Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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' «edarlion: VIII/1, Schlöstrlgasse 11. Sprechstunde«: An Wochentagen von 10 bis 12Uhr vormittags; an Sonntagen von 11 bis 18 Uhr vormittags. poSadresie: Jübtfch-S DottSblatt, Wien, vmst. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht zuriickgeftellt. Postsparcasten-Lonto 847087. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. --< ' ' ~ 4 unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Pressrommisston. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Duker, Haasenstein & Vogler, Rudolf Moste, 71. Oppelik, M. Pozsonyi, «. Schalek in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im AuSlande. , Einzel-Nummer in Wien IS Heller. 4 >——...— ■■■. Administration: VIHj Abonnem, gilt Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustcllung. Ganzjährig . . Kr. 8.— Halbjährig.. 4.— Vierteljährig.. 58.— ►- 1, Schlöhelgaffe ll. rntSpreiS: gilt das gefammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig.Kr. 0.— Halbjährig 4.50 Vierteljährig.. 58.585 -.. ..---» Ur. 19 Wien, 11. Mai 1900. II. Jahrgang. Die Juden und die Wiener Gemeindewahlen! Montag den 14. Mai l. J* * abends 8 Uhr veranstaltet der „Jüdische Uoibsnerein" in Guths Restauration, II., Stefaniestraße Nr. 6, eine Jüdische WSHlerversammlmg zu welcher alle jüdischen Wähler > eingeladen werden. Der „Jüdische Volksverein" erwartet von der intelligenten jüdischen Wählerschaft, dass sie sich vollzählig einfindet. Es steht ein bedeutsamer Kampf bevor, und die jüdischen Wähler sind sich und ihren: Volke den noüen sittlichen Grnsi in dieser Sache schuldig. Daher ist das zahlreiche Erscheinen in den Versammlungen des Vereines für die Wähler Ehrensache. Der Ausschuss des „Jüdischen Volksvereines". Zu den Gemeinderathswahlen. „Die Gemeinderathswahlen sind im Zuge." Das landläufige Schlagwort für die üblichen Zeitungsmeldungen kann, in gutes Deutsch übertragen, ungefähr lauten: „Es wird nach wie vor viel geredet und nichts gethan." Wenigstens nichts anderes, was nicht auch vor der Ausschreibung der Wahlen geschehen wäre. Die Christlich- Socialen haben diesmal die Agitation nicht nothwendig; für sie arbeitet die „Wählergouillotine", welche sie salongemäß „Neues Wahlstatut" genannt haben. Die anderen Parteien begnügen sich mit dem Schimpfen, die liberale, allen voran, mit einer gründlichen Aussprache im „Reform"- oder in einem anderen „Club". Von Wählerversammlungen wollen sie diesmal, wie es scheint, überhaupt absehen. Sie haben das ja nicht nöthig. Die Juden, denkt offenbar die Parteileitung, sind in der Zwischenzeit auch nicht klüger geworden und werden den Leithammeln wohl wieder zur Urne folgen; und die christlichen Liberalen? Mein Gott, für die paar alten Tarokspieler noch Versammlungen einberufen, das stünde wohl wirklich nicht dafür! Ob diese Calculation der Liberalen richtig ist, wird sich zeigen. Zweifellos rechnen sie damit, dass jene jüdischen Stimmen, welche ihnen entgehen, den Socialdemokraten zufallen und — nach dem mit den Socialdemokraten geschlossenen Compromiss — dann der einen oder anderen der compromittierten Parteien zugute kommen. Ob diese Rechnung nicht ein Loch hat, bleibt abzuwarten. So sehr die Juden das christlich-sociale Regime verabscheuen, wenn sie es bekämpfen, sie werden und müssen es sich doch sehr überlegen, ob sie Leuten ihre Stimme geben, die keinerlei Gewähr dafür bieten, dass sie nach der Wahl nicht ebenso mit den Juden umspringen, wie ihre christlich-socialen Collegen. Um lediglich Gegener der Christlich-Socialen zu wählen, dazu sind die Juden nicht da; bei der Wahl, bei der sie thätig sein sollen, muss auch etwas für sie herausschauen. Wie vorsichtig sie bei der Wahl sein müssen, das können wir in einem kleinen Beispiele illustrieren. In Deutschböhmen erscheint ein schönererianisches Käseblättchen, das den Wert der nationalen Kleinarbeit erörtert, und da gesteht der allerdings recht dumme aber aufrichtige Schönererianer ein: „Das Judenthum ist der einzige Grund der Trennung der deutschen Parteien, und so lange es auf dem Gebiete der Politik nicht kalt gestellt ist, wird es auch schwerlich zu einer deutschen Parte: kommen. Die Juden werden niemals eine selbstlose Politik treiben, wie sie eine nationale Partei, der ihr Volk über alles geht, betreiben muss. Darum hinaus mit ihnen, wenn sich die Deutschen einigen sollen." So wie dieser Provinzesel schreit, i-a-en auch die anderen „Deutschen", und das sind die Leute, mit denen d ieL i b e rale n C o m p r o m iss g eschl o ssen haben und für welche d i e I u d e n n u n i ndirect arbeiten sollen! Na, die Juden müssten wirklich entweder radikal vertrottelt sein, oder so schlecht, wie sie von derartigem Gesindel geschildert werden, wenn sie sich zu solchen Diensten hergeben würden. Sie sind schon so oft auf die Leimruthe gegangen, die mit den Paragraphen der Staatsgrundgesetze über und über beschmiert ist, dass sie endlich wissen müssten, was diese Lockspeise wert ist. Um die Gleichberechtigung aller Staatsbürger handelt es sich ihnen gar nicht mehr, sondern um die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes, das bei dieser Wahl wieder einmal als Wurstel dienen muss, um die Wähler anzulocken. Wir halten das auch für ausgeschlossen. Mag sein, dass das eiserne Kleid „Gewobnheit" immer noch eine große Anzahl jüdischer Stimmen in die Urne führt; das Assimilantenthum, das froh ist, vom besetzten Tische der liberalen Phrasendrescher die Brotkrumen schöne Redensarten auflesen zu können, wird ja dem jüdischen Volke noch lange in den Knochen liegen und ein solcher Narr macht ja viele andere. Aber in den großen Massen des Volkes hat sich bereits ein tiefgehender Umschwung vollzogen, und die Merkmale dieses Umschwunges werden immer deutlicher zutage treten. Bei den Wahlen insoweit, als sich die jüdische Wählerschaft für »unklare" Candidaturen absolut nicht erwärmen wird. Die Selbstverleugnung, welche die Liberalen von den Juden verlangen: dass diese von sich selbst nur beileibe nicht reden sollen, die wird nicht geübt werden. Das Mindeste ihrer Ansprüche wird ein ausgesprochener Charakter des Candidaten sein müssen. Am Sonntag soll die liberale Candidatenliste erscheinen; da wird sich's ja zeigen, was geschehen muss; ob man sich mit Zäh lcandidaten begnügen kann, um im Falle der Stichwahl in geeigneter Weise einzuspringen, oder ob man in den günstigen Bezirken tüchtige jüdische Candidaten aufstellen muss. Wie es auch kommen möge, in die liberale Laube gehen die Juden auf bloße Versprechungen hin nicht wieder; ihre so sehrangezweifelte „Selbstlosigkeit" muss ein Ende haben, wenn sie zum Schaden nicht auch noch den Spott haben sollen. Die ungarischen Parteien und die Juden. (O rrginal-Corr esponde uz des „Jüdischen Volk sb l a t t".) Budapest, 8. Mai. Die Reichstagswahlen sind näher gerückt und die seit 1867, seit der Etabliernng des Dualismus, bestehenden magyarischen Parteien fühlen sich in ihren Positionen erschüttert. Besonders in den Kreisen der weiterblickenden magyarischen Inden fürchtet man eine Erstarkung der antisemitisch gefärbten Volkspartei auf Kosten der bisher von ihnen gestützten Liberalen. Schon bei den letzten Wahlen war es nur durch verschiedene Regierungsmaßnahmen und besonders durch die B a u f f yschen Bestechungsgelder möglich, eine Anzahl von Mandaten der Volkspartei zu entreißen; bei bett diesmaligen Wahlen aber, die angeblich Millisterpräsident S z e l l bis zuni Mai des nächsten Jahres hinausschieben will (andere behaupten, dass sie bereits im Oktober stattfinden werden), fehlen diese Bestechungsgelder. Wie der Schreiber dieses ans Besprechungen mit den Abgeordneten der verschiedensten Parteien entnommen und wie selbst ein hervorragender Abgeordneter der Regierungspartei zugestand, wird die ungarische B o l k s p a r t e i mindestens fünfzig Mann stark bei Neuwahlen in den Reichstag einziehen. Die Furcht vor der A u s b r e i t u n g der Volkspartei hat auch seinerzeit dazu beitragen, dass die sogenannten Altliberalen, die T i s z a - B a n f f y - G r u p p e, sich mit den Nationalparteilern unter Führung des Grafen A p p o n y i verewigten. Aber diese Fusion ist nur eine mechanische, und in dem großen liberalen Hexenkessel gährt und brodelt es; von Seite der Altliberalen und speciell in der Bansfy- Clique wird in einem eigens gegründeten deutschen Blatte gegen Szell miniert, dem man vorwirft, dass e r auf Kosten der Altliberalen — eine Reihe der Mandate der Volkspartei und den Unabhängigkeitsparteilern zugesichert habe. Da also die sogenannte „liberale" Partei bei all ihrer äußeren Einigkeit nach innen gespalten ist, die „Unabhängigkeitspartei" mit ihrem staatsrechtlichen Programm „Los von Oesterreich" stark an Zugkraft verloren hat, und überdies sich die Kossuth-Fraction und Ugron-Gruppe (die mit der Volkspartei liebäugeln soll) sich gegenseitig befehden, so ist die politische Situation für die „Volkspartei" überaus g ü n st i g. Die katholische Bevölkerung ist nämlich infolge der Kirchengesetze in einem ansehnlichen Bruchtheile der Agitation der Volkspartei zugänglich; die nichtmagyarischen Nationalitäten, besonders aber die Slovaken, geben den in nationalen Fragen toleranteren Volksparteilern den Vorzug vor den chauvinistischen Liberalen und der bornierten Rasse »Politik Banffys und C o n s o r t e n, und schließlich erblickt ein Theil des producierenden Mittelstandes in der „Volkspartei" den Retter in seiner großen wirtschaftlichen Noch. Selbstverständlich spielt dabei der Antisemitismus eine bedeutende Rolle, der sich zwar in Ungarn nicht im Parlamente bemerkbar macht und an der Oberfläche weniger sichtbar ist, aber umsomehr unter der Asche glimmt und in der P r e s s e sich äußert. Die „Volkspartei" besitzt eine Reihe von verbreiteten Organen in deutscher, magyarischer und s l a v i s ch e r Sprache. So existiert z. B. in B u d a p e st, herausgegeben vom Abgeordneten Molnar, eine Wochenschrift, betitelt „Christliches Volks b latt". In diesem Organe wird bereits rührig für die Neuwahlen gerüstet und angekündigt, dass die „Volkspartei" in jedem Orte Ungarns, wo eine Volkspartei-Versammlung gefordert wird, dieselbe ohne jedes Opfer der Petenten abgehalten wird. * * * Die „Volkspartei" ist, wie zu dem Schreiber dieses sich Dr. Wilhelm V ü s z o n y i (Jude), der Führer der neubegründeten r a d i c a l e n demokratischen Volkspartei und Gesinnungsgenosse des gemaßregelteu Ministerialrathes Peter K a s i c s, sich äußerten, die einzige europäische Partei des ungarischen Reichstages. Es ist dies, wie Dr. V ü s z o n y i sich selbst äußerte, gerade in seinem Munde, als des radicalen Antipoden der Clericalen, eine symptomatische Aerlßerung. Sie ist dahin zu verstehen, dass die c l e r i c a l e Vvlkspartei, abgesehen von der neuconstituierten rad*icalen Volkspartei, die einzige politische Partei mit einem abgeschlossenen politischen und ökonomischen Programme ist. Sowohl die „Liberalen" als auch die „Unabhängigkeitspartei", sowie die nichtmagyarischen, föderalistischen Nationalisten sind staatsrechtliche Fraktionen im Sinne der 1867er oder 1848er Verfassung. Die Juden waren nun bisher Hauptstützen der „liberalen" Partei und werden nun mitverantwortlich gemacht für die Sünden, welche in nationalchauvinistischer Hinsicht, sowie auf socialem