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Jüdisches Volksblatt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. April 1900 Seite 3 Nr. 17 lief»!,;, der Bildung mit besonderer Berücksichtigung der Socialwissenschaft dienen, wie zur wirtschaftlichen Organisation. Als Feinde jeder Schablone soll den verschiedenen Bedürfnissen in den einzelnen Grönländern Rechnung getragen werden und der Kitt zwischen den einzelnen Gliedern der volklichen Organisation soll nicht durch einen mechanischen Drill und durch das Einschwören auf einzelne Schlagworte und Programmpunkte, sondern durch die nothwendige Solidarität für die jeweiligen Bedürfnisse unseres Volkes geschaffen werden. In diesem Sinne fordern wir alle Volksgenossen im gesannnten Oesterreich zur Organisation ans und sind bereit, sie mit Ra t h und Thar zu fördern. Dr. K. Girre kluge Antwort. Auf eine Anfrage eines Münchener Gerichtes hat dieser Tage die Knttcnbcrger Staatsanwaltschaft den weisen Bescheid gegeben, dass sie ans die Frage, ob gegen Dr. G o l d b e r g eine Strafanzeige vorliege, keine Auskunft geben könne, weil die Acten des Processes Hülsner beim Cassationshose lägen. Diese an die jnstiziäre Gerichtswcisheit des Städtchens Schilda gemahnende Antwort hat das Münchener Gericht ebenso taktvoll, wie humoristisch mit dein Commentar glossiert: „Auch aus der jüngst erhaltenen Auskunft bei der Staatsanwaltschaft an, k. f. Kreisgerichle Kattenberg geht hervor, dass zur Zeit eine Anzeige gegen' Tr. G ü l d b e r g wegen Theilnahme an dcm nnehrerwähnten Morde nicht erstattet ist und dass ein Verfahren gegen denselben nicht schwebt; denn hiervon hätte d e r S t a a t s a n iv alt a u ch ohne K e n n t n i s der dem Cassationshose in Wien vorliegenden 'iicten gege n H ü l s n e r K e n n t n i s habe n m ü s f c n." Hoffentlich nimmt sich das 5ttlttcilberger Gericht diese Lection zu Herzen! Die Parteien und die Krrrrst. Wie wenig politische Ereignisse, hat dieser Tage ein Schauspiel — die Erstlingsarbeit eitles jungen Talentes — die Tintenwogen in den Zeitnngsredactivnen aufgewühlt. Das Theaterstück „Fanrilie Wawivch" rührt unangenehm an die socialdemvkratische Frage; eilt junger Proletarier hält den „Genossen" einen scharfen Bortrag über ihre sinnlose Gewaltthätigkeit. Während sich nun ein socialdemokratischer F ü h r e r in einem Privatbriefe an den Verfasser sehr lobend über das Stück ansspricht, fällt sein Parteiorgan mit beißendem Hohne darüber her und belobt die Genossen, die an dem Stücke bei der Erstaufführnng im Deutschen Volkstheater eine Gewaltcensnr ansüben wollten. Merkwürdigerweise geben gerade einige treffende Charakterisierungen aus dem jüdischen Proletarierleben der „Arbeiter- Zeitung" Gelegenheit zu Glossen, die sich in dem Organe der Herren Austerlitz unb Adler sehr eigenthümlich ausnehmen. Die antisemitischen Blätter wiederum loben ans eben denselben Gründen das Stück ungewöhnlich warm, die „Ostdeutsche Rundschau" widmet ihm ein Feuilleton, das „Deutsche Volksblatt" gar einen politischen Leitartikel. Es ist sehr lobenswert, dass die antisemitischen Blätter einmal ein objcctives Urtheil über ein gutes Werk füllen, trotzdem es von einem Inden — Dr. Fr. Brouner — ist; wir fürchten nur, dass mit der Entdeckung von des Verfassers Volkszugehörigkeit eine allgemeine Wandlung hervorgernfen wird. Die „Arbeiter- Zeitung" allerdings wird sich conscgnent bleiben; wer gegen die Parteisuchtcl ist, wirb zerrissen, ob er Christ oder Jude ist. Tenn das ist „Parteisache"! Zwei journalistische Lumpenftückchen ersten Ranges hat sich dieser Tage das „Deutsche Volksblatt" geleistet. lieber die Berufnngsverhandlnng, welche in der Presssache des Polnacr Rabbiners Dr. G o l d b e r g gegen das Münchener „Bruderblatt" des hiesigen StrizziorgancS in München dnrchoefnhrt wurde, bringt es einen Bericht, der mit dem Re- Muth haben wird, ihr endloses Schuldenregister gegen die Judenheil zu tilgen. Als weitere bleibende Erinnerung an das Kriegsjahr 180!) behielt die Hoheuemser Jndengemeinde eine Schuldenlast von nahezu 10.000 fl., mit deren"Tilgung sie Jahrzehnte zu kämpfen hatte. Als interessantes Moment jener Jahre sei noch erwähnt, dass ein Auszug der amtlichen Handelsstatistik von 1810 folgende Zusammenstellung ergibt: 52 Hoheuemser jüdische Kaufleute hatten rin Jahre 1810 einen jährlichen Absatz an inländischen Waren von 30.550 fl., an ausländischer! Waren von 055.500 st. — also insgesammt einen Jahresabsatz von nahezu 700.000 fl. Davon wurden im Jnlande Waren mn 223.090 fl. und im Auslande um 402.300 fl. verkauft. Zur besonderen Wertschätzung dieser Zahlen sei noch betont, dass sie bei der Steuerbemessung von den Kaufleuten selbst fatiert wurden, also wohl kaum zu hoch gegriffen wurden." Ich habe meinem vorstehenden Anszuge vorläufig nur das noch hinzuzufügeii, dass er nur einen überaus kleinen Theil ans den Ehrenbildern vorführt, an denen die Geschichte der patriotischen Handlungen der Juden in Tirol und insbesondere in Vorarlberg so überreich ist unb mit deren vollständiger Darstellung ich auf mein Geschicbtswerk verweisen, respective vertrösten muss.. Mein gefeierter Lehrer und Gönner, Herr Geheinrralh Professor Doctor Lazarus in Meran, bemerkt im Vorworte zu seiner unvergleichlichen „Ethik des Judeulhums" — deren Studium ich, nebenbei bemerkt, den „Burggräflern" wärrnsterrs empfehle —dass dieses keiner Apologie bedürfe, sondern die rein objective Darstellung für sich selbst sprechen und wirken muss. Ebenso verhält es sich mit der Geschichte. Des Judenthmns wirkungsvollste Apologie ist feine Geschichte. Ob und wie weit' dies auch bei den „Burggräflern" und ihren Hinter- und Dunkelmännern zntrissl, verschrveigt des Sängers Höflichkeit. futtate schließt, dass Dr. Goldberg mit seiner Berufung abgewiesen rvurde und die Kosten tragen mnsstc. Der Bericht ist aber so jesnitisch-schlan abgcsasst, dass nirgends ersichllich ist. dass der Kläger nur mit seiner Berufung gegen das Strafausmaß abgewiesen wurde. Jeder Leser muss annchmen, dass der saubere Redactenr des Münchener Blattes freigesprochen rvurde. Bei der bekannten Intelligenz der Anhängerschaft des Vergani-Btattes ist dieses Mittelchen probat; alle Antisemiten auf den enterischen Gründen lachen heute wohl den „eingegangenen" Juden ans, ohne zu wissen, dass der Münchener Journalist bestraft bleibt. Das zweite Stückchen besteht darin, dass eine Notiz, welche von der Bestrafung eines gewissen Kurzweil in Salzburg handelt, inir der Ucberschrffr: „Der Schächter Knrzrveil rvegen Nothzncht bestrafe" versehen wird. Dieses „D e r" soll darauf Hinweisen, dass hier von dem Schächter Kurzweil ans dem Polnacr Processe die Rede ist. Damit wird aufs neue die Erinnernug an dieses für die Wahlen unschätzbare Ereignis hervorgernfen, und darum ist es ja den Kulis ans dem Antisemitenhofe zu lhnu. Darum sollen sie und ihr Stückchen hier tiefer resp. höher gehängt werden . . . Se. Hochwürden Monsignore P. Scheicher als Erzieher. Der Manu erscheint stets mit der violetten Halsbinde, also als katholischer Priester. Auch wenn er sich an exponiert politischen Punkten anshält, ist mithin P. S ch e i ch e r als Priester nnzniehen, als ein Nachfolger jener Apostel, welche das Wort des Heilands „Liebe Deinen Nächsten rvie Dich selbst" als ein Evangelium der Christenheit zu predigen zur heiligen Aufgabe übernommen hatten. Wie Se. Hochwürden Monsignore P. Scheicher dieser hohen Mission nachkommt, das beweist er in seinem soeben erschienenen Buche: „Aus dem Jahre 1920. Ein Traum.." sehr deutlich. Herr R S ch e i ch e r träumt von einem Zukunftsstaate und wie der nach seinem Traumleben ausznsehen hätte, das bekundet der Apostel der Liebe in folgenden schonen Sätzen, die wir nach dem „Deutschen Volksblalt" eitleren: „Hängen Sie viele?" „Jetzt ist's nicht mehr nothwendig. In der ersten Zeit der Staatengründung war's anders. In Wien haben wir eimnal dreihundert Juden und zwanzig Girier an eine m Tage gehängt. Die Kerle hatten einen schwarzen Freitag präparieren wollen." „Wollen? Und gleich gehängt?" „Gewiss, wenn ich einmal erschlagen worden bin, hilft es inir nichts, wenn man den Mörder hängt. Uebeigens, so viel an den Lnmpen gelegen war, so hatten sie alles gelhan, die Schädigung hervorzurnsen. Also die subjeetive Schuld war da. Sie wurden nicht unschuldig gehängt. In Wien half das sehr. Im Staate Polen und im Staate Rnthenien haben wir tausende hängen taffen müssen, bis alle Sünder einsahen, dass es Ernst sei. Dass man das Naubthier erschlägt, wussten sie. Dass ein Naubmensch ebenso behandelt werden müsse, wollte den leider wenig erzogenen Juden und Genossen jener Staaten lange nicht emlenehten. Als sie es einsnhen, gieng altes leichter. Jetzt haben wir übrigens keine Juden mehr. Darmn ivird jetzt noch seltener jemand gehängt Dieses Volk hat schlimmer als die Pest in den Ländern von weiland Oesterreich gehaust. Es hat Jung und Alt der ganz ordinären Unzucht künstlich zngetriebcn, hat das Gefühl für Reinheit und Sitte systematisch untergraben, Syphilis und Serophulose waren die Resultate, woran unser Volk ebenso sicher zugrunde gegangen wäre, als die Naturvölker der fremden Welttheile durch Schnaps und Unzucht, welche ihnen die Eimvanderer stets zu bringen pflegen, damit dieselben umso leichter ausgev.ützt und ausgeranbt werden können, stets ausgerottet werden. Die Juden betrachteten sich bei uns arrch imnrer als Einwanderer, als berechtigt, die Urbevölkerung zu einer dienenden .Kaste zu machen. Gott sei Dank, wir wurden sie ganz los. Von da an gieng die sociale Reform spielend vor sich." Hübsch, nicht wahr? Ter selige P. $ reutet will de gesagt haben: „Pfui Teufel, P. Scheicher, das ist aber schön!" Wien. (A raten b e i m K a i s e r.) Herr Israel A rate u, der Vater der im Kloster zurückbehaltenen Michaline A rate n, rvurde am 26. d. M. vormittags vom Kaiser in Audienz empfangen. Der unglückliche Mann erflehte von dem Vaterherzcu und der Gerechtigkeitsliebe des Monarcheil Hilfe. Ans die theilnehrneude Frage des Kaisers, ob die Behörden alles Erforderliche gethan, bemerkte Herr A rate u, dass der Jnstizmirüster bestimmte Weisungen gegeben, dass aber die zugreifende Hand vermisst werde. Der .Kaiser versprach Herrn A v a t e n, der in tiefer Bewegung vor ihm ans die Knie sank, sich genau über die Angelegenheit informieren u u b neue A uwei s u n g e n an di e B e hörd e u e r t h e i l e n zu wollen, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun. — Wer erinnert sich angesichts dieser Kaiserworte nicht an den charakteristischen Ausspruch Kaiser W i l h e l m s [., der einmal sagte: „Kaiser Franz Joseph hat zwölf Minister, und wenn er etwas fertig haben will, muss er es selber machen!" Prag. (D i e 5! ohle uu n d I ndendebatte i m Landtage.) In der vorletzten -Rnnnner ivurde an dieser Stelle ein Bericht aitö Prag über die durch die Koylenuorh in Böhmen geschaffene Lage veröffentlicht, worin erwähnt wurde, dass die ytutifeimtcn in gewohnter Welse die Schuld den Inden zuschrieben. Die über einen Antrag auf Verläuderung oer K'ohlengelvinnung im böhmischen Landtage geführte Debatte hat gezeigt, dass es den Antisemiten nicht darum zu thun ist, die Folgen der Kohleunoth zu beseitigen, sondern nur darum, Hetzreden gegen die Juden zu führen. Diesmal aber haben sie sich verrechnet, denn sie wurden von den zwei jüdischen -Abgeordneten des böhmiscycn Landtages, Dr. F a l n d und Dr. S ch a r f, gründlich abgef-n tigt. Namentlich Dr. /a lud hat in seiner vortrefflichen RedP die gegen die Juden erhobenen Arnvürse treffend zurückgewiesen. Er kam dabei aus die beliebten Phrasen, dass die Juden lvedcr -Arbeiter noch Ballern seien und fuhr dann fort: „Das ist die Wirkung der h i ft v r i s ch e n Entwicklung. Dieser Zustand Hai sich während der letzten >>>>»» Jahren eingebürgerr, wo der Jude zu nichts zngelassen wurde, olS zunr Handel. Selbst dir Gewerbetreibenden haben ihm die Aufnahme in die Genossenschaften verweigert. > Bauer konnte er nicht sein, da er keinen Grund und Boden be-1 sitzen durfte. Was sollte da der Jude nnternehmen? Zu der! höheren Bildung wurde er nicht zngvlassen, und nur der Aerztej stand war ihm zugänglich, da man beim -Arzte nicht nach seiner! Herkunft fragt, wenn er nur seine Sache versteht. Ans den au-; geführten Momenten ist es zu ersehen, dass es ein Unrecht ist, wenn man den Juden vorhält, dass sie percentnell im Arbeiterstaxde nicht entsprechend vertreten sind, denn die freie Wahl des Berufes steht den Juden erst seit den Sechzigerjahren zu. (Es ist aber auch nicht nur du Unrecht, sondern eine Unwahrheit, da in Galizien, Rumänien ec. das Gros der-Arbeiter Juden sind. Anm. d. Red ) Wir können uns jetzt jede niedrigere Berufsart wählen. Die höheren Berufe sind uns auch heute noch verschlossen. Ich constaticre öffentlich, dass nutzt eimnal zu den Behörden, trotzdem es uns nach den Staatsgrundsätzeu zuerkannt ist, der Jude zugelassen ivird und s e l b st d a s O b e r l a n d e s g e r i ch t h a .. seit langer Z eit keinen I u d e n als A u <$ c u 11 a u t c n a nsgenv m m e n. Er ist ein Staatsbürger, hat seine Staatsprüfungen manchmal sogar mit -Auszeichnung abgelegt, aber bei Staatsbehörden ivird er nicht anfgenoinmen. Wenn die Kohle theurer ist, trägt die schuld daran der Jude, vcrtheuert sich irgendein Jnduurieartirel, ist es wieder der Jude, und wenn der Bauer schlecht ivirtschaftet und Schulden macht — so ist es selbstverständlich, dass es nur dein Juden aufs Kerbholz geschrieben werden muss. <Eiu Zivischenrnf: Selbst ivcnn es nicht regnet.» Dr. /a lud: Ja, selbst wenn es nicht regnet. Aus der Geschick)le wissen ivir, dass, wenn irgendwo eine Seuche ausgebrochen war, gesagt ivurde, dass die Juden die Brunnen vergiften, und wenn in Nachod ein Mädchen ans unaufgeklärte Weise verschwindet, versteht es sich von selbst, oass es eia Ritualmord war. (Abg. B r z e z n o iv s k y : Hülsner ist vielleicht unschuldig?) Dr. Falud : Ich vertheidige ihn nicht, ich rvurde ihm vielleicht eher Veit Galgen ivünscheir als jener Herr, weil er ein arbeitsscheues Individuum ist, aber damit ist noch immer nicht eriviesen, dass Hülsner der Thäter rvar oder dass. Juden überhaupt die Thal begangen haben." Tie Rede Dr. /aluds halte einen sichtbaren Eindruck ans säinmtliche Abgeordnete gemacht und ivurde durch Beifall ausgezeichnet. Wir hörten zum erstennrale seit langer Zeit einen -Abgeordneten, der sich nicht scheute, als „Jude" aufzutreten. Vielleicht ivird dieses gute Beispiel auf die schlechten Sitten unserer -Abgeordneten veredelnd wirken und Nachahmung finden. Troppnu, 29. April. Am ersten Pcsiach-Tage ist in Bielitz ein Mann verschieden, der den Größen des Judenthums beigezählt zu iverdeu verdient, obzwar er auS den engen Grenzen seines Wirkungskreises nie herauStrat. Es war dies Herr M. H. Eier er, Mühlbesitzer aus Milowka bei Bielitz, ivelcher nach längerer Krankheit im 69. Lebensjahre verstorben ist. Ausgestattet mit einem ungewöhnlichen Maße von weltlichem und religiösem Wissen, betrachtete es der leider zu früh Verstorbene bei aller aufreibenden BernfSthätigkeit als seine vornehmlichste -Aufgabe, die jüdische Wissenschaft zu pflegen, und brachte es in allen Zrveigen derselben zu anerkannter Vollendung. Namentlich im Talmud ivar der Dahingegangene wie selten jemand bewandert und galt darin bei allen, die ihm näher zu treten Gelegenheit hatten, als Autorität. Die jüdische Gemeinde in Milowka verdankt hauptsächlich dem selig Entschlafenen ihre Gründung, den Bau eines verhältnismäßig großartigen Gotteshauses, die Errichtung eines Friedhofes und vieler sonstigen rituellen Institutionen. Wie sehr das Wirken dieses edlen Mannes anerkannt wurde, zeigte sich anlässlich der Bestattung seiner irdischen Reste. Da wegen des Passah-Festes das Einvernehrnen mit seiner Heimatsgemeinde und den von Bielitz abwesenden Söhnen nicht so rasch erzielt werden konnte, waren bereits alle Vorbereitungen getroffen worden, das Leichenbegängnis in Bielitz zu veranstalten. Indes langte am -Ausgange deS zweiten Passah-Tages eine größere Anzahl von Vorstands- und Gemeindemitgliedern des Heimatsortes Milowka im Trauerhanse an, welche es durch inniges Bitten und Himvelsen aus die unvergänglichen Verdienste des Verstorbenen um die Milowkaer Cultusgemeinde durchzusetzen verstanden, dass die in Bielitz wohnhaften Kinder und Verwandten in die Ueberführung der theuren Leiche nach Milowka einivilligten. Es war geradezu rührend, mit _ welcher Beharrlichkeit, ja Aufopferung die wackeren, gottesfürchtigen Männer um die Gunst wetteiferten, den geschätzten Tobten in ihrer Mitte zu bestatten. Sie begleiteten die Leiche von Bielitz nach dem 5 Meilen entfernten Städtchen Milowka, wo sehr viele Glaubensgenossen von nah und fern, sowie eine große Anzahl christlicher'Mitbürger vor dem Tempel warteten, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Der Sarg wurde ins Gotteshaus getragen und darin alle einer verblichenen Größe des Judenthums zulomnunben synagvgalen Gebräuche ausgeführt. Der Seelsorger der Gemeinde, Herr Rabbiner F ü h r e r, ließ es sich trotz des Halbfeiertages nicht nehmen, an der Bahre vor der Bundeslade einen warmen Nachruf zu halten, in welchem er auf die hervorragenden Tugenden des Verblichenen hinwies, und die demselben erwiesenen großen Ehrungen als in jeder Hinsicht wohlverdiente bezeichnete. Nach Schluss der wahrhaft erhebenden Tempelseier ivurde die Leiche auf den benachbarten Friedhof geleitet, ivo noch der mit dem Verstorbenen befreundet gewesene Herr Moritz Spiegel aus Troppau in schwungvoller Rede das Wirken des Verewigten als Mensch und Jude rühmend schilderte. Lemberg. (G e m e i n d e t a g.) Der Vorstand der Lemberger Cultusgemeinde beruft auf den 1. und 2. Mai d. I. ungefähr 175 bedeutende galizische Gemeinden zu einer Conferenz (Gemeindetag) mit tiefer stehendem Programme ein, wovon 30 Geuieindell bereits ihre Betheilignng zugesagt hatten. Ileberdies wurden die jüdischen Neichsraths- und Landtags-Abgeordneten zur Berathung zngezogeu, beziehungsweise eingeladen. Es bleibt nur recht zu bedauern, dass der Vorstand übersehen hat, die jüdischen Interessen geividmeteil Vereine zur Conferenz beizuziehen, da sich deren Interessen doch mit von der Gemeinde vertretenen jüdischen Gesamintangelegenheiten decken. Wenigstens befolgen diese Taktik regelmäßig die jüdischeit Großgerneinden Londons und Paris, so oft sie in die Lage kommen, über öffentliche jüdische Sachen gemeinsam beim grünen Tische zu sitzen. Zuletzt sollten wenigstens diejenige!« Vereine und Vereinigungen geladen werden ihre Stimme abzugeben, die sich des Polnischen als interne Sprache bedienen, da nach Erklärung Eingeweihter die Conferenzen ausschließlich nur in der polnischen Sprache geführt werden, nicht polnisch sprechende Redner, beziehungsweise Antragsteller jedoch nicht zugelassen rverden, im Gegensätze zu den obenerwähnten Weltgenreinden, >oo ans das Idiom des Delegierten gar kein Geroicht gelegt wird. Die Tagesordnung bilden nachstehende Punkte: i. Die trostlose ökonomische Lage der galrzischeü Juden und Mittel zur Abhilfe. 2. Ernsührnng der p o l u i f ch e u A m t ss p ra ch e tu dcu jüdischen Gemeinden (!) 3. Prateriernng jüdischer Candidaten ans öffentlichen Aemtern. 4. Vertretung der religiösen Interessen beim Landesschnlrathe. 5. Stipendien für Religions- Lehramts-Candidaten. 6. Anerkeunnng der jüdischen Feiertage als Ferialtage bei ben Gerichten. J. P. Äemberg. (2 ch u l v e r e i n „Che u o ch Pit a r.) Vor sinzem veranstaltete nufere, unter der bewährten Leitung des soivohl fachkittldigen r.ls opferfrendigen Herrn Dr. -IN e i e r Bt ri u k - K a h a n e stehende hebräische Schule eine öffentliche Halbjahrs-Prüfung int Beisein eines ansehnlichen Pnblumms, sowie mehrerer Gemeindehonoratioren, die ein recht zufriedenstellendes Resultat förderte. Tie Schiller errviderten allenthalben

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