Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ledarlion: VIII/1, Schlöffelsassr II. Eprechsmnde« r fln Wochentagen von 10 dir 1s Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 12 Uhr vormittags. poftflMtt: JüdischevolkSblatt, Wien, Vlllll. Veschwrrdrn wegen vcrsvätetcr oder gar nicht erfolgter LusteLung erbitten wir un« dringend. — Maomsertvte werde« nicht zurück,rstrllt. Postsparce.'^en-Eonto 247087. In das Abonnement kann n«an «Sglich eintreten. Ur. 33 Wcheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein rrwählten Prefsrommlflinn. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascn- »ein L Vogler, Rudolf Moste, A. Oppelik, M. Po-sony!, «. Echalek in Wien, fenier alle Aiinoncen-Erpeditionen im AuSlande. Einzel-Nummer in Wien I« Heller. Ätoniuii'tration: VIII/1, Schlößrlgalle 11. 'Abouuementspreis: giir Wien ». Lesterretch-Nngarn samnil yrancozustcllung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- „ 4.- Für das gesanrmte Ausland lammt Francoziistcllmig. Gunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. „ 4L« - „ 225 Wien» 8. giwt 1900. II. Jahrgang. Für oder gegen die Inden? Die „Reichswehr" hat in den letzten Tagen aufsehenerregende Artikel gebracht. In einer anscheinend sehr > objektiven, aber ebenso augenscheinlich parteidisciplinierten Form legte der Verfasser, der Herausgeber des Blattes, die Ursachen und Folgeerscheinungen dar, welche an dem Verlaufe und am Ausfälle der Wiener Gemeindewahlen zu beobachten waren. Die Artikel, die in ihrem Aufbcme in der That herorrmgende journalistische Begabung befunden, gipfelten m der klaren Schlussfolgerung, dass die Juden keine Ursache hätten, auch fernerhin den StArmblock für die Liberalen abzugeben, und dass sie damit wohl zufrieden sei« könnten, wenn ein gemäßigtes clericales Regime fürderhin ihren religiöse« und nationalen Existenzbedingungen Rechnung tragen wollte. So verstanden wir die augenfällige Tendenz der Artikel. Der Herausgeber des citierten Blattes nahm in einer Polemik mit dem „Deutschen Volksdlatt" — das gegen eine derartig impittterte Verwässerung der christlichsocialen Rassenverhetzung Stellung nehmen Zu müssen glaubte — Gelegenheit, zu beurkunden, dass seine Arbeit ein Ausfluss seiner Gedankenproduction sei. Daran zu zweifeln hat niemand Grund, denn der Herausgeber der „Reichswehr" ist ein tüchtiger JoAvnalist. Dagegen finden wir einen Unerfindlichen Widerspruch zwischen dieser Erklärung und der ins Auge spr-mgenden 'Tendenz der bezüglichen Artikeln die divergierenden Anschauungen der sich bekämpfenden Parteien einander näher zu bringen. Stünde wirklich gar niemand hinter den Artikeln der „Reichswehr", man müsste den Verfasser fragen: „Wozu der Lärm, was steht dem Herrn z« Diensten?" Wie er sehr richtig bemerkt, haben die Juden Zeinen Grund, für die Liberalen das Eisen aus dem Feuer zu holen und sich dabei von den Christlich-Socialen auf die verbrannt?» Finger klopfen Zu lassen. Die Zahl der Juden, die das nicht einsehen, wird ja auch von Tag Zu Tag kleiner. Andererseits muss auch der ArtWelschveibor in der „Reichswehr" zugeöeu, dass es deu Juden — die wenigen Assimilationsgigerl abgerechnet — niemals eingefallen ist, den ClericcLen gegenüber sich als Herren aufzuspielen. Seien wir gerecht. Die Phrase von der „Herrschaft der Juden" ist ein 'Agitationsmittel; immer nur waren es die Juden, welche Schläge gekriegt haben, Auch von den Clericalen, werrn es gerade der Kamps um die Herrschaft erforderte. Wir brauchen nicht an die Haltung des „Vaterland" bei verschiedenen Gelegenheiten zu erinnern; zugegeben, dass eiste Partei für die Haltung eines Blattes Die jüdische Schule. Von Dr. M. Jung. Wenn auch «in jedes weltgeschichtliche Ereignis nichts anderes ist als das Resultat langjähriger Entwicklungen, als das endliche Ueberschäumen des bis zum Rande gefüllten Bechers, so gibt es dennoch im Leben der Völker bestimmte Momente, die aus der Zeitfüüe herausragen, den Keim großer Umwälzungen in sich tragen, und die von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung der ganzen Zukunft derselbe» sind. Nicht selkn nehmen wir im Leben der Völker gewisse Lichtmomente wahr, die besonders geeignet sind zur Beförderung des Guten und zur Verwirklichung edler Bestrebungen, in denen mit leichter Mühe weit mehr erreicht werden kann, als sonst bei dem größten Aufwands von Zeit und Kraft. Es genügt aber nicht, diese dem Idealen günstigen Momente bloß wahrzunehmen; sie müssen auch verwertet werden. Denn nichts ist kürzer in seiner Dauer, als solche Lichtmomente, nichts flüchtiger als jene Augenblicke, in welchen die breite Masse der Völker zur Höhe des Idealen emporgetragen werden kann. Wir können nie mit Bestimmtheit wissen, ob die ideale Strömung, die in diesem Augenblicke die Gemüther durchzieht, nicht im nächsten sich verflüchtigen, ob die Begeisterung, die heute die Herzen feurig erglühen lässt, nicht morgen eisiger Kälte weichen werde. Je kürzer und flüchtiger solche für edle Schöpfungen günstige Momente sind, desto größer ist die Pflicht all jener, denen die Förderung des Bolkswohles am Herzen liegt, sie durch rasche Verwirklichung alles Guten festzuhalten und zu verewigen. Die günstigen Momente werden erst durch die Entschiedenheit, mit welcher man sich ihrer beniächtigt, vollends günstig. Bon solchen Zeiten sagt Koheleth: Es gibt eine Zeit zum Bauen und eine Zeit zum Pflanzen. Und von solchen Zeiten, die von den Führern nicht verwertet werden, klagt de.' Psalmist: In einer Zeit, die geeignet ist, für Gott zu schaffen, zerstören sie Deine Thora! Schon das unbenützt Borübergehenlassen solcher Momente gleicht dem Zerstören des Göttlichen; nicht verantwortlich gemacht werden kann, aber diese Haltung wurde auch durch die Clericalen nie desavouiert! Geht der Artikelschreiber der „Reichswehr" von der Ansicht aus, dass die Wiener Gemeindewahlen in ihrem Verlaufe die fortschreitende Unabhängigkeit der Juden gezeigt haben, dass eine weitere Emancipation der Juden diesen nur zum Vortheile gereichen könnte, dann ist die feierliche Betonung der bloßen Stilübung des Schreibers höchst'unpraktisch. Auf die bloße Betheuerung der „Reichswehr" hin können die Juden unmöglich die Emancipation fortsetzen, auch wenn sie die Richtigkeit der Ansicht einsehen. Dazu ist nothig, dass jemand hinter der „Reichswehr" steht, wäre es auch nur der Ansatz zu einer Reorganisation der christlichen Kampfgenossenschaft, die gegen den Liberalismus mobil gemacht wurde. Vom Liberalismus haben die Juden so wenig gehabt, dass sie ihn um jeden Preis hingeben können; wer aber wird das unreine Wasser ausschütten, bevor er reines hat. Wenn auch die n a t i o n a l e n Jude« der Ueberzeugung sind, dass der Liberalismus auf jede« Fall weggeschüttet werden kann, mit denen allein ist die Sache nicht abgethan. Die große Zahl der Assim i l a ti o n s- und der liberalen Juden ist inöthig für eine neue Phalanxstellung des Judenthums, And diese große Zahl kann nur dann gewonnen werden, -wenn sie mit etwas Positivem überzeng-t werden kann. Me Juden begreif«« -ganz wohl, dass Dr. Lueger nach dem großen Wahlsiege Muhe und Frieden als die willkommensten Begleiterscheinungen für die kommende Arbeitszeit anstrebt:; gewiss halben -sie leine Ursache, vön dek Großma««ssucht liberaler Ströbor sich die klare Beobachtung der augevMMchen Sachlage -trüben zu lassen. Es liegt aber auch in der bloßen journalistischen Aeußerung eines bisher keineswegs parteipunzierten Blattes keinerlei Ermuthigung für sie, -eine große Fvontveränderung vorzunehmen. Vom „Munkeln", das neuestens über die dunklen Hintertreppen der politischen Bühne Zieht, haben sie allerdings etwas gehört;,was aber können sie damit anfangen, wenn schon das Gebell eines halbtallen Köters imstande ist, die guten Vorsätze Zur Besserung mit einer muthlosen Betheuerung ihrer Bedeutungslosigkeit hinwegzublasen? Sollen die Juden den Muth haben, Farbe zu bekennen, bevor noch diejenigen, welche das fordern, den gleichen Muth heweisen? Dr. Lueger hat gelegentlich des Wahlkampfes die Aeußerung gethan, dass die Juden ehrenvoll hätten fallen können, wenn sie es nicht vorgezogen hätten, mit den Schönererianern unrühmlich zu fallen. An diese Unwahrheit glaubt Dr. Lueger gewiss selbst nicht. Den Wahlwelche Verantwortung trifft aber diejenigen, welche in Zeiten, die geschaffen sind, das Göttliche in Aufschwung zu bringen, der idealen Zeitströmung eine falsche Richtung geben und dadurch die Verkümmerung der ganzen Zukunft des Volkes verschulden! Für eine solche günstige Zeit halten wir die unserige. Unsere Zeit kann mit Recht die Zeit der Entwicklung der Individualität genannt werden. Im Schoße der Völker ist der Genius der Nationalität erwacht, überall tritt der nationale Gedanke in den Vordergrund, mit besonderer Liebe werden die nationalen Eigenthümlichkeiten gepflegt und das größte Gewicht auf Kenntnis der Nativnal-Geschichte und -Literatur gelegt. Dieser Nationalitätengeist, der sich im Ansschließen alles Fremden und in der größtmöglichsten Entfaltung des Eigenen knndgibt, ist das einzig Ideale an unserer materialistischen Zeit. Ladet uns unsere Zeit nicht ein, „für Gott zu wirken?" Wenn Völker, deren Culturstufe eine tiefe ist, mit Liebe ihre Literatur, die nur dürftige Blüten anfweist, Pflegen, mit welcher Herzensinnigkeit und glühender Begeisterung müssten wir für unsere Literatur eintreten. Wir, eines der elastischen Völker des Alterthums, das schon durch seine bloße Existenz in der Mitte der mächtigen Völker den endlichen Sieg des Idealismus, dessen alleiniger Träger es ist, über den rohen Materialismus verbürgt, das selbst in den düstersten Zeiten auf hoher Stufe der Gesittung stand und am mächtigsten und nachhaltigsten auf die Cultnr der Völker eingewirkt har, wie sollten wir unsere Literatur pflegen, der wir unseren idealen Sinn und unser für alles Edle empfängliche Herz verdanken, und die zum Quell geworden ist, ans welchem alle civilisierten Völker dasjenige geschöpft haben, was sie an wahrer Cultnr und Gesittung besitzen! Wenn wir aber schon nicht den Völkern ln der Pflege der eigenen Literatur mit gutem Beispiele voraugelenchtet haben, so sollten wir wenigstens ihre m Beispiele folge»! Wahrlich, unsere Zeit ermahnt uns, in unserer Literatur mit Eifer und Liebe zu forschen, damit wir unsere geschichtliche Bedeutung und uns selbst erkeuueu. — Und ist unsere Zeit siegen der Christlich-Socialen in vielen Bezirken Wiens liegt ja doch nur die massenhafte Wahlenthaltung der Juden zugrunde; das Compromiss der Liberalen mit den Schönererianern hat ja gerade die Thatsache gezeitigt, dass die Juden lieber ehrenvoll fallen als ehrlos siegen wollen. Es ist somit nichts als Wahlpraktik, heute noch von einer bestehenden Gefolgschaft der Juden sprechen zu wollen; bis auf eine verhältnismäßig kleine Zahl von Strebern steht die Judenschaft Gewehr bei Fuß. Die Waffen wegzuwerfen aber, dazu haben die Juden noch keinen Anlass. Was sie wünschen und fordern, braucht wohl in diesen Blättern, die gelegentlich des Wahlkampfes deutlich und klar die Forderungen der Juden ausgesprochen haben, nicht nochmals gesagt zu werden. Und die täglich zweimal sich wiederholende Beschimpfung seitens der christlich-socialen Blätter, die unmenschlich rohe Behandlung des jüdischen Elements in allen Vertretungskörpern des christlich-socialen Regimes wird durch eine als rein persönlich documentierte Enunciation eines Journals nicht wettgemacht. Ebenso muthig sich die nationale Judenschaft von der liberalen Phrase losgemacht hat, ebenso furchtlos wird sie sich dem zur Verfügung stellen, der ihr Achtung und Gerechtigkeit verbürgt. Aber, wohl gemerkt: verbürgt sagen wir. Die Judenschaft ist nicht .gewillt, von der liberalen zu einer anderem Phrase überzulaufen. Wer von ihr den Muth der Ueberzeugung fordert, muss den der eigenen zeigen. Sonst muss und wird die Judenschaft alle Rathschläge und Winke für lobenswerte, hübsche, aber auch nur für Stilübungen ansehen! Für oder gegen die Juden? so fragen auch, wir... Der jüdische Exodus aus Rumänien. Ja, es ist ein Exodus im vollsten Sinne dieses Wortes. Die Zahl der Juden, welche Rumänien verlassen, wächst täglich an und beginnt selbst bei den großmäuligen Antisemiten eine gewisse Besorgnis hervorzurufen. Früher konnte man die auswandernden Juden an den Fingern abzählen, jetzt sind es Hunderte, die täglich dem Lande den Rücken kehren. Früher kündigten die Antisemiten, wahrscheinlich zur Beruhigung ihrer schwankend werdenden Anhänger an, dass die Juden gar nicht auswandern, sondern nur aus einer Stadt in die andere ziehen — jetzt hat die Regierung öffentlich erklärt, sie habe einen Ueberwachungsdienst eingeführt und sich davon überzeugt, nicht auch durch den Antisemitismus zu einer für edle Schöpfungen in unserer Mitte geeignete geworden? Es ist eine unleugbar geschichtliche Thatsache, dass, so oft wir nahe daran waren, unsere religiöse Mission im Schoße der Völker zu vergessen, so oft wir glaubten, dass uns aus dem Abstreifen unseres jüdischen Charakters und aus dem innigen Anschlüsse an die Völker Heil und Segen erblühen werde, die göttliche Vorsehung, die über unseren jüdischen Geist wacht, den Antisemitismus auftreten ließ. Aus dem antisemitischen Geräusche ruft uns eine mahnende Stimme zu: Ihr Juden könnt Euch mit voller Begeisterung der Wissenschaft, Kunst und Industrie widmen, könnt es an patriotischer Hingebung und Spenden für das Allgemeine allen anderen zuvorthun, Achtung, wahrhafte und dauernde Achtung werdet Ihr Euch dadurch nimmer erwerben, solange Ihr die Literatur aller Völker pfleget, aber gerade Eure Literatur, den Geist Eures Schriftthums verschmähet, der allein es ist, der Euch im völkergeschichtlichen Kreise einen Platz anweist und dessen Pflege allein Euch einen achtunggebietenden Charakter erwirbt. Täuschet Euch nicht! Wenn Ihr auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft Großes leistet, so verzeiht man Euch, dass Ihr Juden seid, man erweist Euch großmüthig den Gefallen, zu vergessen, dass Ihr Inden seid, mau achtet in Euch nur das, was Ihr mit dem Nichtjuden gemeinsam habet, wenn nichtjüdische Geister Eure Vorbilder waren, aber Euch selbst, den Juden im Juden, Euer ureigenes Wesen bringet Ihr mit alldem nicht zu Ehren. Erscheint Euch dies nicht natürlich? Ihr habet Künstler, aber nicht jüdische Künstler, Gelehrte, aber nicht jüdische Gelehrte, Großindustrielle, aber nicht jüdische Großindustrielle, in Eurer Thätigkeit kommt nicht der jüdische Geist zur Geltung, darum entrichtet wohl uuser Jahrhundert einer ganzen Reihe von Euren Künstlern und Gelehrten den Zoll der Bewunderung, kränkt sich aber nur, dass sie jüdischen Ursprunges sind, wenn es den Stein der Verurtheilttng ans einen derselben zu werfen für gut befindet. Sobald Ihr die Hallen der Kunst und Wissenschaft betreten, oder eine höhere sociale Stellung eiunehmet, streifet Ihr Euren jüdischen