Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Freitag Jurlisdies Yolk>fjiatt n. Marz 1900 Nr. I« Seile i der Unmöglichkeit liegt, dasdie „weiteren Kreise" die Nothwendigkeit des Verbleibender bisherigen Führung nicht einsehen könnten, dachte man neben Wahlrechterweiterung auch an Interessenvertretung. Die Argumente hierfür lauten: Den „hohen" Steuerträgern muss für ihre Leistung ein gewisser Einfluss auf die Verwaltung gewahrt bleiben. Sie zahlen mehr wie die anderen, müssen daher auch mehr Rechte haben. Ferner: Tie reichen Juden müssen zur Opferwilligkeit für Cnltuszwecke durch Einräumung von Vorrechten „herangezogen" werden. Die Vorgänge in der Wiener Cnltusgemeinde haben unbedingt Interesse für die ganze österreichische Judenhcit. wie ja auch die Verhältnisse in den allermeisten CultuSgemeinden so ziemlich gleiche sind. Sehen wir uns einmal die Leistung der Höchftbesteuerten an. Für gewöhnlich besteht iu den Cultusg^meinden die Einrichtung des Steuermaximums in der Weise, dass ein Maximalbeitrag festgesetzt ist. Nehmen wir als einen solchen den Betrag von 400 fl. an. Der Steuerträger, der in einer Ge-! meinde mit diesem Maximalbeitrage bei einem Einkommen von 2000 fl. au Cultussterier 10 fl. entrichtet, wäre mit Percent! seines Einkommens besteuert. Der Steuerträger mit 200.000 fl. dagegen zahlt nur V. Percent Steuer, im Verhältnisse also mehr als zweimal wenrger, dafür aber besitzt er ein doppelt so großes Wahlrecht als der andere. Das Argument der „Höchstbestenerung" wäre nur dann discutrerbar, wenn die Bestimmung des Maximalbeitrages nicht bestehen würde. Die Herren „Höchstbesteuerten" find aber sehr gescheit. Den größeren Einfluss wollen sie wohl, aber viel kosten darf er deshalb nicht. Den unteren 90.000 gegenüber haben Cultusvorstände die ganz richtige Anschauung, dass ein Jude sich einer geringen Summe wegen nicht gleich taufen lässt, und weiters, dass eine Beitragsleistung zu den Lasten der Cultusgemeinde nicht vom guten Willen des Beitragleistenden abhängt, sondern wie eine staatliche oder Gemeindesteuer im Wege der politischen Executiou eingeoracht werden kann. Den Reichen gegenüber greift aber diese Anschauung nicht platz. Den Maximalbeitrag wagt man nicht z u e r h v h e n, aus Furcht, die Betroffenen möchten sich taufen lassen, und den bestehenden Maximalbeitrag wagt man oft nicht anzuwenden, aus Furcht, die Reichen möchten nicht so viel zahlen wollen. Was die Drohung mit der Taufe aubelaugt, möge es hier am Platze sein, eine wahre kleine Begebenheit wiederzugeben : In einer Cultusgemeinde wurde ein auswärts wohnendes Mitglied mit der seinen Vermögensverhältnissen entsprechenden Steuer von 80 fl. bedacht. Das Mitglied, dem diese Summe nutzlos hinausgeworfen schien, richtete an den Cultusvorstand einen Brief, in dem es drohte, sich taufen zu lasten, falls man ihm die Steuer nicht herabsetzen werde. Der Cultusvorstand antwortete ihm, dass er von seinem Vorhaben Kenntnis nehme und sich erbötig mache, die Kosten der Taufe zu tragen, da ihnl an dem Verluste eines solchen Mitgliedes nichts gelegen sein konnte. Die Steuer wurde ohne weiteren Recurs entrichtet. Bei dem Umstande, dass besonders in der Provinz die Drohung mit der Taufe wegen Steuererhöhung nicht ernst zu nehmen ist und andererseits den Cultusgemeinden der Sieuerexecutor zur Verfügung steht, ließe sich das manchesmal unerhörte Entgegenkommen gegen die „großen" Steuerträger nicht verstehen, wenn man nicht die Zusammensetzung der Cultusvorstände in Betracht zöge. Im übrigen ist die Thatsache, dass oft das Beitragsmaximum in Fällen, wo es notorisch dem Einkommen nach angewendet werden sollte, nicht angewendet wird, nm: durch die gänzlich willkürliche Art der Besteuerung, wir sie allgemein in den Cultusgemeinden geübt wird, möglich. Es wäre sehr interessant, zu wissen, was der Verwaltungsgerichtshof auf die Frage, ob eine Steuererhebung aus Grund einer willkürlichen Steuereinschätzung. d. h. ohne Einkommenbekenntnis der Steuerträger, gesetzmäßig ist, antworten würde! Auf die Opferwilligkeit der Neichen zwecks Tragung der l Lasten der Cultusgemeinde können wir also füglich verzichten, da sie gesetzlich gezwungen sind, beizutragen. Wir fragen nun: Ist es im sonstigen Interesse des jüdischen Volkes gelegen, den reichen Inden in der Verwaltung der Cultusgemeinden Vorrechte eiuzuräumen In diesem Blatte ist es wohl nicht nöthig, das „9? ein" zu betonen. Es ist gar nicht der Zweck der Wahlrechisprivilegien in den Cultusgemeinden, die Reichen heranzuziehen. Erhalten sollen sie werden an der Macht. Ja, die Reichen haben ein Interesse an der Verwaltung der Cultusgemeinden. Es soll verhindert werden, dass die Jüdisch- Nationalen, die, die sich laut zu Juda bekennen, die Cultusgemeinden in ihre Gewalt bekommen. Es soll verhindert werden, dass die osficiellen Institutionen, die Verwaltungskörper der gesetzlich anerkannten Religions- Genossenschaft sich auf den nationalen Standpunkt stellen und die jüdisch-nationale Sache dadurch zu einer öffentlichen, osficiellen Discussiou gebracht wird, über die mau daun nicht mehr mit Stillschweigen hinweg könnte. Da haben sie ihr ganzes Leben hindurch nur das eine Ideal erreichen wollen, alles „prononciert Jüdische" abzustreifeu. Den einen Zweck nur angestrebt, iu arischer Gesellschaft ausgenommen zu werden. Und nun kommen Leute, die alles gefährden, l< nt herausschreien: „Wir sind Juden!" die den verachteten polnischen Juden Sympathien eutgegenbringeu, sich nicht entblöden, von hebräischer Sprache zu reden, „in die Barbarei des Ghetto" zurück wollen. Die Bedrängnis, in der das jüdische Volt heute lebt? Die existiert für sie nicht. Für sie ist die Judenfrage gelöst, weuil sie in den x-Club oder das ^-Casino ausgenommen werden, wenn irgendeine arische Größe erklärt, den Antisemitismus zu verabscheuen, wenn „berufene" Faktoren versprechen, „der Sache ihre Aufmerksamkeit schenken zu wollen", wenn einzelne Juden zu Amt und Würden emporgestiegen sind. Sie zittern in ihre» durch Lüge und Kriecherei erlangten Positionen vor einem osficiellen jüdischen Volke, das ihnen die MaSke vom Gesichte reißen würde. Weil sie aber wissen, was der Besitz der Cultusgemeinden für di!e Jüdisch- Nationalen bedeutet, kämpfen sie mit allen Mitteln, an der Macht zu bleiben. Hier haben sie noch die Zügel in Händen. Nationalisierung des Tempels und der Schule, politische Organisation, das setzt alles den Besitz der Cultusgemeinden voraus. Und deswegen gibt es keine jüdischnationale Politik, solange die Cultnsgemeinden unter der bisherigen Führung bleiben. Wohin unsere heutigen Zustände führen, haben tvir in letzter Zeit gesehen : B Y k, S ch m e l k e s als antisemitische Wahlmacher. Solange wir nicht an Stelle von Verräthern wirkliche F ü h r e r haben, ist au jüdische Politik nicht zu denken. „Gegen das j üd i s ch e V o lk", das ist die Devise, unter der iu Wien für die Interessenvertretung gekämpft wird, das ist die Devise, die iu der Provinz das Verhalten der Cultusvorstände bestimmt. Wann, jüdisches Volk, wirst Du Dich endlich ermannen und Deine falschen Propheten, die Verrälher in Deinem Lager, zum Teufel jagen? Jeclieskel Schociiaur liakauiien. Mjim vtwMm-w.n».f TTHITH 1 nr U I I ■■■■»!—1IIHHFIH W>IMI1 «Von der Gruudsteilitegrmg des Brigitteuaner Tempels)' von der mir bereits berichtet haben, tragen wir noch Folgendes nach - Der Bauplatz, der rings von Häusern eingesriedet ist, war Donnerstag nachmittags von Festtheilnehmorn dicht gefüllt. Auch auf der Straße herrschte dichtes Gedränge, und die Fenster der Nachbarschaft, die einen Ausblick auf den Platz boten, waren besetzt. Nachdem hierauf der Rabbiner Herr Dr. T e m p l e r dein Steine mit einigen frommen und herzlichen Worten die Weihe gegeben hatte, hielt Herr Ellbogen an die Versammelten folgende Ansprache: „Hochgeehrte F e st g e n o s s e n! Durch göttliche Hilfe und durch die Thatkrnst aller unserer Vereinsmitglieder" sind wir nunmehr dem Ziele unseres Strebend nahe, ein Gotteshaus in unserem Stadttheile zu bauen. Es wird heute der Grundstein zu diesem Gebäude gelegt, und wie jedem Menschen in bedeutsamen Augenblicken sein ganzes Leben vor das geistige Auge tritt, so schwebt auch mir iu diesem Momente alle die Mühe uüd die Plage vor, die wir Hallen, ehe wir an die Ausführung unseres Plaues schreiten tonnten. Denn der Ameise gleich, tzaben wir mühevoll und unverdrossen die Mittel herbeizuschaffen gesucht,, um dem innigen Wunsche und dem dringenden Bedürfnisse unserer Brigittenauer Glaubensgenossen zu entsprechen. Doch nicht allein unserer Mühen will ich in diesem feierlichen Momente gedenken, sondern auch der vereinten Kraft des allgemeinen Zusammenwirkens und der Freude, mit der jedes einzelne Mitglied sein Theil zur Erreichung des Zieles that. Und ich bin überzeugt, dass die Feier des heutigen Tages, die uns der Verwirklichung unseres Wunsches so nahe bringt, der schönste Lohn für uns alle ist. Und indem ich Gottes Segen erstelle für alle Mitwirkenden, hoffe ich, dass der heute beginnende Bau unter dein Schutze des mächtigsten Bauherrn aller Welten zu einem glücklichen Abschlüsse gedeihe, dass, den Mauern des Hauses gleich, auch der Verein ' stark und mächtig dastehe, als ein Zeichen des Zusammenhaltens, des Friedens und des Gottvertrauens. So sei denn dieser Bau geweiht zur Ehre Gottes, der Religion und unserer Glaubensgenossen!" Die Rede Herrn E l t b o g e n s, der bei dem letzten Worte die ersten Hannnerschläge gethan hatte, wurde lebhaft acelamiert. Polizeirath" S k a c i l hob hierauf die Bedeutung des Baues hervor und schloss mit den Worten: „Zur Ehre Gottes, für die Nächstenliebe und fürs Vaterland!" — Hierauf brachte Cantor Ruh mann mit seinem wohlgeschulten Chor den Psalm “Hl&$ ■’jrV’Ji? zum Vortrage, worauf sich die Versammlung zum Festgottesdienste in das alte Bethaus begab. Der Raum hatte wohl noch niemals ein so zahlreiches Publicum gesehen. In seiner Festrede knüpfte Herr Doetor Templer an das Wort aus „Esther": an Q'Hirvn b^ fiK D1D “J1? und hob nebst den Verdiensten des Vorstandes besonders jene der Damen, der Muttergemeinde und vieler Wohlthäter um das Zustandekommen des Tempels hervor. Jin Verlause der mit zahlreichen Cilaten aus Bibel und Talmud geschmückten Rede wurde dann der Wunsch nach weiterer Förderung des Baues ausgesprochen und der Wahlspruch „Viribus unitis". Mit dem Kaisergebete, der Absingung der Volkshymne und dein Vortrage eines Psalms, schloss dann die Feier, und in allen Anwesenden war der Spruch lebendig, denn auch der Festredner in seiner Predigt citiert hatte: imU^ .“DU p 1O1X “HD1? UDT TtffrO- Mögen die Theilnehmer an der Grundsteinlegung insgesammt ein frohes und frommes Wiedersehen feiern beim Feste der Einweihung! Der am Abend im großem Saale des „Hotel Continental" zum Besten des Tempelbaues veranstaltete Purnnfest verlief sehr animiert. Besonders verdient gemacht haben sich um das Gelingen des Balles neben Herrn E l t b o g e n Frau Therese Spitz; ferner die Frauen Golden, P o l l a t s ch e k, Ellbogen, Dr. T e in p l e r und als Blumenverkäuferinnen Frl. Spitz, Frl. A l t m a n n und Frl. Elise N e u m a n n, Frl. H e i n b e cf, Frl. Kolbek, denen Herr Lederer und andere junge Herren in liebenswürdigster hilfreich Weise assistierten. (Jüdischer Volksverein.) Mittwoch den 28. März i900, 8 Uhr abends, findet im Bereinsloeale, II., Haasgasse 8 (Untere Augartenstraße 19) ein freier D r s c u ss i o n s - A b en d statt. Tagesordnung : „D e r E i n f l u s s d e r A b ä n d e r u n g d e r §§ 59 u. (iü der Gewerbe-Ordnung auf dieAgeuten u n d Hausiere r." Referent Herr B. L ö w en s o h n. Mit anschließender freier Discussiou. Hierzu werden sämmtliche Mitglieder emgeladen. Gäste willkommen. Die Vereinsleitung. (Jüdischer Volksverein.) Am Mittwoch den 21. d. hielt Herr Dr. Sig. .Kornfeld in diesem Vereine einen Vortrag über „Volks-Degeneration und Volks-Regeneration". Der ganze Vortrag war von streng wissenschastlichenr Geiste getragen, und ivir werden noch Gelegenheit nehmen, auf vieles znrückznkonnnen, für das uns heute der Raum mangelt. Als das Wesentlichste sei nur erwähnt, dass der Redner an einer Reihe von Beispielen darthat, dass genau so wie beim degenerierten Individuum einzelne Functionen ganz versagen oder abnormale Wirkungen äußern, auch bei einein Volke, wenn es zu degenerieren beginnt, dieselben Syinptome an den Tag treten. Am allerlängsten, meint Redner, hätte das jüdische Volk der Degeneration widerstanden, weil es eben in sich selbst einen unversiegbaren Schatz von Ethik und Moral besaß, der es davor beioahrte. In neuerer Zeit, speciell durch die Assimilation, sei erst diese Gefahr näher gerückt und es sei die Pflicht aller Juden, dieser Degenerations-Gefahr vorzubeugen. Dies könne nur erstens auf dem Wege einer alle Juden umfassenden Organisation, zweitens durch eine mehr jüdische Erziehung unserer Kinder geschehen. Redner schloss mit einem warmen Appell an die sehr zahlreich besuchte Versammlung, diese Morte zu beherzigen. — Nachdem sich der stürmische Beifall, den der Vortrag entfesselt hatte, gelegt hatte, begann die Discussiou. Als erster Redner sprach Herr Dr.Fink. Dieser Redner lwb hervor, dass einzig und allein die Religion es war, die die Degeneration der Juden bis jetzt hintangehalten hat, als Beweis führte er die ehemaligen Ghetto-Inden an, die, trotzdem sie körperlich ganz degeneriert waren, geistig viel höher standen, als alle ihre Nachbarvölker. Redner meinte noch, nur das westeuropäische Jndenthmil laufe Gefahr, zu degenerieren, siehe die vielen Taufen und Mischehen, wogegen die östlichen Inden vermöge ihrer Glaubensstärke gegen diese Gefahr gefeit sind. Es sei daher als einziges Mittel zur Regeneraiion die Rückkehr zu unserem alten Glauben anzupreisen. Nach diesem Redner sprach Herr Dr. L i s e z i s; er stimme mit dem Referenten vollkommen überein, für uns Juden heiße Assimilation Degeneration, hingegen Organisation Regeneration. Das Unglück unseres Judenthilms bestand stets nur darin, dass feine besten Köpfe sich für die Interessen anderer Völker und nicht für jüdische Interessen einsehlen. Das muss jetzt anders werden. Wenn es uns gelingt, durch eine allgemeine Organisation die Juden dem Judenthum zu erhalten, dann hat es mit unserer Degeneration keine Gefahr. Redner bespricht auch die Geschrchtsfälschungen, die unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und meint, der Degenerations-Bacillus liege eben in der schlechten einseitigen Schule. Es sprachen noch die Herren R i e s e n f e l d, V r a u n st e i it, Pjaschke s, G r ü n iu worauf nach dem sehr beifällig aufgenonunenen Schlussworte des Referenten die Versammlung geschlossen ivurde. Dieser Abend hat so recht gezeigt, welch eine nützliche Einführung unsere Diseussions-Abende sind. Aus allen politischen Parteilagern, aus allen Schichten der Bevölkerung kommen sie zu uns, um als Juden in jüdischen Angelegenheiten milzusprechen, und wenn auch unsere jüdischen Socialdemokraten puncto Toleranz gegen Andersdenkende noch vieles zu wünschen übrig lassen, so wollen wir doch die Hoffnung nicht ausgeben, dass sie in unsere« Versammlungen mit der Zeit mehr den Juden als den Socialdemokraten fühlen werden. (Dev Verein von HandelSnngeftellten und Beamte« „Jordanien ) veranstaltete Mittwoch abends in Rosners Restauration eine zahlreich besuchte öffentliche Versammlung, um für die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe Stellung zu nehmen. Der Versammlung wohnte Hofrath K a r e i s bei. Referent Robert Schwab erklärte, der HandAsgehilfe, der die ganze Woche in dumpfen Zunmern zubringe, habe es nöthiger als jeder andere, einen Tag in der Woche zu haben, an dein er sein eigener Herr sei, an dem er ausruhen könne. Der Warenverkauf atu Sonntag sei ganz unnöthig, denn das Publicum gewöhne sich sehr rasch, seinen Bedarf während der Woche zu decken. Dabei gebe es Prineipale, die ihre Eingestellten nicht nur au Wochentagen bis nach Mlternacht quälen, sonden sie auch noch an Sonntag-Nachmittagen in ihre Bude kommen lassen. Die Handelsgehilfen müssen deshalb mit lauter Stimme ihr gutes Recht verlangen, sie müssen sich organisieren; nur so sei eine Besserung möglich. (Beifall.) In einer Resolution gab die Versammlung ihrem Missfallen 'Ausdruck über die Lauheit, mit der die Mehrheit der sogenannten Volksvertreter den beispiellosen Nothstand der Handlungsgehilfen behandle und erwartet von allen Abgeordneten, welche die Berechtigung der vom Handlungsgehilfenstande erhobenen Forderungen anerkennen, ein energisches und mannhaftes Eintreten für dieselben. Bor allem aber erklären die Versammelten, im Kampfe um die Sonntagsruhe nicht zu ermüden, bis sie eine Besserung ihrer Lage durchgesetzt haben. (Leopoldstädter VethauSverein „Moutefiore".) Am 13. d. M. fand unter dem Vorsitze des Proponenten Herrn Jakob Weiß (Firma K o h n und Weiß) die constatierenve General- Versammlung des Leopoldstädter Bethausvereines „Montefiore", II., Taborstraße 38, statt. Der Rechenschaftsbericht pro 1899 des bisher amtierenden provisorischen Präsidiums wurde unter dem Ausdrucke des Dankes für das Entgegenkommen dem Vereine, in erster Linie des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, daun auch vieler anderer Privaten, ganz besonders das der Herren Elias und Jakob Weiß, genhemigend zur Kenntnis genommen. Sehr erfreulich ist der Cassastand, da der junge Verein — er besteht drei Monate — jetzt schon vollkommen activ ist und noch ein Cassabestand von 800 Kr. vorhanden ist. Es wurden dann die Herren Elias Weiß (Obmann), Wilhelm Kohn, Jakob S putz, Josef Braun, Moses Klein und Majer Kohnstavt als Bethaus-Vorsteher geivählt. In die Vereinsleitung wurden gewählt die Herren Evmund H o f f m a it n, Emanuel Taub, Jakob Weiß, Jakob Winter, Dr. Leopold Bradi, Michael Goldsand, Salomon Braun, Josef Beckmann, I. A. Wasservogel, Wilhelm Klepner, Noriz Schlesinger und 'Adolf H i r s ch l e r; zu Revisoren die Herren Salomvn P i ck, Alois Dukes und Joses G u t t m a n n ywwmi ii iiwiniriiirr imiiih» ftMjimMrr/ir.w*iffvwn Ausruf! Jüdische Mitbürger! Man pflegt an Euch zu appellieren, wenn die Noth bereits angepocht hat. Wir wollen Euer Herz für eine Sache erwärmen, die einer Noth vorziibeugen bestimmt ist. Die physische Degeneration unserer Rasse ist nicht von ihrer Eigenthümlichkeit bewirkt, sondern eine Folge der jetzigen Structur der Gesellschaft und insbesondere unserer schiefen Stellung innerhalb der Völker. So erstanden, macht sie unleugbar Fortschritte, und ihr vorzubeugen, ist nicht nur Sache der klugen Voraussicht, sondern auch Gebot des Selbsterhaltungstriebes. Als eines der Mittel zur Bildung physischer Kraft wird das Turnen bei allen modernen Völkern betrieben und von Staat und Volk gefördert. Nur wir Inden haben die Pflege des Körpers vergessen. Der „Turnverein jüdischer Hochschüler", die erste Schöpfung dieser Art in Wien, hat sich zur Aufgabe gemacht, zunächst die jüdische Studentenschaft, später durch Umwandlung in einen allgemeinen „jüdischen Turnverein" alle Kreise der jüdischen Bevölkerung an sich heranzuziehen. Zn diesem Zwecke ist aber unser enges Heim in der Hessgasse 7 schon jetzt ganz nnzureichend, und es müssen leider weitere Anmeldungen, die ans nicht studentischen Kreisen massenhaft znströmen, abgewiesen werde». Wir bitten daher Euch alle, traget Euer Scherflein zu einem Werke bei, das nicht nur für Wien von eminenter Wichtigkeit ist, sondern auch ein segensreiches Beispiel sein wird zur Nachahmung. Darum thue jedermann seine Pflicht! Geldspenden werden in der Nedactivn der „Welt" entgegengenommen. Auch hatten die Herren jur. Felsen bürg und P. Löbl die Freundlichkeit, die Sammlung für unseren Zweck zu übernehmen. Wien, den 21. Mürz 1900. Der Turnrath.