Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. Juni 1900 Nr. 22 Ariedek-Miftek (Zur R a b b i n e r w a h l.) Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redaction! Ohne den Ausschuss der Cultusgemeinde Friedek-Mistek sonst in Schutz nehmen zu wollen, fühle ich mich dennoch der Wahrheit zuliebe verpflichtet, zu der Notiz aus Friedek-Mistek in der vorletzten Nummer Ihres geschätzten Blattes folgende Mittheilung zu machen: Schüttenhofen hat in Friede! nicht Schule gemacht. Es lag dem Ausschüsse die Photographie eines Candidaten wohl vor, diese war aber ohne Aufforderung eingelangt. Der überwiegenden Majorität des Ausschusses der Cultusgemeinde Friedek-Mistek. voran dem Vorsteher Herrn L ö w, kann das Zeugnis vollständiger Objectivität in puncto Rabbinerfrage nicht vorenthalten werden; ein Beweis hierfür ist, dass den einstimmig gewählten Candidaten Herrn Dr. Bergmann aus Loschitz niemand in Friedek-Mistek kannte und seine Berufung zur Probepredigt nur auf seine glänzenden Zeugnisse hin erfolgte. Auch bezüglich dieser Probepredigt ist der Ausschuss vollständig correct vorgegangen. Jeder Candidat hatte am Freitag Abend über ein selbstgewähltes und Samstag über ein ihm gegebenes Thema zu sprechen. Was nun endlich die Schlussbemerkung anbelangt, so ist diese zum mindesten verfrüht. Im übrigen ist es nur an dem Rabbiner selbst gelegen, sich sein Verhalten vorschreiben zu lassen. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung. J. h. K. Kostet. (Rabbiner - Begrüßung.) Heute am 3**? wurde der von unserer Gemeinde mit Stimmeneinheil zum Gemeinde-Rabbiner bestellte frühere Prediger au der Wiener Fugbach-Synagoge, Se. Ehrwürden Herr Abraham Weiß, in besonders feierlicher Weise in sein neues Amt eingeführt. Als der aus der Reichshauptstadt eintreffende Zug, der unseren neuen Rabbiner mit den aus Wien herbeigekommenen Festgästen brachte, in der Bahnhofshalle hielt, wurde Se. Ehrw. Herr Rabbiner Weiß von den Mitgliedern des hiesigen Vorstandes, den Herren Weigl und Spitz, feierlichst empfangen und in festlichem Zuge zur Synagoge geleitet, an deren Pforte der Obmann unseres Cultusvorstandes, Herr B. K o h n, an unseren neuen Rabbiner eine herzliche Ansprache hielt, in der er im Namen der Gemeinde seiner großen Freude Ausdruck lieh, auf dem altehrwürdigen Rabbinersitze Kostels wieder einen Rabbiner conservativer Richtung erblicken zu können. Von der Kanzel begrüßte Dr. Feuchtwang seinen Amtscollegen und Jugendfreund in langer, wohldurchdachter und meisterhaft vorgetragener Rede. Dann hielt Se. Ehrwürden Herr Abraham Weiß seine Antrittsrede. .Unter Zugrundelegung der dem Propheten Jonah entnommenen Textesworte „I w r y o n a u ch y we-es haschem Elauke Haschomajiin ani joreh" zeigte er seiner Gemeinde, in welcher Weise er das ihm anvertraute Priesteramt auszusüllen sich verpflichtet halte. Er sehe im Seelsorgeamte, meinte er, nicht blos die Gelegenheit zur öffentlichen Bekundung seiner Rednergabe, sondern auch die heilige Verpflichtung, den Samen des wahren Gottesglaubens in die empfänglichen Gemüther der jüdischen Jugend zu streuen und den Erwachsenen in allen Lagen des Lebens als treuerBerather zur Seite zu stehen. Mit einem Gebete und Segenssprüchen auf unseren Landesvater Se. Majestät Kaiser Franz Joseph I., die Regierung und die Behörden schloss er seine überaus schöne und wirkungsvolle Antrittsrede. Mit der hierauf von unserem Cantor Herrn Blau angestimmten Volkshymne, dem „Ma Tauwo" und dem Schlussgebete fand die herrliche Feier im Gotteshause ihr Ende. An diesen herrlichen Festact schloss sich ein Bankett im Restaurant Weigl an, welches unter sehr starker Betheiligung seitens der Mitglieder unserer Gemeinde stattfand. Möge es Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Weiß von der allgütigen Vorsehung beschieden sein, gleich seinen berühmten Vorgängern lange Jahre an dieser Stätte zum Segen unserer Gemeinde zu wirken und Kostel dem conservativen Judenthum zu erhalten. Bodenbach. Was vor einigen Jahren nur in Ausnahmsfällen und da nur unter den verschiedensten Cautelen versucht, und auch dann noch eine „unzeitgemäße Isolierung" von dem damaligen jüdischen Redacteur unseres liberalen (?) Localblattes genannt wurde, geschieht heute, wo wir im glücklichen Besitze eines ausgesprochen antisemitischen Localblattes und jenes „liberalen" nunmehr antisemitelnden Blattes, sowie vieler „rein" arischer und antisemitischer Vereine sind, coram publico, die Judenschaft sucht das gesellschaftliche Zusammenleben in eigener Mitte durch „Purimkränzchen", „Theaterabende für den Tempelbaufonds", durch Ausflüge zu pflegen, und hat im großen ganzen Erfolg. Ob das Antisemitenblatt blöde Bemerkungen macht, wer fragt heute darnach? Die jungen Herren, die sonst tri den diversen Vereinen nur geduldet das Kneipen gelernt, sie finden sich gemüthlich zusammen und freuen sich, für den Tempelbau, für jüdische Zwecke in irgend einer Weise ein Scherflein beizutragen. Der jüdischen Gesellschaft stehen nunmehr noch die Herren Doetoren der Rechte — ob mit Recht oder Unrecht — ferne, doch sie werden nicht vermisst; man ist daran gewöhnt, dass diese geistigen Capacitäten das Judenthum für nichts, das „Deutschthum" über alles halten. Doch auch sie haben schon manch traurige Erfahrung gemacht, von denen ja einer Ihrer Herren Mitarbeiter in den ersten Nummern Ihres geschätzten Blattes erzählte. Sie kommen aber auch, wie schon andere wiedergekommen, und sie werden froh sein, wenn sie eine Rolle, die sie nun einmal spielen wollen, in der Judenschaft werden spielen können. Doch davon wollte ich ja eigentlich nicht erzählen, sondern von dem gelungenen letzten Theaterabend, der dem Tempelbaufonds wieder ein ansehnliches Sümmchen auf ein paar tausend Ziegel einbrachte. Der Leiter des Abends vom 24. Juni l. I., iVlsckieioao Dr. Kuge l, sowie das Comitö können mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Wir begrüßen diese Art des Wirkens für das Judenthum auf das freudigste, denn hierdurch emancipieren wir nns sicher und gewiss von jenen Kreisen, in denen wir, vor unserer gewaltsamen Ausscheidung, doch nur geduldet sind. Allein auch unser Selbstgefühl steigern derlei Unterhaltungen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Juden festigen sie, und Elemente, die jede Fühlung mit dem Judenthum verloren, bringen sie der Gesammtheit wieder. — Mein Bericht hat nicht den Zweck, Ihre Leser über den Vergnügungsabend zu informieren, sondern zu documentieren, dass die Ziele, die das „Jüdische Volksblatt" erstrebt, das Judenthum allmählig gesellschaftlich und politisch auf eigene Füße zu stellen, überall erreichbar sind. F. Boryslaw. (Die 9!oth der Bergarbeiter.) Aus Boryslaw erhalten wir ein herzzerreißendes Schreiben über die Noth unserer dortigen Glaubensgenossen. Seit dem 20. Februar ist der Betrieb in sämmtlichen Hruben eingestellt. Hunderte von jüdischen Arbeitern sind seither mit Weib und Kind dem Hunger und der Noth ausgeliefert. Die Unterstützungen, von denen sie in der ersten Zeit kümmerlich genug leben konnten, haben nun ganz aufgehört. Unterdessen wurden auch von der Galizischen Credit-Bank und von der Victoria-Grube die jüdischen Arbeiter entlassen, so dass die Zahl der Nothleidenden gestiegen ist. Wir richten einen dringenden Appell an unsere Stammesgenossen, sich der Nothleidenden anzunehmen. Beträge bitten wir entweder an uns oder an Herrn Bürgermeister I. Kornhaber in Boryslaw zu richten. Tyezyn. (Zur Mordaffaire.) Alle Anstrengungen und Bestrebungen unserer Antisemiten hier, die Schuld des Mordes in Hermanowa einem Juden aufzubürden,sind endlichmitder am20.d.M. stattgefundenen Entlassung des Sohnes, resp.Bruders der Ermordete» aus der Untersuchungshaft gescheitert. Der arme Junge wurde 22 Tage hindurch in Haft gehalten, und während dieser Zeit hatten die Antisemiten Gelegenheit genug, um unter dem Bauernvolke gemeine Denunciationen gegen das ganze Judenthum zu streuen. Das Traurigste aber an der ganzen räthselhaften Mordaffaire ist, dass durch die fünfwöchentliche Jnhafthaltung zweier unschuldiger Juden die wahren Mörder Vorschub erhalten, und dass mau bis heute, sieben Wochen nach der That, auf die richtige Spur der Mörder nicht kommen kann. Ausland. Berlin. (Bodeneultur für Juden.) Der Verein zur Förderung der Bodeneultur unter den Juden Deutschlands ladet seine Mitglieder zu der am Sonntag den 27. Mai vormittags 10'/, Uhr im Bureau Rosenthalerstraße 34/35 stattfindenden General-Versammlung ein. Der Verein war im abgelaufenen Berichtsjahre bemüht, die innere Organisation weiter zu fördern, insbesondere auch durch Vermehrung der Ortsgruppen. Es bestehen zur Zeit solche in Berlin, Hamburg, Frankfurt a.^M., Stettin, Posen, Oels, München, Eschwege, Hannover und Leipzig. Die Mitgliederzahl ist von 222 auf 451 gewachsen, die Einnahmen erhöhten sich von 762 Mark auf 2534 Mark. Das Vereinsvermögen beträgt jetzt 3078-45 Mark. In einer Reihe von Orten war der Verein zur Errichtung von.Schulgärten behilflich. Die im vorigen Jahre beschlossene Enquete über die Zahl jüdischer Landwirte in Deutschland, die Größe und Art ihrer Betriebe, die Anzahl der in der Landwirtschaft als Angestellte beschäftigten Personen ist begonnen worden. Obwohl schon recht interessante Thatsachen gesammelt worden sind, ist das Material doch noch zu lückenhaft, um zur Veröffentlichung zu dienen. Um die Vermehrung der Mitgliederzahl beziehungsweise die Propagierung der Ziele des Vereines hat sich Herr Dr. Ernst Tuch aus Hamburg als Wanderredner große Verdienste erworben, derselbe hat auch das Amt als General-Seeretär des Vereines übernommen. Berlin. (Namensänderung.) Der Minister des Innern bestimmte durch Circular-Erlass, dass künftige Gesuche auf Genehmigung der Namensänderung von Personen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft, beziehungsweise des von übergetretenen Juden bei der Taufe angenommenen Familiennamens nicht ohne vorher einzuhokchide Ermächtigung des Ministers Folge gegeben werde. Stuttgart. (Eine Eingabe jüdischer Bürger.) Die staatsrechtliche Commission des württ. Abgeordnetenhauses berieth gestern eine Eingabe jüdischer Bürger aus Ulm um Revision der Bestimmungen über die kirchlichen Rechtsverhältnisse der württ. Israeliten uno beschloss, dem Landtage die Uebergabe der Bittschrift an die Regierung zur Erwägung zu empfehlen. Die Angelegenheit dürfte nächstens in der Kammer zur Verhandlung kommen. Bukarest. (Die Judenauswanderungen zu F u ß) nehmen große Dimensionen an. In Bukarest haben sich gegenwärtig fünf Sectionen gebildet, welche die Auswanderung zu Fuß anstreben. Das Ziel der Fußwanderung ist für alle Hamburg, wo sie sich nach Amerika einschiffen wollen. Die ausländischen Juden interessieren sich lebhaft für ihre hierländischen Glaubensgenossen und es verlautet, dass Rabbiner Dr. Beck und ein bekannter hiesiger Banquier zur Unterstützung der zur Auswanderung Gezwungenen 9000 Frcs. erhalten hätten. Eine der fünf hiesigen Sectionen, die aus 60 jüdischen Reservisten besteht, wird am nächsten Sonntag Bukarest verlassen. Bor einigen Tagen1 circulicvte das Gerücht, dass einige Mitglieder des Comitös dieser Section bei der Sammlung von Unterstützungen von der Polizei festgenommen worden seien. Auf eine diesbezügliche, an das Comitö gerichtete Anfrage erfolgte der Bescheid, oass das Gerücht unwahr sei. Thatsache wäre jedoch, dass zwei Comitömitglieder zur Polizeipräfectur beschieden worden wären, wo «ihnen eröffnet wurde, dass sie möglichst wenig Propaganda oder besser gesagt, Aufhebens für, resp. von der Sache zu machen hätten. Gleichzeitig wurde ihnen mitgetheilt, dass man geneigt wäre, der Section Auswanderer einen oder zwei Eisenbahnwaggons zur Fahrt bis zur Grenze unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Also eine amtliche Förderung der Judenauswanderungen ... — Im Lause der vorigen Woche hat die Galatzer Polizeipräfectur über 300 Auswanderungspässe für Israeliten ausgestellt. Bukarest. (D a v i s T r i e t s ch ü b e r die jüdischen C o l o n i e n i m Orient) In einem Interview, welches Herr Davis Trietsch einem Mitarbeiter des hiesigen „Adeverul" gewährte, äußerte sich derselbe entschieden für eine systematisch organisierte Emigration nach den, Orient. Aus den interessanten Ausführungen des.'Herrn Tnesch geben wir Folgendes wieder: „Es ist in Anatolien ein Versuch gemacht worden. Dort bildete sich eine Colonie von 650 Juden aus Tulcea (Rumänien), die Colonie Beylie-Ahour. Diese Colonie besitzt Zelte. Hütten ertragsfähigen Boden, aber sie hat kaum das Nöthigste für ihre Nahrung. Polenta ist ihre Luxusspeise. Neben Angora befindet sich in derselben Situation die Colonie Sazelan, »velche 250 Juden zählt, oie aus Piatra N. (Rumänien) und einigen bulgarischsn Orten herstammen. Er besitze eine sehr interessante Collection von an Ort und Stelle anyefertigten photographischen Ausnahmen, »velche die Gezelte und Hütten der jüdischen Colonisten darstellen, sowie die Kinder derselben bei der Arbeit mit dem Spaten und dem Pfluge. Diese Abbildungen beweisen, dass auch der Jude allem widerstehen kann, dass er Lust und Kraft zum Arbeiten hat und dass er ein guter, seinen Boden liebender Landwirt sein wird. Diejenigen urthetlen falsch, welche glauben, der Jude könne nicht Landwirtschaft treiben. Zum Schluffe kündigt Herr Trietsch an, dass eine Reglementierung der Einwanderungen seitens der Hohen Pforte bevorsteht, während der „Adeverul" einige der erwähnten Abbildungen zu reprodueieren verspricht. Galatz (I u d en au s w a n d e r u n g en.) Hundert jüdische Leute haben am Sonntag unsere Stadt verlassen um zu Fuß bis Hamburg und von dort per Dampfer nach Amerika auszuwandern. Die Wanderer führen drei Wagen mit sich, auf welche sie ihre Nahrungsmittel und ihr sonstiges Gepäck verladen haben, l — Sonnabend ist Herr Davis Trietsch hier eingetroffen, um die Auswanderung von 52 jüdischen Familien nach Cypern zu bewerkstelligen. Paris. (Ein Riesenprocefs gegen den „Antij u i f“) gelangte vor der ersten Kammer des Pariser Civilgerichtes zur Entscheidung. Zweiundfünfzig israelitische Kaufleute, Industrielle und Grundbesitzer, deren Namen in der vom „Antijuif“ veröffentlichten Liste angeführt waren, hatten Jules Guörin als Director und Radigots Chauteloub als Geranten und Drucker des „Aniijuif* gerichtlich verfolgt, und zwölf derselben setzten gegen die Verklagten ein Contumazurtheil durch, das ihnen je 500 Francs Schadenersatz zusprach. Gegen dieses Contumazurtheil wurde Berufung eingelegt. In den vierzig anderen Klagen, in die der Buchdrucker Paul Dupont einbezogen worden war, konnte kein Urtheil gefällt werden. Inzwischen war Guörin durch den Staatsgerichtshof verurtheilt worden, weshalb für ihn ein Vormund bestellt werden musste, ehe der Process wieder ausgenommen werden konnte. Der Gerichtshof bestätigte das Contumazurtheil und verhängte auch in den anderen Klagen Verurtheilungen, und zwar 37 zu je 500 und 3 zu je 1000 Francs Schadenersatz, für die der Drucker Paul Dupont als solidarisch verantwortlich erklärt wurde. Der Urtheilstenor kantet ziemlich scharf für die Verurtheilten: „In Erwägung, das die Auszüge genügen, um den Character der von den Verklagten geführten Campagne zu zeigen, die an die verabscheuungswurdigsten Gewaltthaten appellieren und der Feindseligkeit und der Leidenschaft der Volksmassen alle diejenigen zu bezeichnen suchen, deren Namen und Adressen sie in ihre Proscriptionslisten eintragen; dass der Gerichtshof nicht energisch genug derartige Polemiken verurtheilen kann, deren Gefahren die Ereignisse, die im Vorjahre Algerien mit Blut getränkt haben, nur allzu deutlich enthüllen." Entsprechend der von dem Advoeaten der Kläger Me. A. Bergougnan, dem Gerichtsberichterstatter des „Temps", verfochtenen Ansicht, wurde der Drucker Paul Dupont als mitverantwortlich erklärt, obwohl er behauptete, seine Druckerei den Herausgebern des „Antijuif“ nur vermiethet zu haben. Paris. (Nach d e r W a h l.) Der Sieg der französischen Antisemiten bei den Municipalwahlen in Paris gibt ihren Gesinnungsgenossen neuen Kampfesmuth. Bekanntlich wurden bei den am 7. d. M. vorgenommenen Wahlen in den Gemeinderath der Stadt Paris 52 nationalistische und 29 republikanische Gemeinderäthe gewählt. Bisher zählte der Pariser Gemeinderath bloß zwei nationalistische Mitglieder. Aber nicht nur in Paris, sondern auch in Algier haben die Gemeindewahlen mit dem Siege der Antisemiten geendigt. Kann man sich in Paris damit trösten, dass es die Nationalisten, Boulangisten rc. waren, denen der Sieg gehört, so hat Algier ganz die Liste der reinen Antisemiten von der Spielart Drumont gewählt. Drumont ist zur Agitation selbst nach Algier gegangen, und obwohl der Empfang sehr kühl war, ist es ihm doch gelungen, schließlich die Volksstimmung gegen die Juden soweit aufzuregen, dass die Liste seiner Anhänger durchgegangen ist. Freilich war's ein Pyrrhus-Sieg! Dieser Sieg gibt der Regierung zu denken, die wohl diesen Staatsfeinden ernstlicher und scharfer entgegentreten wird. — London. (Vom südafrikanischen Krieg.) Der Bericht des Oberst Kekewich über die Vertheidiaung von Kimberley erwähnt eine ganze Reihe von jüdischen Ofsicieren mit großer Auszeichnung. In erster Linie gilt dies natürlich von dem unermüdlichen Oberst Harris, dem zweiten Commandanten von Kimberley, der die Freiwilligen, die sogenannte Stadtgarde, befehligte. Dann rühmt Kekewich speciell die Leistungen der Capitäne W. S. Elkin, C. E. Hettog und A. Blum von der Kimberley Town Guard und endlich von den Kimberley Light Horse Lieutenant G. Harris wegen bewiesener außerordentlicher Tapferkeit und Corpora! H. Harris von demselben Regiment wegen Tapferkeit. Noch ein anderer jüdischer Soldat ist in der letzten Zeit ausgezeichnet worden. Der Reiter A. Lewis von den Kitchener Horse D Squadron ist für seine Tapferkeit am Riet River zur Distinguished-Dienstmedaille vorgeschlagen worden. Die Verlustlisten der letzten Wochen weisen nicht weniger als 5 Todte, verwundet I Major, 8 Gemeine, endlich als Invaliden nach England zurückgesandt 2 Lieutenants, 1 Corpora! und 1 Sergeant. Im ganzen nicht weniger als 18 Glaubensgenossen, die der Krieg theils in ihrer Gesundheit schwer geschädigt, theils ihres Lebens beraubt hat. Interessant und ein Zeichen des Eifers, mit dem die Juden in allen Theilen des englischen Weltreiches sich zum Dienste mit der Waffe drängen, ist die Thatsache, dass auch mlter den Buschmännern aus Australien, bekanntlich eine Elitetruppe, die sich durch besonders gutes Reiten und Schießen auszeichnet, sich einige Juden befinden, in dem Contingent von Westaustralien unter 125 Mann zwei Juden, Solomon und Saunders. Odessa. (R a b b i n e r-V e r s a m m l u n g.) Dieser Tage fand in Nikolajew die provisorische Versammlung der Rabbiner des Chersoner Gouvernements behufs Einberufung eines afl- ' gemeinen russischen Rabbinercongreffes statt. An dieser Conferenz betheiligten sich 25 Rabbiner, die aus fast allen Städten des südlichen Russland kamen. Den Vorsitz führte der Haupt-Colonial- Rabbiner des Chersoner Gouvernements M. L. Kreps, der den Versammelten über den Auftrag, der ihm vom Minister des Innern zutheil wurde, nämlich ein Memorandum über den Congress anszuarbeiten, berichtete. Die Versaninilung erachtete es für sehr wünschenswert und zeitgemäß, die Erlaubnis nachzusuchen, einen allgemeinrussischen Rabbinercongress zu veranstalten, und erörterte jene Fragen, die demselben vorgelegt werden sollen. Als Materialien zum Programm für die Arbeiten dieser Zusammeilktmst dienten die schriftlichen Vorschläge vieler Rabbiner und eine ganze Reihe von Doeumenten, die Herr Kreps gesammelt hatte. Das Programm des projectierten Congresses ist ein ziemlich großes und enthältviele wichtige Fragen, die die Wirksamkeit der Rabbiner in Russland,, ihre Ernennung, die Verbesserung des Systems der Registrierung der Matrikel und dergleichen mehr, behandeln. Die Conferenz fügte derselben noch einige andere Vorlagen bei. Zur Ausarbeitung dieser Beschlüsse und der Redaetion der Denkschrift, die dem Departement der geistlichen Angelegenheiten vorgestellt sein wird, ist eine besondere Commission aus vier Stadl- und zwei geistlichen Rabbinern mit Herrn Kreps an der Spitze gewählt worden. Das Project dieses Memorandums wird zuvörderst zur Begutachtung dem Kownoer, Wilnaer, Rigaer und Brest-Litewsker, wie anderen bekannten Rabbinern vorgelegt werden. St Petersburg. (Juden als F e l d a r b e i t e r.) Mit Rücksicht auf den Mangel an Feldarbeitern im Weichsel-Gebiete macht ein Getreidehändler in der „Hazefira" den Gutsbesitzern des Gebietes den Vorschlag, aus dem Gouvernement Beffarabien Juden zu engagieren, die daselbst in einer Anzahl von mehr als 30.000 Personen sich infolge der vorjährigen Missernte in schrecklicher Nothlage befinden sollen. Wie der Proponent mittheilt, sei dieses Project von allen Landwirthen' mit denen er darüber gesprochen habe, sehr beifällig ausgenommen worden. Petersburg. (Die Juden in der Armee). Dem „Woffchod" zufolge werden die Juden verhältnismäßg in größerer Zahl zur Wehrpflicht herangezogen als die Christen. Im Jahre 189!) wurden jüdische Reerulen in einer Anzahl von 31,34 Pereent der ganzen jüdischen Bevölkerung, dagegen Bekenner anderer Confessionen 29,64 Percent der Bevölkerung einberufen. Ins Heer wurden 16.825 hebräische Recruten genominen, während im Verhältnis zu der Zahl oer Einberufenen nur 16.010 Personen dem aetiven Dienste unterliegen müssen. Dabei war die Zahl der Recruten noch höher angesetzt, so dass sich ein Deficit von 1161 Personen herausstellte. In der Zahl der christlichen Recruten beziffert sich das Deficit nur aus 202 Personen. Faktisch waren