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Jüdisches Volksblatt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. Mai 1000 Seite 3 20 f atf) allen ntors immt, isiker. rliit lkuhnl erken :ndet. cr ist den Er Frau V. e a 0 karpe rhnfS nden au? NUN!, 1 brache, zeiftden den die nden ani v n, :iuen alle e zu 'sicht iu$ t evrr in, üner eise. I er, >usse errn. für der N ■n* Liter j uut, ört, jeit, and ms. der tes, wrdie zu neu!öss >em ner -ch' esen- :tär >tsadjnncten Baudisch die Untersuchung übernahm, in Polna, sowie in Klein-Wisnitz, dem Heimatsorte der H r u z a, zutage gefördert. Die neue Verhandlung wird auf Grund der Kuttenberger Anklageschrift durchgeführt werden. Den Vorsitz wird der Kreisgerichtspräsident Dr. Winter führen, die Anklage vertritt der erste Staatsanwalt von Pisek, Dr. M a l i o v k y. H ü l s n e r wird wiederum von Dr. A u r e d n i c z e k vertheidigt, und als Vertreter der Privatbetheiligten wird auch diesmal Dr. B a x a intervenieren. Wodttian. (Die Bestie im Menschen.) Der Revifionsprocess H ü l s n e r wirft seine Schatten voraus. Als hiesiger Gendarm am 8. d. M. einen des Diebstahles em beschuldigten Schneider dem Kreisgerichte Pisek ablieferte, wurde er daselbst von einer nach hunderten zählenden Menscheuinenge empfangen, welche offenbar um diese Zeit das Eintreffen H ü l s n e r s von Kutteubcrg abwartete. Beim Anblicke des u r a r i s ch e n Schneiders brach die Menge in die tobenden Rufe aus: „S ch l a g t H ü l s n e r t o d t! L o s a u f d i e I u d e n! S ch l a g t sie t o d t!" rc. — Wir können trotz der deutlichen Sprache des Obersten Cassationshofes auch in unserer sonst ruhigen Gegend Ausbrüche bestialischer Justincte erleben, wie es zur Schande der Menschheit während des Kuttenberger Processes der Fall war, wenn diejenigen. deren Pflicht es ist, dem Rechte freie Bahn zu lassen, mit verschränkten Armen der offenen und geheimen Agitation zusehen sollten. Dobromil (V o r st e h e r w a h l.) Endlich, nach so langem, rücksichtslosem Hader und Zank ist es gelungen, hier in der vorigen Woche eine neue Cultuswahl auszuschreiben und durchzuführen. Mit Stimmeneinhelligkeit wurde Herr Maier Scharf zum Cultusvorsteher, Chirurg Leon Brauner zum Vorsteher-Stellvertreter gewählt. Die Namen der Gewählten bürgen uns für guten Willen und redliches Wollen, unserer Gemeinde mit ihren verwahrlosten, jeder Beschreibung spottenden Zuständen wieder zu ihrem alten Ruhme und Ansehen zu verhelfen. Der altehrwürdige Friedhof, der ohne Umziugelungsmauer — die alte Mauer ist längst dem Zahn der Zeit verfallen — den Schweinen zur Weide dient, unsere unschuldige Jugend, die, ohne jedwede Erziehung, später der Gesellschaft und sich selbst zur Last fällt, die ungeregelte Schächter- und Armenfrage schreien nach Abhilfe. Der neue Vorstand hat ein weites und breites Feld einer zu entfaltenden Thätigkeit vorgefunden. Hoffen wir, dass es ihm gelingen wird, neue, gesunde Reformen ihm zur ewigen Ehre, der Gemeinde zum Gedeihen und zur Wohlfahrt einzuführen. Ausland. Berlin. (Die Mordafkaire in Könitz.) In Könitz hat die Untersuchung der Winter'schen Mordaffaire auch in der letzten Zeit nichts Positives zutage gefördert, Die Aufregung der Bevölkerung dauert an, die Exceffe gleichfalls, wenn es auch den Anschein hat, als ob sie in ihrer Ausdehnung und Bösartigkeit etwas nachgelassen. Die „Verwirrung der Gemächer" wird natürlich durch die unaufhörlich hetzende und schürende antisemitische Presse, sowie durch das Verbreiten unwahrer und entstellter Nachrichten noch weiter gesteigert, wobei natürlich das Publicum wacker mithilft. Das „Konitzer Localblatt" schreibt darüber: „Das Publicum könnte sehr viel zur Aufklärung des Verbrechens beilragen, wenn es streng wahrheitsgemäß seine mit der Mordthat in Beziehung zu bringenden Wahrnehmungen den Behörden mittheilte. Statt dessen werden die untersuchungsführenden Beamten mit einer Flut unwahrer Angaben überschwemmt, denen allen nachzugehen, bis sich ihre Unwahrheit herausgestellt hat, allein so viel Arbeit macht, dass die Aussonderung und Verfolgung der wenigen wahren Thatsachen darunter aufs empfindlichste leiden muss. Außerdem haben vernommene Zeugen schon mehrfach diejenigen Thatsachen, welche die Polizei mit Bezug auf sie ermittelt hatte, einfach abgeleugnet und erst bei wiederholter Vernehmung und nach vollkommener Ueberführung der Wahrheit die Ehre gegeben. 'Andere erzählten im Kreise ihrer Bekannten frei erfundene Wahrnehmungen, theilweise abenteuerlichster Art, die sie gemacht haben wollen, und verursachen dadurch nicht nur ihre ganz vergebliche Vernehmung, sondern erwecken auch in weiteren Kreisen die irrige Vorstellung, als würden wichtige Zeugen entweder überhaupt nicht vernommen oder die durch sie aufgedeckten Spuren aus unsachlichen Gründen und pflichtwidrig von den Behörden verlassen. Mehrere Zeugen, welche die gleiche Wahrnehmung gemacht haben wollen, widersprechen einander, nach Einzelheiten befragt, so vollkommen, dass der Wert ihrer Aussagen völlig zerrinnt. Andererseits wird mit wirklich erheblich wichtigen Wahrnehmungen zurückgehalten. So hat sich erst vor kurzem ein im übrigen um den Gang der Untersuchung eifrig interessierter Herr zu der Aussage hergegeben, dass er W i n t e r am Tage des Mordes noch um 1 Uhr gesehen habe. Unter solchen Umständen ist es wirklich kein Wunder, wenn die Untersuchung nur langsam vorwärts kommt, umsomehr, als der vorliegende Fall im Vergleiche zu anderen Criminalfttllen von vorneherein dadurch schwieriger ist, als die Thäter einen Vorsprung von 48 Stunden voraus haben, und als sowohl der Ort der Thal unbekannt, als auch das Motiv erst der Aufklärung bedürftig ist." Berlin. (E i n e u n t e r b l i e b e n e I n t e r p e l l a t i on.) Die von Herrn Hertzberg-Lottin im Herrenhause vorbereitete Interpellation wegen der angeblichen Rttualmorde ist am Widerstande der Mehrheit der conservativen Fraction des Herrenhauses gescheitert. Die Einbringung derselben wird daher unterbleiben. Berlin. (Verdiente Strafe.) Mit der Ueberschrift „Mädchenhandel" erschien in Nummer 92 der „Krefelder Antisemitischen Zeitung" ein Artikel, in dem die jüdische Religionsgesellschaft gehörig mitgenommen wurde. „Leise angedeutet;' wurde, dass den Juden religionsgesetzlich Meineid erlaubt sei. Jakob Höchten, der verantwortliche Redacteur des sauberen Blattes/ wurde deswegen angeklagt und wegen öffentlicher Beschimpfung von Gebräuchen der Mischen Religionsgesellschaft zu einer Woche Gefängnis verurtheilt. Berlin. (Jüdische Geheimschriften und der K o n i tz e r M o r d.) Unter dieser Ueberschrift beginnt Herr Dr. Herm. L. Strack, Professor der evangelischen Theologie an unserer Universität, eine Artikelserie iu den „Berl. Neuesten Nachrichten". Professor Strack, der Verfasser der Schrift „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschen", hat der Aufforderung umsomehr Folge zu leisten geglaubt, als er seiner eigenen Aussage zufolge „wohl der einzige christliche Gelehrte in Preußen ist, der, von nur christlichen Vorfahren abstammend, sich eingehend mit der jüdischen Religion und Literatur beschäftigt hat". Er knüpft zunächst an die bekannte Interpellation des Herrenhausmitglledes Herrn von Hertzberg- Lottin an und sagt: „Vorab dre nachdrückliche Erklärung : Es gibt keine jüdischen Geheimschriften. Innerhalb des gesammten Judenthums gibt es weder eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Weder suchen die Juden vor den Christen etwas zu verbergen, noch können sie vnr ihnen etwas verbergen. Für die Richtigkeit dieser Erklärung setze ich auch hier meine Ehre als Mann und als Gelehrter ein. Wer also von „jüdischen Geheimschriften" redet, befindet sich im Jrrthum oder — doch das darf von einem Mitglieds, sei es des Herrenhauses, sei es des Abgeordnetenhauses in Preußen oder des deutschen Reichstages, nicht ohne zwingenden Beweis ausgesprochen werden. Der Jrrthum ist aber jedenfalls kein neuer. Wer die Geschichte des öffentlichen Lebens auf diesem Gebiete ein wenig kennt, weiß, dass aus Grund der Denunciation eines S ch w e n n h a g e n der preußische Unterrichtsminister im Jahre 1892 eine Revision aller Lehrbücher für den israelitischen Religionsunterricht anordnete. Am 29. September 1893 meldete der „Staats-Anzeiger": die Sammlung oer untersuchten Schriften habe aus 551 Büchern bestanden, und das Ergebnis der sehr eingehenden Prüfung durch zwei Beauftragte sei gewesen, „dass keine der in der Presse gegen die jüdischen Religionsbücher erhobenen Anklagen durch den Inhalt der vorgelegten Bücher begründet ist". — Mit einem literarischen Quellennachweis über das bekannte Ritualwerk „SchulchanAruch" (zu deutsch: „Der bereitete Tisch") schließt dieser erste Artikel, welcher die früheren parlamentarischen Schicksale des jetzt wieder neu aufgewärmten Antrages Hertzberg behandelt. London. (Der südafrikanische Krieg und die Bibel.) Eine eigenartige Bib el-Correspondenz per Kabel und Post hat der Transval-Präsident Krüger mit einem bibelfesten Manne in Chicago, I. A. S m i t h, geführt. ils Nte v idcht irb ien en, r-;re es as en (r! n ür :rev »t- ■fe en er ite ,9 ie n m m er el rfaltung und Ausübung der eigenen Kraft" versagt gewesen ist. Es verschlägt auch wenig, ob wir weisheitsvoll uns damit trösten, dass es uns um den „Lohn an Würden" ja nicht zu thun gewesen ist, dass wir zu „modern" denken, um uns nach Ordens- und Adelsverleihungen zu sehnen, dass wir für die militärische Carriere zu friedlich sind, und solcher schönen Redensarten mehr. 'MLWtzim nicht als Weisen, Modernen und Friedlichen sind uns alle diese Dinge verschlossen, sondern a l s Juden! Darum — wie wir oben gesehen haben, dass kaum ein Jude nicht auch ein Wanderjude ist, so wird auch kaum einer außerhalb der Kategorie der „Unterdrückten" stehen. Man stelle nur die Frage: welcher Jude hat nicht als solcher Zurücksetzung erfahren oder z u gewärtigen?' Wer wird sich melden? Mir scheint, die Kategorie der unterdrückten und verfolgten Juden zählt nicht um einen weniger als die jüdische Nation — oder für die, welche das Wort nicht leiden können : die jüdische S t a m m e s g e m e i n s ch a f t. Nun kommen wir zu d*er großen Schwierigkeit, dass Palästina und seine türkischen Nachbarländer zur Zeit der jüdischen Immigration verschlossen sind; und da ist niemand, der es den Juden öffnen könnte, die heute zur Auswanderung aus dem europäischen Osten gezwungen sind, ohne die Möglichkeit, zu warten, bis — wie bald dies auch sei — die geschlossenen Thore sich aufthun werden;- Dies ist die heutige Situation, und es dürfte nun klar sein, weshalb Cypern, welches unter englischer Verwaltung steht, das ein z ige Lan d ist, nach welchem die heutige jüdische Wanderung abfließen kann — ohne die Gefahren, die von weiterer Massenemigration nach Amerika und England drohen, und mit der Aussicht auf eine gesunde Entwicklung. Da es zu weit führen würde, im Rahmen dieses Artikels auf die gegenwärtigen Zustände der Insel, wie Kiima, Boden, Bevölkerung rc., im einzelnen einzugehen, so will ich nur noch kurz ausführen, weshalb ich mich nicht darauf beschränke, von Cypern als einemFelde für jüdische C o l o n i s a t i o n. zu sprechen. Wenn ich statt dessen rede „von Cypern und der Judenfrage" so ist dies mein Grund: Welch großen Antheil die Juden an der Entwicklung irgend eines Landes genommen haben mögen — die Anerkennung dafür ist ausgeblieben.- Cypern — ebenso wie die übrigen Länder des Orients — Palästina, Syrien, Mesopotamien, Kleinasien — ist nur ein Schatten von dem, was es war, und selbst die englische Verwaltung war nicht fähig, diesen Zustand der Verwahrlosung in so deutlicher Weise zu ändern, als man zur Zeit der Uebernahme — vor 22 Jahren — wohl angenommen hatte. Eine sehr, sehr langsame Entwicklung — das ist alles, was England für Cypern hofft — und eine solche langsame Entwicklung hat sich selbst während der letzten Jahre der Türkenherrschaft auf der Insel gezeigt. Die Juden werden dem Lande einen neuen Aufschwung bringen. Und die Veränderung wird eine s o plötzliche sein, dass niemand mehr den Wert jüdischer Arbeit und jüdischer Fähigkeit soll bezweifeln dürfen! Und diese veränderte Meinung von unserem Werte wird sich nicht allein auf den Orient beschränken — wo sich dadurch, wenn nicht auf andere Weise, die Thore Palästinas der Nation öffnen werden — sondern der noch wundervollere Effect wird sein, dass überall in der Welt durch dieses Beispiel eine neue Auffassung sich Bahn brechen wird. Denn es wird der erste Fall sein, in dem man nicht, wie stets bisher, mit einem Anschein von Plausibilität, den jüdischen Antheil an dem Aufschwung eines Landes leugnen können wird, oder anderen Umständen zuschreiben oder als secundär hinstellen kann. Und darum spreche ich von „Cypern und der Iu d e n f r age"! Davis Trietsch. ©mit h glaubt, dass England im südafrikanischen Kriege im Recht wäre, und war überzeugt, dass, wenn jemand ihn von dieser Ansicht abbringen könne, es nur Krüger sei. Er schrieb daher an den Präsidenten der südafrikanischen Republik einen Brief, in dem er ihn um Angabe der Beweggründe für die Stellung Transvaals gegen England ersuchte. Dre Correspondenz, die daraufhin erfolgte, wurde von Anfang des Krieges an geführt und ist erst vor kurzem beendigt worden. Erst jetzt kommt der erste Bericht über diesen seltsamen Disput aus Amerika, den die „Daily News" wiedergegeben: Die beiden Kämpfer bombardierten einander mit Bibeltexten, und nach dem letzten Berichte hat der Amerikaner gesiegt, indem er den Ohm Krüger mit einem Citat aus dem Propheten Maleachi zum Schweigen brachte. Auf den ersten Brief des Amerikaners, der vom 10. October 1899 datiert, erhielt er durch Kabel die folgende überraschende Antwort: „Pretoria, 7. November 1899. Werter Herr, Psalm 35, Verse I I, 12, 19 und 20. — Achtungsvoll Krüger, Präsident." Der erste eitierte Vers lautet aber: „Es treten frevelhafte Zeugen auf, die zeihen mich, dess ich nicht schuldig bin." Darnach erklärt sich also der Präsident als em Opfer falscher Zeugen, während die anderen Verse den Hinweis enthalten, dass er „Arges um Gutes" ernte, und dass er ohne Ursache gehasst würde. Der 'Amerikaner S m y t h griff nun zmn Neuen Testamente und kabelte die ersten Verse aus der ersten Epistel Pauli an Thimotheum zurück. Sie sollten eine zarte Andeutung sein, dass jemand, der den Namen Paul trägt, sich als „ein Apostel Christi, nach dem Befehle Gottes, unseres Heilandes" betrachten und nur Botschaften der „Gnade, der Barmherzigkeit und des Friedens" senden solle. Der Präsident wollte sich aber nicht vom Alten Testamente abbringen lassen und kabelte an Smyth die Verse aus Sacharja 9, 8: „Ich will selbst um mein Haus das Lager sein" u. s. w. S m y t h antwortete darauf mit einer schrecklichen Prophezeiung Hesekiels aus der Wehklage über Aegypten (32, 2—0), deren wichtigster Vers lautet: „Das Land, darin Du schwimmest, will ich von Deinem Blute roth machen bis an die Berge hinan, dass die Büche von Dir voll werden." Der Präsident fand eine Antwort auf dieses Compliment im Neuen Testamente, Matthäi 6, 34: „Darum sorget nicht für den anderen Morgen" rc. Jetzt hatte Jonas A. Smyth an den zarten Com - plimenten genug und bombardierte seinen Gegner mit harten Worten aus dem Alten Testamente: z. B. Hoseu 10, 13: „Denn Ihr pflüget Böses und erntet Uebelthat und esset Lügenfrüchte", und noch ähnliche biblische Vorwürfe mehr wurden per Kabel übermittelt. Krüger antwortete in ruhiger Weise aus Buch Hiob (39, 1, 2), aber sein Gegner behauptet, er habe in seinem Eifer mehrmals vergessen, die Kabeltaxe zu entrichten. Schließlich nahm er seine Zuflucht zu Psalm 69, 1—3: „Ich versinke im tiefen Schlamm, da kein Grund ist; ich bin in tiefem Wasser, und die Flut will mich ersäufen." Das englische Blatt fügt aber boshaft hinzu: es sei sehr unwahrscheinlich, dass der Präsident selbst in Bibelsprache davon spräche, er befände sich in tiefem Wasser und die Fluten giengen über ihn hinweg. Der Amerikaner war ungerührt. Er fuhr fort, den Präsidenten mit unbarmherzigen Bibelstellen zu überschütten, und behielt schließlich in dem Citate aus Maleachi 2, 8 und 9 das letzte Wort: „Ihr aber seid von dem Wege abgetreten und ärgert viele im Gesetze. Darum habe ich auch Euch geinacht, dass Ihr verachtet und unwert feiö vor dem ganzen Volke; weil Ihr meine Wege nicht haltet und sehet Personen an im Gesetze." Petersburg. (Zur Judenfrage.) Eine Senatsentscheidung stellt fest, dass jüdische Ehen, die nicht vor den obrigkeitlich bestätigten Rabbinern, sondern vor Privatpersonen geschloffen sind, ungiltig sind, dasselbe gilt auch von solchen Ehen, die vor jüdischen Militärpersonen geschlossen sind, denen von ihren Vorgesetzten die Functionen von Rabbinern übertragen sind, sofern es sich dabei nicht um Ehen von im activen Militärdienst stehenden Personen handelt. Petersburg. (Die Juden und die Wehrpflicht.) Dem „Woschod" zufolge werden Hebräer verhältnismäßig in größerer Zahl zur Wehrpflicht herangezogen, als die Christen. Im Jahre 1899 wurden jüdische Recruten in einer Anzahl von 31-34 Percent der ganzen jüdischen Bevölkerung, dagegen Bekenner anderer Confessionen 29-94 Percent der Bevölkerung einberusen. Ins Herr wurden 16.825 hebräische Recruten genommen, während im Verhältnisse zu der Zahl der Einberufenen nur 16.010 Personen dem activen Diensten hätte unterliegen müssen. Dabei war die Zahl der Recruten noch höher angesetzt, so dass sich ein Deficit von 1151 Personen herausstellte. In der Zahl der christlichen Recruten beziffert sich das Deficit nur aus 202 Personen. Faetisch waren also nicht 16.825, sondern 17.976 jüdische Recruten einberufen. Die verhältnismäßig zahlreichere Recrutenaushebung in der jüdischen Bevölkerung erklärt der „Woschod" durch Auswanderung der Juden aus Russland. Die factische Zahl der jüdischen Bevölkerung ist keine so hohe, wie sie in der amtlichen Statistik steht. Libau. (Ein Mäd ch en fan g.) Hier ist wieder ein scandalöser Fall von religiöser Vergewaltigung vorgekommen. Den jüdischen Mädchen, welche die dortige Schule besuchen, war aufgegeben worden, am Sabbath zu schreiben, und diejenigen, die sich dieser Vorschrift nicht fügten, waren aus der Schule gewiesrn worden. Die Eltern dieser Kinder haben nun an die höchste Instanz, den Senat, appelliert, aber dieser hat die Entscheidung der Schulverwaltung bestätigt, so dass jetzt die jüdischen Eltern vor die Wahl gestellt sind, entweder auf die bessere Ausbildung ihrer Kinder Verzicht zu leisten, oder zuzugeben, dass dieselben die religiösen Vorschriften übertreten. Eine jüdische Töchterschule errichten!! Aus der Wiener jüdischen Lehrerschaft. Besser denn je ist die jüdische Bevölkerung im besonderen, sind die fortschrittlichen Kreise Wiens im allgemeinen über die trostlose Lage der jüdischen Wiener Lehrerschaft unterrichtet. Und doch glauben wir, dass es gerade jetzt — in der Epoche der stärksten Wahlbewegung — wieder an der Zeit sei, das schon oft Geäußerte — durch Wort und Schrift Kundgegebene — an dieser Stelle wiederholen zu sollen. Wiederholen in erweiterter Form, in bedeutenderen Umriffen, als es bisher geschehen, geleitet von pädagogischen, volkspsychologischen und wirtschaftlichen Interessen. Zur Zeit stehen in Wien unter circa 4000 Lehrkräften etwas mehr als 100 jüdische in Verwendung. Von diesen letzterwähnten befinden sich 50 in der Kategorie der „Unterlehrer". Wir wollen uns gleich erlauben, hier auf die materielle Stellung dieser Lehrerkategyrie einen Blick zu werfen. Der provisorische Unterlehrer erhält vor abgelegter Lehrbefähigungsprüfung eine Jahresremnneration von 800 Kr., nach Ablegung dieser Prüfung 1200 Kr. Doch gibt es auch eine Unterkategorie, die sogenannten „Substituten", welche mit 840 oder 960 Kr. für die zehnmonatliche Dienstzeit bedacht werden. Nach ihrem Dienstverhältnisse gehören von den jüdischen Unterlehrern und Unterlehrerinnen 15 in die Reihe der defini-

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