Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Freitag Jüdisches Voiksblalt HO. Marz 1900 Seile 3 Nr. benachbarte Länder, namentlich nach Ungarn verlegen. Die brutale flmiicksetzrmg und eristenzvernirhtende Missachtung aller Rechte, welche diejenigen, die fic?) einer Beamtenlaufbahn gewidmet haben, ungeachtet aller Staatsgrnndgesetze erleiden, sei niemals und nirgends so arg gewesen, wie in Oesterreich, und die auf den Main ganzer Familien losgeheuden offensichtlich betriebenen Boycotiierungen haben namentlich unter den armen Juden auf 8cm Lande ein Elend hervorgerufen, von dein die Regierung keine Vorstellung zu haben scheint. Die Juden verlangen keinen Vorzug für sich, aber sie heischen Abwehr gegen dieses entsetzliche Treiben und den Schutz, den ihnen die Grundgesetze Oesterreichs oerheißen haben. Der M i n i st e r p r ä s i d e n t versprach den Schutz und erklärte wörtlich: „Ich beklage mit Ihnen die Ursache, die Ihnen den Anlass zu Ihren Beschwerden gegeben hat, und kann Ihnen nur die beruhigende Versicherung geben, dass die Regierung sich die stricteste Beobachtung der Gesetze, insbesondere der Stantsgrllndgesetze auch den Angehörigen IhrerConfession gegenüber zur Pflicht macht und allen Verletzungen der durch sie gewährleisteten Rechte energisch entgegentreten wird." Zum Schlüsse forderte der Ministerpräsident die Herren auf, sich bei concreten Beschwerde-Anlässen stets an ihm zu ivenden. Wien. (Hilfe f ü r d i e g a l i z i s ch e n I u d e n.) Man schreibt uns ans unserem Leserkreise: Immer enger und enger zieht sich die wirtschaftliche Schlinge, die Antisemiten und Asemiten in rührender Einlrncht um den Hals der armen galizischen Juden geschlungen haben. Immer schlechter wird die Lebenshaltung dieser armen, unterdrückten Geschöpfe, die ohnehin ihre Lebensansprüche aufs dringendste eingeschränkt haben. Verzweifln,rgsvolt wenden sie den Blick zu rhren westeuropäischen Brüdern, ob denn für diese Aernlsten der Armen gar keine Hilfe möglich ist? sticht Almosen ist es, was diese Leute heischen, arbeiten wollen sie, nur Arbeit, und sei sie noch so schwer. Wenn ne nur die Familie kümmerlich erhalten kann,. ist sie schon der Inbegriff aller Glückseligkeit dieser Menschen. Und dieser Ruf lobte keinen Wiederhall sinder, in unserer Brust? Es wäre ja geradezu eine Schändlichkeit, wenn wir ruhig, die Hände iin Schoße, zusehen wollten, wie unsere Brüder im Osten verhungern! Und es ist doch so leicht zu helfen, ja es gibt Mittel und Wege, die tausenden dieser ■ Armen reichlichen Verdienst und den, Helfer selbst noch reichlicheren Gewinn bringen könnten. Da ist z. B. die B ü r st e „ - und P i n s e l - I n d u st r i e. Jeder,nann weiß, dass der größte Theil des Rohmaterials aus Galizien kommt. In Deutschland blüht diese Industrie; dort gibt es Bürsten- und Pinsel-Fabriken, die 30 0 0 bis 40 0 0 A rbeit er beschäftigen. Bis vor kurzem, bevor die Ausweisungen aller polnischen Einwanderer in Schwung gekornmen sind, hat sich das Gros der Arbeiterschaft in dieser Branche aus galizischen Juden recrutiert. Diese müssen jetzt in Galizien brotlos herumgehen oder sich anderen Beschäftigungen zuwenden. Unsere Fabriken in Oesterreich zeichnen sich speciell in dieser Branche durch besondere Kleinheit aus; die größte Anzahl der in einer solchen Fabrik beschäftigten Arbeiter übersteigt kaum 200, und diese müssen den größten Theil des Rohmaterials aus Galizien beziehen. Wenn nun in Galizien selbst durch jüdisches Geld für die arrnen jüdischen Arbeiter eine so große Bürsten- und Pinsel-Fabrik errichte, würde, nach dem Muster der großen Fabriken, z. B. in Nürnberg, ich bin überzeugt, viele tausende jüdischer Familien würden beglückt ausathmen, das Land selbst würde einen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen, und der Unternehmer könnte sich keine bessere Verzinsung seines Eapitals wünschen, als er hier hätte. Denn dass der Artikel exportfähig ist, beweisen ja schon jetzt die statistischen Ziffern. Der Bürsten- und Pmsel-Export. aus Oesterreich betrug im Jahre 1808 rund i,100.000 fl., in, Jahre 1809 >,200.000 sl. bei den kleinen Fabriken, die nahezu einen handwerksmäßigen Betrieb darstelle,i, immerhin eine respectable Ziffer. Als Hauptabnehmer für diesen Artikel, sehen wir England mit der höchsten Ziffer figurieren. Es folgt daraus, dass, wenn man diesen Artikel wirklich en gros erzeugt, inan auch genügend Absatzgebiet für diese Erzeugnisse findet. Und dass Galizien das geeignetste Land zur Errichtung derartiger Fabriken ist, das wird.wohl von niemandem bestritten werden. Die Rohware ist dort zuhause; die Wälder liefern die Hölzer spottbillig, und die Arbeitskraft ist auch nicht theuer. So sind alle Factoren' vereint, die ein Gelingen dieser Idee mit Sicherheit voroussagen. P Brünn. (Der mährisch-jüdische Landesm assafvnds) hat dieser Tage seine Jahresversammlung a'ogehalten. 40 Gemeindevertreter waren anwesend; keiner hatte die Courage, darnach zu fragen, ob denn die Wiener Gasanleihe-Obligationen noch in Händen des jüdischen Fonds seien. Nur Ziffern wurden behandelt, wobei betont wurde, dass die «CTCTPBaiiunBiWiM um ' In trefflicher Weise hat der Verfasser es verstanden, das Werden ,u,d Ansteigen einer Wahnidee bis zu ihrer exaltatorischen Höhe zu schildern. In dem anfänglichen Depressionszustande, in dem Thatendrange, der nie etwas zu Ende bringt, in den hallncinatorischen Erscheinungen haben wir die Farbentöne eines herrlichen' Gemäldes, das uns einen von Größenwahn Befallenen zeigt. Herr Horolvitz ist ein Maler in Worten. Dies zeigt auch seine Skizze „Auch er weinte", er, der Jüngling, den die moderne Bildung dem Großvater entfremdet hat. Er weinte, als er sich erinnerte, dass ein jüdischer Dichter auf heiligem Boden von einem Araber niedergeritten wurde. Seine sympathischen Nerven, die für jüdisches Leid noch nicht ganz unempfindlich waren, lösten die Thränen ans. Der belletristische Theil der Zeitschrift ist entschieden der beste. Außer den feinen Skizzen „Der Telegraphist" von Fernhvf und „In, Alter" von Zablocki mögen hier noch „Er und sein Freund" von Rothblum und „In meiner Kinderstube" von Brainin erwähnt werden. „Er und sein Freund" ist ein Bild, ans dem Leben gegriffen. „Er" war bescheiden, gelassen, sprach leise, langsam, lvidmete sich mit Fleiß uub Ausdauer den Studien, in denen er große Fortschritte machte. Sein Freund selbstbewusst, leicht, glatt, geschmeidig und in einem Redeschwall seine Unwissenheit verbergend. Dieser hatte sich noch vor Vollendung der Studien beim Walzer eine öffentliche Stellung zu erschleichen verstanden, indem er die Frau eines einflnssretchen Mannes für sich gewann. „Er" aber wurde bei allen seinen Unternehmungen vom Missgeschick verfolgt. In einer Skizze solche Typen plastisch zu gestalten, ist wohl mit Schwierigkeit verbunden, und der Verfasser hätte, unserer Meinung zufolge, besser gethan, ivenn er sie uns in einer Erzählung vorführte, wo ihnen die Kraft der Diction Anschaulichkeit und Leben verleihen könnte. Eine solche Gestaltungskraft bewundern wir in dem Meister des hebräischen Stils, in Brainin. Die feinsten Zinsen für den Fonds stetig z u r ü ck g e h e n. Für die Zwecke dcs Vereines wurden im ganzen verausgabt fl. 46.769-12. Es erhielten an Schnlsnbventionen 40 Gemeinden mit ihren Filialen fl. >4.040-—, an Unterstützungen 44 Gemeinden fl. 11.770- , an 241 Cnltnsfniictioiiäre, sowie an Witwen und Waisen von solchen wurden fl. 9185-—- verabfolgt, an verschiedene Bildnngs- und Hnmanitütsanstalten fl. 3(190-— rc. Der Kaiser-Jnlnlänms-Pensionsfonds erreichte einen Stand von fl. 7277'—, und es fordert der Bericht Gemeinden ttttd Private zu einem werkthätigen Interesse an dessen rascherer Vermehrung in eindringlicher Weise aus, um dessen baldige Leistungsfähigkeit und Aetiviernng zn ermöglichen. Der Nechenschafts- und der von Herrn G. Fischer vorgetragene Revisionsbericht wurden einstimmig genehmigt und dem Curatorinm das Absolutorium ertheilt. Hierauf wurde der Voranschlag für das Jahr 1900 in Berathnng gezogen und sämmtliche Posten desselben in den Einnahmen und Ausgaben mit Kronen 98.350-28 genehmigt. Bei der Post Bildnngs- und Humanitätsanstalten wurde der Beitrag zum israelitischen Handwerksbeförderungs-Verein ans 400 fl. erhöht und hierbei unter Anerkennung der erspießlichen Wirksamkeit dieses Vereines dessen Unterstützung den Gemeinden ans Herz gelegt. Mehrere Delegierte wiesen auf die schwere Schädigung hin, welche die Glaubensgenossen in zahlreichen Gemeinden nicht so sehr durch die sattsam bekannten Exceffe vom Oktober v. I., als durch die fortgesetzte Boycottierung der Geschäftsleute erlitten, sowie auf den dadurch hcrbeigeführten wirtschaftlichen Rückgang der Gemeinden, deren traurige Lage deshalb eine besondere Berücksichtigung bei Bewilligung der Subventionen erheische. Die Neuwahl des Curatorinms ergab folgendes Resultat: Ans den sechs Wahlgruppen : Adolf Lieblich (Jglau), Philipp K o h n (Nikolsburg), Josef O r n st e i n (Wessely), Josef Singer (Prossnitz), Dr. Alois Hilf (Mähr.-Ostrau) und Dr. Siegmund Weiß (Boskowitz); ans dem Plenum: Julius Ritter von G o m p e r z, kais. Rath Mandl, Dr. S. S p i tz e r, Max K o h n, sämmtliche in Brünn, und Eduard Hamburger (Olmütz). Ersatzmänner: Emanuel Oppenheimer, Gustav Tandler, S. R o s e n f e l d, Josef Hauser; zu Revisoren : G. Fischer, G. Tandler und Heinrich B i t t n e r. Nach den üblichen Danksagungen für das Curatorium und den Vorsitzenden wird die Versammlung geschloffen. Bei der Neuconstituierung des Curatorinms wurden die Herren Julius Ritter v. Gomperz zum Obmann und kaiserlicher Rath David Mandl zum Obmann-Stellvertreter des Curatorinms wiedergewählt. Mähr.-Weißkirchen. Samstag den 24. d. M. fand im hiesigen Tempel die Barmizwah des Sohnes unseres verehrten Cultusvorstehers Herrn Bernhard Wolf und dessen Gattin Jenny, geborene B e r m a n n, statt, aus welchem Anlässe fast die ganze Gemeinde dem Gottesdienste beiwohnte. Der Confirmand Fritz Wolf, Tertianer am hiesigen deutschen Obergymnasium, las die Hastorah selbst, und als er vollendet hatte, richtete der Rabbiner Herr Dr. Rabbino wiez an denselben eine auf die Hastorah bezugnehmende schwung- und gew/D.hvolle Ansprache aus dem Propheten Ezechiel: „Bleibe Du mir ein treuer Sohn, so werde ich Dir ein liebevoller Vater sein," welche auf alle Anwesexden, vornehmlich aber auf den Confirmanden und dessen Eltern, einen zu Herzen gehenden Eindruck machte. Nach dem Mincha-Gottesdienfte fand im Hause der Eltern ein Dejeuner statlt, an welchem viele Mitglieder der Gemeinde, sowie der größte Theil der Studenten bis zur Septima theilnahmen. Dem bekannten Wohlthätigkeitssinne dieser Familie entsprechend wurden aus diesem Anlasse sämmtliche Wohlthütigkeitsvereine mit Spenden bedacht. Prag. (Die Petition an den Landtag. V o r s ch u s s c a s s e.) Jener Protest, der im Beisein von 000 Inden in der Productenbörse gefasst wurde und zu welchem außer 40 Cultnsgemeinden mehr als 2600 Juden aus dem ganzen Lande mittelst ihrer eigenhändigen Unterschriften ihren Beitritt erklärten, wurde dem Landtage in Form einer Petition unterbreitet. Es luitrbe die Prager Cultusgemeinde-Repräsentanz seinerzeit mittelst einer Deputation zur Theilnahme eingeladen und jetzt in schriftlichem Wege um den Beitritt ersucht; dort, wo 2600 Juden protestieren, ist gewiss die Entbehrlichkeit der autonomen Behörde bewiesen; aber welches Licht die Nichtselischen Regungen des Kindes, dessen naiv-tiefsinnige Fragen weiß er in einer schön pointierten Sprache zum Ausdrucke zu bringen. Störend wirkt nur der Umstand, dass seine Skizze an ähnliche Bilder aus der Kinderstube eines geistreichen Wiener Schriftstellers gemahnt. In den schönen Feuilletons empfinden wir noch den frischen Eindruck der kindlichen Tändeleien nach, den der Dichter zu einem sublimen Gedanken ausspinnt. Brainin reflektiert auch in der Kinderstube. In jedem Blicke, in jedem Worte der Kleinen glaubt er eine Idee suchen zn müssen. Und er findet auch diese und ist beut Geschicke darüber gram, das die Kinder mit dem väterlichen Erbe des Ziveifelns und Fragens bedacht hat, dem Erbe, ans dein der Fluch lastet, die Lebensfreuden nicht ungetrübt genießen zu können. Und in einer solchen kindlichen Frage eröffnet sich dem Vater eine trübe Aussicht: ans der einen Seite er, der Verfechter der hebräischen Sprache, auf der anderen Seite das Leben mit seinem Hang nach Modernem — und seine Kinder in der Mitte. Verzweifelnd ruft er: „Wer ivird hier obsiegen? Ich ober das Leben?" und schließt mit den Versen, die in deutscher Uebersetzung lauten: Die Jugend, die uns folgt, Wer kennt sie beim? Äon Kindesbeinen schon Ist sie uns fremd. Ihr Streben — Fortschritt, Hinaus, Hinaus, Wer weiß die Grenze, Wohin, wie weit? Dorthin vielleicht, Woher Die Wiederkehr Unmöglich ist. 8. Baum. betheil'gnng ans eben diese Behörde ivirft, dies zn definieren sei einer weiteren Oeffentlichkeit anheimgegeben. Im Schoße des Jüdischen Volksvereines ist eine Idee der Verwirklichung ganz nahe gerückt, die beweisen soll, >vas ein .Häuflein organisierter Männer zn leisten imstande ist. Die Prager Credit- Verhältnisse sind für den kleinen jüdischen Mann so missliche, dass es fast unmöglich ist, für den kleinen Mann Credit ans rein geschäftlicher Basis zu beschaffen. Dieser Calamität soll abgehvlfen werden durch eine Vorschnsseasse, die nur für den kleinen Mann berechnet ist. Mehr als 1000 st. ivird und soll nicht geborgt werden, der Antheil ist auf 10 fl. fixiert, Darlehen werden ans ein Giro gegeben, Abzahlungen können in lOpereentigen Ratenzahlnngeii des ursprünglichen Darlehens in je sechs Monaten, gegen weitere Prolongation des Restbetrages, geleistet werden. Es ist zu hoffen, dass diese Institution mit der Zeit eine Wohlthat für den armen Juden bilden wird; kein Almosen. Hilfe soll geleistet werden für den bedrängten Mann. Nicht erst dann, ivenn er Bettler geivordcn ist, bedarf er unserer Hilfe, sondern so lange er noch auf seinen eigenen Füßen stehen kann. Prag. (Purimfest. S e d e r-A den d.) Der I nd i s ch e Volksverein veranstaltet einen solennen S e d e r - Abend bei R v b i t s ch e k für jene Juden, die einen solchen daheim nicht geben können oder die noch keine Gelegenheit hatten, ihm beizuwohnen. Besonders berechnet ist der Abend für ledige und jnngverheiratete Leute, um dieser altehrwürdigen Sitte ihre AÜgemeinheit wieder zu verschaffen. Das Couvert ist ans 2-50 Kr. festgesetzt und werden nach Maßgabe der Anmeldungen 25 Percent Mittellose dasselbe Nachtmahl gratis bekommen. — Der Jüdische Volksverein veranstaltete den 18. d. M. ein Purim-Fest. Es gab eine Nachmittagsfeier für Kinder mit einer Kinder-Theatervorstellnng, die ausgezeichnet durchgeführt wurde. An derselben nahmen Kinder theil, die als Künstler in Miniatur gelten könnten. Wohl 1200 Personen hatten sich zur Vorstellung eingefunden. Abends fand eine Feier für Große statt, woran sich circa 800 Personen betheiligten. Gesänge, Singspiele und verschiedene Possen in beiden Sprachen wurden aufgeführt. Der Erfolg der Veranstaltungen beweist, dass der Jüdische Volksverein sich während seines sechsmonatlichen Bestandes die Gunst der jüdischen Bevölkerung Prags in einem noch nicht dagewesenen Maße zu erwerben verstände» hat. Fragen wir, wie das kam, so muss geantwortet werden, dass der Verein eben einen neutralen Boden schuf, auf dem sich jeder Jude zwanglos bewegen kann, ohne an eine Sprache gebunden zu sein. Das ist heutzutage für den Inden ein Bedürfnis. Uni das Gelingen der Feier machten sich in erster Linie Frau Sophie R o b i s ch e k und Herr Karl R e z e k verdient. Kuttenberg. Am 25. d. M. fand hier eine jüdische Versammlung statt, die des Interessanten viel bot. Von Prag waren die Vertreter beider um die Geltung ringenden Parteien gekommen; die Zionisten waren vertreten durch die Herren Wertheimer und Lebenhart; die „Cesko zidovska Jednota“ betraten den Plan mit Herrn Dr. I. Scharf. Der erstere eröffnete die Debatte mit dem Hinweise darauf, es gehe nicht mehr an, dass der Jude sich länger in die Dienste seiner Mitbürger stelle und auf sich selber vergesse; umsomehr, als ihm seine guten Dienste mit dem größten Undanke gelohnt und nirgends anerkannt werden. Es bleibe ihm nichts übrig, als sich selbst zn finden und sich zn vertheidigen. Er appellierte an die zahlreich anwesenden Damen, die jüdische Geschichte zu studieren, ihre Kinder in jüdischem Geiste zu erziehen, damit ein Geschlecht heranwachse, welches sich seiner Abkunft nicht schäme. Seine Worte fanden reichlichen Beifall. Nun kam Herr Dr. Scharf zum Worte. Er führte ans, dass die Zionisten das jüdische Volk verführen; dieses Volk habe keine Nationalität, denn zu einer Nation gehöre eine eigene Sprache, eigenes Land, gleiche Geschichte, eigene Cultur, und das alles haben die Juden nicht. Deshalb sei ihre Hoffnung ihre Zukunft und im Anschlüsse, und zwar im engsten Anschlüsse an ihre Mitbürger czechischer Nation zu suchen. Was der Zionismus Gutes an sich habe, sei nicht neu, und das, was Neues an ihm sei, sei nicht gut. Diese Ausführungen wurden durch zahlreiche Zwischenrufe wie „Brzeznowsky" rc. unterbrochen, anderseits von den anwesenden Parteigenossen pflichtschuldigst mit Beifall gelohnt. Und nun kam der zweite zionistische Redner. Dieser entrollte das ganze zionistische Programm und wies nach, dass alles, was der Vorredner den Juden abgesprochen habe, diese besitzen. Nur jene Elemente, welche sich dem Judenthum entfremdet haben, können das Gegentheil behaupten. Diese sind daher dem feindlichen Standpunkte näher als dem jüdischen, und solche Elemente haben leider heute die Führung in der Hand; das ist das Unglück der Inden und des Jndenthums. Lauter Beifall lohnte den Redner. Nun sprachen mehrere andere Herren, so Herr Markus, der die „Ceska zidovska Jednota“ aufforderte, Coneurs anzumelden, denn sie sei insolvent; weiter Herr M i l r a d, der in kurzen Worte erklärte, dass er mit dem Zionismus sympathisiere und in ihm die Erlösung sehe, wenn er auch seine Vergangenheit, die im ezechisch-jüdischen Lager stehe, nicht vollständig ablege. Es kam noch zum Worte der C n l t n s v v r st a n d, welcher frug, warum die Herren Zionisten ihre Thütigkeit gerade in Kattenberg in den Vordergrund stellen, worauf Herr W e r t h e i m e r antwortete, dass gerade hier ans diesem elassischen Boden der Kampf ausgefochten werden soll. Und nun kam der Schlusseffect. Herr R o s e n b a ch frug den Herrn Dr. Scharf, ob es wahr sei, dass er für den Antisemiten Brzeznowsky gestimmt habe, und wenn er es that, aus welchem Grunde das geschah. Zur Beantwortung dieser Frage war diese Versammlung nicht einberufen worden, deshalb schloss der Vorsitzende die Sitzung. Dr. Scharf fand es aber für nothwendig, sich zu erklären. Er strengte sich sehr an, eine Begründung dafür zu finden, warn m er für einen Antisemiten gestimmt habe. Er fand nichts anderes, als dass er es anderen gleich gethan habe. Seine Parteigänger Dr. B Y k und Rabbiner S ch m e l k e s hätten dasselbe gethan. Das ist die Logik dieser Art Inden!