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Jüdisches Volksblatt · 1900-04-06 · 14 (6.4.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
14 (6.4.1900)
Date
1900-04-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. April 1900 Seite 3 ländern Europas erweisen würde, vorzuführen. Jedenfalls hat diese Industrie für Galizien den einen Vortheil, dass sie ein naheverwandtes Gewerbe der Borstenzurichtung ist, eines alten Gewerbes der galizischen Juden, und dass sie in Oesterreich als Fabriksbetrieb bisher ganz vernachlässigt wurde — also wenig Concurrenz hierzulande zu befürchten hat. Es wird so manche Million jüdischen Eapitals dazu verwendet, um ungeheure Waldstrecken für die Jagdlust aristokratische Gäste zu reservieren, welche hinterher die Gastgeber — für satisfactionsunfähig erklären; Wälder, welche keinen Heller Zinsen abwerfen. Warum sollte sich nicht auch einmal eine solche „satisfactiommfähige" halbe Million finden, welche dem edlen Spender gewiss eine gute Verzinsung und die Genugthuung einbrächte, arme Glaubensgenossen davor bewahrt zu haben, bettelnd von Land zu Land zu ziehen. Hier gäbe es einmal Gelegenheit, eine wirkliche Festung der Eultur zu bauen: ist kein Unternehmungslustiger da, der sein Geld ebenso nutzbringend als segensreich anlegen will? Möge die Anregung zum fruchtspendenden Samenkorn werden, das nicht vom Winde verweht wird -- sondern einst tausenden Arbeit und Brot spendet. E. G . . s. Wien. (Die israelitische Eultus gemein de gegen den AntragSchneider.) Mit Rücksicht auf den gestrigen Antrag des Abgeordneten Schneider im niederösterreichischen Landtage, es mögen angesichts der herannahenden jüdischen Osterfeiertage jüdische Functionäre unter eine besondere Beobachtung gestellt werden, berief das Präsidium der israelitischen Cultusgemeinde für Mittwoch abends eine außerordentliche öffentliche Sitzung zum Zwecke der Stellungnahme gegen diesen Antrag. Der Vorsitzende Vicepräsident Dr. Alfred Stern eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in welcher er hervorhob, dass das Gefühl der Entrüstung und des Ekels sich weniger gegen den Antragsteller richte, dass aber die Interpellation von dem Landmarschall zur Verlesung gebracht wurde, der schon öfters Jnterp e l l a t r o n e n z u r V er l e stt n g ulchtzuließ, w e i l s i e der Würde des Landtages oder de in Gesetze nicht entsprechen — weiters, dass dieser Antrag von dem H a u p te der Verwaltung in Wien zumindestens durch einen Zuruf gefördert wurde, dass weiters eine abfällige Aeußerung eines Abgeordneten über diesen Antrag den Ordnungsruf zur Folge hatte. — Das rufe unsere tiefste Entrüstung hervor — und wir sind es unseren Glaubensgenossen in Wien, sowie im ganzen Reiche schuldig, dieser Entrüstung öffentlich Ausdruck zu g e b e ii. — Kaiserlicher Rath Pollak glaubt, dass man von dem betreffenden Abgeordneten gar nicht soviel Wesen machen solle, da weder ein Jude, noch ein vernünftiger Christ an seine Worte glaube, die ausschließlich auf Wählerfang berechnet seien. — Oberrabbiner Dr. G üd e in a n n sagt, Schneider beantrage eine Beobachtung der Rabbiner — und doch sei Jesus selbst von seinen Jüngern „Rabbi" genannt worden. Aber S ch neider kennt das Neue Testament so gut wie den Talmud. Man sollte eigentlich dem Heiterkeitserfolge des österreichischen Landtages nicht zuhilfe kommen, wenn es sich nicht um einen praktischen Z w e ck, die Erregung von Jnstincten der Massen handeln würde. Man müsse reden, schon wegen des Ansehens unseres Staates, und man habe ein gutes Recht auf den Schutz der Negierung. — Baurath Stiaßny führt aus, dass man bei einer Eingabe an die Regierung durchaus innerhalb der Grenzen der Competenz bleibe. Aber man müsse die V e r a n tw ortungen feststellen mtb die Negierung aufmerksam machen, dass Bürger des Staates infolge dieser Agitation an Ehre, Ei g ent hum und Leben bedroht seien. — Hieraus wurde über Antrag des Vorsitzenden Herrn Dr. Stern folgende Resolution einstimmig angenommen: „Ein Abgeordneter, unterstützt von gleichwertigen Gesinnungsgenossen, hat am 3. d. M. im niederösterreichischen Landtage eine Interpellation eingebracht, welche, wie all seine Enunciationen, jeder Logik und jedem Rechtsgesühle spotten, und welche wir — wie alles, was der Genannte thut — mit Verachtung und Gleichgiltigkeit betrachten würden. Der Umstand jedoch, dass der Landmarschall jenes Schriftstück zu verlesen gestattete, dass er einem Abgeordneten, der sich dagegen erklärte, zilr Ordnung rief, und der weitere Umstand, dass der Bürgermeister von Wien indirect seine Sympathie für die gestellte unflätige und unsinnige Anfrage auszudrücken sich nicht versagen konnte, veranlasst uns, hiermit öffentlich auszusprechen, dass wir einen Vorgang, wie den geschilderten, für eines Rechtsstaates unwürdig finden, und dass wir den Ort, an welchem derselbe stattfand, die Stätte der Gesetzkundgebung, durch jenen Vorgang profaniert und geschändet erachten." — Sodann wurde ein Antrag des Bürgerschul-Directörs S i m o n angenommen, nach welcher eine Eingabe an den Ministerpräsidenlen gerichtet werden sollte, in welcher gefordert wird: „1. Schleunigste Vorkehrung für den nöthigen behördlichen Schutz, besonders für die jüdischen Staatsbürger in der Proinz. 2. Eine Ueberwachung jener Individuen, bei denen vermöge ihrer Vergangenheit ein begründeter Verdacht entstehe, dass sie, analog geschichtlichen Beispielen, selbst vor Verbrechen nicht z u r ü ck s ch e u e n w ü r d e n, u m die Blutlüge wieder aufleben zu lassen." Director Simon beantragt, auch die Oeffentlichkeit von dieser Eingabe zu unterrichten. Er hoffe, dass die Behörden ihre Pflicht thun würden. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen und dem Präsidium anheimgestellt, die Eingabe persönlich dem Ministerpräsidenten zu unterbreiten. Wien. (Die E r d w a ch s g r u b e u von Borysl a w.) Auf Grund der Bergpolizeivorschriften vom 16. September 1897, welche die Verwaschung aller am 20. Februar 1898 nicht im Betrieb stehenden Erdwachsgruben verfügten, wurden die Bergbau-Unternehmer Ha uptm a n n, B rititncugraber und Klinghofer in Bvryslaw vom Revierbergamt in Drvhvbycz zur Verschüttung ihrer Schächte aufgefordert. Anlass hierzu gab zunächst der Umstand, dass das den Schacht unmittelbar umgebende Terrain in weitem Umkreise infolge des Zubruchegehens der nicht versetzten Grubenbaue eingesunken und mit Tagwässern angefüllt war, wodurch die in der Grube beschäftigten Arbeiter einer ständigen Gefahr ausgesetzt waren. In einem benachbarten Terrain hatten im August 1893 durch Eindringen solcher Tagwässer in die Grube drei Arbeiter den Tod gefunden. Der Reeurs gegen den Verwaschungsanftrag wurde von der Berghauptmannschaft in Krakau abgewiesen, worauf Dr. Kornfeld die Beschwerde an den Verwaltungs-Gerichtshof überreichte, in welcher die Ungesetzlichkeit der Bergpolizeivvrschrift dargethan wird. Heute pnblicierte der zlveite Präsident des V e r w a l t n n g s - G e r i ch t sho fe s, Dr. v. Le may er, die von einem verstärkten Senate gefällte Entscheidung, dass die angefochtene Entscheidung wegen m a n g e l h a f t e n V e r f a h r e n s aufgehoben werde. Die Bergpolizei könne zwar im Sinne des Naphthagesetzes präventive und repressive Vorschriften erlassen, aber nicht die nach früheren Verordnungen errichteten Schächte einfach zilr Verschüttung bringen wollen, weil die in den neuen Verordnungen bestimmte Entfernung von 60 Metern nicht eingehalten sei. Dass dabei private Rechte verletzt werden, braucht sie nicht zu berücksichtigen, wohl aber darf das Maß des Nothwendigen nicht überschritten werden. Mit der Bestimmung, dass alle Schächte, bei welchen am 20. Februar 1898 die 60 Meter Distanz nicht hergestellt ist, verschüttet werden müssen, wurde die bergpolizeiliche Berordnnngsgewalt überschritten. Die Verwaschung war nur im Falle der drohenden Gefahr anzuordnen, was aber aus der Sachlage nicht dargethan ist. Wien. (Die Sonntagsruhe der Handlungsgehilfen.) In einer am 21. März in Rosners Restauration abgehaltenen Versammlung der Handlungsgehilfen wurde folgende Resolution angenommen: „Die am 21. März 1900 in Rosners Restaurant versammelten jüdischen Handelsangestellten erwarten von dem nach den Osterferien wieder zusammentretenden Reichsrathe, beziehungsweise vom socialpolitischen Ausschüsse des Abgeordnetenhauses, die rascheste Erledigung des bereits seit langer Zeit in Berathung stehenden Handlungsgehilfen-Schutzgesetzes (Antrag Leo Verkauf und Genössen), dessen Nichtannahme die schwerste Schädigung des Handlungsgehilfenstandes und geradezu eine Verhöhnung der Gerechtigkeit bedeuten würde. Die Versammlung gibt ihrer Empörung Ausdruck über die Laxheit, mit der die Mehrheit der sogenannten Volksvertreter den beispiellosen Nothstand der Handlungsgehilfen behandelt, und erwartet von allen Abgeordneten, welche die Berechtigung der vom Handlungsgehilsenstande erhobenen Forderungen erkennen, ein entschiedenes, mannhaftes Eintreten für dieselben. Vor allem erklären aber die Versammelten, nimmer zu ermüden im Kampfe um die Sonntagsruhe, deren Vorenthaltung einem Anschläge gegen die Gesundheit der durch Wochentage in engen, stickigen, dumpfen Räumen festgehaltenen Handlungsgehilfen gleichkommt. Die bisher erschienenen Erlässe, welche die Sonntagsruhe regeln, sind Flickwerk und zielen darauf ab, durch scheinbare Zugeständnisse die Handlungsgehilfen vorn weiteren Kampfe um ihr gutes Recht, die vollständige Sonntagsruhe, abzuhalten. Dieser Kampf soll jedoch weitergeführt werden, und alle Handlungsgehilfen müssen sich an ihm mit Kraft und Energie betheiligen. In diesem Sinne fordern die hier versammelten jüdischen Handlungsgehilfen ihre Standesgenossen auf, sich in geeigneter Weise wirtschaftlich zu organisieren, um an der Eringung vorenthaltener Rechte rnitzuarbeiten und wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Die Versammlung missbilligt das Vorgehen jener jüdischen Angestellten, welche, entmuthigt durch die auf vielen Gebieten erfahrene Vergewaltigung, im wirtschaftlichen Kampfe indifferent geworden sind und es verschmähen, sich weiterhin als Juden und als Angestellte zu bethätigen, beides in der durch die gegenwärtigen Verhältnisse und die Erkenntnis ihrer wahren Lage vorgezeichneten Richtung. Die Versammlung fordert alle jüdischen Handelsangestellten aus, sich mit Rücksicht auf die für sie als Juden besonders schwere und ernste Zeit, muthig in die Reihen derer zu stellen, die für ihre eigensten Interessen zu kämpfen gewillt sind. Niemand soll sein Judenthun, weiterhin verleugnen und seine durch dieses In de n t h u m besonders dringend gewordenen wirtschaftlichen Bedürfnisse. Nur dann kann der jüdische Angestellte vor der drohenden Verelendung, dem sicheren Ruine bewahrt werden." Bielitz (S t e r b e f a l l.) Die Wissenschaft des Jndeuthums hat einen großen, ja unersetzlichen Verlust erlitten. Am 24. d. M. ist nach längerem Leiden zu Bielitz in Oesterreich- Schlesien Herr S. I. H a l b e r st a m im 68. Lebensjahre gestorben. Bon Beruf Kaufmann, hat der Dahingegangene, der ans einer alten Gelehrtenfamilie Krakaus stammte, schon in jungen Jahren mit der Sammlung einer Bibliothek begonnen, die mit der Zeit zu einem rechten Archiv der Wissenschaft des Judenthums geworden war. Die seltenen Schätze dieser großartigen Bibliothek stellte er jedermann mit einer Liberalität ohnegleichen zur Verfügung, aber er selbst hat wohl diese Bibliothek am fleißigsten benützt. So erwarb er sich eine geradezu phänomenale Kenntnis der jüdischen Literatur des Mittelalters, ein Wissen, das in seinen gelehrten Editionen von philosophischen und exegetischen Werken Abraham ibn Esras, Hillels aus Verona, Jomtobs ben Abraham und das Jehuda Barzilai, sowie in zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen für alle gelehrten Zeitschriften auf diesem Gebiete seit mehr als einem halben Jahrhundert, und in einer imponierenden Fülle von Beiträgen, Anmerkungen, Ergänzungen und Berichtigungen zu den Werkest und Katalogen anderer, noch lange nicht erschöpfend zum Ausdrucke kam. Es sind in den letzten 50 Jahren nur wenige wissenschaftliche Werke über die hebräische Literatur des Mittelalters erschienen, zu denen H a l b e r st a m nicht sein Scherflein beigesteuert hätte. Jeder Forscher auf diesem Gebiete wandte sich an ihn mit seinen Fragen und Zweifeln und konnte sicher sein, eine ebenso befriedigende wie liebenswürdige Antwort zu erhalten. Auch als er sich von den Schätzen seiner Bibliothek und Handschriften trennen musste, setzte er seine Studien und Arbeiten mit unvermindertem Eifer bis in seine letzten Lebenstage fort. S. I. H a l b e r st a m war aber nicht nur ein großer Gelehrter, sondern auch ein wahrhaft edler Mensch, ein lauterer Charakter, eine vornehme, echt humane Natur, der nichts Menschliches fern lag und die keine Schicksalsschläge zu beugen vermochten. Er war eine jener immer seltener werdenden Erscheinungen, wie sie eigentlich nur die Geschichte des Judenthums hervorbringen konnte. Sein Name wird unvergessen bleiben und sein Andenken wird mit Ehren fortleben in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft, die er während seines arbeitsreichen Lebens mit so großen Schätzen bereichert hat. Dolina (Galizien). (Der Jude wird klein geschrieben!) Der Antisemitismus macht riesige Fortschritte, sogar in die ö f f e n t l i ch e n Volksschulen hat er seine Wurzeln erstreckt. Eine hiesige christliche Schullehrerin ertheilte in der vergangenen Woche ihre polnische Unterrichtsstunde. Sie ließ wie gewöhnlich auch zur Schreibtafel eine jüdische Schülerin kommen. Sie dictierte dem Mädchen in polnischer Sprache: „Mojzesz wijprowadzil Zydöw L Egipt“. Das Mädchen schrieb der Orthographie gemäß das Wort „Zydöw“ mit einem großen Anfangsbuchstaben, weil Völkernamen im Polnischen mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden. Die Lehrerin erklärte nun in sehr aufgeregtem Tone, „es sei unstatthaft, ein auf Juden sich beziehendes Wort mit großem Anfangsbuchstaben zu schreibe«". Das jüdische Mädchen antwortete gefasst: „Frau Lehrerin, sagen Sie mir nur, ans welchem Grunde wird im Polnischen „Polacy“ mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben?" Zwischen den übrigen Kindern entstand nun ein Wortwechsel, worauf die Lehrerin sagte: „Kinder, Ihr werdet wohl schon wissen, dass man „Jude" nur klein schreibt." — Welch schöner Unterricht, nicht wahr!! Das Mädchen aber, das seiner nationalen Erziehung Ehre macht, verdient für seine geschickte Haltung alle Anerkennung. Ausland. Berlin. (D i e I u d e n in d e r P r o v i n z Posen.) Die Kölner Wochenschrift „Das neue Jahrhundert" veröffentlicht Artikel von Ludwig Klausner-Davoc: „Einst und jetzt im Ansiedluugsgebiete", worin die Ergebnisse der Germauisieruttgs- Bestrebungcu in der Provinz Posen mit Unbefangenheit besprochen werden. In dem Aufsatze der vorwöchentlichen Nummer führt der Berfasser unter anderem Folgendes aus: „Nicht das geringste Uebel ist, dass die Deutschen dem geschlossenen „Feinde" gegenüber uneins sind. Die Ofsiciersfamilien halten sich von den Civilbeamt?n, beide von den deutschen Bürgern, die noch untereinander gespalten sind, und alle von den Juden fern, die immer waren, und noch heutigen Tages sind die besten Stützen des Dentschthums in den polnischen Districten. Ohne die Juden wäre noch heute in Posen beispielsweise von einem deutschen Theater oder sonst von deutscher Kirnst keine Rede. Dabei sind die Juden jetzt nicht nur von Polen und Deutschen angefeindet, sondern auch wirtschaftlich ins Gedränge gekommen. Die Kaufhäuser, die Geschäfte mit der jetzt so viele Verkäufer vertretenden Ansiedlungs-Commission, die im Submissionswege abgeschlossen werden und die Tendenz haben, in die Hände einiger weniger mehr oder minder geschickt operierender Frrmen überzugehen, und nicht minder die allgemeine Entwicklung des Geschäftslebens, sowie die Concurrenz der polnischen Firmen erschweren den kleinen jüdischen Handelsleuten die Existenz. Ganze Gemeinden haben sich aufgelöst oder sind der Auflösung nahe. Die Aermeren ziehen in die größeren Städte, die Wohlhabenden nach Berlin und anderen Großstädten, wo sie wenigstens etwas Genuss von ihrem Vermögen sich verschaffen, wenn nicht gar es noch vermehren können, während sie an dem Orte ihrer bisherigen Thätigkeit weder Genuss, noch Ansehen, noch Gewinn erhoffen können. In unserem Städtchen beisvielsweise ist die Zahl der Juden auf die Hälfte zurückgegangen. Kinder und junge Paare gibt es dort überhaupt nicht mehr. Einen „Religionslehrer" könnten sie nicht mehr besolden, selbst zur Anstellung eines „Schächters" reicht die Gemeinde nicht mehr aus, die nur noch einem alten Manne Zuschuss gewährt dafür, dass er gelegentlich Geflügel schächtet." Berlin. (Von der Akademie.) Wie bekannt begieng die Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Zeihundertjahr- Feier ihres Bestehens. In den Stiftungsbrief der Gesellschaft wurde mit Einwilligung des Königs Friedrich Wilhelm I. der Satz ausgenommen, dass von der gelehrten Körperschaft zwar christliche Tugend und Religion besonders gepflegt werden sollen, jedoch bleibe derselben unbenommen, „Leute von anderen Nationen und Religionen, wiewohl jedesmal mit unserem Vorbewusst und gnädigster Genehmhaltungj anzunehmen und zu gebrauchen". Aber man dachte damals nicht, und konnte wohl nicht an die Juden überhaupt denken, deren Lage zu jener Zeit eine Theilnahme^an den höherenBildungsbestrebungen sicher ausgeschlossenjhat. Es ist für uns ein eigenthümliches Gefühl, zu sehen, dass dennoch, als Juden eine hohe Stellung im Geistesleben sich errungen hatten, sie von der Aufnahme ausgeschlossen blieben. Moses Mendelssohn hatte mehrere Preisaufgaben, die die Akademie gestellt hatte, in glänzender Weise gelöst und wurde im Jahre 1771 zum ordentlichen Mitgliede gewählt; doch Friedrich der Große strich ihn von der Liste ab, weil er Jude war. Ebenso ergieng es dem berühmten Arzte Dr. Markus Herz. Erst im Jahre 1842 fand die erste Aufnahme des Physikers Dr. Rieß statt und gehörte auch bis in unsere Tage zu den Seltenheiten. Gegenwärtig ist Professor Hermann Munk, der bekannte Physiologe, dessen Untersuchungen über die Functionen der Großhirnrinde ihm einen Weltruf verschafft haben, und der trotzdem nicht zum Nachfolger du Boys-Reymonds ernannt worden, seit 1880 der einzige Jude als ordentliches Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften. Die Professoren Lazarus und Steinthal sind auch nicht ausgenommen worden. Dagegen sind viele deutsche jüdische Gelehrte correspondierende Mitglieder auswärtiger Akademien. Deutsche Juden durste man bei der Feier vergebens suchen. Dagegen hatten England in der Person des bekannten Gelehrten Professor Gaster und Italien durch Professor Ascalie sich bei den Feierlichkeiten vertreten lassen. Paris. (Aus der Armee.) Im„Temps"liest man: „Einige Blätter haben von einem israelitischen Jnfanteriehauptmann gesprochen, der sich in Falaise unehrlicher Handlungen schuldig gemacht hätte. Infolge einer über diesen Fall angestellten Enquete wurde erwiesen, dass der Hauptmann Raine Gegenstand grundloser Verleumdungen seitens zweier Officiere und eines Unterofficiers seines Regimentes gewesen ist, gegen die strenge Disciplinarmaßregeln getroffen wurden." Stockholm. (Nekrolog.) Am 23. Februar starb hier ein verdienstvolles, hochgeachtetes Mitglied der hiesigen Gemeinde, der Musikverleger Abraham Hirsch, 85 Jahre alt. Die Blätter erzählen weitläufig seine Verdienste als Förderer der schwedischen Tonkunst, als Gründer mehrerer wohlthätiger Vereine, als Stadtältester u. s. w. Als Jude unterstützte er die armen Polen auf außerordentliche Weise, mancher junge Pole verdankt ihm eine ehrenvolle Lebensstellung, so z. B. leben hier ein praktischer Arzt und in Paris ein Pharmaeeut, der eine eigene Apotheke besitzt, zwei frühere arme polnische Jünglinge, welche seiner Unterstützung ihre jetzige Stellung verdanken. Neben der Gemeindebiblivthek errichtete er eine besondere Abtheilung, die seinen Namen führt, worüber gegenwärtig ein Katalog angefertigt wird. Da er fast erblindet war, ließ er sich die Thora vorlesen, sammelte eine Anthologie der schönsten Stellen (namentlich aus dem Pentateuch) und ließ eine Commentierung dieser Stellen schreiben; die Schrift soll — wie er sagte — nach seinem Ableben dereinst in Druck erscheinen. Da er sich für den jüdischen Jngendunterricht sehr interessierte, hängt sein Bild in dem Schulzimmer. Er war Ritter des Wasa- und Nordstern-Ordens. Sofia. (Emigration der Juden.) Die Verbreitung der antisemitischen Agitation in Bulgarien und die

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