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Jüdisches Volksblatt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. März 1900 Nr. 10 dank seiner Agitation auch ans dem Lande aus; die letzte Bundesversammlung im Fürstenhofe sei stark antisemitisch gewesen, und wenn die antisemitische Rede Dr. O e r t e l s dort soviel Verständnis gefunden habe, so sei das nur der aufklärenden Vorarbeit zn verdanken. Er Habe drei Redner draußen, die mit antisemitischer Milch gesäugt seien und das ihrige thun würden." Die antisemitische Verhetzung wird also vom Bunde planmäßig organisiert. Berlirr.(F ürBoryslaw!) Wie verlautet, beabsichtigen einige hervorragende Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, sich demnächst mit einem Aufrufe an die jüdische Bevölkerung nicht nur Berlins, sondern von ganz Deutschland zu wenden im Interesse der zahlreichen, seit dem 20. Februar d. I. brotlos gewordenen jüdischen Bergarbeiter von Borhslaw in Galizien. An diesem Tage mussten alle von dem neuen österreichischen Bergwerksgesetze betroffenen Schächte geschlossen werden. Hierdurch sind hauptsächlich in Borhslaw etwa 1000 jüdische Familien beschäftigungslos geworden. Nach einer vor kurzem von dem österreichischen Abgeordneten Pernerstorfer angestellieu Enquete find in Borhslaw 3000 jüdische Bergwerksarbeiter thätig; es sind bescheidene, fleißige Arbeitskräfte, die 00 bis 80 Kreuzer täglich bei sechzehnstündiger Arbeitszeit verdienten. Diese Leute sind gegenwärtig fast buchstäblich dem Hnngertode ausgesetzt. Berlin. (C a n to ren s ch u l e.) Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" eröffnet am 1. April d. I. einen „Cursus zur musikalischen Fortbildung jüdischer Cantoren". Dieser Cursus ist unentgeltlich und steht jedem staatlich geprüften Lehrer offen. Er wird unter der Leitung der Herren Musikdirector William Wolf und Cantor A. F r i e d m a n n stattfinden, und zwar während der Monate April, Mai und Juni. Reflectanten wollen sich an das „Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W., Sigismundstraße 5" wenden, das ihnen auch die Zeit und den Ort der Vorträge mittheilen wird. Paris. (Zwei Franzose n.) Die Veröffentlichung eines an das Journal „La Liberte" gerichteten Briefes in Betreff des englisch-transvaalischen Krieges hat im französischen und namentlich im Pariser Publicum wahrhafte Sensation erregt. Der Verfasser dieses militärischen Berichtes, Herr Oberst Graf von Villebois-Mareuil, welcher seinen Degen der Boerensache widmete, zählt gewiß nicht zu den Unseligen, d. h. nicht zu unseren Freunden; er war vielmehr ein Mitarbeiter der „Libre Parole" und ist in der Dreyfus-Affaire nichts weniger als freundlich gegen uns Israeliten aufgetreten; aber die Wahrheit ist und bleibt Wahrheit. Er wusste wahrscheinlich nichts von der Confession der Herren, über die er berichtete, umsomehr freut uns das lobende und rühmende Zeugnis, das er zwei unserer Glaubensgenossen gibt, indem er ihre Thaten als nationale Ehre und patriotische Energie schildert. Der Graf schreibt von Pretoria, den 15. Jänner: Die Herren Grünberg und Leon, zwei Franzosen, sind die wirklichen Directoren der Artillerie und des Genies. Nachdem sie in Pretoria die bedeutendsten und neuesten Forts, sowie drei weitere errichtet hatten, haben sie die südafrikanische Republik mit den in Creusot hergestellten Kanonen versehen, sie geleitet und gelenkt. Der Berichterstatter schildert dann eingehend die Thätigkeit jedes einzelnen. Wir wussten schon lange, schreiben die „Arch. isr.", wer diese Herren waren und.was sie leisteteten; aber wir wollten Politik mit der Confession nicht vermischen; unsere Feinde, die Antisemiten sind es, die dieses Geschäft besorgen und jede Gelegenheit ergreifen, uns Israeliten Patriotismus abzusprechen. Der „Matin" hat es für gut gefunden, die Confession zu constatieren, der diese beiden Diener des Rechtes und der Gerechtigkeit angehören, während die Antisemitenblätter sich darüber ausschweigen, weil diese Thatsache nicht in ihren Kram passt. Bloemfontein. (D i e I u d e n i n d e r H a u p tstadt des Oranje-Freistaates.) Wie unsere ganze staatliche Organisation ganz jungen Datums ist, so ist selbstverständlich auch die Einwanderung der Juden hierher in neuerer Zeit vor sich gegangen. 1874 kam der erste Israelit Jsaac B a u m a n n aus Hessen nach dem Gebiete des Oranje- Freistaates. Er hatte vorher schon zehn Jahre in Graf-Reinet gewohnt, ehe er nach dem Orte übersiedelte, der ein Jahr später den Namen Bloemfontein erhielt. Sein Geschäft war das größte im Oranje-Staat und er selbst kam zu namhaftem Ansehen bei seinen Mitbürgern, denn er wurde zweimal zum B ü r g e r m e i st e r gewählt und auch als D i r e c t o r der Nativ na lba uk. Jni Jahre 1804 hatten sich schon ungefähr ungefähr ein Dutzend Familien von Israeliten in Bloemfontein zusammengefundei«, als der Basuto-Krieg ausbrach. Einer von ihnen, Moriz Levy Stur, gieng als Freiwilliger mit und zählte zu den 300 Freiwilligen, welche unter dem Commandanten W e p e n e r die Hauptseste der Basuto Tnaba Basigo erstürmten. Bis zum Jahre 187«; hatten Juden und Katholiken im Oranje- Freistaate unter Beschränkungen des B ü r g e rr e ch t e s zu leiden, aber der Präsident John Brand hob die m e i st e n derselben auf. Nur Lehrer u n d Staatsbeamte können beide, Katholiken und Juden, noch nicht werden, dagegen sind zwei Juden im Stadtralhe, ein anderer Friedensrichter rc. Im Jahre 1871 kam das erste M i n j a n zustande, das im Hause des obengenannten Baum an n am Jorn Kippur abgehalten wurde. 1890 war die jüdische Bevölkerung von Bloemfontein bis auf 150 Seelen angewachsen und organisierte sich jetzt als Gemeinde, stellte einen Schochet und Chasan an. Auch der Bau einer Synagoge ist kürzlich vollendet worden. Viele Inden sind, obwohl sie nicht ganz gleichberechtigt sind, auch mit den Boeren als Freiwillige in den Krieg gezogen. Aoudon. (D e r K r ie g in T ra n sv a a l.) Jede aus Südafrika eiutreffende Verlustliste bringt Namen von jüdischen Tobten oder Verwundeten. Bei Colensv wurden Lieutenant H. A. L e v e r s o n, der zum Hauptma»» avancierte, P. E l k i n und A. L a v i n verwundet, M. E n o ch und C. Levis getödtet. In dem in Capstadt zumeist aus Johannesbnrgern gebildeten Frcicorps befinden sich unter 880 Mann 150 Juden. Unter den neuerdings nach dem Kriegsschauplätze abgegangei'.en Verstärkungen befanden sich Oberst G o l d s m i d, Hauptmann Behren d, Schwiegersohn des Lord Rothschild, Lieutenant S. I. Lowe und 14 Infanteristen jüdischer Confessivn. Für das von der City Londons ausgerüstete Freicorps spendete Lord Rothschild 100.000 Mark. Auch viele andere Inden haben namhafte Beträge gezeichnet. Die jüdische Nationalität. (Zur bevorstehenden Volkszählung in Oesterr e i ch.) II. Noch eine Rubrik gibt es in den Volkszählungsbogen, in welcher das Wort „jüdisch" nicht eingeschrieben werden darf, obwohl diese Angabe der Wahrheit entsprechen würde und uns auch mannigfachen praktischen Nutzen bringen könnte. Es ist dies die Rubrik „U m g a n g s s p r a ch e". Wir sprechen jetzt ganz speciell von Galizien, woselbst doch bekanntlich der größte Theil der Juden „jüdisch", oder sagen wir Jargon spricht. Zuhause mit den Eltern, mit Frau und Kindern, mit Freunden und Bekannten tvird da ausschließlich jüdisch gesprochen. Ja selbst im Geschäftsverkehre, wo es der Jude in Polen mit einem Glaubensgenossen zu thnn hat, spricht und correspondiert er erfahrungsgemäß nur jüdisch, und einzig und allein den christlichen Mitbürgern gegenüber bedient er sich der polnischen, ruthenischen, respective der hochdeutschen Sprache. Und trotz alledem streicht der Beamte das Wort „jüdisch", wenn es in die Rubrik „Umgangssprache" gesetzt wird, und setzt an dessen Stelle den Namen einer anderen Sprache, mit der Motivierung, in seinen Instructionen seien ihm alle Sprachen angegeben — nur die jüdische nicht; er könne demnach die Anführung derselben nicht gestatten. Wir wollen hier nicht eine Abhandlung darüber schreiben, ob der jüdische Jargon eine selbständige Sprache bilde oder nicht; Thatsache ist, dass er von Millionen Inden gesprochen wird und, namentlich in Galizien im wahren Sinne des Wortes die Umgangssprache der Juden bildet. Warum soll es daher ihnen nicht gestattet sein, in die Volkszählungsbogen die Wahrh e i t einzntragen? Aber nicht bloß um die Wahrheit handelt es sich uns jetzt, auch nicht darum, den Jargon zur jüdischnationalen Sprache zu stempeln : viel Wichtigeres haben wir vor Augen, etwas Praktisches. Wenn die jüdische Nationalität für uns eine politische Bedeutung hat, so hat die jüdische Sprache wieder für uns einen nicht zu unterschätzenden ökonomisch-praktischen Wert. Es ist eine bekannte Thatsache, dass, im Falle ein Wechsel eine Unterschrift mit jüdischen Lettern trägt, derselbe das Wechselrecht verliert. Und wenn auch der Schuldner seine Unterschrift als richtig anerkennt, so gilt dies bloß als Beweis, als Schuldschein, aber das Wechselrecht hat er nicht. Alle anderen Schriftzeichen erscheinen als giltig, nur die jüdischen nicht. — Noch eilt anderer Fall: Bekanntlich sind die gestempelten Geschäftsbücher bei Gericht beglaubigt und werden als gerichtlicher Beweis anerkannt —■ wenn diese Bücher jedoch in jüdischer Schrift geführt werden, mögen sie auch gestempelt sein, so verlieren sie ihr Recht und können nicht mehr als Beweise dienen. Diese zwei Umstände, namentlich aber der letztere, bereitet den galizischen jüdischen Kaufleuten, insbesondere denen in den kleineren Provinzstädten, ungemein viele Schwierigkeiten und Schaden. Der gewöhnliche Jude in Galizien ist nämlich nicht imstande, seine Bücher polnisch oder deutsch zu führen, und ist auch nicht in der Lage, sich einen Buchhalter halten zu können Trotzdem er nun seine Casse ganz correct in jüdischer Sprache führt und auch seine kaufmännische Cvrrespondenz in derselben Sprache erledigt, ist er genöthigt, die Geschäftsbücher von fremder Hand führen zu lassen, wenn er haben ivill, dass dieselben auch vor dem Gerichte als beweiskräftig betrachtet werden sollen. Mit dem Momente, wo nun die Negierung „Jüdisch" als Umgangssprache der Juden anerkennen wird, wird eo ipso auch die jüdische Schrift anerkannt werden müssen und hierdurch auch ein stark empfundenes Uebel beseitigt werden, ivas für die jüdischen Kaufleute in Galizien eine außerordentliche Erleichterung zur Folge haben würde. Wir glauben daher, dass bei der Bestrebung um die Sauctivnierung der jüdischen Nationalität auch die Bestrebung, die Anerkennung der jüdischen Sprache als Umgangssprache zu erreichen, nothweudig sei. Wir wollen es auch hier wiederholen: Es liegt uns vollständig ferne, durchzusetzen, dass alle Juden „Jüdisch" als Umgangssprache angeben müssen; ivir wollen dem jüdischen Jargon auch gar keine Wichtigkeit im nationalen Sinne znmessen — wir wollen bloß, dass diejenigen Juden in Galizien, welche wirklich Jargon und nur im Jargon sprechet!, nicht gezwungen sein sollen, in die Volkszählungs-Bogen lügnerisch und z n ihrem N a ch t h e i l e eilte andere Sprache als ihre wirkliche, als ihre Umgangssprache anzugeben. Verschiedenes. Wien. (D r. M. I. B a ch.) Am kommenden Sonntag wird sich der junge Gemeinde-Nabbiner von Ottakring-Hernals, Herr Dr. Max Julius B a ch, im Leopvldstädter Tempel mit Frl. Adele Fuchs, Tochter des Secretärs der Wiener Cultusgemeinde, vermählen. Die Herzen aller, die in Dr. Bach den trefflichen Menschen, sowie den wahren Seelsorger verehren, werden ihm zu diesent Tage die herzlichsten Segenswünsche entgegenbringen. Ein seltenes Geschick hat Dr. Bach zu dem Lose auserkoren, das so wenige Menschen ereichen: sich voll und ganz ans leben zu dürfen. Er lebt in seinem Berufe und sein Beruf lebt in ihm. Frei von allen kleinlichen Grenzen eines eingeschränkten Gesichtskreises, hat er es mit unfehlbarem Gefühle und sicherem Bewusstsein verstattden, die Kluft, die in den letzten Jahrzehnten sich leider zwischen Volk und Seelsorgcrschaft anfgethan, in seine m Wirkungskreise vollständig auszufüllett. Er hat dem Volke gegeben, was des Volkes ist, und ist nicht ein vom Leben bedrückter, scheuer Lehrer abstracter Theorien geblieben, sondern ein ebenso furchtloser wie unermüdlicher und thatkräftiger Frettnd der Armen, ein wahrer Priester des Volkes und Sorger seiner Gemeinde. So hat er durch die Kraft und Güte seiner Persönlichkeit, sowohl während seiner Wirkungszeit in der Stumpergasse, wie jetzt in Ottakring, zustande gebracht, was so viele für unmöglich gehalten : seinen Tempel zu füllen. Es haben sich viele Hoffnungen an dieses Leben geknüpft, das bislang so reich und voll dahingcflossen. Es wird der beste Segen und schönste Lohn sein, diese Hoffnungen zu erfüllen. (D r. A. Asche r.) Unser Parteigenosse' Dr. Arnold Ascher, Armenrath, Schriftführer des „Jüdischen Volksverein", wird sich Sonntag im Leopvldstädter Tempel mit Fräulein R. F r i e d l ä n d e r, Tochter des Secretärs der Baron H i r s ch'schen Stiftung, vermählen. Es ist nicht nothwendig, über Dr. Ascher viel zu sagen; er ist im besten Sinne des Wortes zu gut bekannt. Seit Jahren steht Doctor Ascher in ber ttneigennützigstett Weise im Vordergründe des Kampfes für die Rechte der Jndenschaft, seit Jahren wirkt er nitermüdlich und furchtlos, mit selbstloser Hintansetzung seiner persönlichen Jiiteressen für unser Volk. Speciell der Kampf für die bedrohte Existenz der Wiener Hausierer hat in Doctor A scher den thatkräftigsten und scharfsinnigsten Feldherr« gefunden. Und wenn es gelungen ist, das Schwert, das so lange Zeit schon über diesen Aermsten der Armen schwebt, in seinem Fallen aufznhalten, so ist es ausschließlich Dr. Ascher zu verdanken. Die Wünsche der Hunderte, denen er ihre Existenz, ihr ärmliches Brot errettete, werden Dr. Ascher der beste Segen zu seinem Ehrentage sein. Aus den Organisationen. (Jüdischer Bolksverein.) Am Mittwoch den 7. b. hielt Herr Dr Carl L i f c z i s einen Vortrag in unserem Vereinslocale üder den „Fall Araten" der geradezu Sensation erregte. Wenn wir auch schon gewöhnt sind von diesem glänzenden Redner nur Hervorragendes zu erivarten, so hat er sich in diesem seinen letzten Vortrage selbst üvertroffen. Er zeigte sich uns in erster Reihe als der tüchtige Jurist, indein er diese Frage von juridischer Seite behandelte. Er wies an der Hand des noch immer Geltung habenden Strafgesetzbuches nach, dass hier mehrere Verbrechen vorliegen, gegen die unsere Staatsgewalt, tvären wir ein wirklicher Rechtsstaat, entschieden einschreiten hätte müssen. Wenn sie es unterlassen hat, so ist dies nur auf den Umstand zurückzuführen, dass es sich hier um einen Fall für einen Jude n gegen die katholische Kirche handelt. Stünde der Fall umgekehrt, hätte sich ein Jude gegen ein Christenmädchen eines derartigen Verbrechens des Menschenraubes und der Erpressung schuldig gemacht, der wäre schon längst hinter Schloss und Riegel, und mit vollstem Rechte. Merkwürdigerweise erleben wir in btefem Falle das Umgekehrte, dass sogar in unserem Herrenhause eine Interpellation eingebracht wurde, die von hervorragenden Juristen, tvie Professor L a m m a s ch, Dr. Z o l l re., unterschrieben war, welche gegen den doch gewiss sehr behutsamen Anlauf behördlicher Intervention in diesem Falle protestiert. Das allein sei ein Beweis, dass in unserem Staate selbst die primitivsten Begriffe von Rechts auf den Kopf gestellt werden, wenn es gilt, einen Juden zu schützen. Redner kommt nun auf die politischen Consequenzen, die wir Juden aus diesem Falle zu ziehen haben, zu sprechen und meint: Die Vertreter atts Galizien mosaischer Confession (denn Juden sind die Herren Byk, T r a ch t e n b e r g, K o l i s ch e r re. schon lange nicht mehr), die doch nur durch die jüdischen Stimmen ihre Mandate erhalten haben, waren so lax; in der Vertheidigung jüdischer Interessen, dass man der Meinung Raum gab, man tonne den Inden alles anthu», es ist ja niemand da, der sich ihrer annimmt. Es ergibt sich daher für die jüdischen Wähler die dringende Nothwendigkeit, sich eine Vertretung zu schaffen, die nur jüdische Interessen und nicht die Interessen des Polenclubs vertritt. Dazu ist es abernothwendig, dass sich unser Judenthum überall organisiere, damit es nicht vereinzelt diesen Kampf aufnehmen muss, ein organisiertes Judenthum ist auch ein mächtiges Judenthum, und man würde es nicht wagen, uns das zu bieten, wüsste man, dass wir stramm organisiert sind und eine tüchtige, wenn auch noch so kleine Vertretung haben. Mit einem warmen Appell an alle Juden, sich zu vereinigen, schloss der Redner seine mit tosendem Beifall aufgenommenen Ausführungen. In der sich nun entwickelnden Discussion sprach Herr Dr. Landesb erg er über die bevorstehenden galizischen Landtagswahlen und 'meinte, der Jüdische Volksverein solle bei dieser, wie auch bei allen andern zukünftigen Wahlen seinen Einfluss dahin geltend machen, dass nicht notorische Antisemiten a ln Pientak mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt werden. Nach ihnen sprach Herr Dr. Schreiber. Dieser Redner behandelte den Fall Aräten weniger als Staatsafsaire, mehr als Gefühlssache, indein er das Grausame und Niederträchtige hervorhob, das darin liegt, dass man einem Vater, einer liebenden Mutter ihr Theuerstes, ihr geliebtes Kind vorenthälc. Redner billigt jeden Ausdruck der Entrüstung über ein derartiges Vorkommnis, würde aber die Ausgabe des Jüdischen Voltsvereines dahin auffassen, in dieser Angelegenheit ein Promemoria eventuell an den Stufen des Thrones niederzulegen, um dem armen Vater zur Wiedererlangung seines Kindes rascher zu verhelfen, Nach ihm verbreitete sich Herr Mar go sch es über die galizischen Wahlen, die er für alle derartige Vorkommnisse verantwortlich utacht. Namens des Jüdischen Volksvereines erwidert Herr R. R a p p a p o r t, dass der Verein bis jetzt noch nicht so 'mächtig ist, um in die galizischen Wahlen mit Erfolg einzugreifen, er hoffe jedoch, dass dtes bald der Fall sein werde, dann werden wir nicht nur in Galizien, sondern überall, wo Juden wohnen, darnach trachten, jüdische Vertreter zu wählen. — Nach einigen Schlussbemerkungen des Referenten schloss der sehrinteressante Abend. — Nächsten Mittwoch den 14. d. M. findet anlässlich des Purim-Festes kein Discussions-Abend statt. Die Tagesordnung des nächsten Diseussions-Abendes wird in der nächsten Nummer bekannt gemacht werden. (Israelitischer Frauen-Wohlthätigkeitöverein für den IV. und V. Bezirk.) Dass mit dem Aschernuttwoch noch nicht alles Carnevalsleben erstorben ist, bewies das am l. März a. c. im Ronncher - Ballsaale abgehaltene Tatizkränzchen, welchem eine äußerst gelungene Akadetnie vorangieng, verattstaltet vom obigen Vereine. Seit tnehr als zwei Decennien gehört diese Tanzunterhaltung zu den animiertesten und elegantesten Faschings-Amüsements und hatte Heuer einen erhöhten Reiz darin gesunden, dass es der

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