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Jüdisches Volksblatt · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Mai 1900 Seite 3 zur Ueberzeugung gelangt, dass der Mord von P e c k a verübt wurde; das reichte aber der RzeSzöwer k. k. Staatsanwaltschaft nicht genug aus, und wenn man schon zur Ueberzeugung gelangte, dass es nicht der wahnsinnige Oster gethan, den man trotzdem noch bis zur Stunde hält, so musste doch rasch ein anderer Jude verhaftet werden, um nur einem Juden die Last aufzubürden. Haarsträubend war es anzusehen, wie man den armen Sohn, dem Mutter und Schwester erschlagen wurde, gekettet und nach Reszüw wegführte. Es ist dies ein armer Junge, der allein dasteht, und bei uns Juden findet man leider noch solche, die sein Alibi bestätigen könnten, aber es fürchten. Ist denn in Wien feilt Verein d a, der sich der Sache annehm en würde, es ist dies ein Fall, der den Juden nicht gleichgiltig sein darf. _ Ausland. Berlin. (Ein Wort zur Zeit.) Die „Nordd. Nllgem. Ztg.", bekanntlich das Sprachrohr der Regierung, bringt eine Besprechung des Buches von Prof. Strack: „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit". Diese Recension hat aber mehr als bloß literarisches Interesse, denn sie beschäftigt sich speciell mit dem Ritualmord und sieht das Verdienst des Buches darin, dass es diesen thörichten und wahnwitzigen Vorurtheilen die Wurzel ausreißen will. Koblenz. (Ein seltener Menschenfreund.) In Kyllburg starb am 25. v. M. ein ch r i st l i ch e r Bürger namens Eiffel, der in seinem Testamente 5000 fl. für eine Synagoge für die Cultnsgemeinde seiner Vaterstadt hinterließ. Berlin. (Zur K o n i tz e r M o r d a s f a i r e.) Die „Jüdische Presse" schreibt: „Das mysteriöse Dunkel, das auf der Mordthat in Kunitz lagert, hat sich noch immer nicht gelichtet, sondern ist eher noch dichter geworden. Und das kann nicht wundernehmen: Die von den heimischen und den auswärtigen Antisemiten eben zu diesem Zwecke systematisch geschürte Erregung drängt, genau wie dies in Xanten, in Polna und anderwärts der Fall war, die Aufmerksamkeit von der richtigen Fährte ab und verwischt die Spuren, welche auf den wahren Thäter führen könnten. Selbstverständlich sind die amtlichen Untersuchungsorgane auf die Mithilfe des Publicums angewiesen, aber diese versagt eben unter der Hypnose des „Nitualmordes" vollständig. Der Ermordete ist kurz vor der Zeit, in welcher das Verbrechen begangen wurde, mit zwei Kameraden gesehen worden; aber trotz wiederholter Aufforderungen der Polizei haben sich diese Kameraden bis zur Stunde nicht gemeldet. An drei verschiedenen Stellen sind Damen-Taschentücher mit dem gleichen Monogramm-Zeichen gefunden worden; aber alle Bemühungen von Staatsanwalt und Polizei bleiben umsonst, die Besitzerin dieser Taschentücher ist noch immer unentdeckt. Was in aller Welt veranlasst diese Personen zu so auffallender Zurückhaltung, wenn sie kemen Grund haben oder nicht von gewisser Seite haranguiert werden, im Hintergründe zu bleiben? Dem Schweigen dieser zur Aussage Verpflichteten steht die redselige Geschäftigkeit geheimer und offener Denuncianten gegenüber, die sich mit ihren angeblichen Wahrnehmungen an die Behörden herandrängen und statt zur Aufklärung thatsächlich zur Verdunklung und Verwirrung beitragen. Es wiederholt sich eben genau dasselbe, was jedesmal, wenn der Wahnwitz des „Ritualmordes" die Geister benebelt, der Fall ist: ein antisemitisches Nebenrribunal von Geschichtenträgern und Zeugensouffleuren drängt sich dem berufenen Richter an die Seite und zwingt demselben eine Beachtung jener Denunciationen auf, zu welcher er aus eigner Entschließung sich nimmer verstanden hätte. Das Echo dieses frechen Terrorismus sind die Unruhescenen, die in Könitz und Nachbarschaft sich abspielen und das nachdrücklichste Eingreifen der Sicherheitsbehörden uothwendig machen." Könitz. (Z u r H e tz e gegen die Juden.) Die aus Anlass des Konitzer Mordes in Könitz selbst und in verschiedenen Ortschaften der Umgegend vorgekommenen Unruhen haben den Minister des Innern veranlasst, den Geheimen Ober-Regierungsrath M a u b a ch als Commissär an Ort und Stelle zu entsenden. Auch sind insbesondere in Baldenburg und Prechlan (Kreis Schlochau) und in Vandsburg (Kreis Flatow) zur Unterdrückung der Unruhen Gendarmen von auswärts dahin beordert werden. Ferner hat der Minister die schleunige Entsendung einer Anzahl von Gendarmen aus den Regierungsbezirken Danzig und Bromberg zur Verstärkung der Gendarmerie der Kreise Könitz und Flatow, namentlich auch zur Verwendung in Czersk und Wielle (Kreis Könitz) angeordnet. Der Geschäftsverkehr in Könitz erleidet infolge des unaufgeklärten Mordes manche Schäden. Auch bei Aufnahme neuer Schüler am Gymnasium that sich dies Misstrauen der Auswärtigen kund. So wurden diesmal etwa 40 neue Schüler weniger ausgenommen, als in früheren Jahren. Die Tumulte auf der Straße wiederholen sich allabendlich. In H a m m e r st e i n gährt es infolge der Konitzer Mordaffaire gewaltig. Freitag abends ist es bereits zu groben Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen. Denn von dem in großen Scharen durch die Straßen ziehenden Publicum wurden zahlreiche Fenster durch Steinwürfe zertrümmert. Am Abend um 8 Uhr mussten nach Bekanntmachung des Magistrates die Läden geschlossen sein. Die Menge wuchs zuletzt immer mehr an, und als den Anordnungen der Gendarmen nicht Folge geleistet wurde, sahen sich diese und die beiden Amtsdiener genöthigt, blank zu ziehen. Es setzte einige blutige Köpfe, und der Rädelsführer wurde verhaftet. Als die Sicherheitsmannschaften in dieser Weise Ernst zeigten, zerstreuten sich die Massen auch sofort, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die Straßen gesäubert. — Amtsvorsteher Zieting, der Gemeindevorsteher von Czersk, hat zur Verhütung weiterer Ausschreitungen an die Schenkwirte die Warnung ergehen lassen, trunkenen P e r s o n e n noch ferner Spirituosen zu verabfolgen, und ferner darauf aufmerksam gemacht, dass die Schließung sännntlicher Schenkstätten, falls sich ähnliche Auftritte wiederholen, am Samstag und Sonntag um 5 Uhr nachmittags angeordnet werden wird. Weiters ist im Dorfe an mehreren Stellen eine warnende Bekanntmachung angeschlagen, in der auf § 125 des Strafgesetzbuches (öffentliche Zusammenrottungen, Gewaltthätigkeiteu und Landfriedensbrnch) hingewiesen wird. — Der Händler Blnmenhain zu Czersk, bei dem in der Mordsache Haussuchung stattfand, ist seinerzeit gleich dem vorigen Inhaber des Geschäftes, Händler I o s e f s s o h n, wegen der Skurzer Mordsache verdächtigt und in Untersuchungshaft gewesen. Die Haussuchung hat, soweit bekannt, kein Ergebnis gehabt. In die Angelegenheit verwickelt sind ferner Rabbiner R o s e n b a u m und Händler Jonas in Czersk, die angeblich am 4. März, acht Tage vor dem Morde, in Könitz gewesen sind. Rosenbuum erklärt diesen Besuch für falsch, während der Bahnhofsvorsteher D r e ß l e r bekundet, persönlich dem R o s e n b a u m die Fahrkarte verkauft zu haben. Der im Orte stationierte Gendarm sagt im Gegensätze hierzu ans, dass seines Wissens Rosen bäum zu jener Zeit krank gewesen und erst am 8. März ausgegangen sei. — Der Krawall vom Sonntag gibt wahrscheinlich noch Veranlassung zu einem Landfriedensbruch-Processe. Gendarmerie-Wachtmeister Sauer- Czersk, der längere Zeit hindurch einer tausendköpfigen aufgeregten Menge allein gegennberstand und schließlich nach üblicher breimaliger Aufforderung, dass die Leute auseinandergehen sollten, Sicherheitsmannschaften den Gebrauch der Waffe befahl, wurde amtlich wegen correcten, besonnenen Verhaltens belobt. Eine heute hier vernommene Persönlichkeit hat die Adresse angegeben, bei der der verhaftete I s r a e l s k i zu Vandsburg angeblich die Kleider Winters verkauft hat. Otzenrath. (Ein seltener A uc tion s - G e geust an d.) Dass bei der heutigen Reisewuth zahllose Gegenstände aller Art in den Coupös der Eisenbahnzüge und auf den Bahnhöfen liegen bleiben, ist eine zu bekannte Thatsache, als dass sie noch besonderer Beachtung bedarf; dass aber eine Gesetzesrolle (Sephar Thora) nebst einer Rolle, das Buch Esther enthaltend (Megillas Esther), auf der Bahn liegen bleiben, dass sich für diese Gegenstände innerhalb der gesetzlichen Frist kein Eigentbümer meldet und solche alsdann in öffentlicher Versteigerung am Güterschuppen angeboten werden, dürfte selbst zu Ben Akibas Zeiten noch nicht dagewesen sein, und dieser würdige Rabbi würde sich gewiss im Grabe herumdrehen und seinen Ausspruch widerrufen, wenn er erfährt, dass die vorerwähnte Thatsache sich vor ganz kurzer Zeit ereignet hat. Im benachbarten Reuß nämlich sind vor stark Jahresfrist die vorerwähnten Gebetsrollen, wie die öffentliche Versteigerungs-Anzeige sie nannte, in Begleitung von Bettzeug und sonstigen Gegenständen — es waren auch noch eine Anzahl jüdischer Bücher dabei — liegen geblieben und selbige vor einigen Wochen in Crefeld am Güterschuppen versteigert worden. Verfasser hat die Thorarolle gesehen und ist solche von tadelloser Ausführung; die Rolle war mit einem Mäntelchen bekleidet und mit einem Stricke umbunden. Ein Zeichen der Herkunft ist nicht sichtbar. Die fast zur Gewissheit werdende Vermuthung, dass russische Auswanderer die gesammten erwähnten Gegenstände zurückließen, kann die Verwunderung über die Thatsache nicht beseitigen, wie es überhaupt möglich sein konnte, solche Dinge auf der Bahn liegen zu lassen. (Jsr. G.-Bl.) Paris. (Ein Hu l d i g u n g s g e s ch e n k.) Zur Zeit' als die Dreyfus-Affaire die ganze gebildete Welt beschäftigte' hat die englische Zeitung „Morning Herald" eine Sammlung eröffnet, deren Ertrag zu einem Huldigungsgeschenke für Frau Dreyfus bestimmt war. Das Geschenk ist jetzt fertig und dieser Tage Frau Dreyfus durch den Herausgeber des „Siecle", Herrn Hves Guyot, in Carpentras übergeben worden. Der „Siecle" hat darüber ausführlich berichtet und auch eine Illustration des Geschenkes veröffentlicht. Es ist ein aus massivem ciseliertem und vergoldetem Silber künstlerisch ausgeführtes Kästchen, von fast einem halben Meter Länge, auf dem in der Mitte eine Statue der Gerechtigkeit sich erhebt, während an den vier Ecken die Figuren der Wahrheit, des Gesetzes, der Treue und der Beständigkeit sitzen. Drei Miniaturen zeigen an der Stirnseite die Porträts von Dreyfus, Zola und Labori. Das Kästchen enthält eine Adresse an Frau Dreyfus und war von einem Schreiben begleitet, in dem es heißt, dass die Leser des „Morning Herald", „eines der zahlreichen Blätter, die sich für die Revision eines ungesetzlichen Urtheils und die Wiedergutmachung eines Rechtsirrthums, begangen gegen einen loyalen Soldaten, eingelegt haben," Frau Dreyfus respectvoll bitten, das Kästchen anzunehmen; es solle eine Familienerinnerung werden und ihren Kindern die Tugenden der Frau und Mutter immer ins Gedächtnis zurückrufen. Das Kästchen trägt folgende Inschrift in englischer Sprache: „Frau Dreyfus von den Lesern des „Morning Herald^ überreicht als Beweis ihres Glaubens an die tadellose Ehre des Capitäns Alfred Dreyfus und als Zeugnis ihrer Bewunderung für ihre muthvolle und standhafte Hingebung für ihren Gemahl während seiner unverdienten Leiden." An die Ueberreichung des Geschenkes knüpfte sich eine lebhafte Unterhaltung, von der aber Herr Guyot nur berichtet, dass die Affaire noch nicht beendet sei, und dass es dem Hauptmanne gut gehe. Inzwischen ist die Familie Dreyfus bekanntlich nach Genf übersiedelt. London. (Der S ed er auf einem englischen Kriegsschiffe.) Das von England nach Südafrika bestimmt gewesene Transportschiff «Der Gothe" hatte unter seinen Passagieren auch eine Anzahl jüdischer Soldaten an Bord. Bon Seite des Capitäns wurde die Verfügung getroffen, dass das jüdische Passah-Fest von denselben gehörig gefeiert werden konnte und dass außer der rituellen Kost selbst auch der Koscherwein nicht fehlte. Stockholm. (U r t h e i l über die S ch ch i t a.) Die Zeitungen bringen den ausführlichen Bericht der Medicinalverwaltung an den König, angehend die Schlachttoeise der Hausthiere. Der Halsschnitt wird als die geeignetste Weise der schnellen und völligen Blutentziehung bezeichnet, doch wird die Betäubung vor dem Schlachten (entweder durch Schlachtmaske oder Schuss in das Gehirn) empfohlen; über die jüdische Schlachtweise heißt es ausdrücklich, es bedarf da keiner vorhergehenden Betäubung, und soll das Niederwerfeu des Thieres vorsichtig, das Schlachten sobald wie möglich nach dem Niederfallen des Thieres geschehen, durch einen geschickten Schächter, und dass der Kopf des Thieres während des Schlachtens und bis zum Eintritte des Todes festgehalten werde. New-Dork. (Ein Hirsch-Denkmal.) Ein schon lange hier besprochenes Project, dem Baron Hirsch und seiner Gattin hier ein Denkmal zu setzen, geht seiner Verwirklichung entgegen. Zur Förderung des Planes fand kürzlich eine Versammlung statt, in der das 4 Fuß hohe Modell eines Denkmals, das der Bildhauer George B. B i s s e l l ausführte, gezeigt ward. Dasselbe stellt eine Frauengestalt, die Philanthropie, dar, die in ihrer Hand zwei Tafeln hält, auf welchen die Profile des erwähnten Wohlthäter-Paares zu sehen sind. Das Denkmal soll im Mount-Morris-Parke ausgestellt werden. Die Kosten werden 50.000 Dollar betragen, die schnell aufgebracht werden dürften. Im Comite der Denkmal-Gesellschaft sind: Ex-Präsident C l e v e l a n d, Staatssecretär H a y, Gouverneur R o o s e v e l t, der frühere Bice-Präsideut M o r t o n, Senator D e p e w, Oskar Strauß, Seth L o w, Prof. Cyrus Adler, Prof. C. R. A. S e l i g m a n n, Jsaac N. S e l i g m a n n, der frühere Generalconsul in Berlin, Charles de 51 a y, und viele andere bekannte Persönlichkeiten. Johannesburg. (Ein j ü d i s ch e r R e t t e r d e r afrikanischen Goldminen.) Herr Epler, der österreichische Financier, welcher als Hauptmann der Randminen - Polizei fungiert, hat muthig eingegriffen, um die angedrohte Zerstörung der Minen zu verhindern. Sowie er erfuhr, dass Arbeiterpartien zur Bohrung von Sprenglöchern in den Hauptschachten und Minierung der Gallerten mit Dynamit ausgesendet werden sollten, verschärfte er die Ueberwachung der Minen, und als eine Arbeitergruppe erschien, ließ er einen der Anführer derselben sofort verhaften. Der Staatsminen-Jngenieur Munnick remonstrierte hiergegen unter Berufung auf die den Arbeitern ertheilten Ordres; darauf verlangte Epler die Vorweisung einer schriftlichen Ordre und fügte hinzu, er werde dann schon wissen, was er zu thun habe. Thatsächlich wurden schriftliche Ordres vorgewiesen und Epler musste die Arbeiter auf der Langlaagte- Estate-Mine mit ihrer Arbeit beginnen lassen. Er machte jedoch unverzüglich Vorstellungen in Pretoria, welche das Ergebnis hatten, dass M u n n i ck s Ordres widerrufen wurden. Jetzt hat Epler durch seine Minenpolizei die unter seiner Aufsicht stehenden Minen absperren lassen. Herr Epler ist ein Sohn des Stationschefs der Nordbahn in Brünn, kaiserlichen Rathes Hermann Epler, der auch Vicepräsident der israelitischen Cultusgemeinde in der mährischen Hauptstadt ist. Herr Adolf Epler wurde im Jahre 1857 in Mährisch-Ostrau geboren, studierte in Olmütz, kam dann zur Firma Machanek und Comp, in Wien, später zur Alpinen Montan-Gesellschaft. Im April 1889 begab er sich nach dem Transvaal, wo er sich an Minen- Unternehmungen betheiligte und bald zu Ansehen gelangte. Mehrmals wurde er in Johannesburg mit dem Vorsitze des dortigen österreichisch-ungarischen Hilfsvereines betraut. Die Orthodoxen und die Juden. In der Versammlung des „Jüdischen Volksvereines" am Dienstag trat auch Herr H o f b a u e r, der Führer der Wiener orthodoxen Juden, als Redner auf und erweckte mit seinen Aeußerungen so lebhaften Unwillen in der ganzen Versammlung, dass er seine Rede abbrechen musste. Was er befürwortete, mar nämlich nicht mehr und nicht weniger, als der Anschluss an die Liberalen. Wie ein orthodoxer Jude solch eine politische Haltung mit seiner religiösen Ueberzeugung in Einklang bringen kann, ist ein Räthsel, dessen Lösung Herr Hofbauer, der in jeder jüdischen Versammlung irgendeinen oppositionellen Standpunkt einnimmt, einmal ausführlich geben sollte. Den Raum hierfür stellen wir ihm gerne zur Verfügung. Herr H o s b a u e r hat kürzlich in einer politisch-zionistischen Versammlung erklärt, er könne mit Leuten, die religionslos seien, nicht Zusammengehen. Er betrachte die Zionisten deshalb als religionslos, weil sie bezüglich der rituellen Bräuche auf ihre Anhänger keinen Zwang ausüben. Dieser Standpunkt mag engherzig orthodox sein, er ist wenigstens begreiflich. Wie aber kann ein so verbohrter Orthodoxer, als welcher sich Herr Hofbauer mit dieser Aeußerung declariert, andererseits die Juden veranlassen wollen, ihre Stimmen anstatt auf Juden auf Judenfeinde zu vereinigen? Er kann dagegen, nach der Art der Assimilationsjuden, einwenden, dass die Liberalen keine Judenfeinde seien, dass es gelte, die Herrschaft der Christlich-Socialen zu brechen rc. Diesen veralteten Argumenten aber kann man die Thatsache entgegenstellen, dass die Liberalen auch in ihrer Blütezeit für die Juden nichts gethan haben, dass sie also jetzt umsoweniger thun können, und dass die Juden nicht dazu da sind, den Sturmblock zu bilden für Leute, die nach den Wahlen die Juden behandeln, wie „Zeitungen von gestern". Die Moral aber, die Herr Hofbauer aussprach: er verbinde sich mit jedem, auch mit Schönerer, wenn es gegen die C h r i st l i ch - S o e i a l e n gehe, die mag gesund sein; — jüdisch i st sie nicht! Und die Orthodoxen, welche vor allem auf den Namen Jude stolz sind und mit ihm eine Reihe der besten und edelsten Eigenschaften in untrennbare Verbindung bringen, werden gut thun, diese Moral des Herrn H o f b a u e r als seine eigene, höch st persönliche ihrerseits entschieden zurück z u w e i s e n! In den Zeiten der schwersten Bedrängnis, auf Scheiterhaufen und Folter hat der Jude seinen Glauben, seine Ueberzeugung. seine Ehre nicht verleugnet. Der orthodoxe Jude Hofbauer, der den Sabbath heiligt und in keinem jüdischen Restaurant

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