Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ledarlion: VIII/1, Lchlö steig assv 11. Ehrechft««den r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vormittags; an Lonntagen von 11 bis 12 Uhr vormittags, pofladrefle: Jüdisches «olkSblatt, Wien, VIII jl. Veschwerden tocft. ^,",jrlpätcter oder gar nicht «rsoigter Luttcllung erbitten wir uns dringend. -• Mannsertdte werden nicht zurüSgefteLt. Prstsparcasicn^Conto 247037. In dat Abonnement kann man täglich eintretcn. Mr. 22 Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Press rommllston. Inserate übernehmen die yirmen: I. Danneberg, M. DukeS. Haasen- Kein & Vogler, Rudolf Masse, A. Oppelik, Dj. Pozsonyi, A. Schalet in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Auslande. Einzel-Nummer imtWien IO Heller. Wien, 1. Juni 1900. RdmiiMration: VIII/1» Schlöstclgasse U AbonnementSpreiS: Für Wien «. Oesterreich-Ungarn > fammt Frnncozuirellung Ganzjährig Halbjährig. Vierteljährig. Kr. 8.- „ 4- 2.~ Für daS gesammtc Llusland sammt Francozuslellung. Sunzjährig.Kr. 9.- Halbjährlg 4.50 Vierteljährig.. 58.85 II. Jahrgang. Die „Ausemählten". (Zum Woch enfest.) . . . „Und ich trug euch auf Adlersflügeln und brachte euch zu mir. .. Ihr werdet mir ein auserwähltes Volk sein!"') Also sprach Adonai zu seinem Volke Israel, als dieses sich dem Berge Sinai näherte, um der Offenbarung Gottes beizuwohnen und die Verkündung der zehn Gebote anzuhören. — Auserwählt waren wir, um mit der uns verkündigten Lehre als ein Mustervolk vor der ganzen Welt zu erscheinen, indem wir die Aufgabe hatten, in unserem Staate all die weisen und erhabenen Vorschriften ouszuführen, und so ein Beispiel für die gesammte Menschheit zu bilden. Die Einheit Gottes, die Nächstenliebe, die Heiligkeit des Lebens und die vollste Gleichberechtigung aller Menschen, das sind die Grundprincipien unserer Thora, und mit Recht sagte daher unser Lehrer Moses: „Wo gibt es noch ein Volk, das solch gerechte Gesetze und Verordnungen besitzt, wie diese Thora sie enthält, die ich euch heute gebe? . . . und alle Völker, die von diesen Gesetzen hören werden, werden ausrufen müssen: das ist ein weises Volk — diese große Nation! .. ."2) Und wir führten die uns gegebenen Vorschriften aus. Wir gaben der Menschheit die Lehre von der Einheit Gottes, machten sie mit der Humanität bekannt, verbreiteten unter ihr die Grundsätze der Moral, vernichteten die alten Götzen und suchten den Aberglauben der alten Völker auszurotten, — unsere Thora wurde zur Basis aller modernen Religionen und unsere Gesetze wurden — zumMgenthume aller civilisierten Staaten. Mit berechtigtem Stolze sagen wir demnach an diesem Wochenfeste, dem Feste der Offenbarung: „Atoh b'chartonu", „Du, Gott, hast uns auserwählt"; wir haben Deine Thora unter der ganzen civilisierten Menschheit der Erde verbreitet! Wenn auch unsere Feinde uns voll Hohn „die Auserwählten * nennen — die Geschichte bezeugt es doch, dass wir ein volles Recht haben, diesen Ehrentitel zu führen: nicht die Götzen der Alten, nicht die Lehren der Griechen, nicht die Machthabung der Römer sind zum Ideale der civilisierten Welt geworden; nicht der Olymp und nicht das Capitolium gelten den modernen Mentchen als heilig, — der Berg Sinai und die Stadt Jerusalem sind es, die von ihnen als heilig verehrt werden. Ebenso ist es die Thora und sind es die Propheten, die selbst den größten Geistern Ehrfurcht und Bewunderung abringen und die uns Juden, als die Träger und Ueberlieferer dieser erhabenen Ideen, „die Auserwählten" nennen müssen! y Exodus, XIX, 4—5. 2) Deuteronomium, IV., 6—8. Feuilleton. Jüdische Geheimschriften und der Konitzer Mord. Bon Prof. d. Theol. Dr. Hermann L. Strack in Groß-Lichterfelde. Wie steht es um die sogenannten „jüdischen Ritualmorde''? Da es jüdische Geheimschriften nicht gibt, gibt es auch keine geschriebenen, beziehungsweise gedruckten Anordnungen über jüdischen Blutritus. Weder der Eifer der Kundigen unter den Polemikern christlichen Glaubens, noch der durch den Hass geschärfte Blick derjenigen Proselyten, welche ihre Anhänglichkeit an die neue Religion durch Zurschautragen von Judenfeindschaft erweisen wollten, hat aus der ungeheuren Masse der auf das jüdische Religionsgesetz bezüglichen Literatur eine einzige Stelle anzuführen vermocht, die auch nur im mindesten zur Stütze eines „jüdischen Blutritus" dienen könnte. Es ist auch nicht zu erwarten, dass solche Stellen noch gefunden werden. Der gelehrte spanische Dominikaner Raymnndus Martini (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts), dem infolge der in seiner Zeit häufigen Confiscationen hebräischer Handschriften die ganze vorhandene Literatur in uneensierter Gestalt zur Verfügung stand und der die zahlreichen Citate in seinem „Glanbensdolch wider Mauren und Juden" ausschließlich aus Handschriften entnommen hat, weiß nichts von einem jüdischen Blutritus. Ebensowenig findet man etwas hierher Gehöriges in den vier Sammlungen der durch Censur in den neueren Talmudansgaben gestrichenen Stellen oder in der großen Variantensammlung zuni babylonischen Talmud, die Raph Rabbinowitz in München herausgegeben hat. Der Prager Professor August Rohling hat im Jahre 1891 ans eine Stelle hingewiesen, ans die noch vor wenigen Monaten der Wir feiern dieses Fest als Erinnerung an alte Zeiten; wir versetzen uns für seine kleine Weile in jene Zeit, in der Gott als Gesetzgeber der Wähler war und wir die Auserwählten. Wir lassen vor unserem geistigen Auge Jahrtausende vorbeipassieren. Es schweben uns da Gestalten wie Moses, Jesaias, der Lehrer Hillel und der Rabbi Akiba als Repräsentanten ihrer Zeit vorüber . . . Und da weckt uns nun die rauhe Gegenwart mit all ihren Schmerzen, mit ihren modernen Götzen, und mit Herzensweh rufen wir aus: Die Zeiten ändern sich und die Auserwählten mit ihnen.!.. . . Auch wir in unserer Zeit haben „Auserwählte", aber nicht Gott ist der Wähler, und nicht zur Verbreitung erhabener Ideen sind bestimmt die Auserwählten; wir stehen ja gerade jetzt' unter dem Eindrücke der vollzogenen Wahlen — und welch ein Unterschied! Wie ferne sind dieselben von jedwedem Ideale! — Menschen wählen unb Personen sind die „Auserwählten"! Bei diesen Wahlen ist selbst nicht eine Spur von den weltbewegenden Fragen und von den allgemeinen Gütern der Menschheit zu finden ... Wir sprechen von den „Auserwählten" zum Reichsrathe und Landtage, zum Gemeinde- und Bezirksrathe... da ist purer, craffer Egoismus vorherrschend, da sind ausschließlich materielle Interessen maßgebend, da wird das wählende Volk mit Phrasen angelockt, mit falschen Vorspiegelungen gefesselt und mit tönenden Worten betäubt ... Da wird Hgss anstatt Liebe gepredigt, Verfolgung anstatt Recht, Hader und Zwietracht anstatt Verbrüderung und Frieden. . . Und hier sind wir, die einst von Gott Erwählten, die Sündenböcke geworden, da sind wir Juden die Zielscheibe -dm-Verfolgung aller Parteien, ja da sind wir selbst auch Wähler — und verfallen auch recht oft in menschlichen Fehler! Wir selbst wählen gar manchmal auch nicht die Richtigen, wir unter uns selbst wollen auch „Parteien" bilden.. . Es ist Feiertag, das Fest der Offenbarung, — wir wollen daher nicht schwarz malen, und wollen keine Wermutstropfen in den Kelch unserer Freudentage gießen,— wir Juden haben das Leben an den Wochentagen genügend verbittert, wir gönnen unserem Volke daher einen Tag der Freude, an dem es in der Erinnerung an seine Geschichte und an die Ideale seiner Ahnen lebt. . . Möge dieses Fest uns eine moderne Offenbarung bringen, möge es uns auf den Gedanken führen: Einst waren wir von Gott auserwählt, bemühen wir uns jetzt, auch von Menschen ausgewählt zu sein, bestreben wir uns, am liebsten von uns selbst, von unserem eigenen Volke auserwählt zu sein und zu bleiben . .. österreichische Reichsraths-Abgeordnete Schneider triumphierend sich berufen hat. Ich kannte die Stelle seit 1885, hielt es aber, bis Rohling kam, für nicht möglich, dass irgend jemand» der auch nur eine Seite im Talmud gelesen hat, auf den Gedanken kommen könnte, diese Sätze zum Erweise dafür zu verwerten, dass Inden zu rituellem Zwecke Christenblut gebrauchen. Jetzt habe ich den ganzen Abschnitt auf Seite 115 bis 120 meiner Schrift „Das Blut" übersetzt und erklärt. Ferner hat Rohling einige Stellen aus zwei kabbalistischen Schriften des 13. beziehungsweise des 16. Jahrhunderts, dem Sohar und dem Buche Liqqutin des Jsak Luria, angeführt. Seine geradezu wahnwitzigen Deutungen sind durch Franz Delitzsch und den Heidelberger Professor Adalbert Merx schon 1883 und 1885 widerlegt. Da aber der Rechtsanwalt Baxa sie noch im September 1899 bei den Verhandlungen über den Polnaer Mord wiederholt hat, bemerke ich hier, dass Rohling diese Stelle durch den Proselyten Ahron Brimann (Pseudonym: Dr. Justus) kennen gelernt und dessen Darlegungen blinden Glauben geschenkt hat. Brimann hat nachher öffentlich gehöhnt über die „wirklich lächerliche Deutung", die Rohling vorgetragen und über die „staunenswerte Unwissenheit" dieses Mannes. Selbstverständlich kann der negative Satz, dass es eine gedruckte oder schriftliche Anordnung oder Anempfehlung eines jüdischen Blutritus nicht gibt, nicht positiv bewiesen werden. Ich muss, aber ich kan» auch nach dem Vorhergesagten mich darauf beschränken, hinzuzufügen: Wer das Vorhandensein behauptet, muss es beweisen. Jeder bis jetzt versuchte Beweis ist missglückt. Man darf auch nicht sagen, dass solche Anordnungen oder Traditionen zwar nicht innerhalb des ganzen Judenthums Geltung hätten, wohl aber innerhalb einer „Secte". Wer auch nur etwas von jüdischer Geschichte kennt, weiß, dass das Die Wahle». Die ihrem Ende entgegengehende communale Wahlbewegung fordert bezüglich ihrer Resultate, die in manchen Beziehungen Ueberraschendes und Unerwartetes geboten haben, zu einer eingehenden Betrachtung heraus. Soll diese jedoch eine einwandfreie sein, so muss man sich den Spruch des Altmeisters Goethe vor Augen halten: Der Handelnde ist gewissenlos, nur der Betrachtende hat Gewissen. Wir werden eine Betrachtungsweise beobachten, welche dieser interessanten Epoche in ihrer Eigenthümlichkeit gerecht zu werden, die Verhältnisse und Bedingungen des gegenwärtigen politischen Lebens in Wien und der sie bewegenden Ideen in ihrer Gesammtheit und in ihrer Wechselwirkung zu erfassen strebt. Die bereits aus früheren Wahlen geschwächt hervorgegangene liberale Partei ist total decimiert. Sie ist bereits ihres Führers und denkenden Kopfes beraubt. Wenn ihr nicht die geringe Zahl der Wiener Juden, trotz zahlreicher Enttäuschungen, mit dem Stimmzettel, wenn auch nicht mit Herz und Begeisterung, treu. geblieben wäre, fürwahr, sie hätte es bloß zu anständigen Zählcandidaten gebracht. In manchen Bezirken und manchen Wahlkörpern, wo eine starke jüdische Wählerschaft zur Urne gegangen ist, hat ein Witzbold sogar zu behaupten gewagt, dass man zu Zweifeln berechtigt sein kann, ob die arischen Candidaten sich selbst die Stimmen gegeben. Ueber diesen Misserfolg geben sich die maßgebenden Persönlichkeiten Täuschungen hin. Es mag vielleicht ein geringer Theil dieses Misserfolges auf den communalen Macchiavellismus oder communale macchiavellistische Politik, auf die Politik der Herrschsucht und des Eigennutzes, auf die frevelhaften'Lehren der Hinterlist und der brutalen Gewalt zurückzuführen sein. Ein brutales Gesetz und eine brutale Anwendung desselben, gegebene Versprechungen und gebrochenes Wort, mögen vielleicht an diesem Misserfolge gut theilgenommen haben, aber '"dies allein kann nicht der ausschließliche Grund der Decimierung gewesen sein. Wenn man sich oie Miets- und Volkstruppen, die den siegreichen antisemitischen Feldherren gefolgt sind, genau betrachtet, so kommt man zu einem ganz anderen Resultate. Die Führer der liberalen Partei und ihre Presse behaupten, dass, wenn die Wähler im Zeichen des alten Gemeindestatuts an der Wahlurne erschienen wären, das Wahlresultat ein anderes gewesen wäre. Die „Intelligenz" des zweiten Wahlkörpers, der Träger der „Wiener Cultur" hätte die christlich-sociale Partei decimiert! Allein man habe — so wird geklagt — den Wahlkörper der Intelligenz durch den antisemitischen Mob des dritten Wahlkörpers verschlechtert, man habe ferner die „Besol- Judenthum zwar gegenüber dem Glauben und dem Thun des Einzelnen stets sehr tolerant gewesen ist, dass es aber Secten stets verfolgt hat in der richtigen Erkenntnis, dass Secten dem Bestände gerade des Judenthums im höchsten Grade gefährlich sein würden. Die bedeutendste Secte, die aus dem Judenthum hervorgegangen, ist die im 8. Jahrhundert n. Ehr. entstandene der Karäer. von der kleine Reste noch gegenwärtig in der Krim, in Polen und in Cairo wohnen. Karäer und Thalmudjnden haben sich auf das bitterste befehdet. Hätten letztere, sei es alle, sei es ein Theil von ihnen, einen Blutritus, die Karäer würden nachdrücklichst darauf hinzuweisen nicht unterlassen haben. Auch „der Beweis aus der Geschichte" muss als völlig misslungen bezeichnet werden. Alle angeführten „Fälle", die wir wissenschaftlich controlieren können, beweisen nicht, was sie beweisen sollen. Welchen Wert hat es, wenn Juden unter ausgesuchten Folterqualen schließlich, ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorziehend, das „gestanden" haben, was ihre Peiniger von ihnen hören wollten?! Man lese z. B., was ich nach Dr. Moritz Sterns Auszügen aus den Acten über den Process des Simon von Trient 1475 mitgetheilt habe. In Tyrnau „gestanden" 1474 die Inden, dass bei ihnen die Männer am monatlichen Blutflusse leiden und zur Heilung Christenblutes bedürfen. In Pösing (Ungarn) wurden 1529 dreißig Juden verbrannt, nachdem sie „gestanden" hatten, dass sie ein Christenkind gemordet und ihm das^Blut abgezapft hätten. Nachher stellte sich heraus, dass der Ankläger der Juden Graf Wolf das Kind gestohlen und nach Wien gebracht hatte. Dort wurde es lebend gefunden, und damit war dem Grafen Wolf die Möglichkeit genommen, sich auf Grund derselben Anklage auch seiner jüdischen Gläubiger in Marchegg zu entledigen. Der Knabe Joh. Hegmann in A'anten (1891) ist nicht durch einen „Schächtschnitt" getödtet worden. Im Kaff unter dem