und Vergewaltigung an der Tugend der Wohlthätigkeit. Ihr alle, Herr Baurath Stiasny, Herr Oberfinanzrath Rappaport, Herr Director Simon, Herr kais. Rath K l i n g e r, Herr kais. Rath P o l l a k, Herr Dr. S p i tz e r, und Ihr anderen, wenn Ihr Juden wäret, Männer mit jüdischem Herzen, Ihr würdet es in alle Welt hinausschreien: „Seht, Juden und Christen, überall wird der Jude zurückgedrängt, überall wird ihm sein Recht verkümmert. Nur aus seinem Boden, in der Cultusgemeinde, da gab es bis jetzt keine ungleichen Rechte, da waren alle Juden gleich. Und auch das soll jetzt anders werden. Nicht der Antisemit will hier dem Juden das Recht schmälern, nein, der eigene Bruder will es thun, weil er reich ist." Ein Ekel würde Euch vor diesen „Wohlthätern" erfassen, der Euch mehr edeln würde, als Eure erlogene Begeisterung für Freiheit und Fortschritt. Ihr würdet diese Reichen sich vor Scham winden machen, sie vor aller Welt bloßstellen, sie, die Juden, die Rechte kaufen. So wäre es, wenn Ihr Männer mit jüdischem Herzen wäret. Aber so seid Ihr „Deutsche mosaischer Consession", und als solche gehen Euch Wahlprivilegien, Interessenvertretung, Besitzstand und Phrasen über Judenthum und Freiheit." Das ist grob, nicht wahr? Aber ehrlich! Was sollen nun erst jene sagen, welche gerechte Zweifel darüber hegen, dass die reichen Juden die Erhöhung ihres Einflusses auf die Gemeindeverwaltung fordern? Vom Tage. „Wiener Localanzeiger". Seit einigen Monaten wird in einzelnen Wiener Kaffeehäusern, die namentlich anzuführen ein Localanzeiger von nur weuigen Zeilen genügen Würde, ein Blatt toleriert, mit dessen täglichem Erscheinen diese wenigen Kaffeesieder nur durch die unentgeltliche Zusendung auSgesöhnt werden konnten. Bon dem richtigen Calcül

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