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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1. Juni 1900 Nr. 22 dungssteuer" zahlenden, verlässlich liberalen hohen Beamten ans dem zweiten Wahlkörper in den ersten geschoben — utiD dadurch sei der zweite Wahlkörper antisemitisch geworden. Allein wer die Wahlbewegung, die Ziffern und die zum Siege gelangten Candidaten prüft, wird zu einem entgegengesetzten Schlüsse kommen müssen. Wenn aus dem zweiten Wahlkörper verlässlich liberale Elemente in den ohnehin liberalen ersten Wahlkörper hinaufgeschoben wurden, so sollte man meinen, dass der erste Wahlkörper besser geworden und nicht schlechter. Wie lassen sich jedoch mit dieser These die Verluste im ersten Wahlkörper erklären? Wie konnte die Landstraße mit ihren hohen Beamten und hohen Pensionisten, wie der Neubau mit seinen, großen Weltruf genießenden Seidenfabrikanten, wie der zehnte Bezirk mit seinen den bloßen Besitz repräsentierenden Wählern verloren gehen? Wer sich den wirklichen Thatsachen nicht verschließen will, kann mit solchen Ausflüchten die Wiener Frage nicht lösen. Man muss vielmehr sagen: Dieses Schicksal wäre der liberalen Partei nicht erspart gewesen, wenn man nach der alten Wahlordnung zur Urne geschritten wäre. Auch der Spruch: „Der Antisemitismus ist die Politik des dummen Kerls von Wien" findet nicht mehr seine reale Begründung. In den Candidaten und den Wählern sind alle Stände und Berufe vertreten — Techniker, Aerzte, Professoren und Lehrer, Beamte und Pensionisten aller Grade, kurz, es gibt „christlich-sociale Intellektuelle". Von einem bahnbrechenden Wiener Naturforscher und Chirurgen geht die Mär, die sich bei jeder Wahl wiederholt, dass er offen einen christlich-socialen Stimmzettel in die Wahlurne gegeben hat. Täuschen wir uns nicht! Sagen wir es rund heraus, im christlich-socialen Lager sind auch Besitz und Intelligenz vertreten. Man komme nicht mit dem Schlagworte, dass diese Elemente durch die allgemeine Unzufriedenheit in das christlich-sociale Lager getrieben werden. Unrichtig! Die Unzufriedenheit treibt in die regierungsfeindlichen Lager, und regierungsfeindlich kann man die Christlich-Socialen gewiss nicht nennen. Umgekehrt!. Die gemästete Zufriedenheit wird durch die christlich-sociale Partei repräsentiert. Bis auf den ihr fehlenden Ministerposten, den sie binnen kurzem erhalten wird, ist diese Partei die zufriedenste und saturierteste Partei in Oesterreich. Was ist nun die antisemitische Bewegung in Wien? Sie. ist und bleibt ein Protest gegen die Assimilation der Juden. Es zeigt sich das auch in der Agitation, welche die christlich-sociale Partei entfaltete. Nicht e i n Pflasterstein, nicht e i n Gasrohr spielte eine Rolle in der Agitation. Davon sprechen nur ein paar jüdische Liberale. Die Christlich-Socialen sprachen nur: „Juden", und dieses Wort verfleug. Aus den ersten Wiener Communalwahlen des zwanzigsten Jahrhunderts hat niemand anderer als der Jude zu lernen. Der einsichtige, die Verhältnisse richtig beurtheilende Jude muss nunmehr ausrufen: Fort mit der feigen, uns der allgemeinen Verachtung^ preisgebenden, unsere Volkspersönlichkeit, unsere glorreiche Geschichte verleugnenden Assimilation, einigen und organisieren wir uns. Dadurch erzielen wir ein Doppeltes. Die Arier werden unsere eigene Volkspersönlichkeit stets anerkennen, — das, was sie nicht wollen, ist, dass wir als Fremdkörper in ihren eigenen nationalen Leib eindringen. Ferner der Kampf um den sogenannten Fortschritt und dessen Principien wird unter den Ariern selbst viel besser ausgetragen werden, wenn wir diesen Kampf ihnen allein überlassen. Alle freisinnigen, unter den verschiedensten Firmen (liberal, socialpolitisch, socialdemokratisch) auftretenden Parteien gehen an der Gefolgschaft der Juden zugrunde. Es wird ihnen viel mehr genützt, wenn sie diesen Kampf ohne Juden führen. Hierdurch werden andererseits viele jüdische Kräfte für unser Volk gespart. Allein, damit wird ja nicht allgemeine Abstinenz gepredigt! Ob sich die Juden an einer politischen Bewegung betheiligen sollen, ist stets eine Frage des Augenblickes. Die Judenschaft kann und darf dies nur dann thun, wenn sie sich von ihrem Eingreifen Erfolg verspricht und ihr Volk vor Unheil bewahrt. Wohlgemerkt! vor Unheil bewahren! Die Wiener Wahlbewegung mit ihren vielen tausenden, alles überflutenden antisemitischen Stimmen zeigt eine sehr interessante locale Episode. Im zweiten Bezirke, wo das jüdische Kleingewerbe in verschiedenartigen Formen vertreten ist, war der dritte Wahlkörper desBezirksrathes verloren. Es drohte eine antisemitische Majorität im Bezirksrathe. Bei der ungeheuren wirtschaftlichen und politischen Bedeutung dieser autonomen Körperschaft für das gewerbliche und geistige Leben der Juden im Bezirke wäre eine antisemitische Majorität gleichbedeutend gewesen einer totalen Vernichtung einer bedeutenden Zahl von jüdischen Existenzen. Der zu einer hervorragenden Bedeutung im Bezirke gelangte „Jüdische Volksverein" hat sofort die Gefahr erkannt. Er fand nach eingehender Berathung ein Eingreifen für nothwendig. Er erwirkte vor allem, dass Männer seines Vertrauens, und zwar Juden, in den Bezirksrath gewählt wurden, er selbst griff unter Leitung seines stets opferbereiten Führers in die Wahlbewegung ein. Er brachte vor allem Begeisterung unter die jüdische Masse, etwas, was bisher die liberalen Wahlcomites mit ihren noch so reich dotierten Wahlfonds hervorzurufen gar nie imstande waren. Unter dem Rufe „Für die jüdischen Armen und für die jüdischen Kleingewerbetreibenden" giengen die jüdischen Wähler zur Urne. Und es geschah, was kein Mensch im Bezirke erwartete, der zweite Wahlkörper war gerettet. Der viel mehr Juden besitzende zweite Wahlkörper des neunten Bezirkes gieng wider alles Erwarten und trotz aller Sicherheit, in der man sich wiegte, verloren. Wie bedeutungsvoll ist diese kleine locale Episode: Eine unter ehrlicher jüdischer Führung organisierte Judenschaft kann für sein Volk alles gewinnen und nichts verlieren. — Darum: Fort mit der alles degenerierenden Assimilation. Heraus mit der jüdischen und volklichen Organisation. In diesem Zeichen wird der „Jüdische Volksverein" nach der Wahlcampagne an die Ralliierung der Juden schreiten. Vom Tage. Der „Jüdische Volksverein" und die Wahlen. Die Wahlen in Wien endeten, wie vorauszusehen war, mit einem Fiasco der vereinigten „liberalen" und „deutschnationalen" Parteien. Selbst die Befürchtungen der Pessimisten wurden bei weitem übertroffen. — Interessant gestaltete sich der Wahlkampf im II. Bezirke. Zum erstenmale seit seinem Bestände ist der im II. Bezirke seinen Sitz habende „Jüdische Volksverein" in den Wahlkampf eingetreten. Er that dies trotz aller Warnungen aufrichtiger und unaufrichtiger Freunde. — Der „Jüdische Volksverein" wendete namentlich sein Augenmerk den Wahlen in den Bezirksrath zu. Diese Körperschaft ist keine politische, sondern eine verwaltende. In ihrer Hand liegt Wohl und Wehe zahlreicher jüdischer arbeitender Existenzen.— Der „Jüdische Volksverein" sah daher vor allem darauf, dass Männer seines Vertrauens, wahrhaft jüdische Männer, welche neben dein Interesse für die „Allgemeinheit" auch Herz und Sinn für ihr Volk besitzen, gewählt werden. — Und nun gieng der „Jüdische Volksverein" an die Arbeit, und zwar an die „wirkliche" Arbeit. — Vor allem wandte er sich in einem Aufrufe an die jüdische Bevölkerung, mahnte dieselbe an ihre Pflicht. — Am Wahltage selbst bemerkte man schon vor Tagesanbruch vor den Bnreaux des Vereines ein sehr reges Treiben. — Die jüdische Wählerschaft wurde bis ans den letzten Mann zur Urne gebracht. Die Unkenrufe „es nützt nichts" konnten ihn nicht enttt'nthigen. Der „Jüdische Volksverein" hat unter Führung seines wackeren Obmannes Hermann E l t b o g e n den II. Wahlkörper des zweiten Bezirkes gerettet. — Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Haltung der liberal,.^Presse, welche diese Thatsache einfach todtschweigt. — Nur 'sie „Arbeiter-Zeitung" gibt allerdings zu, dass die Juden den Bezirk gerettet haben, was sich nur auf den „Jüdischen Bolksverein" beziehen kann. Wurde doch die Agitation im liberalen Wahlcomite eingeleitet mit den Worten „es hilft nichts", aber „ut aliquid fecisse videatur“. Der „Jüdische Volksverein", der nur ein junger und rühriger Verein ist, hat der alten Cafe National-Clique ein Muster gegeben, wie man eine Wahl siegreich durchführt, wie man eine begeisterte Schar von Wählern zur Urne führt. Der erste Versuch hat zu einem glücklichen Erfolge geführt. — Nur so fort! Der Fall Araten. Die „Oesterreichisch-israelitische Union" versendet eine genaue thatsächliche Darstellung des Falles Araten, dessen Verlauf unseren Lesern bekannt ist. Wir wollen nur die Vorgänge nach der Audienz des unglücklichen Vaters bei Seiner Majestät wiedergeben. Es heißt da: „Nachdem alle Bemühungen, von den galizischen Behörden Hife zu erlangen, fruchtlos geblieben waren, suchte Araten um eine Audienz bei Seiner Majestät dem Kaiser an, welche ihm am 26. April huldvoll gewährt wurde. Der Monarch geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und sodann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm auf die Knie sank, die verheißungsvollen Worte zu richten: „Ich werde neue Weisungen an die Behörden geben, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun!" — Diese Weisungen sind auch thatsächlich schon zwei Stunden nach der Audienz ergangen, aber trotz der Verheißung des Kaisers hat noch am 8. Mai d. I. der Bezirksrichter Edmund Hartman n, als Araten ihm zur Anzeige brachte, dass seine Tochter im Kloster zu Wielowies bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, jeden Beistand mit den Worten abgelehnt: „Gehen Sie zum S taatsanrvalt, er soll einen Antrag stellen, und unsere Sache wird es sein, diesen Antrag ebenso zu verwerfen, »vie es in Krakau geschehen ist." Am 17. Mai hat Araten diese Tbatsache dem Justizminister und am 19. Mai dem Ministerpräsidenten zur Kenntnis gebracht, und sowohl von Baron Sp en s als von Dr. v. Ko erb er die Zusicherung erhalten, dass im Wege der galizischen Statthalterei alles aufgeboten werden wird, um den Aufenthalt seiner Tochter n o ch v o r d e m 27. M a i, an welchem Michalina das religionsmündige Alter erreicht, auszuforschen und ihm sein Kind z u r ü ck z u st e l l e n. Der 27. Mai ist herangekommen, aber Michalina Araten befindet sich noch immer im Kloster. Mit dem voraussichtlichen Religionswechsel ist, nach einer Reihe von Präcedenzfällen, die Gefahr verbunden, dass die Bormundschastsbehörde dem Israel Araten die väterliche Gewalt aberkennt, obwohl eine solche Entscheidung im Gesetze nirgends begründet ist. Dann wäre das Kind feitKü Eltern für immer verloren." Hier wäre ja j*für Herrn v. Koerber neuerdings der gewünschte „coucrete Fall", der sich nur im schwarzen Mittelalter oder unter diesem gleichgefärbten Ministerpräsidenten ereignen konnte. Oder sollte seine Versicherung, die Negierung werde sich die stricteste Beobachtung der Gesetze „auch" den Angehörigen jüdischer Confession gegenüber zur Pflicht machen, bloß die beruhigende Wirkung des Morphiums üben? Leichnam, am und im Körper des Ermordeten und an seinen Kleidern ist nach dem einhelligen Urtheile der drei Instanzen der medicinischen Sachverständigen so viel Blut gefunden worden, dass für die Annahme einer Beiseiteschaffung von Blut auch nicht der mindeste Anhaltspunkt sich ergab. In Bezug auf den Angeklagten Buschhoff erklärte sowohl der Ober-Staatsanwalt Hamm, als auch der erste Staatsanwalt Baunigard: „Es sei bewiesen, dass Buschhoff die That nicht begangen haben kann." Und um noch des „Falles" zu gedenken, der zur Neubearbeitung meines Buches Anlass gab: Polna 1899. Der Staatsanwalt Schneider-Swoboda sprach in verhüllenden Worten von einem Ritualmorde, den der Jude Hülsner begangen habe; ganz offen behauptete solchen Mord der Rechtsanwalt Baxa, und im Glauben an diese Beschuldigung haben die Geschworenen in Kuttenberg einstimmig Hülsner verurtheilt. Vor wenigen Tagen aber hat, woran ich nie gezweifelt habe, der Cassationshof dies Urtheil aufgehoben und den Process an ein anderes Kreisgericht verwiesen. Und zwar wirkte darauf ein Gutachten der Prager medicinischen Facultät: Es sei ausgeschlossen, dass der ermordeten Agnes Hruza Blut zum Zwecke irgendeiner Verwendung entzogen worden sei. Das Blut sei vielmehr in Kleidern, Haaren, in der Blutlache, sowie im Körper selbst aufgefunden worden.*) Nur andeuten will ich hier, da das in meinem Buche Angeführte genügt, dass die „Autoritäten" der „Blutbeschuldigung" in wissenschaftlicher Hinsicht durchaus untüchtig sind und in moralischer, wenigstens die meistgenannten, nicht besser. Sehr bemerkenswert ist die große Zahl der von wirklich *) In den heute vorliegenden Erkenntnisgründen des Cassationshofes wird unter anderem gesagt: Es stehe fest, „dass den Geschworenen das Beweismaterial, so weit es gerichtsärztlicher Wahrnehmung und Begutachtung unterlag, vielfach in schiefer Beleuchtung vorgeführt wurde. Die Untersuchungs-Ergebnisse, ergänzt durch das Facultäts-Gutachten, den Geschworenen in der dem heutigen Stande ärztlicher Wissenschaft entsprechenden Beleuchtung vorzusühren, wird die Aufgabe der neuerlichen Verhandlung sein". Sachkundigen und von hochgestellten Männern ausgegangenen Kundgebungen gegen die „Blutbeschuldigung". Nur zweierlei sei hier erwähnt. Während viele Päpste in den Anschauungen ihrer Zeit in Betreff der „Hexen" befangen waren, hat kein einziger die hier in Rede stehende Beschuldigung ausgesprochen; im Gegentheile haben viele sie direct verurtheilt. Der Reinigungseid, den Manaffe ben Israel 1656 abgelegt hat, trägt gewiss das Gepräge der Wahrhaftigkeit; geradezu undenkbar aber ist, dass die in hebräischen Märtyreracten und hebräischen Gedichten des Mittelalters ausgesprochenen Klagen über die grässliche Beschuldigung unwahr sein sollten. Die Verfasser waren überzeugt und konnten überzeugt sein, dass kein Christ ihre Herzensergüsse sehen und verstehen werde. Wenn es also einen „Blutritus" gab, so wäre er in diesen Schriftstücken nicht geleugnet, sondern verherrlicht worden. Woher nun aber, wenn die Beschuldigung nicht wahr, ihr häufiges Auftreten? Erstens: es gibt kein wirksameres Agitationsmittel, als gerade diese Beschuldigung. Ich muss eine Religion, welche zu rituellen Zwecken meines oder meiner Religionsgenossen Blut bedarf, Haffen, verfolgen, auszurotten suchen. Und verfolgt man eine Religion nicht am leichtesten und sichersten, indem man ihre Anhänger verfolgt? Viele können die Juden, gleichviel aus welchen Gründen, nicht leiden und halten deshalb jedes Mittel für recht, durch wtlches sie den Juden schaden zu können meinen. — Zweitens: der Glaube an die wunderbare, namentlich heilende und zauberische Wirkung des Blutes und alles mit einem Todten, besonders einem Hingerichteten, Zusammenhängende zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit. Dieser Glaube ist noch jetzt vorhanden und wirksam, theils im Aberglauben der Verbrecher, theils in der „Volksmedicin". Diesen Glauben, beziehungsweise Aberglauben setzt man nult auch bei den Juden voraus und begeht dabei den verhängnisvollen Fehler, ihn für etwas specifisch Jüdisches zu erklären, ja ihn mit der jüdischen Religion in Zusammenhang zu bringen. Nun ist es ja richtig, dass bei den Juden nicht wenig von Aberglauben sich findet. Es ist aber sehr zu beachten, dass gerade der „Blutaberglaube" bei den Juden, wie auch statistisch sich muss Nachweisen lassen, verhältnismäßig sehr selten ist und nur in sehr abgeschwächter Form auftritt. Die Gründe hierfür habe ich angegeben in meinem Buche: „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit. Mit besonderer Berücksichtigung der Volksmedicin und des jüdischen Blutritus." 5. Auflage, München 1900 (208 S., 2 Mk. 50 Pf.). lieber den Konitzer Mord hier mit Rücksicht auf die im Gange befindliche Untersuchung nur Folgendes: Weder hat ein „Schächtschnitt" (s. S. 108 meiner Schrift) stattgefunden, noch spricht irgendein Anzeichen dafür, dass es dem Mörder (oder den Mördern) um Gewinnung von Blut zu thun gewesen ist. Der Mörder ist aber sicher ein abergläubischer Mensch, denn er hat drei Tage nach dem Morde den rechten Arm des Getödteten auf den Kirchhof geworfen, damit er auf geweihter Erde ruhe und, dort vermodernd, nicht gegen den Mörder sich erheben könne. (Auch hierfür Beispiele in meiner Schrift.) Lasst uns wünschen und hoffen, dass der Uebelthäter entdeckt werde. Wenn er ein Jude, so wird das ebensowenig gegen das Judenthum beweisen, wie aus seinem Getauftsein etwas gegen das Christenthum folgen würde. Ein Schlusswort an die christlichen Leser dieser Zeilen. Wie immer Ihr über die Juden und ihre Beziehungen zu den nationalen, socialen, politischen, religiösen Fragen denkt, bleibt bei der Wahrheit, bei der Gerechtigkeit! Ihr müsst wünschen, dass unsere christliche Religion den Juden als etwas sowohl Achtungswertes, wie auch Liebenswertes erscheine. Was aber sollen die Juden von uns denken, wenn wir Verleumdungen wider sie Vorbringen und gar behaupten, dass ihre Religion sie zu Verbrechern mache! Keine der gegen die Juden gerichteten Beschuldigungen ist in so hohem Grade geeignet, die Juden dem Christenthum uud damit auch der Person Jesu Christi zu entfremden und abgeneigt 511 machen, wie gerade die „Blutbeschuldigung". Wenn Juden von der Person unseres Herrn geringschätzig denken, so liegt auf den Christen ein großer Theil der Schuld. Mit Genehmigung des Autors. „Neueste Nachrichten."

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