Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. April 1900 Nr. 17 auf an sie gerichtete Fragen klar und gemeinverständlich, namentlich aus der Bibel (“"JD), hebräischen Grammatik, Schulchan-Aruch, aus der Geschichte u. s. w., und mehrere zeichneten sich noch außerdem durch deren Geläufigkeit in beregten Disciplinen im besonderen aus. Sogar jüdische Geschichte, die mit ausschließlich hebräischer Unterrichtssprache unter Benützung nerlhebräischer Hilfsbücher gelehrt wird, ward manchem mundgerecht. Der anwesende Bertreter der Cnltusgemeinde Herr Dr. Schaff wusste auch in seiner an die Schuljugend gehaltenen angepassten Ansprache dieselbe, sowie die Schulleitung selbst zu weiterer Ausdauer anzusporueu, ihnen Muth und Energie zusprecheud. Es muss noch hervorgehoben werden, dass der pädagogische Schulleiter Herr Jsak E w i n einer der besten Schulmeister unseres Landes ist, auf die die Schule besuchende Mittelschuljugend, allerdings unter Beistand seiner ebenso tüchtigen Mitarbeiter, sein Hauptaugenmerk richtet. Die noch junge, von circa hundert schulbesuchenden Zöglingen frequentierte Anstalt, die berufen ist, eine fühlbare Lücke in unserem tristen Unterrichtswesen auszufülle», auch wirklich auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, zumal da sie gleichzeitig, auf traditionell jüdischem Boden stehend, auch die Ultrafrommen befriedigen muss. Endlich vdrdient die Institution wegen ihrer minimalen Unterrichtsgebür und der Enthebung mittelloser Eltern von Bcitragsleistungen allseitige warme Unterstützung seitens unserer wohlhabenden und erziehungsfreundlichen jüdischen Bevölkerung. P. Lemberg. (P inse l- und B ü r st e u f a b r i k.) Die in Ihrem geschätzten Organe unter obiger Spitzmarke mehrfach gebotene Anregung auf Hebung der Erwerbsfähigkeit unter der galizischen Judenschaft findet in hiesigen bürgerlichen Kreisen allenthalben lebhaftes Interesse und gebürende Beachtung. Da unser Land seinen Bedarf an fertiger Ware theils von Schlesien, Ungarn und sogar zum Theile auch vom Auslände importiert, somit stabiler Abnehmer ist, ferner mit Rücksich darauf, dass das Rohproduct und nicht zum geringen Theile auch das Halbfabricat sich vorwiegend in der Landeshauptstadt concentriert, von hier aus erst den Weg nach auswärts nimmt, erscheint nach eingeholter fachmännischer Begutachtung unter Zugrundelegung von Daten die Annahme als sicher: die Errichtung einer größeren Bürsten- und Pinselfabrik mit Dampf-, beziehungsweise elektrischem Betriebe bei rationeller Bearbeitung und Ausnützung des Productes nach der neuesten maschinellen Weise müsste sichun bedingt rentieren und 200 bis 300 Arbeitern stabile Beschäftigung bieten können. Insbesondere wäre daselbst ein Gebiet der Thätigkeit den jüdischen Arbeitskräften erschlossen, zumal als es bekannt ist, dass hierzulande die H a n d f a b r i c a t i o n von Bürsten seit Menschengedenken fast ausschließlich in jüdischen Händen ruht. Unsere Fachleute behaupten jedoch, und dies nicht ohne Grund, dass die Anlegung einer solchen Fabrik just nur im Centrum des Landes und gerade in der Nähe unserer Hauptstadt praktischen Wert hätte, schon aus dem einfachen Grunde, als die .daselbst zum Einkäufe herziehenden Provinzkaufleute auch den erwähnten Artikel mitnehmen könnten, ja gerade müssten, was bei dem Bestände eines gleichartigen Etablissements in einem entlegenen Gebirgswinkel nicht der Fall wäre, in der ersten Zeit gar nicht denkbar sein könnte. Das zur Fabrication erforderliche Buchenholz spielt bei derselben eine untergeordnete Rolle, vielmehr geben hier das Borsten-, beziehungsweise Rosshaar- Product und die geschulten Arbeiter den Ausschlag. Am Ende ist das Holz auch in der Nähe der Hauptstadt jederzeit praktisch zu beschaffen. Eine Finanzkraft, die stets den richtigen Sinn und das Gefühl für die jüdische Handwerkerschaft hat, zeigte sich dem Schreiber dieses für die Sache recht geneigt, allerdings müssten die nöthigen Vorarbeiten, wie Einberufnng einer fachmännischen Enquete und Zusammenstellung von Kostenanschlägen u. s. w., in Angriff genommen werden. Perlberger. Stani-lau. (I ud enan 1 is emiten.) Sehr geehrter Herr Redacteur! In der Nr. 1tder Zeitschrift „Jüdisches Volksblatt" ist eine Correspondenz aus Stanislau, betitelt „Judenantisemiten", erschienen. Im Sinne des § Nt des Pressgesetzes ersuche ich um Ausnahme in der zunächst erscheinenden Nummer Ihres geschätzten Blattes folgender thatsächlichen Berichtigung. Es ist nicht wahr, dass ich auf Anschlagzetteln eines hiesigen christlich-socialen Vereines mit Vor- und Zunamen gefertigt war, zumal als ich nie einem solchen Vereine als Mitglied angehörte. Es ist nicht wahr, dass ich mich bei jeder Gelegenheit meiner antisemitischen Gesinnung brüste, es ist nicht wahr, dass der hiesige Bezirksschulrath mich wegen meiner antisemitischen Gesinnung in das dem Gemeinderathe in Vorschlag zu bringende Terno eines Volksschul- Directors nicht ausgenommen hat; wahr ist vielmehr, dass die Nichtaufnahme in den Ternovorschlag seitens des Bezirksschulrathes aus ganz anderen, allen Lehrern genau bekannten Gründen erfolgte. Es ist nicht wahr, dass ich ausgesprochener oder verkappter Antisemit bin, wahr ist vielmehr, dass ich am öffentlichen Leben nicht theilnehme, und eine ganze Reihe meiner gewesenen Schüler mosaischer Confession, die heute hervorragende sociale Stellungen einnehmen, können es bestätigen, dass ich in der Schule nie welch immer gearteten Unterschied zwischen Kindern chrfftlicher und mosaischer Religion machte. Ich muss deshalb den Verfasser dieser Correspondenz und den dort genannten „Schulmann" im Interesse der Wahrheit auffordern, alle seine Thatsachen offen anzugeben, welche mich zum angeblichen Antisemiten stempeln. Ich zeiche mich mit vorzüglicher Sichtung Ihr ergebener Peter T y s z e ck i. Stamslan. (S te r b ef a l l.) Am 12. b. M. ist in Meran der hiesige Großgrundbesitzer und Vorsteher der Cnltusgemeinde Herr H. Holpern im 50. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene gehörte zu den ersten Männern der Stadt und des Bezirkes und war wegen seines lauteren Charakters und seines Wohlthätigkeitssinnes allgemein hochgeachtet und beliebt. Das Leichenbegängnis fand am 18. d. M. unter massenhafter Betheiligung der ganzen Bevölkerung statt. Ein Mord für Herrn Schneider. Man schreibt uns aus T y c z y n: Löbliche Red actio n! Seit der grässlichen Ermordung der armen zwei Jüdinnen Sime S a l z m a n n. 04 Jahre alt, imd Blime Salzmann, eines 25jährigen, kräftig gebauten jüdischen Mädchens, sind bereits vier Tage verflossen, und bis zur Stunde hielt es kein einziges galizisches Blatt auch nur d e r M ü h e w e r t, e i n e E r w ä h n u n g hiervon zu mache n. Was wäre aber geschehen, wenn die zwei Erschlagenen zllfällig Christinnen gewesen wären? Da wären sümmtliche Blätter voll von Entrüstung, das galizische Banernvolk überhaupt, unsere Masuren würden Rache an allen Juden üben wollen, und das ganze Judenthum wäre verflucht und verbannt. Denn der Jude braucht ja Blut! Ferner würde es dann sicher an Verhaftungen von Schächtern, Schnlväteru, Bethausdienern rc. rc. nicht gefehlt haben. Heute wurde an beiden Erschlagenen die Scctiernng vorgenommen, und bin ich als Laie nicht imstande, auch nur ein Bild dessen herznzeben, was ich gesehen hahe. Sime S a l z m a n n, die Mutter der zweiten Erschlagenen Blime S a l z in a n n, hat eine von der Nasenspitze schief nach rechts bis fast zum Unterkieferwinkel ziehende Wunde, die das gesammte Knochensystem durchspaltet; am Hinterhaupte zieht sich eine lange Schnittwunde nach vorne, und der betreffende Knochen ist bis zum Gehirn durchhanen. Hinter dem rechten Ohre ist eine halbmondförmige Wunde mit Zertrümmerung des betreffenden Knochens, dann noch eine Hiebwunde, welche bis zur Wirbelsäule reicht. Die rechte Hand ist der Breite nach gänzlich d u r ch s ch n i t t e n und überdies sind beide Hände mit Zertrümmerung der Vorderarmknochen a b g e h a n e n. Blime S a l z m a n n hat am Kopfe unzählige Hieb- und Schnittwunden, die zum Gehirne reichen, die rechte Hand ist gänzlich abgeschnitten und hängt an der Oberhaut, das dritte Glied des Zeige-, Mittel- und Ringfingers ist abgehaut, durch die ganze Schulter geht eine Hiebwunde, und noch unzählige andere Wunden sind sichtbar. Bis zur Stunde ist man leider nicht auf der Spur der Thäter, wiewohl zwei Zigeuner verhaftet wurden; aber es unterliegt keinem Zweifel, dass diesen Mord nur gut mit den Verhältnissen der armen Leute bekannt gewesene Insassen des Dorfes oder der Nachbardörfer begangen haben. Seit zwei Tagen wird gemurmelt und gezischt, dass der Sohn respective Bruder der Erschlagenen der Mörder oder wenigstens Mördershelfer ist. Das ist aber u n w a h r. Im Anhänge zu meinem Ergebenen vom 18. d. M. bin ich in der Lage, Ihnen heute mittheilen zu können, dass der Mord der armen Blime und Sime Salzmann von einem gewissen Marcin Pecka, einem 24jährigen Burschen aus Bialka bei Blazowa, Bezirk Tyczyn, nnd seiner Geliebten, bisnun unbekannten Namens, verübt wurde. So viel ist es unserem Gendarmerie-Posten gelungen, zu eruieren, in diesem Sinne ist auch die Anzeige ans Gericht erstattet worden; es ist also den Antisemiten nicht gelungen, die Schuld auf den Sohn respective Bruder der Ermordeten zu wälzen, ebenso werden der in Rzeszow verhaftete Jude Josef O st e r und die hier verhafteten Zigeuner ihre Alibis Nachweisen können und dürften demnächst aus der Haft entlassen werden. Ich erwähne der letzteren nur deswegen, weil sümmtliche galizischen Blätter, schlecht informiert, voller Freude waren, die Last einem Juden oder wenigstens einem Zigeuner, nur nicht einem Christen aufbürden zu können. Dass es der hiesigen Gendarmerie nicht gelang, der Mörder habhaft zu werden, ist nur dem Umstande znzuschreiben, dass der Mord von einem vielfach bestraften, zweimal aus der Haft bereits entflohenen, steckbrieflich seit Monaten verfolgten Gauner, der durch und durch raffiniert ist, verübt wurde. Marcin Pecka hat hier vom 13. auf den 14. d. M. genachtet und ist am 14. früh um 8 Uhr in der Richtung des Wirtshauses, wo der Mord verübt wurde, abmarschiert, wo er von vielen Menschen gesehen war. Unter den Bauern und Städtern von Tyczyn hört man nichts mehr, nur ständige Drohungen, die Juden sind Mörder, sie brauchen Christenblut, es ist schade, dass nur zwei Jüdinnen erschlagen wurden! rc. rc.; wenn wir aber berechnen, dass schon den Kindern sowohl im Hause, als auch in der Schule der Antisemitismus eingeflößt wird, so dürfen wir uns dessen nicht wundern. So traf es einen hiesigen Bürger, dass ihm am ersten Seder-Abende die Kinder des hiesigen Kerkermeisters während des Nachtmahls an die Fenster klopften, uild von ihm verlangten, e r s o l l ihnen das C h r i st e n b l u t, welcheer eben genießt, zeigen. Ja! was können wir aber von solchen Lausbuben verlangen, wenn ihnen ihre Lehrer mit solchen Beispielen vorangehen. Am Tage der Ermordung der beiden Jüdinnen, eben um circa 5 Uhr mittags, spazierten am Ringplatze in Tyczyn zwei Bolksschullehrer in der Gesellschaft noch zweier älterer Studenten, von denen einer stud jur., der Sohn unseres Steuereinnehmers ist, und von dieser Gesellschaft hörte man plötzlich aus vollem Halse schreien: „In Schil heran", während ein anderer mit dem Stocke an den Thüren da- Klopfen (Zeichen des Zusammenrnfens in die Synagoge) nachahmte. Dieser Act ist ein trefflicher Zeuge der antisemitischen Lehrwirksamkeit wenigstens in den kleinen Orten Galiziens. Ausland. Berlin. (Z ur K o n i tz er M o rd a ffa ir e.) Wie die „Dnnziger Neuesten Nachrichten" melden, wurde der frühere ^Abdecker I s r a e l s k i als des Mordes verdächtig verhaftet. Der „N. Fr. Presse" wird telegraphiert: Nunmehr wurde der Böttcher Friedrich K l e b s unter dem dringenden Verdachte, den Winter ermordet und beraubt zu haben, in Bartenstein verhaftet. — Inzwischen gehen die antisemitischen Hetzereien weiter. In Tuchel haben antisemitische Ausschreitungen stattgefunden. In Geschäftshäusern und in der Synagoge wurden Fenster eingeworfen, auch fand man an verschiedenen Stellen geschriebene Plaeate, welche die Juden der „Blutschuld" in Könitz beschuldigten. Auch in Baldenburg wurden die Fenster der Synagoge zertrümmert. Die Schaufenster der Kaufleute B l u m e n t h a l und Friedländer wurden durchschossen und mit Steinen eingeworfen. Dem Händler Victor Arndt wurde das Schaufenster eingeschlagen und des Nachts die Fensterläden nebst Thüren zertrümmert. Die Polizeiverwaltung hat zur Ausrechterhaltung der Ordnung Wachnmnnschasten des Nachts aushilfsweise eingestellt. — Die ministerielle „Berliner Correspondenz" meldet: Die aus Anlass des Konitzer Mordes in Nachbarorten jener Stadt vorgekommenen Ausschreitungen gegen Staatsbürger jüdischen Glaubens haben den Minister des Innern veranlasst, einen seiner Vortragenden Räthe, den Geheimen Oberregierungsrath Maubach, nach Konih und Schlochau mit der Vollmacht zu entsenden, im Namen des Ministers die geeigneten Anordnungen zu treffen, insbesondere im Bedarfsfälle eine Verstärkung der Sicherheitsorgane zu bewirken. — Wie weit der Volksaberglaube geht, beweist folgender Fall, der sich in Könitz zutrug: Auf dem Fuhrwerke eines Besitzers aus Nittel waren die Ellmosen-Empfänger Albert und Eva geb. Kunter Andre sschen Eheleute eigens nach Könitz gekommen, um mit einem in ihrem Besitze befindlichen angeblichen „Erbschlüssel" und „Erbbuche" kundzuthun, „wer der Mörder" sei. Einer der angesehensten Konitzer Bürger, Herr H., dessen Name leider schon zuerst in dieser Mordgeschichte genannt ist, wurde benachrichtigt und kam selbst hinzu, als das Andres'sche Ehepaar gerade wieder seinen Namen in der schmutzigsten Weise mit der Mordthat in Zusammenhang brachte. Auf Veranlassung der empörten Zuschauer erschien aber bald in dem etwa 20 Minuten entfernt von der Stadt gelegenen Restaurations-Locale „Neu-Amerika" ein Polizeiseraeant und beschlagnahmte zur Verhütung : weiteren groben Unfugs die „Reliquie". Berlin. (Missions - Gesellschaften.) Der„Nathanael", Heft 1 des Jahrganges 1900 bringt eine Uebersicht der Missions- Gesellschaften, welche auf den Seelenfang gegen uns Inden ausgehen. Solcher Gesellschaften gibt es mehr als 100, natürlich die meisten in England und Amerika, in beiden Ländern mehr als je 30. Die größte ist die Londoner Mission, welche nicht weniger als 1S1 bezahlte Beamte hat, denen in drei Jahren insgesammt 2t>5 Taufen gelangen. In Deutschland arbeitet am erfolgreichsten der Westdeutsche Verein, der 40 Juden zur Taufe gebracht hat. Im Anschlüsse hieran dürfte folgende Localnotiz hiesiger Blätter von Interesse sein: „Der Verein zur Fürsorge für jüdische Proselyten hielt am Sonntag in der Matlhäikirche sein Jahresfest ab. Die Festpredigt hielt Pastor Israel, den Bericht erstattete Pastor Breling. Der Verein har seine Pflege an etwa 80 Proselyten ausgeübl. Die Fürsorge erstreckte sich vor allein auch auf ärztliche Hilfe und Ueberweisung der Kinder in geeignete Erziehungsanstalten. 35 Familien ivurden zu Weihnachten beschenkt. Dicrch die Judenmission wurden im letzten Jahre 40 Personen unterrichtet und 20 getauft. Zur jüdischen Proselytengemeinde halten sich zur Zeit 400 Personen. Die Mitgliederzahl des Vereines beträgt 50." Bromberg. (Frauenverei n.) Der „Israelit. Frauenverein" hielt im W i ch e r t'schen Locale seine ordentliche Generalversammlung ab. Die Vorsitzende des Vereines, Frau Hedwig Rufsak, eröffuete und leitete die Versammlung. Nach dem von ihr erstatteten Jahresberichte betrug die Einnahme im abgelaufenen Jahre 2112-70 Mark, die Ausgabe 2037-35 Mark. Bei der Vorsteherinnen-Wahl sind wieder-, resp. neugewühlt worden: Frau Hedwig R s s a k, Frau Knopf und Frau Fink, als Stellvertreterinnen Frau Renate R u s s a k, Frau B e g a ch und Frau W e i s b e i n. Als Rendant wurde Herr Barnaß wieder- und an Stelle des bisherigen Schriftführers Herrn W e i s b e i n Herr- Arnold A r o n s o h n neugewählt. Petersburg. (Eine jüdische A r b e i t e r st a d t im Süden Russland s.) Inmitten der großen, unwirtschaftlichen Rokitnosümpfe, die im Süden Russlands einen Länderstrich von der Größe des Königreiches Sachsen bedecken, liegt wie eine Oase die Stadt Pinsk, mit einer Einwohnerzahl von 30.000 Seelen, darunter 28.000 Juden. Bis vor ungefähr zwei Jahrzehnten fand sich in dieser Gegend keine Spur einer Industrie, jetzt finden wir dort, dank der Unternehmungs- und Arbeitslust der jüdischen Bevölkerung, einen schönen Anfang einer großen Industrie, die aller Voraussicht nach einer noch weiteren Entwicklung entgegengeht. Hier sehen wir, so schreibt die „Düna-Zeitung", bei den verschiedensten Abstufungen des Betriebes von der großen, mit allen technischen Hilfsmitteln der Neuzeit versehenen, mehrere hundert Arbeiter beschäftigenden Fabrik bis herab zum kleinen Hausbetriebe die mannigfaltigsten Erzeugnisse entstehen. An der Seite des jüdischen Fabrikanten finden wir nicht allein ein jüdisches commercielles und technisches Personal, sondern auch den jüdischen Werkführer, den jüdischen Maschinisten, den jüdischen Heizer und ausnahmslos jüdische Arbeiter. Berücksichtigt man, dass alle diese Etablissements und Werkstätten nicht etwa von Philanthropen gegründete Arbeitshäuser sind, um arme Juden zu beschäftigen, sondern auf Gewinn angelegte Unternehmungen, die den Concurrenzkampf mit in- und ausländischen Industrien zu bestehen haben, so ist es selbstverständlich, dass eine strenge Organisation und eine tüchtige, fleißige und wohldisciplinierte Arbeiterschar in ihnen vorhanden sein muss. Wenn um <» Uhr morgens die Dampfpfeifen an allen Enden der Stadt ertönen, dann sieht man die jüdische Arbeiterschar sich in Strömen durch die Gassen ergießen und an die Arbeit eilen. Dieselben Dampfpfeifen geben am Freitag Nachmittag das Signal zur Einstellung der Arbeit, denn strenge Sabbatruhe wird gehalten in dieser Arbeiterstadt und eilenden Schrittes kehrt jeder zurück — nicht etwa, um in die Schenke zu gehen — sondern heim in den Schoß seiner Familie. In den Fabriken, die auch Nachtbetrieb haben, wird die Arbeit am Samstag Albend wieder aufgenommen. Arbeiter und Arbeiterinnen versammeln sich in der Fabrik, die Feiertagskleider werden in eigens hierfür bestimmten Räumen gegen die Werktagskleider vertauscht, der Werkmeister spricht den Segen, die Dampfmaschine wird in Bewegung gefetzt und die Wochenarbeit beginnt. Da hier alle jüdischen Feiertage berücksichtigt werden, so zählt man im Jahre gewöhnlich 280 Arbeitstage, und bei ununterbrochenem Betriebe wechseln die Tag- und Nachtschichten die Nachtarbeit wöchentlich ab, weshalb auf jeden Arbeiter 140 Arbeitstage und 140 Arbeitsnächte zu 11 Stunden entfallen. London. (V o l k s k ü ch e.) Bor kurzem hat die Weltstadt an der Themse ihre erste Volksküche bekommen. Die Anstalt steht unter dem Protectorate der Prinzessin von Wales, welche als ihre Vertreterin in das Comite die Frau des früheren Lord-Mayor F a u d e l - P h i l i p p s entsendet. Diese Dame und Sir Thomas L i p t o n sind die beiden thätigsten Personen im Comite, die auch die großen nothwendigen Geldmittel aufgebracht haben. Lady F a u d e l - P h i l i p p s ist es auch gewesen, die sich nach dem Continent begab, um dort die in Betrieb befindlichen Volksküchen zu studiere». Sie hat darum auch die Ehre voll verdient, um als einzige Dame in das Comite eintreten zu können. Odessa. („M o s ch v w S k e i n i m".> Das Jüdische Greifen-Asyl hat von Frau B. Feld mann 32.750 Rubel zur Erweiterung der Anstalt und zum Baue eines neuen Hauses geschenkt bekommen. Außerdem schenktem diesen: Institute die Erben des in Wien verblichenen Ignaz Ritter v. Ephrnssi 300 Rubel. Im Saufe des Jahres wurden im „Greifen-Asyle" 84 Männer und 07 Frauen verpflegt. (Die Schmach des Jahrhunderts) betitelt sich eine Broschüre von dem emer. Reügionslehrer I. W i l l h e i ui c v, die m sehr wirkungsvoller Weise die Gründe untersucht, welche die heftigsten Angriffe und Verfolgungen gegen das Judenthum zur Folge hatten. Dem Büchlein ist die Denkschrift beigefügt, welche der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde dem gewesenen Ministerpräsidenten Grafen T a a f f e überreicht hat. Die wirkungsvolle Streitschrift verdient die weiteste Verbreitung.