Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. April 1000 Seite 3 wöhnt, eine Negierung in der unverschämtesten Weise lügen zu sehen. Da hat ein Wiener Tagblatt kürzlich die Nachricht gebracht, dass vor zwei Jahren fünfzig runkänische Inden ansgewiesen wurden. Auf einem Floße sollten sie über die Donau geschafft werden. Der Beamte, welcher diesen Befehl erließ, stellte die Sache so an, dass die Juden sämmtlich ertranken; die Pflöcke, welche das Flffs zusammenhielten, wurden einfach hinausgezogen. Das ist rumänisch. — Die Negierung dementiert nun die Thatsache, dass vor zwei Jahren so etwas geschehen wäre und behauptet, an Ausweisungen sei weder gedacht worden noch werde daran gedacht. Vor zwei Jahren ist nun allerdings die geschilderte Thatsache nicht geschehen, sondern vor zwei Jahrzehnten. Was die Ablengnuug der Ausweisungen anbelangt, so zeugt sie für ein schlechtes Gewissen; denn solche haben st a t t g e f n n d e n. Das Dementi geht aber mit Stillschweigen über die wichtigste Nachricht des Wiener Blattes hinweg; das ist die Nachricht, dass der oben ertvähnte Beamte, welcher fünfzig Juden absichtlich dem Tode durch Ertrinken znführte, sich jetzt in hervorragender Stellung befindet. Das sollte die rumänische Negierung dementieren, nicht die Thalsache selbst, welche nur in Bezug auf den Zeitpunkt der Mordthat unrichtig war. Uebrigens wollen wir der rumänischen Negierung gerne glauben, dass sie jetzt für die nächste Zukunft an Ausweisungen nicht denkt; speciell unter den moldauischen Juden grassiert eine wahre Auswanderungsepidemie, welche sich in der ökonomischen und finanziellen Gebarung des Landes und Staates schon sehr fühlbar macht, und sich im Sommer, wo eine größere Anzahl Juden das Land verlassen dürfte, noch fühlbarer machen wird. Zwar versucht es die antisemitische Liga, an deren Spitze der jetzige Cultusminister I st r a t i steht, Rumänen aus der westlichen Wallachei und Siebenbürgen in der Moldau, und zwar in Jassy, zu etablieren, weil dieselben mehr kaufmännischen Geist und Unternehmungslust als ihre Brüder aus den anderen Landestheilen besitzen sollen; — aber dieser Versuch ist nicht neu, er ist schon einmal unternommen worden und hatte damals, in den Achtzigerjahren, ein klägliches Fiasco erlitten; wahrscheinlich wird er wohl auch jetzt demselben Schicksale verfallen. Ebenso sicher ist es, dass die Action der erwähnten antisemitischen Liga, welche darauf abzielt, durch Errichtung von Innungen den rumänischen Handwerkern gewisse Vortheile zu sichern und die Niederlassung jüdischer Handwerker zu erschweren oder gar ganz unmöglich zu machen, scheitern wird, trotz der Geneigtheit, welche ihr einige Mitglieder der Regierung entgegenbringen. Auf diese Frage werde ich noch Gelegenheit haben zurückzukommen; hier wurde sie nur erwähnt, weil gerade sie der Anlass einer erfreulichen Bewegung unter den Juden zu werden verspricht. Bisnun hat das erhabene Ideal des reinen Zionismus die Massen gefesselt gehalten, und sie von der Beschäftigung mit den Fragen der Gegenwart abgewendet. Das Anwachsen des Antisemitismus, die unerträglich werdende Willkür und speciell die Action zugunsten der wenigen rumänischen Handwerker rütteln die Geister auf und drängen geradezu die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines Gegenwartsp rogrammes und einer jüdischen Realpolitik auf. Eine Bewegung, welche die Massen in diesem Sinne organisieren will, i st im Zuge, und man kann ihr bei der jetzigen ökonomischen und politischen Conjunctur den besten Erfolg Voraussagen. Es ist aber auch höchste Zeit, im Lande selbst eine ihrer Bedeutung und Macht angemessene Stellung anzustreben. Das zionistische Ideal brauchen sie dabei nicht aufzugeben. Im Gegentheil: wollen sie überhaupt im geeigneten Momente einen gesunden Schlag Menschen nach Palästina entsenden können, so müssen sie darauf bedacht sein, dass sie für sich und ihre Nachkommen bessere politische und ökonomische Lebensbedingungen schaffen, im Lande selbst, wo sie jetzt leben müssen, ob sie's nun wollen oder nicht, ob sie's gerne thun oder nur unter dem Drucke der uuerbittlichen Nothwendigkeit. _ —yy- Vom Tage. Die Antwort des Statthalters im niederösterreichischen Landtage auf die Interpellation des Dr. Ofner hat das „Deutsche Volksblatt" außer Rand und Band gebracht. ES fürchtet sich unbändig, die Juden könnten diese Antwort für sich ausbeuten, und beeilt sich, die Antwort des Grafen Kielmansegg für die antisemitische Propaganda zu annectieren. Wir nehmen dem Großsiegelerbrecher von Mühldorf diese Annectiernng ebensowenig übel, wie die früheren. Die Antwort des Statthalters gehört schon ihm. Se. Excellenz im Landtage hat ja nichts anderes gesagt, als was Se. Excellenz auf dem Judenplatz allen Judendeputationen sagt: „Die Regierung »vird ihre Pflicht erfülleil." Wir sind fest überzeugt, dass sowohl Graf Kielmansegg wie Herr v. Koerber sofort mit der Justiz bei der Hand sein werden, wenn einmal ein paar hundert Juden erschlagen sind. Da wir Juden aber auf einen solchen Zeitpunkt zur tvillkomnlenen Bethätigmkg österreichischer Verfassungspflege nicht warten wollen, werden wir den Erklärungen der beiden Beamten keinen besonderen Wert beilegen und unsere Sache s e l b st führen, ohne Rücksicht auf derartige Erklärungen. Herr Vergani möge sich darum beruhigen; uns Juden ist die Erklärung des Statthalters ebenso wertvoll wie ihm — vielleicht noch „wertvoller". Die Kohlen und die Juden. Jnl böhmischen Landtage haben sich die Pionniere der Civilisation beider Nationen um die Kohlenfrage gerauft, wie die Hunde um einen Knochen. W e i n m a n n itnb Pet schek — beide der Geburt nach Juden, ansonst um das Judenthum aber wenig besorgt — das ist der rothe Fetzen, der wirken muss. Die christlichen Kohleuwucherer — vorneweg die Brüxer Bergbaugesellschaft, ihr nach der Duxer Kohlenverein mit dem Antisemitenführer Melhardt an der Spitze — die verstecken sich hinter die vorgehaltenen Juden; dass die Juden als Consumenten ebenso bewuchert werden, wie die Anhänger B a x a s und Steins, das kümmert diese volksthümlichen Maulhelden nicht. Der Jude wird mit den theuren Kohle»! einfach verbrannt. Probatum est. Wir Juden wissen ja, dass die Dummheit der Agitatoren ebenso groß ist, als ihre Geivissenlosigkeit; nachgerade tvird es einem schon zu dumm, solchen Ignoranten inimer »nieder die Wahrheit vorzuhalten, dass die reichen Kohlenjuden ebenso gute „Christen" sind, »vie ihre College»» anderer Confessio»». Sie dem Judenthum vorzuhalte»», ist einfach Blödsinn! Das Mazzes-Cartell ist also richtig proklamiert ivorden. Unseren Recherchen hat man die Antlvort entgegengesetzt, dass die Gemeinde mit dem Cartell nichts zu thun hat, und wenige Tage später brachten alle von der Cultusgeineinde soutenierten Blätter die Anzeigen von» Mazzes-Verkanfe bei von der Cnltusgemeinde vorgeschriebenen Preisen und unter ihrer Aufsicht. Einmal konnte man uns täuschen; im nächsten Jahre werden wir beizeiten dafür sorgen, dass eine so schamlose Bewucherung des kleinen Mannes vereitelt »vird. Ist er ein gläubiger Jude, so muss er dort kaufen, wo der Rabbiner sein Siegel darauf gibt; die Cultusgenreinde dictiert den Preis. Darf man frage»», »vas die Cultusgeineinde dafür an Steuer einhebt? Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, wenn auch noch die wenigen Leute, die ihr Peßach zu halten gewohnt sind, den» alten Brauche den Rücken wenden. Thut es die Cnltusgemeinde ohne Nutzen, so ist eine derartige geschäftliche Ausbeutung ihrer autonomen Autorität unstatthaft; bezieht sie Gebüren, dann ist ein solches Gebaren einfach sträflich. Die Wiener Gemeindewahlen werfen bereits ihre Schatten voraus. In den Zeitungen erscheinen Aufrufe, Namen der Wahlcomites, heftige Artikel gegen die Juden rc. Das war ja zu erwarten, dass die antisemitischen Helden die Juden wieder als Fahne vorantragen werden. Etrvas anderes haben sie eben nicht. Leute, die den aus dem bekannten „Extrapost "-Processe vielgenannten Herrn Landesrath Thomas als Obmann ihres Wahlcomites aufstellen müssen, die müssen ja die J»»den als Schild benützen.... Kaiser Josef II. und die Antisemiten. Der Monarch, der auf fast allen Standbildern mit dem Toleranzedict dargestellt ist, passt den Antisemiten nicht. Weder den christlich-socialen noch den deutschnationalen. Es ärgert sie schon, rvenn er auch nur als harniloser „Gevatter von der Straße" auf der Bühne erscheint; als dieser Tage das Lange r'sche Stück im Wiener Carl-Theater gegeben wurde, da fielen die Lessing-Jmitationen von den antisemitischen Blättern grimmig über den „veralteten Herrscher mit den veralteten Ideen" her und ivussten gar nicht, wie sie ihn hinausbeißen sollten. Wenn auch die Gefahr nicht besteht, dass die vielen Möpse den Mond in seinem Wege beirren werden, es zeigt doch von der deutschen Cultnr, wenn die bloße Toleranz eines Monarchen genügt, um einen so eminenten Culturförderer, wie es Josef II. war, ins alte Eisen zu werfen. Ja, es liegt etwas Titanenhaftes in dem kraftvollen Antiliberalismus. Er zerstampft in blinder Wuth alles, was sich ihm in den Weg stellt. — Gerade wie die Rhinocerosse.... Wien. (Eine jüdische Hufschmiede.) Wenn uns Juden die Antisemiten immer den Vorwurf mache»», dass wir zur schweren Arbeit nicht taugen, so köm»en wir ihnen in Wien drastische Beispiele vom Gegentheile vor Augen führen. In der Leopoldstadt und ii» vielen anderen Bezirken Wiens findet man Ha»»dwerker jeder Kategorie; in der Leopoldstadt gibt es sogar eine ganze Schmiedefamilie. Die Brüder Grünberger führen seit langer Zeit eine Hufschmiede, die gut arbeitet; unsere fuhrwerksbesitzenden Glaubensgenossen thäten gut daran, ihre Arbeiten an die geschickten Meister unseres Stainrnes zu vergebe». Vielleicht würde man uns dann alsbald die Fähigkeit zur schweren Arbeit nicht absprechen. Prag. (Versarnmlung.) Das Executiv-Comite des Vereines jüdischer Handlungsgehllfen und Arbeiter veranstaltete am 2. d. M. einen Discussionsabend. an welchem Herr Dr. H. K a d i s ch einen Vortrag über „Nationalismus und Socialismus" hielt. Er zeigte an den österreichischen politischen Verhältnissen, was für Schäden der nationale Chauvinismus angerichtet hat, wie insbeso»»dere die Juden dar»»nter leiden, und sagt, dass von diesem Nationalismus der Satz Grillparzers gelte: „Vom Humanismus durch den Nationalismus zum Bestialismus." Bei uns muss es aber heißen: Durch den modernen Nationalisrnus z»»r socialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit und zum Jnternationalislnus, dem friedlichen Nebeneinanderleben aller Nationen ohne Aufgabe ihrer Volkseigenthümlichkeit. Dieser geklärte Nationalisrn»»s würde so das nationale Problem lösen, aber er wäre »»icht imstande, das sociale Problem zu lösen. Das kam» nur der Soeialismus, der für das Recht auf Arbeit, für die Freiheit auf Arbeit u»»d für den Arbeitsertrag kämpft. Auf diesem Progrannne können sich alle arbeite»»den Classen verei»»igen, insbesondere auch die La»»darbeiter, der Kleingewerbestand und die Handelsangestellten, während sich auf marxistischem Programme n»»r die industriellen Arbeiter organisieren können; und das deshalb nicht, weil die Socialdemokratie dem Kleingewerbestande und den» Bauernstände die vollkommene Proletarisierung prophezeit, »»nd diese als ein die Zeit der Reform uäherrückendes Moment für vortheilhaft hält. Der jüdische Arbeiter n»uss sich aber auf dem modernsten Programme organisieren, da er einer nochrnaligen Häutung unbedingt aus- »veichen muss i»»»d da dieses Programm der Structur der jüdischen arbeitenden Classen am besten entspricht. — Nach der mit großem Beifalle aufgenoninlenen Rede entwickelte sich eine sehr interessante Debatte, die alle Anlvesenden bis spät in die Nacht beieinander erhielt. 0. Bielitz. (ZumFalleArate n.) Der hiesige Verein „Haschachar" hat an sämmtliche größeren Cult usgemeinden O e st e r r e i ch s folgendes Schreiben gerichtet: Löblicher C u l t n s v o r st a n d! Die „Affaire" Araten hat die »ivilisierte Welt in Aufregung gebracht r»nd das Rechtsgesühl im allgemeinen aufs tiefste verletzt. — Es ist nicht nur die Stimme eines unglücklichen frornmen Vaters, den» die Kirche ein Kind geraubt, es ist der Aufschrei des mit Füßen getretenen Rechtes, das »ms als Bürge r »vohl ge- »vährleistet »vorden ist, a l s I »»d e n uns gegenüber jedoch g a r k e i n e G e l t u n g h a t! Unsere Geschichte predigt uns aus jeden» Blatte, das Be« rvusstsein der Zusammengehörigkeit zu pflege»», »md bei jeden» Anlasse der Verdreh»»ng und Krün»»nung des Rechtes eines von »»ns als Juden, »vie ein Mann gegen die Unbill entschiedenst zu protestieren. — Wir »vollen darnit nicht n»»r trachten, unsere »»ns verbrieften Rechte zu erlangen, sondern der Oeffentlichkeit zu bekunden, dass »vir nicht gewillt sind, als Bürger eines Staates, dessen Lasten »vir tragen, als Recht- und Schtttzlose behandelt zu rverden. Dieser Mornente eingedenk hat eine in unserem Vereine stattgesundene Versamrnlung anlässlich eines Vortrages des Herrn Dr. S teckl: „Der Fall Araten von» juridischen »md menschlichen Standpunkte beleuchtet", und der sich daran geknüpften Debatte auf Antrag des Herrn Dr. Vetter »nitfolgende Resolution einstiknmig gefasst, und unserer» Vereinsvorstand beauftragt, dieselbe an alle größeren israelitischen Cultusgerneinden Oesterreichs zu verser»den. Hoffend, dass vielleicht diese Massendenlonstration vieler bedeutender Cultusgemeinden in maßgebenden Kreiser» nicht unbeachtet bleiben »vird, ersuchen wir einen löblichen Cultusvorstand, sich ebenfalls der» Reihen derjenigen arrzuschließen, die für ihr gutes Recht auch a l s I u d e n e i»»t r e t e n »vollen, »vas aber schleunigst geschehen »nüsste, nachden» das entführte Mädchen Araten bereits im Mai d. I. 14 Jahre alt wird — in welche»»» Alter ein jeder dem Gesetze nach die Frage des Religionsrvechsels schon selbst lösen darf — den» Einflüsse ihrer jüdischen Fainilie entrückt, derselben für imrner auf diese Weise verloren gehen würde." Die dem Schreiben beigeschlossene Resolution tautet: Die am 1. April 1900 in» Zunfthaussaale zu Bielitz tagende jüdische Versamrnlung spricht ihre tiefste Entrüstung aus über den schreienden Willküract der Felicianerinnen und über die Lauheit der berufenen staatlichen Behörden in der Habhaftrverduug der de»»» Arine ihres Vaters entrissenen »»»inderjährigen Michalina Araten, i»nd fordert sä»»»n»tliche israelitischen Cult»»sge»neinden zur schleunigsten Stell»»ngnahn»e gegen die Verletzung der staatlichen »»nd »noralischen Gesetze auf, un» die minderjährige Tochter ihrer»» Vater zurückzuführen. Wodnia». (P f a f f e n l ü g e u n d P f a f f e n t ü ck e.) „Im Hause des Gehenkten spricht man vorn Stricke nicht." Diesen alten Spruch macht ein geistlicher Redacteur zuschanden, indem er in seinem hier erscheinenden Hetzblatte „Strü2" von einer „todten Hand" zu schreiben wagt — aber beileibe nicht von derjenigen, die auch lebendig ist, um sei n Schmutzblatt vegetieren zu lasse»», sondern von einer — horribile dictu — „jüdischen todten Hand"! Unter diesem Schlagworte lässt sich der hochwürdige Herr vernehmen: „Der Wiener Abgeordnete »»nd Gemeinderath Steiner sagte in seiner Rede, mit welcher er seinen Ar»trag auf Sequestration der Kohlenwerke begründete, dass der Jude G u t m a n n in Wien täglich 30.000 fl. verdiene. Nach Wien kommen täglich 3000 Waggon Kohle. Da ein Metercentner im Berg»verke 25 kr. koste, in Wien jedoch im Großen für 86 kr., im Detail für fl. 1.30 verkauft »verde, so lassen sich die Riesensumme»», die in die Tasche der Kohlenbarone fließen, vorstellen." Wir Juden acceptieren das Schlagwort in seiner wörtlichen Bedeutung; denn für die Zehntausende armer, am Rande der Verzweiflung stehender jüdischer Existenzen in Stadt und Land ist nicht nur die Han d, sondern auch das Herz Gutmanns und anderer Millionäre — welche man nns bis zum Ekel um den Mund reibt — tobt. (Vide Boryslaw rc.) Dafür verkennen wir nicht, mit welch raffiniert niederträchtigen Mitteln das Gift des Judenhasses ins Volk systematisch geträufelt wird, indem von der gedankenträgen, in den Rachen der Verblödung dahintrottenden Masse — welcher doch zumeist solche Schmutzblätter serviert werden — derartige wohlberechnete Behauptungen geglaubt werden und Leute, die ihr Wissen bloß aus solchen Literaturproducten haben, bei Nennung des oft gebrauchten Ausdruckes „tobte Hand" an eine jüdische und nicht an diejenige der mächtigen Hierarchie denken »verden. Boryslaw. Löbliche Redaction! Bitte Folgendes in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen: Dankend bestätige den Empfang von Kr. 30.—, sage: Dreißig Kronen. Ich habe diesen Betrag an hiesige Arme vertheilt, und beinerke, dass das Elend von Boryslaw gar nicht vorzustellen ist. HunderteFamilien hungern und über taufendFamilienhabennochnicht dasNöthigste fürdieFeiertage. Das Elend nimmt mit jedem Tage z u. Spende. Für die Armen Boryslarvs sind uns von Herr»» Markus Welsch in Zuckrnantel 4 Kr., von Herrn Salomon Zw »Hing er, Holleschau 20 Kr., zusammen 24 Kronen zngekornmen, die »vir ihren» Zwecke zuführen »verden. Meran. (Antisemitisches aus Tirol.) Ein Borkorninnis, »vie es selbst irr» clerieal-antisemitischen Tirol zu den Selter»heiten gehört, hat dieser Tage den Streit des antisen»itischen „Burggräfler" und der aufgeklärten „Meraner Zeitung" »vachgeruseu. Der „B»»rggräfler", eines jener Hetzblätter, die keinen anderen Ber»»f habe»», als die ftisternatische Verhetzung des Judeuthurns, hatte in einer Serie Artikel, benannt: „Die jüdische Maffia in Oberungarn", geradez»» beispiellose Beschrrldigungen rvider die Juden a»»fgestellt. Die „Meraner Zeitung" hatte in gerechter Entrüstung und in Kenntnis der Tiroler Bauernzustnnde Partei ergriffen für die „jüdischen Wucherer" und „Mörder", wobei sie Beispiele anführte, rvo die christlichen Viehhändler i»»»d Herren Wucherer des heiligen Landes Tirol ihre Coneurrenten in Oberrmgarr» noch übertreffen. Die Folge davon »var, dass inan den Redacteur der „Meraner Zeitung" als „J»»denknecht" »»nd „Judendiener" hinstellte, ihm Verletzung des Gastrechtes insinuierte, i»»de»n »nan behauptet, er sei im La»»de ein Fremdling, »vas natürlich nickt wahr ist. Meran ist ein von Juden sehr frequentierter Curort. Nicht n»»r die a»»s Galizien und Russland herbeiströmenden, sondern auch die „Jntelligenzjuden aller Länder" sind hier zu sehen. Um nun die Anklagen abzuschwächen — de»»n so viel „Geschäftsleut" und Leuteaussauger sind die Tiroler eben auch — will man den zrveifellos anständigen