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Jüdisches Volksblatt · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. Mai 1900 Nr. 19 Gebiete der Schein liberalismus verbrochen h a t. Dr. Vüszonyi beklagte den nationalen Chauvinismus eines großen Theiles der ungarischen Juden, wobei er allerdings bemerkte, dass ein Bruchtheil sich von der liberalen Partei abgewendet habe und 80"/g seiner, der r a d i c a l e n Partei, bilde. Diese stellt die staatsrechtliche Frage in den Hintergrund und ist ebenso wie die clericale Bolkspartei in erster Linie eine politische. Die Radicalen sind eine politische, socialfrecheitliche Bolkspartei, die für unbedingte nationale, confessivnelle und sociale Gleichberechtigung eintritt. Aber soweit ist bereits der Antisemitismus in Ungarn gediehen, dass dem zweiten Führer dieser Partei, dem Stadtverordneten Peter K a s i c s, zum Borwurfe gemacht wird, dass er mit dem — Juden Büszonyi Schulter an Schulter kämpft. Das es soweit in Ungarn gekommen ist, ist zum guten Theile das Verdienst jener korrupten „liberalen" Presse und jener ch a u v i n i st i s ch e n j u d ü o m a g y a r i s ch e n Führer, welche der frühere Abgeordnete S i m o n y in seinem Pressburger „W e st u n g a r i s ch e n Grenzboten" als „Talmi- Magyarenthum" und „Juden-Magyarenthum" kennzeichnet. S i m o n y, früher Antisemit reinsten Wassers, jetzt — Anhänger der Friedensbewegung, verwahrt sich dagegen, die Inden in ihrer Gcsammtheit darunter zu meinen, und erklärt, dass ein solcher bureaukrotischer Magyarismns am besten Wege sei, die Nation u n d d a s B a t e r l a n d auf N i m rn e r w i e d e r s e h e u — z u vernichten. * * * Es wiederholt sich also in Ungarn derselbe Process, der diesseits der Leitha sich bereits vollzogen hat. Der Process wird wohl länger dauern, aber er wird dasselbe Resultat zeitigen: den Bankerott des M a n ch e st e r - L i b e r a l i s m u s und den Kampf des Clericalismus und Radicalismus um die Erbschaft. Die jüdische Assimilations-Politik aber kann bereits heute die Früchte ihres wirklichen oder erheuchelten magyarischen Chauvinismus übersehen: Erbitterter Hass bei den Deutschen, Slaven und Rumänen in den Ländern der St. Stephans- Krone, schlecht verborgene Abneigung bei allen Gegnern des corrupten und bankerotten Scheinliberalis im magyarischen Volke. Dr. K. Ein Feuilleton der „Arbeiter-Zeitung" schildert in jenem bezwingenden Humor, der von. den Putzigen Einfällen der Candidaten des Hochgerichtes seinen charakteristischen Namen hat, das^Ungeu.ach eures Wählers, der zufällig den Namen „Grünwüld" führt und darum nur für einen Juden gehalten werden kann. Wohl ist nicht einzusehen, warum in der heutigen Zeit, wo selbst die Adler und Löw's zu den unangetasteten Gläubigen des Neuen Testamentes gehören, gerade den Grünwalds die arische Stammtafel nicht geglaubt werden soll; aber das muss der Feuilletonist besser wissen. Am Ende ist er der Dichter, und er kann seinen Helden ein Martyrium nach seinem Geschmacke aufbürden. Jedoch müssen wir dagegen remonstrieren, dass besagter Grünwald zu seinem Aerger Zuschriften vom „Jüdischen Volksverein" erhält, von einem Dr. Julian Sternthal gezeichnet. Besagter Julian Sternthal ist uns nicht bekannt; er mag der freien Phantasie des Dichters ebenso angehören, wie der Muss-Jude Grünwald. Aber der „Jüdische Volksverein" existiert; und wenn der vollblutarische Feuilletonist — „Oblomow d. I." nennt er sich — keine Ahnung davon hat, mag er sich andre jüdischen Redactionsmitglieder der „Arbeiter- Zeitung" wenden, er wird dann, wenn auch unter Ausfällen auf die leichtsinnig sich selbst stigmatisierenden Nationaljuden, das Zeugnis für dessen Existenz erhalten. Und deshalb finden wir es unstatthaft, dass der Verein in Beziehungen zu einer Phantasie gestellt wird, die merkwürdigerweise die Sammelmethode der Socialdemokratie auf den jüdischen Verein in Anwendung bringt. Der Herr Austerlitz hätte doch „Oblomow d. I." sagen können, dass so etwas znm mindesten unschicklich ist. So begreiflich es uns erscheint, dass'die „Arbeiter- Zeitung" vor der Wahlzeit eiuigemale das Wort „Saujud" in ihre Spalten bringen muss, den „Volksverein" hätte sie in Ruhe lassen können. Wenn es gerade ein jüdischer Verein sein muss, warum denn nicht eine socialdemokratische Organisation? — Die Wiener Blätter schweigen natürlich die Versammlung des „Jüdischen Volksvereiues" — eine der größten in der bisherigen Wahlbewegung — vollständig tobt. Nur die „Deutsche Zeitung" befasste sich in ihrer Art damit und die „Extrapost" in ihrer Art. Sie empfiehlt den Inden in einer ebenso Harmals formlosen Stilübnng die altbewährte Selbstentmannung. Wir nehmen immer gerne Lehren an, nur müssen die Lehren entweder aus gutem Herzen oder von einem gesunden Verstände gegeben feiir. Wenn aber ein unverkennbarer Sohu unseres Volkes seine Lehren geringschätzend, so quasi per „Euch" ertheilt und dabei jene politische Gewandtheit verräth, die gemeiniglich den Nachtwächter als berufenen Lehrer der Astronomie kennzeichnet, dann müssen wir solche Vorlesungen dankend ablehnen. Wer dem Gemeinderathe Lucian Brunner jenen „Tropfen demokratischen Oeles" zuerkennt, gegen den sich dieser manchcsterlich-demokratische Politiker ebenso energisch verwahrt, wie gegen das Taufwasser, so kann man dem „berufenen" Prediger iu der Zeitungswüste nur sagen: „Unberufen, lernen Sie erst das A-B-C der Politik, dann reden wir weiter miteinander." Also müssen wir auch zur „Extrapost" sprechen, so leid uns das um der unverkennbar guten Absicht des Artikelschreibers Willen auch thut. Der Polnaer Process ist, wie wir bereits meldeten, neuerlich angeordnet und vor das Schwurgericht in P i s e k verwiesen worden. Die Gründe, welche der Cassationshof in seinem Redisionsurlheile bekannt gibt, gehen bezeichnenderweise von denselben Voraussetzungen au^, die seinerzeit unser medicnischer Mitarbeiter, Herr Dr. Kornf e l d, bei der Besprechung des Urtheilcs geltend machte. Im Cassationshofe hat die reine Vernunft gesprochen; man darf wohl hoffen, dass sie in Pisek auch zur Geltung kommen wird. Zum Capitel Orthodoxie, das wir in der letzte;: Nummer des „Jüdischen Volksblatt" erörterten, erhalten wir ein charakteristisches Schreiben, welches das Auftreten des in allen Versammlungen sich bemerkbar machenden Herrn Hofbauer drastisch beleuchtet. Das Schreiben, das ein Mitglied der orthodoxen Partei zum Verfasser hat, lautet: Wien, 7. Mai 1900. V erehrliche Nedaction des „Jüdischen Volksblatt", Hier. Gestatten Sie, dass ich als gesetzestreuer Jude und genauer Kenner der jüdischen Verhältnisse Wiens, auf die in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes unter der Spitzmarke „Die Orthodoxen und die Juden" versehene Notiz Folgendes zu bemerken mir erlaube: Die von Herrn Hofbauer gemachten Aeußerungen entsprechen den Anschauungen der „Orthodoxen" in keiner Weise. Die Orthodoxen können für das Vorgehen des Herrn Hofbauer nicht verantwortlich gemacht werden, zumal Herr Hofbauer keineswegs als der Führer der Wiener orthodoxen Juden zu betrachten ist. Ihre Bemerkung, dass dieser Herr mit seiner Sprechweise! nicht bloß das orthodoxe, sondern auch das ganze Judenthum blamiert, trifft v ollständig zu. Aus diesem Umstande allein müssten die Orthodoxen Wiens gegen einen solchen Führer entschieden protestieren. Genehmigen Sie re. Dazu möchten wir Folgendes bemerken: Es wäre uns, die wir in solchen intern-jüdischen Angelegenheiten i uns großer Vorsicht befleißen, nicht eingefallen, Herrn f Hofbauer als Führer der orthodoxen Juden zu bezeichnen, wenn sich dieser Herr nicht in einer zionistischen Versammlung selbst als solchen bezeichnet hätte. Wir legen großes Gewicht auf die Mitwirkung der orthodoxen Juden an unserem nationalen Einigungswerke, möchten deshalb ] am liebsten alles vermieden sehen, was zu trennen geeignet ist. Das Auftreten des Herrn Hofbauer in der Volksvereins-Versammlung und sein unqualificierbarer Ausruf: er gehe auch mit Schönerer, wenn es gegen die Christlich- Socialen gehe, der war so wenig „orthodox", so wenig ehrenwert, dass wir dagegen auszutreten für unsere Pflicht hielten. Es freut uns, dass wir uns in unserer Annahme nicht getäuscht haben; bei nächsten Gelegenheiten wird dem „orthodoxen" Auftreten des Herrn Hofbauer der nöthige Dämpfer aufgesetzt werden müssen. Chronik des Judenthums. Inland. Wien. (Aus d e r C u l t n s g e m e i n d e.) Die unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserlicher Rath K l i n g e r stattgefundenen Plenarsitzungen des Cnltusvorstandes am 26. und 28. April und 2. Mai 1900 waren der eingehender? Berathnng und Erledigung einer Anzahl von Steuerrecursen^ jel widmet. In der Sitzung vom 26. April wurde über Ansu.-en j des Tempelbau-Vereines in der Brigittenau und im S'^ >:e } der Anträge der I. Section über Referat des Herrn Dr. Ber i.r! beschlossen, die seinerzeit für den Tempelbau in der Brigitte:Jj * J votierte Subvention von fl. 15.000 nach Erfüllung gewi^!, Voraussetzungen auf fl. 25.000 zu erhöhen. An Spenden si eiugelaufen: Von Herrn D. Schwarzmann anlässlich der V>.cmählung seiner Tochter Sidonie für das israelitische Bersorgungshans Kr. 2000 mit der Bestimmung, diesen Betrag zu-! gunsten des Versorgungshanses gleichwie die von ihm bei! früheren Anlässen gespendeten Kr. 6000 fruchtbringend anzn- * legen. Von Herrn R. Schefftel anlässlich der Vermählung seiner Tochter für die Chewra-Kadischa Kr. 200, für Arme Kr. 100. i Von Herrn Moriz Edlen von Kuffner anlässlich des Sterbetages seines Vaters für Arme Kr. 280, anlässlich des Pessach-! festes für Arme Kr. 400. Von der Chewra-Kadischa im XVI. Bezirk für Arme Kc. 300. Bon Herrn Oberstabsarzt Dr. Jacob Treulich für die Armenanstalt Kr. 10, für die Aoryslawer Arbeiter Kr. 10. In der am 6. Mai d. I. stattj gehabten Plenarsitzung wurden mehrere, das Friedhofswesen i betreffende Agenden erledigt. Eine Anzahl wichtiger Berathungs- 1 gegenstände sind einer demnächst stattsindeuden öffentlichen Plenarversammlung Vorbehalten. Typen aus meiner Gaste. Mandel Baß. In der Art und Weise, wie die drei positiven Religionen, das Christenthum, der Mohammedanismus und das Judenthum, zum Gebete mahnten, liegt ihre bezügliche Religionsgeschichte. Stolz und majestätisch, wie eine Siegesfanfare, läutet das weltbezwingende Christenthum seine Gläubigen zusammen; wie der kategorische Imperativ des Propheten ruft der Muezzin vom Minarette, und der verfolgte Jude klopfte heimlich an jede einzelne Thür. Wie der Schatten vor einer Katostrophe schlich zweimal täglich, morgens und abends, der Schulklopfer an der Flur der Häuser der Gasse entlang, an jede Thür dreimal pochend: klipp! klipp! klapp! wie ein Dreitact in der Musik, mie ein Anapästus in der Poemik. Mandel Baß legte aber auch noch Gefühl in diese drei Schläge; man vernahm deutlich aus den dumpfen Tönen seines Hammerschlages die Stimmung, die ihn gerade auf seinem Rundgange beherrschte: Herzleid oder Freude; es klang zuweilen wie elegische Klage, zuweilen wie ein Hosianna der Genugthuung und Befriedigung, je nachdem er in seinem Amte oder Hause einen schmerzlichen oder erfreulichen Moment hatte. Wir setzen die negative Temperatur seines Gemüthes voran, weil diese häufiger als die positive war, denn der Schulklopser war materiell der Aermste der Gemeinde, und jeder einzelne durfte ihn in seiner Amtswürde verletzen. Mandel Baß war aber noch mehr als jeder andere Schulklopser empfindlich — für Hunger und für Kränkung. Warum? Mandel Baß war nicht als Schulkinder geboren. Wie schon sein Name andeutet, gehörte er ehe?.mis zur Kunstgilde des Ghettos. Jede ordentliche Gemeinde hatte ihr Quartett, bestehend aus dem Chasan, dem Baß, dem Tenor und Fistel. Außer an Sabbath- und Feiertagen hatten diese keine Funetionefl und lebten in duloi juhilo, wurden zu jedem Familienfeste geladen, und wenn sie im Gesänge Tüchtiges leisteten, setierte man sie auch sonst noch. Und Mandel war einer der berühmtesten Bassisten im Lande. Seine Acquisition für Galautha war ein Ereignis in der Gemeinde. So oft er aus Künstlerlaune wieder Weggehen wollte, suchte man ihn zu versöhnen, der Borsteher hätte ihm sein einziges Kind geopfert. Endlich wurde er dauernd an die Gemeinde gefesselt. Mandel verliebte sich in ein schönes, armes, heimisches Mädchen und heiratete es. Nun sah er einen Chasan nach dem anderen stehen, jeder neue musste ihn als Jnventarstück übernehmeti und sich ihm accommodieren, ja sich von ihm beherrschen lassen. Mit der Zeit aber hatte sich Mandel ausgesungen, seine Stimme begann wie der Ton eines gesprungenen irdenen Topfes zu klingen, und damit gieng auch ein Riss durch das Weltall seiner Träume von ewiger Dauer seiner schönen Tage von Aranjnez. Man lachte, so oft er ein Solo sang, trotz der rührendsten Anstrengungen, die er dabei machte, dann fieng das Publicum an, zu murren, dass er überhaupt noch verwendet wird, und endlich sah sich der Vorstand bemüssigt, ihn zu verabschieden. Alff Pension war damals das Budget der Gemeinde,licht eingerichtet. Was also anfangen mitMandelBaß? Er wurde vorderhand auf Halbsold in Disponibilität gesetzt. Zuin Glücke wurde bald darauf der Posten eines Schulklopfers vacant, dessen bisheriger Inhaber mit Tod abgegangen, und Mandel imti’be damit hetraut. Anfangs sträubte sich sein Stolz gegen diese Demüthigung, aber er musste sich dazu bequeinen, sonst würde sich die Geineinde jeder Verpflichtung gegen ihn losgefühlt haben, und er hatte Weib und Kind und leinen Heller aus seiner goldenen Zeit reserviert. Und so nahm er den Hammer zur Hand mit des Sängers Fluch auf den Lippen. Er fluchte seinem Schicksale, das ihn so tief sinken ließ, er fluchte dein Undanke der Welt, er fluchte — nein, Weib und Kind, wenn seine Gedanken an sie kamen, erschienen ihm rvie Engel der Versöhnung. Wochen- und monatelang machte Mandel zweimal täglich seine Tour, als liefe er Spießruthen durch die Gasse, in der er jahrelang der Bewunderte, der Gefeierte war. Aus den drei Schlägen seines Hammers drang das Gefühl der Schmach. Aber man gewöhnt sich an alles; selbst für die Schande wird man nach und nach abgestumpft. Nach einem Jahre als Schulklopser war er für seine Person mit seiner Degradierung ausgesöhnt; allein der Stachel, dass sein Weib das Weib eines Schnlklopfers und sein Kind nur das Kind eines Schnlklopfers sind, saß fest in seinem Herzen. Er wollte sie wenigstens materiell nichts entbehren lassen, woran sie aus seinen besseren Tagen gewöhnt waren, und verrichtete außer seiner Dienstzeit die gemeinsten Arbeiten bei Privaten. Den Schulklopser kann ja nichts mehr entwürdigen. Nichtsdestoweniger war oft Noth und Elend in seinem Hause, und an einem solchen Tage schwang er den Hammer, als wollte er jedes Thor zum Ambos machen, an dem er die Welt zerschlägt, die ihm so hart mitgespielt. Heimliche Qualen der steten Selbstanklage, dass ihr Mann eigentlich nur um ihretwillen leide, untergruben die Gesundheit der jungen Frau, sie kränkelte und starb. Von der theueren Leiche hinweg musste Mandel den Hammer in die Hand nehmen und seinen Dienst verrichten gehen. Bei einem Todesfall in der Gemeinde wurden nur zwei Schläge gegeben. Heute sprach aus diesen zwei Schlägen der ganze Jammer der Welt. Wie ein Verzweifelter eilte er durch bte noch stille Gasse. Die Wenigen, die ihm begegneten und ihn fragen wollten, wer denn in der Nacht ' gestorben sei, merkten es schon von weitem aus seinem fahlen, von Schmerz umflorten Gesichte. In den sieben Trauertragen Mandels sprach man in Galautha von nichts anderem, als von dem in der Spnagogengeschichte einzig dastehendem Falle, dass ein Frauenzimmer den Schulklopferdienst versah. Warum sollte übrigens ein Frauenzimmer nicht Schnlklopfersein dürfen, wenn ein Frauenzimmer einmal sogar schon Papst war? Diesem schulklopfenden Frauenzimmer hätte auch nicht passieren können, was der Päpstin Johanna passierte inmitten ihrer heiligen Function. Dieses schulklopfende Frauenzimmer war nur ein achtjähriges Mädchen, Mandels Tochter. Auf dieses Kind concentrierte sich nun Mandels ganze Lebenslust und Lebensfreudigkeit, alle seine Liebe und Sorge. Es sollte einst die Schmach auslöschen, ein Schulklopferkind zu sein. Ella war schön wie ihre verstorbene Mutter, und musste sie nicht Stimme haben, wenn sie sei n Kind war. Muss nicht Mandel Baß' Tochter prädistiniert zu einer Sängerin sein? Und sie soll es werden, sagte er sich In den Schulgegenständen ragte Ella über alle ihre Classengenossinnen hervor, und das war ein gutes Omen für Mandels Hoffnungen. Sie bekam bessere Zeugnisse, als selbst die Töchter der Reichsten in der Gemeinde, und das war seine erste Revanche. Mit welchem Stolz und Hochgefühl klopfte Mandel jedesmal in die Schul', wenn ihm der Lehrer von den Fortschritten seines Töchterchens erzählt hatte. Er drückte seinen Dank mit aufrichtiger Unterthänigkeit aus, er ,nachte sich zürn Diener des Lehrers, putzte ihm die Stiefel, gieng für ihn meilenweit in die Stadt, ein Buch.zu kaufen, und verweigerte beharrlich jede Entlohnung. Aber die wissenschaftliche Bildung Ella - sollte doch nur Nebensache sein. Mandels Hauptzweck mit dem Kinde war ja einzig und allein, es zur Sängerin zu machen. Die jüdischen Lehrer aber sind (gelehrte, Philosophen, Schriftsteller, sind alles, nur keine Musiker und Sänger. Darin sind die christlichen Lehrer Lehrer jedenfalls ihren jüdischen College» voraus. Der christliche Lehrer auf dem Lande ist zugleich Organist in der Kirche, und muss als solcher mit den Musen Euterpe und Polyhymnia vertraut sein. Von dem Lehrer an der katholischen Schule Galanthas, einem jungen Manne, der vor kurzem erst seine Studien vollendet halte, erzählten die Kirchengänger Wunder, wie gut er die Orgel spiele und welch eine herrliche Tenorstimme er besitze. Mandel wagte es, ihn um eine Musik- und Gesangsstunde für seine Tochter zu bitten, er wolle ihm zahlen, was er begehre. Und nachdem sich der Lehrer von den Fähigkeiten des Mädchens überzeugt hatte, übernahm er die Lection, er verlange nichts, bis er nicht einige Resultate erzielt haben werde.

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